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111 gute Gründe ...

Liebeserklärung an ein Land am „anderen Ende der Welt“

TEXT: BIRGIT COMPIN
FOTOS: ROLAND BERENS / ANTOINE JERJI

Alles fing mit Montezuma an. Damals, Anfang der 90er-Jahre, hörte er zum ersten Mal von diesem geheimnisumwitterten Dorf auf der Halbinsel Nicoya in Costa Rica. „Eigentlich“, so sagt er, „gibt es in Nord- und Südamerika viele Orte namens Montezuma“. 22 sollen es laut Wikipedia sein. Von New York über Tennessee und Ohio bis nach Kalifornien und New Mexiko verteilen sie sich über die USA. In Südamerika beherbergt Mexiko vier, von Chihuahua im Norden bis Yucatán im Süden, und in Argentinien, Brasilien sowie besagtem Costa Rica lässtsich jeweils eine Ortschaft fi nden. Ob sie alle auf den berühmten Herrscher der Azteken zurückgehen oder nach dem mythischen Gottkönig der Puebloindianer im Südwesten der USA benannt sind, mag vermutlich an ihrer jeweiligen geografischen Lage liegen. Sicher ist nur eines: Sie versprechen Abenteuerliches.

Also genau das Richtige für Roland Berens. Den heute 70-jährigen Gütersloher Vollblutmusiker und Literaturübersetzer spanischer Autoren zog der Geheimtipp vom Aussteigerdomizil in Südamerika magisch an. „1992 km ich zum ersten Mal nach Montezuma. Der Ort galt unter Insidern als der Hotspot für Aussteiger, Backpacker, Individualtouristen, Freaks und Raucher“, erzählt er in dem gerade im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienenen Buch „111 Gründe, Costa Rica zu lieben“.
„Natürlich bin auch ich Montezuma erlegen“, erzählt er mir, als ich ihn eines Nachmittags besuche. „Damals war ich Anfang 40.“ Was es war, das ihn und all die anderen so dermaßen anzog, kann er gar nicht in einem Satz erklären: Ein schier endloser Strand, der grandiose dreistöckige Wasserfall, die Menschen, die unberührte Natur, das einfache, intensive Leben – man ahnt, es waren all diese Dinge schon einiges von der Welt gesehen hatte.“ Er trampte als Student nach Istanbul, fuhr viereinhalb Monate allein im Opel nach Indien und zurück und bereiste mehrfach Nord- und Südamerika. „Doch seit 1992 bin ich jedes Jahr nach Montezuma zurückgekehrt. Die Aufenthalte wurden länger und als es mir 2010 im Dorf zu laut wurde, habe ich oberhalb in den Bergen ein kleines Grundstück gekauft und ein Häuschen gebaut.“ Unten, in Montezuma, hat sich mittlerweile viel verändert. Yoga-Hotels konkurrieren mit esoterischen Luxusherbergen, Supermärkte, Restaurants und Cafés überfluten die Straßen und Agenturen überschwemmen die Strände mit Sportangeboten. „Nur eines hat sich der Ort bis heute bewahrt: seine Individualität. Es gibt kein Hochhaus, keine Bettenburgen, kein TUI und kein Alltours. Jeder muss individuell anreisen“, erfährt der Leser.

Liebeserklärung an Costa Rica
Roland Berens ist mittlerweile halber Costa Ricaner und verbringt jeden Winter in seinem Haus hoch oben über Montezuma. Er besitzt einen einheimischen Pass und ist absoluter Kenner von Land und Leuten. Das brachte ihn mit dem Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag zusammen. Seit Jahren wird hier unter anderem die bekannte Reihe „111 Gründe ...“ verlegt, in der – weit entfernt von den üblichen Reiseführern – Autoren ihre absoluten Lieblingsländer beschreiben und auch den einen oder anderen Geheimtipp verraten. So wundert es nicht, dass auch der Gütersloher nun seine Liebeserklärung für sein „schönstes Land der Welt“ in der Reihe veröffentlichen konnte. Seit September ist das Buch im Handel erhältlich.

Liebeserklärung in 14 Kapiteln
„111 Gründe, Costa Rica zu lieben“ beschreibt in exakt 111 kurzweiligen Geschichten Land, Leute und Mentalität seiner Bewohner. Roland Berens erzählt von den Städten und Vulkanen, von Wasserfällen und mit Lavagestein übersäten Stränden genauso wie von den Nachbarstaaten Nicaragua und Panama. Er stellt Naturparks und den für das Land so wichtigen Ökotourismus vor. Er erzählt vom Berg Cerro de la Muerte, der höchsten und in Costa Rica gelegenen Erhebung der „Pan Americana“ – dieser längsten Straße der Welt, die von Alaska in Nordamerika bis nach Feuerland im tiefsten Südamerika führt und als „Pan American Highway“ weltberühmt ist. Wenn er die Menschen beschreibt, erzählt er Geschichten über Glücksgefühle und Leid, Glaube und Religion. Geschichten über den sozialen Zusammenhalt selbst in den abgelegensten Dörfern lassen den Leser nicht kalt und seine Begegnungen mit Landkrabben, Leguanen oder den Brüllaffen laden zu mehr als nur zum Schmunzeln ein. Und natürlich: Essen und Trinken sind wichtig und sie spielen genauso eine Rolle wie sportliche Aktivitäten. Kurz: Bebildert mit 32 privaten Fotos gibt der Gütersloher seine Eindrücke und Erfahrungen wieder, erzählt mal humorig, mal beklemmend eindringlich, wie Tiere und Menschen so ticken, in einem Land, das ganz anders ist als das, was Europäer in ihrem Zuhause gewohnt sind. 316 Seiten umfassen die Erzählungen; ich habe in ihnen gestöbert und eine winzig kleine Kostprobe zusammengestellt.

Vom sozialen Zusammenhalt
„2016 habe ich meinen Freund Roger im Kommunalwahlkampf unterstützt“, erzählt Berens von der Gelegenheit, einen befreundeten Politiker auf Parteiversammlungen in der Stadt Cóbano zu begleiten. Schnell erkannte der Gütersloher den Unterschied zur hiesigen Lokalpolitik. „Es geht nicht primär um die Neuasphaltierung einer Straße“, berichtet er, denn dafür sei eh kein Geld vorhanden. Häufig geht es um private und soziale Hilfe für in Not geratene Mitmenschen: „In einer Familie mit drei Kindern ist der Mann verstorben, wie können wir da helfen? In einem anderen Haushalt befindet sich eine vierfache Mutter für längere Zeit im Krankenhaus. Hier hat ein Mann seine Familie verlassen, dort ist ein Jugendlicher nach einem schweren Unfall behindert.“ Es sind überwiegend existenzielle, persönliche oder individuelle Themen, die in diesem Wahlkampf besprochen werden. „Natürlich möchte eine kleine Stadt wie Cóbano irgendwann in der Zukunft auch ein eigenes Krankenhaus haben, doch noch ist das ein Traum.“ Berens’ Erklärung für das soziale Engagement jedes einzelnen Puerto Ricaners: „Ein Sozialamt, in dem wirtschaftlich in Not geratene Menschen für alle möglichen Fälle diese und jene Sozialhilfe beantragen können, gibt es in Costa Rica nicht.“

Tranquillo ist das Zauberwort
Und doch, so ist sich der Gütersloher sicher, sind in Costa Rica die glücklichsten Menschen der Erde beheimatet: „Eigentlich spricht einiges dagegen, dass in verschiedenen Studien zur Ermittlung der glücklichsten Bewohner eines Landes Costa Rica immer ganz weit oben steht: trotz permanenter Unzufriedenheit mit jeder neuen Regierung, der schlechten Organisation des eigentlich guten, staatlichen Gesundheitswesens, der unzureichenden Ausstattung vieler Schulen oder ständiger Korruptionsvorwürfe der Politiker. Doch die „Ticos“, wie die Einheimischen genannt werden, lassen sich ihre gute Laune im Alltag nicht verderben. „Pura Vida!“, so Berens, „steht sinnbildlich für ihre Lebenseinstellung. Übersetzt bedeutet es so viel wie „Wahres Leben“. Es wird jedoch von „Hallo“ über „Wie geht’s?“, „Alles klar, danke!“, „Okay“ und „Ja“ bis hin zu „Auf Wiedersehen“ immer und überall eingesetzt. Auch warum in Costa Rica so ziemlich jeder relaxed vor sich hinlebt, erfahren wir auch: „Das liegt in der Natur jedes einzelnen Ticos und ist begründet in der schon mit der Muttermilch aufgenommenen ‚Tranquilo’-Mentalität – was frei übersetzt so viel bedeutet wie ‚Immer mit der Ruhe!’.

Von Coca Cola und Pedritos
Ein Besuch in San José, der Hauptstadt Costa Ricas, ist natürlich ein ungeschriebenes Gesetz, den auch Berens jedem Touristen ans Herz legen möchte. Doch wie so oft, liegen auch hier Freud und Leid ganz dicht beieinander. So beschreibt er zunächst das Gewusel in der Altstadt: „Das Viertel um den Zentralmarkt im Westen bis zum Stadtteil Coca Cola und zum Bankenkomplex mit der Zentralbank Banco de Costa Rica und der Banco Nacional kann man vielleicht als die eigentliche Altstadt San Josés bezeichnen.“ Hier pulsiert das Leben. Händler bieten auf unzähligen kleinen Verkaufsständen ihre Waren an. So fi ndet man kurioserweise nicht selten neben saftigen Mangos in Reih und Glied aufgehängte Rolex-Imitate für umgerechnet drei Euro das Stück.
Doch dann, so schreibt er weiter, „gibt es Momente, in denen ein zivilisiert und sozialisiert aufgewachsener Mitteleuropäer einen Schock bekommt: Man sieht Menschen, die dem Crack zum Opfer gefallen sind. In Costa Rica heißen sie Pedritos, was so viel heißt wie Steinchen, denn die kleinen Kügelchen zum Inhalieren werden für umgerechnet einen Dollar verkauft, machen sofort süchtig und sind hoch toxisch. Diese auf lange Sicht zum Sterben Verurteilten nächtigen auf Pappkartons auf dem Bürgersteig und manchmal sieht man eines dieser Opfer buchstäblich in der Gosse, wirklich im Dreck, liegen und niemand kümmert sich darum. Ich habe häufig aus Deutschland Kleidung mitgebracht. Diese Menschen nehmen alles, buchstäblich alles, man darf ihnen nur kein Geld geben. Einmal habe ich abends auf dem Bürgersteig drei, vier völlig verwahrloste Pedritos angetroffen. ‚Wartet hier, ich komme gleich wieder.’ In einer Garküche habe ich für sie ein großes Fresspaket gekauft.“ Als er zurückkam, warteten schon mehr als zehn auf ihn. „Wenn jemals der Jackpot einer Lotterie für mich bestimmt wäre, würde ich das gesamte Geld dazu verwenden, um ein Projekt zur Unterstützung der Pedritos in San José ins Leben zu rufen“, beendet er das Kapitel.

Das Soundfestival der Brüllaffen
Am Ende noch ein hübsches Kapitel von Affen, die ihren Namen nicht umsonst durch den Urwald tragen: „Viele Ticos beginnen ihren Dienst frühmorgens um sechs, wenn es draußen noch recht kühl ist. In den Schulen fängt der Unterricht um sieben Uhr an“ beginnt Berens diese kleine Geschichte. Das frühe Aufstehen scheint auch den Tieren gut zu bekommen. So wird hier der eigentliche Nachtmensch Berens morgens um halb sechs von den Brüllaff en geweckt: „Es sind meistens mehrere Familien, die sich, einige Kilometer von einander entfernt, miteinander brüllend unterhalten. Obwohl es heißt, dass auch die Weibchen dabei etwas zu sagen haben, hat Roland Berens bisher nur die Männchen gehört, sagt er, und zwar meistens den „Chef“ der Gruppe.
Der Grund für das morgendliche Ritual ist allerdings, wie zu erwarten, im wesentlichen Imponiergehabe und Revierverteidigung. „Brüllaffen sind tagaktive Baumbewohner, die in bedächtigen Bewegungen hoch oben im Trocken- oder Regenwald auf der Suche nach Nahrung – im wesentlichen Blätter und Blüten – von Baum zu Baum ziehen. Dem Brüllen geht häufig ein leiser stakkatoartiger Grunz-Knurr-Laut voraus. Dann weiß ich, sie sind da“, erzählt er im Buch. „Es ist ein einzigartiges Privileg, solche wunderschönen Tiere in Costa Rica beobachten zu können.“ Wenn dann in ein Antwortgebrüll alle Männchen der Gruppe einstimmen und dieses Soundfestival am Ende zu einem Riesenspektakel ausartet, sei es genau das, an das sich so manche Touristen als erstes erinnern, wenn sie an ihre Costa Rica-Reise zurückdenken.

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