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Wrestling

„Impro-Theater mit Sporthintergrund“

Sebastian Hollmichel kennt sie alle, die Vorbehalte oder Vorurteile gegen Wrestling: reine Inszenierung, nur Fake, alles abgesprochen, nur Hau-Drauf, kein Sport. Der Wrestling-Ausrichter aus Bielefeld gibt deshalb unumwunden zu: „Natürlich ist es abgesprochen, aber das ist es in Filmen auch. Niemand wundert sich, wenn die Titanic am Ende wirklich untergeht. Wir kombinieren überragende Kampfkunst mit viel Freiraum für erzählte Geschichten des epischen Kampfes von Gut gegen Böse, wobei am Ende immer die Guten gewinnen.“ Die eigentlichen Fehler seien nach seiner Einschätzung in den 1980er- und 1990er-Jahren gemacht worden. Sebastian Hollmichel:
„Damals wollte man dem Publikum die Echtheit der Kämpfe suggerieren. Das war im Nachhinein ein Fehler. Man hätte sofort die Wahrheit sagen müssen.“ Im Grunde, so der seit Jahren in der Organisation von Wrestling-Veranstaltungen aktive Bielefelder „ist Wrestling vergleichbar mit den Freistoßanläufen von Cristiano Ronaldo.“ Die Leute würden es „entweder mögen – oder nicht.“ Manchmal kann die Wahrheit so einfach sein.

Nach den Zuschauern in New York, London, den deutschen Wrestling-Metropolen Hamburg, Oberhausen, Dresden sowie seit 2015 zehn ausverkauften Vorstellungen in Folge in Bielefeld, ließen vor kurzem sich im zweiten Jahr in Folge auch die Gütersloher vom  „Impro-Theater mit Sporthintergrund“, so Mit-Veranstalter Jens Mandel, in den Kleinen Saal der Stadthalle locken. Gut 200 Besucher querbeet durch alle Altersklassen und Geschlechter, das Gros eindeutig aus der Kategorie Fans/Wiederholungstäter, wollten sich den Auftritt der Hauf-Drauf-und Steck-Ein-Akteure des internationalen, aus Deutschland, Irland, USA oder Australien bestehenden wechselnden Aufgebotes nicht entgehen lassen. Die momentan steigende weltweite Beliebtheit an der Schaukampfsportart mit ihren zwar abgesprochenen, aber improvisierten Abläufen
ist für den auch Getränke- und Fanartikel verkaufenden Ausrichter schnell erklärt: „Es ist für die Zuschauer ein echtes Event. Wir bieten drei Stunden lang Aktion mit jeder Menge Geschichten und polarisierenden Figuren.“

Vielleicht lieben die Anhänger der eisenharten Männer mit den (fast immer) durchtrainierten Körpern in den knappen, engen Höschen ihre Heldinnen und Helden auch genau deshalb. Die Rollen- und Charakterverteilung von Akteuren wie dem Duo „Aussie Open“ (Kyle Fletcher, Mark Davies), Großmaul „Levaniel“, Zuschauer-Liebling Veit Müller, den Schönlingen von „Jay FK“ (Jay Skillet, Francis Kaspin), den furchteinflößenden „Pretty Bastards"  oder den Kampf-Emanzen „Baby Allison“/„Valkyrie (Irland) ist so klar und eindeutig, dass es keiner weiteren Erklärung mehr bedarf. Sicherheitshalber ertönt vor dem ersten von insgesamt zehn, scheinbar ohne Regeln ausgetragenen Ring-Schlachten aus den Lautsprechern der Sicherheitshinweis: „Alle Athleten sind professionell ausgebildete Kämpfer, die extra dafür trainiert wurden. Bitte versuchen Sie niemals, die Aktion nachzumachen.“ Angesichts von Ellenbogenschlägen ins Gesicht, Rippenhieben, Sprüngen von der oberen Ringbegrenzung auf am Boden liegende Gegner, Faustschlägen oder Fußtreffern ins Gesicht hält sich die Lust am Nachmachen im Publikum ohnehin in überschaubaren Grenzen. Selbst ausgesprochenen Neulingen auf den Emporenplätzen oder im Stehplatzbereich wird schon im Auftakt blitzschell klar: Im Ernstfall, ohne Absprache und vorheriges Abstoppen der Schläge/Tritte, müsste Sebastian Hollmichel seine 22 Wrestler am nächsten  Mittag mit zigfachen Rippen-, Gesichtsfrakturen oder anderen Verletzungen per Teambus aus dem Krankenhaus abholen. Das wollen weder die lediglich mit Protektoren an Schienbein und Ellenbogen geschützten Hauptprotagonisten in ihren knappen Höschen, noch die Wrestling-Ausrichter. Um überhaupt im Ring auftreten zu können oder zu dürfen,  durchlaufen alle Kämpfer eine spezielle Ausbildung. Die von Sebastian Hollmichel eingesetzten Akteure werden beispielsweise in einer Essener Kampfschule auf das ohne Helm oder Handschuhe ausgetragene „Live-Aktion-Impro-Theater“ (Sebastian Hollmichel) vorbereitet. Allesamt sind ehemalige Kampfsportler aus den Bereichen Judo, Hapkido oder Ringen, die über die notwendigen Fallschulerfahrungen verfügen. Trotz aller Vorbereitung und Vorsicht bleiben Verletzungen bei den von den Zuschauern begeistert bejubelten Ringschlachten nicht aus. So musste der amtierende Champion Bobby Guns den Auftritt in Gütersloh wegen einer am Vortag erlittenen Schulterverletzung kurzfristig absagen. Sebastian Hollmichel: „Der Boden des Ringes ist abgefedert. Darunter liegen aber Stahlplatten. Natürlich kann da mal was passieren.“

Das Publikum hatte an der offerierten Unterhaltungsmischung ohne Zweifel mächtig Spaß. Als ausgesprochener Wrestling-Fan verlegte Justyna Orzechowski-Nowaczewski wenige Wochen vor ihrer Hochzeit den Auftakt ihres Junggesellinnen-Abschiedes bewusst in die Stadthalle. Die zukünftige Braut geriet angesichts der präsentierten, wohldefinierten Muskelberge fast schon ins Schwärmen: „Das sind gut aussehende, durchtrainierte, schwitzende Männerkörper, die kompetent miteinander kämpfen. Diese Mischung finde ich faszinierend.“ Sicherlich liegt die Beliebtheit in der Fanszene auch an den begleitenden Faktoren: Bei welchem Event sind Besucher schließlich so nah an ihren Lieblingen dran? Wo sonst landen Muskelprotze direkt vor den eigenen Füßen oder in der Stuhlreihe? Wo sonst – außer dem Wrestling – können Zuschauer sich verbale Duelle mit den Bösewichten liefern? Bei welcher Schaukampfsportart wird bei Buhrufen von der Bühne aus Prügel angedroht? Wo sonst können Sympathie und Antipathie so eindeutig artikuliert werden, in der Gewissheit, dass die Guten am Ende die Bösewichte, wie von Publikumsliebling  „Absolute Andy“ verkündet, „megamäßig wegflexen“. Spätestens im Herbst 2020 will Sebastian Hellmichel den Muskelprotz-
Bus wieder an der Gütersloher Stadthalle anhalten lassen. ˜

Fotos: Jens Dünhölter

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