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Bestens aufgestellt für das Jubiläum

Gütersloher Schachverein

Seine laut Terminkalender Ende August stattfindenden Meisterschaftsspiele hat der Gütersloher Schachverein bereits verlegt. An diesem Wochenende steigen sechs Brettspieler-Teams im Rahmen des alljährlichen „24-Stunden-Schwimmens“ im Nordbad zur Kombinations-Sportart „Schwimm-Schach“ in die Fluten. Von jeder der antretenden Mannschaften (jeweils fünf bis sechs Akteure) muss sich ein Schachspieler zunächst 30 Minuten lang Schwimmzug um Schwimmzug im 50-Meter-Becken fortbewegen, um anschließend auf gewohnt trockenem Terrain gegen fünf Kontrahenten im Blitzschach anzutreten. Nach dem grob geschätzten zweistündigen Wettstreit pendelt der nächste Rochadenexperte 30 Minuten lang zwischen den Seiten hin und her. Ein sportartspezifischer Bauern- beziehungsweise Schwimmertausch zwischendurch ist nicht angedacht. Initiator und Jugendwart Rüdiger Mönig (56) hat bereits grob gerechnet: „Um 24 Stunden durchzuhalten, brauchen wir zwölf Zwei-Stunden-Schichten.“ Den ersten Probelauf „Schwimm-Schach“ gab es bereits vor drei Jahren. 2016 kombinierten der mitten im Getümmel mitmischende schwimmende Schachtrainer und schachspielende Schwimmtrainer Mönig („Ich weiß nicht, ob ich mehr Kindern Schwimmen oder Schachspielen beigebracht habe ...“) die beiden Sportarten sechs Stunden miteinander.

Das Hauptaugenmerk des seit sechs Jahren von Dr. Mathias Kapitza (40) mit „klugen Schachzügen“ geleiteten, bereits 1923 gegründeten Vereins liegt natürlich im spannenden Denksport-Wettstreit der zwei rivalisierenden Herrscher über je acht Bauern, zwei Türme, zwei Läufer, zwei Pferde, eine Dame und der beiden Könige auf den 32 schwarzen und weißen Feldern. Mit seinen gut 130 Mitgliedern, wohltuend verteilt auf 80 Erwachsene und 50 Jugendliche in jeweils acht Senioren- und acht Nachwuchsteams, fühlen sich Dr. Mathias Kapitza und Rüdiger Mönig „bestens aufgestellt für das 100-jährige Jubiläum in vier Jahren:“ Sie hätten „eine sehr breite Basis“, stellt das Duo unisono fest. Die große Popularität im Nachwuchsbereich mit immer wieder nachrückenden Talenten aus den eigenen Reihen in der NRW-Liga (vierthöchste Seniorenspielklasse) auf Königsjagd gehenden 1. Mannschaft erklärt der Vorsitzende Dr. Mathias Kapitza: „Anders als in anderen Sportarten gibt es im Schach keine körperlichen Grenzen. Theoretisch können bei uns 8- und 88-jährige gemeinsam in einer Mannschaft spielen. Wo gibt es das sonst ?“ Eine rhetorische Frage. Mit Theo Neumann misst sich ein erst 16-jähriges Talent aus dem eigenen Stall bereits in den 1. Senioren mit weitaus älteren Kontrahenten. Zum anderen haben die Experten für die Mischung aus Sport und Denksport schon extrem früh die Zeichen der erfolgreichen Nachwuchsgewinnung erkannt. Bereits seit Jahren bringen entsprechend geschulte Vereinsmitglieder Mädchen und Jungen an Gütersloher Schulen die Grundlagen des Konzentrations- und Denksportes bei. Alleine beim alljährlichen Nachwuchs-Wettbewerb um den „Sparkassen-Cup“ messen sich in diesem Jahr im Forum der Anne-Frank-Schule 240 Teilnehmer in vier Wettkampfklassen. Rüdiger Mönig: „Man muss heute schon an die Grundschulen gehen und die Kinder möglichst früh mit Spaß-Spielen wie Tandem-Schach oder Kartenspiel-Varianten (Tschach) an den Sport binden. Wenn man erst an den weiterführenden Schulen anfängt, ist es längst zu spät.“
Neben dem auch für Kinder leicht verständlichen Regelwerk geht es bei den Anfängern aufgrund des eingeschränkten Zeitkontingentes von etwa zwei Stunden für
40 Züge auch um die Entwicklung eines möglichst breit gefächerten Repertoires von Eröffnungsvarianten sowie das frühzeitige Erkennen gestellter Fallen. Das Prinzip dahinter ist sehr einfach – am Anfang vertrödelte Zeit fehlt oft am Ende. Rüdiger Mönig: „Man muss wirklich aufpassen, sonst verheddert man sich im Wettkampf gnadenlos.“ Um ein sattes Polster für das im wichtigen Mittelspiel benötigte drei, vier Züge Vorausdenken zu haben, sollten die Antworten auf die gegnerischen Züge möglichst schnell, fast automatisch, kommen.
Doch leichter gesagt, als getan. Rüdiger Mönig rechnet kurz vor: „Weiß fängt an und hat 20 verschiedene Eröffnungsmöglichkeiten. Schwarz kann auf 20 Arten reagieren. Macht nach zwei Zügen schon 400 mögliche unterschiedliche Stellungen.“ Nach drei Zügen seien bereits 12.000 Möglichkeiten denkbar. Obwohl Vorstellungsvermögen und Spielverständnis zu den Grundlagen des Königsmörder-Spieles gehören wie die weißen und schwarzen Felder, ist und bleibt Schach ein 1:1-Vergleich und kein mathematischer Wettbewerb.
Ab einer gewissen Ebene bekommen Strategie und Vorausplanung dennoch einen immer bedeutenderen Stellenwert. Je höher die Klassen, je bedeutender die Partie, desto gründlicher auch die Vorbereitung auf den Gegner. Ähnlich wie im Fußball werden Stärken und Schwächen des Gegenübers auch auf regionaler Ebene zum Teil nächtelang anhand vorliegender Spielprotokolle rekonstruiert und analysiert. Rüdiger Mönig: „Je intensiver man die andere Seite studiert, desto besser lernt man sie kennen, weiß um Vorlieben, erkennt eigene Möglichkeiten.“ Im Rahmen des Trainings finden deshalb sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Senioren regelmäßige Analyseabende statt, in der interessante, außergewöhnliche, besondere Stellungen in großer Runde besprochen werden.  
In den spannenden Endphasen der bis zu sechs Stunden andauernden direkten Denk-Duelle zeigt sich auch, warum das „Königliche Spiel“ 15 von 16 möglichen Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) erfüllt. Fast folgerichtig sollen 2020 im Rahmenprogramm der Olympischen Spiele in Tokio erstmalig die finalen Rufe „Schachmatt“ ertönen. Alle vier Jahre bekommen bislang nichtolympische Disziplinen die Chance, vor einer Fachjury nebst eines Millionenpublikums um die Aufnahme unter die fünf magischen Ringe zu kämpfen. Für Rüdiger Mönig wäre die Beförderung in den Sportler-Himmel im Rahmen der Spiele 2024 nur folgerichtig: „Wenn es drauf ankommt, muss man erkennen, wann die entscheidende Phase beginnt. Das ist Höchstkonzentration, fordert den ganzen Körper.“ Darüber hinaus schule der Umgang mit Königen, Damen, Läufern und Pferden Denkvermögen und Kondition. Es lehre Ruhe bewahren sowie Zeiteinteilung. ˜

Jens Dünhölter, Fotograf und Journalist, stellt für das GT-INFO in dieser Serie Gütersloher Sportvereine vor.

Rüdiger Mönig „Der Umgang mit Königen, Damen, Läufern und Pferden schult Denkvermögen und Kondition. Es lehrt Ruhe bewahren sowie Zeiteinteilung.
Dr. Mathias Kapitza (Foto unten) leitet den Verein. Foto: Jens Dünhölter

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