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AKTUELL: Der unbekannte Frontmann

Uli Twelker und Miller Anderson über den Mann „aus der zweiten Reihe”

„Ich hätte gar nicht so ein Interesse, eine Biografie über eine bekannte Band wie die ‚Spencer Davis Group’ zu schreiben. Mich interessieren immer nur die Underdogs“, sagt Uli Twelker. Der pensionierte Gütersloher Lehrer und Schlagzeuger war Bandmitglied vieler regionaler Bands, unter anderem bei den Bielefelder Thunderbirds, singt und trommelt aktuell bei B61 und den Gütersloher Sazerac Swingers. Bis heute ist er als Musikjournalist gefragt und interviewte Musik-Legenden wie Bonnie Tyler und Ex-Stones Bassist Bill Wyman, die Southern Rock Band „Lynyrd Skynyrd“, den Vater des britischen Blues John Mayall oder Peter Frampton, der mit George Harrison arbeitete. Auch der verstorbene Rory Gallagher, den das Magazin Rolling Stones zu den 100 besten Gitarristen aller Zeiten zählt, gab ihm eines seiner letzten Interviews.

In Gütersloh gehört Uli Twelker seit langem ehrenamtlich zu den „Trüffelsuchern“ der „Woche der kleinen Künste“ und lässt dafür jedes Jahr auf’s Neue sein imposantes britisches Netzwerk zirkeln, um die Woche dann mit diesem besonderen britischen Esprit anzureichern. Eric Clapton Gitarrist „Andy Fairweather Low“ oder auch die letztjährigen „Ricky Cool And The In Crowd“ sind nur einige der Ergebnisse, die auf dem Platz zu hören und zu sehen waren. Seit Jahrzehnten ist die Insel eine Art zweite Heimat für Uli Twelker. Hier lebte und arbeitete er einige Jahre und hier verbringt er bis heute gerne seine freie Zeit – er besucht Konzerte seiner Freunde, vertieft bestehende Kontakte und pflegt neue. Und genau daraus entwickelt der heute 66-Jährige seine Ideen für die Biografien besagter Underdogs.
Jetzt hat er gemeinsam mit dem Musiker und seinem langjährigen Freund Miller Anderson ein Buch mit Notizen aus dessen Leben veröffentlicht. „Miller Anderson –
Woodstock, 1.000 Clubs & Royal Albert Hall“ heißt es. Der Gitarrist und Bluessänger selbst tritt in ein paar Tagen mit seiner eigenen Band zur „Woche der kleine Künste“ auf. Zeit also, sich das Buch, den Autor und den Musiker einmal genauer anzusehen.

„Es gibt ja viel mehr Musiker, die weitaus mehr Aufmerksamkeit haben als Talent – und bei Miller ist es genau umgekehrt.“
– Musikjournalist Uli Twelker über Miller Anderson

Keine große Klappe
Uli Twelker interessieren die Musiker, die in der zweiten oder dritten Reihe stehen, erzählt er mir in einem Gespräch. Musiker also, die mit eigenem Namen nie in den Charts waren und deren Talent nie so anerkannt wurde, wie sie es verdient hätten. Und doch waren sie oftmals mittendrin, im Geschehen. „Vielleicht“, so Twelker, „bemerkt man sie nicht, weil sie eben nicht die große Klappe haben, um sich in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen.“ Denn es gebe ja viel mehr Musiker, die weitaus mehr Aufmerksamkeit haben als tatsächliches Talent. „Und bei Miller ist es genau umgekehrt: Er kann super singen, super Gitarre spielen, aber im ‚hier schreien’ ist er nicht so gut. Und gerade solche Leute interessieren mich. Nicht die anderen.“

Die professionellsten Musiker, die T. Rex jemals hatte
Dass Millers Stimme zu den besonderen gehört, haben jedoch viele Musiker beizeiten mitbekommen. Warum sonst hätte ihn Bandgründer Spencer Davis als Ersatz für den ausgeschiedenen Leadsänger Steve Winwood in seiner damaligen Superband gleichen namens verpflichten sollen? 25 Jahre lang war Miller Stimme und Gitarrist der berühmten Formation. Teenie-Idol Marc Bolan holte ihn und Mitglieder seiner eigenen Band zu „T. Rex“, was Musikkritiker der 1970er Jahre Pop-Formation zum ersten Mal positiv stimmte: „Die neue T. Rex-Version ist die professionellste Gruppe von Musikern, die Marc Bolan je um sich geschart hatte“, hieß es 1976. Doch dem Publikum war Miller nie wirklich bekannt. „Und manchmal ist er auch reingefallen auf den einen oder anderen Manager“, erzählen Twelker und der Musiker in dem vorliegenden Buch. „Da ist übrigens die Woodstock-Geschichte absolut exemplarisch.“ Ach ja, Woodstock. Aber das kommt später.

Buch voller Anekdoten und ein kleines Lehrstück
Fünf Monate haben Anderson und Twelker für das Buch intensiv zusammengearbeitet. „Nur?“, frage ich. „Nur“, antwortet der Autor. „Wir saßen nach seinem Auftritt am 30. Oktober 2018 im Jazzclub Bielefeld.“ Als Miller wieder einmal einige seiner Anekdoten zum besten gab, sagte dessen Frau Fiona, er solle endlich ein Buch über all das schreiben. Und Twelker wäre nicht Twelker, wenn ihm nicht auch gleich ein besonderes Datum dazu gefallen wäre: „Wenn wir das machen, muss es passend zum Woodstock-Jubiläum rauskommen – und das ist nächstes Jahr.“ So spurteten Twelker und Anderson in den kommenden Monaten durch Millers Erinnerungen. Heraus kam keine 400 seiten-
lange Biografie, sondern eine 115 Seiten umfassende Sammlung von Begebenheiten, Geschichten und herrlichen Episoden, die Miller erlebt hat. Berühmte Menschen und Orte inklusive. „Biografische Notizen, musikalische Zitate, irre Anekdoten“, lautet dann auch der Untertitel. Bei der Umsetzung kam der Lehrer Twelker zum Vorschein, als er anmahnte, das Buch doch am besten zweisprachig anzulegen. Also wurde das Layout so aufgebaut, dass die Kapitel stets parallel in englischer und deutscher Sprache nebeneinander nachzulesen sind.

Frontmann als Begleiterscheinung
Miller Anderson ist waschechter Schotte – der Blues- und Rockmusiker wurde 1945 im südschottischen Houston geboren. Bereits in den 1960er Jahren spielte er mit vielen damaligen Top Bands und war Bandkollege von Rockabilly-Sänger und Freddy „Fingers” Lee und „Mott the Hoople” Frontmann Ian Hunter. 1968 wurde Anderson Leadsänger und Gitarrist der Keef Hartley Band, während der Gründer selbst als Schlagzeuger den Takt angab. Die Band war ein gutes Sprungbrett und finanzierte gleichzeitig Miller und seine noch junge Familie – wenn auch knapp, aber dafür regelmäßig. Doch es dauerte noch weitere drei Jahre, bis Miller 1971 mit dem Album „Bright City“ sein bis heute viel beachtetes erstes Solo-Album veröffentlichte. „Das war aber eher ein Achtungserfolg, nicht mehr“, sagt Twelker, der ihn zwei Jahre später erstmals live erleben sollte.
„Immer die zweite Geige zu spielen, hatte Miller das nicht frustriert?“, möchte ich wissen. „Er ist ja nicht wehleidig, was dieses nicht berühmt sein angeht“, meint sein Biograf. „Er sagte mal zu mir: Ich muss auch zugeben, die Musik war für mich so wichtig, dass ich nie Lust hatte auf die administrativen Dinge drum herum.“ Doch genau das machen Bandleader wie Keef Hartley. Sie kümmern sich um die Verträge, die Studios, die Musiker oder die Logistik für die nächste Tour. All das wollte Miller nicht. Er war der Kreative und damit hatte er genug zu tun. In Zusammenarbeit mit dem Chef nahm Miller im Laufe der Jahre fünf Alben als Hauptsongwriter, Gitarrist und Leadsänger auf. Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung schien das Glück auf ihrer Seite: Man bot ihnen eine erste USA-Tour an.

Momente für die Ewigkeit
Und dann folgt die Geschichte, die Miller wieder und wieder seinem Publikum gerne erzählt. „Was ist das denn“, fragte er, als sie mit dem Helikopter über ein schlammiges Gelände flogen – unter ihnen eine riesige Menschenmenge, versunken im Matsch. Zum ersten Mal war Miller Anderson in Amerika. Die Tour durch die Staaten sollte in New York beginnen. Dass zur Stadt jedoch auch noch ein knapp 150.000 Quadratkilometer großer Bundesstaat gleichen Namens gehörte, wurde ihm erst jetzt richtig bewusst. Denn das da unten sah eher nach Kühen und Farmen aus, dazwischen eine endlose Schlange von Menschen, die durch eine vom Regen völlig aufgeweichte Landschaft stapften. „Na, das ist euer Publikum!“, antwortete der Pilot. Es war Samstag, der 16. August 1969. Wenige Stunden später trat Miller mit der Keef Hartley Band vor 500.000 Besuchern in einem Ort namens Bethel, im US-Bundesstaat New York, auf. Vor ihnen Santana und John Sebastian. Canned Head, Grateful Dead, Janis Joplin, Sly & the Family Stone, The Who und Jefferson Airplane sollten an diesem Abend noch folgen. Es war der zweite Tag des Open Air-Festivals „Three Days of Peace & Music“, das irgendwann später einfach nur noch „Woodstock“ hieß und zur Mutter aller Festivals dieser Welt wurde. Das Maß aller Dinge und der Beginn einer Legende.
Dass Miller Anderson allerdings in dieser Legende nicht wirklich vorkommt, kam so: Bereits einen Tag zuvor wollte ein Kamerateam Aufnahmen mit der Band machen. Bands wie Jimi Hendrix, Ten Years After oder Joe Cocker waren damit einverstanden. Doch der übereifrige Manager der Keef Hartley Band verlangte zunächst ein verbindliches Schriftstück oder eben Bares – und das war es. Das Team, unter ihnen auch ein junger Kameraassistent namens Martin Scorsese, drehte sich um und ging. Den späteren Auftritt nahmen sie gar nicht mehr wahr und die Engländer sind weder im Film noch auf den Alben zu finden. „So habe ich vermutlich auch eine Robert De Niro-ähnliche Karriere verpasst“, flachste Miller später einmal. Nun ja, shit happens.

Ein Mann für berühmte Fälle
Doch die Band machte weiter, ging ins Studio und nahm das nächste Album auf. Miller startete ganz allmählich seine eigene Karriere, nahm Alben auf und gründete seine Band Hemlock, die sich hauptsächlich aus Mitgliedern der Keef Hartley Band, sowie Dino Dines, formierte. Dazwischen war der ewig freischaffende Musiker auch hin und wieder arbeitslos und heuerte jedes Mal erleichtert bei anderen Bands an. „Savoy Brown“ war eine von ihnen. Studioaufnahmen und Auftritte mit der Glamrock-Teenie-Band „T. Rex“ bei Top of the Pops eine andere. Mit Sänger und Songwriter Donovan, Großbritanniens Antwort auf Bob Dylan, zog er samt Familie in die USA und kurz darauf frustriert wieder zurück. Mit Musikern wie Chris Farlowe und Pete York arbeitete er im Studio oder ging auf Tournee. Als Sänger und Gitarrist der „Spencer Davis Group“ sang er 25 Jahre lang deren große Hits. „Er ist der einzige außer Stevie Winwood, der diese Hits adäquat gesungen hat. Und viele Fans der Band kennen eigentlich nur ihn, denn Stevie ist bereits vor 53 Jahren ausgestiegen.“ Mit Deep Purple-Gründungsmitglied und Keyboarder Jon Lord verband Miller bis zu dessen Tod eine tiefe Freundschaft, die bei dem Gedenkkonzert „Remembering Jon Lord“ 2014 in der Royal Albert Hall sichtbar wurde, als er dessen Ballade „Pictured Within“ sang. „John sagte einmal: ‚Ich singe nicht, aber wenn ich singen könnte, dann würde ich gerne so klingen wie du, Miller’“, so Uli Twelker. Bereits 1982 formierte sich in Deutschland die „Hamburg Bluesband“ um den Sänger und Rhythmusgitarristen Gert Lange, bei der Anderson von 2012 bis 2016 zur Besetzung gehörte. Auch seine eigene Band gründete er in Deutschland und teilt sich heute sein Leben auf zwischen der Familie in England und der Arbeit in Deutschland. „Und es wurde auch Zeit, dass er seit 2008 mit einer eigenen Band seines Namens auf Tour geht“, sagt Twelker, sichtlich gerührt über den immer größer werdenden Erfolg des Freundes. „Denn das hat er wirklich verdient.“ Mittlerweile ist die Miller Anderson Band europaweit unterwegs – und war mehrmals in Gütersloh auf dem Dreiecksplatz zu Gast.

Und wir hören es doch!
Jetzt ist es an der Zeit für einen weiteren Auftritt in Gütersloh – auch, um dem Publikum ein frühes, unvergessenes Konzert vorzustellen: „Mit seiner Band wird er das Original Woodstock-Set der Keef Hartley Band von 1969 spielen“, erklärt Uli Twelker, nicht ohne einen kleinen Funken Stolz. Denn es ist schon klar, dass dieser Gig natürlich seiner einzigartigen England-Connection zu verdanken ist. Diesem Netzwerk aus Musikern, die längst zu wahren Freunden geworden sind. So wartet auf die Besucher der „Woche der kleinen Künste“ ein echtes Ereignis und besonderes Stück Musikgeschichte. Und endlich steht der Frontmann dann genau dort, wo er doch eigentlich hingehört: als Bandleader in der ersten Reihe. ˜

Birgit Compin, Journalistin und Redakteurin, schreibt monatlich Beiträge für GT-INFO.

INFO:
„Miller Anderson  – Woodstock, 1.000 Clubs & Royal Albert Hall“
1. Das Buch ist im Juli 2019 erschienen und im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-00-062872-6
2. Die „Miller Anderson Band” ist zu sehen am Montag, 26. August, 21.30 Uhr, „Woche der kleinen Künste“, Dreiecksplatz Gütersloh.

Bild 1: Woodstock war nur eine der vielen Episoden im Leben des schottischen Sängers, Songwriters und Gitarristen Miller Anderson. Im August ist er mit seiner Band bei der Woche der kleinen Künste zu Gast.
Bild 2: Die Bandmitglieder der Savoy Brown Blues Band, verewigt auf der Rückseite des Plattencovers „Savoy Brown The Boogie Brothers“: (v.l.n.r.) Band-
leader Kim Simmonds, Miller Anderson, Stan Webb, Jimmy Leverton und Eric Dillon.
Fotos: Miller Anderson

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