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Neue Serie: Aramäer in Gütersloh

Ihre Muttersprache ist diejenige, die auch Jesus und seine Jünger gesprochen haben sollen. Die ersten von ihnen kamen Anfang der 1960er- und 1970er-Jahre nach Deutschland – und bald auch nach Gütersloh. Viele von ihnen gründeten hier Familienunternehmen, die heute gemeinsam mit den anderen das Stadtbild prägen. Mit mehr als 13.000 Menschen bilden sie also eine tragende Rolle in der modernen Stadtgesellschaft. Die Rede ist natürlich von den Aramäern – syrische Christen und Angehörige der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Die drei Kirchengemeinden der Stadt allein zählen mehr als 2.000 Familien. Sie engagieren sich in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, sind in den unterschiedlichsten Vereinen organisiert, darunter auch Fußball-, Kultur- und Volksvereine. Gleichzeitig pflegen sie ihre eigenen Wurzeln. Es ist eine gelungene Integration ohne die ursprüngliche Sprache und Kultur außer Acht zu lassen.

Ab dieser Ausgabe stellt GT-INFO in unregelmäßigen Abständen eine der wichtigsten Volksgruppen der Stadt genauer vor.

Die Zahl der in Deutschland lebenden syrischen Christen wird aktuell auf mehr als 120.000 geschätzt, die meisten von ihnen haben längst die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Gütersloh selbst zählt zu den größten Gemeinden in Deutschland. Unterdrückung, Verfolgung und ein großer Völkermord in der Türkei, dem Irak, Iran und Syrien, veranlassten sie Mitte des 20. Jahrhunderts, nach Zentraleuropa zu fliehen. Will man die Gemeinde der Aramäer näher kennenlernen, sucht man am besten eine der drei Syrisch-Orthodoxen Kirchengemeinden der Stadt auf: die St. Stephanus Gemeinde in der Hohenzollernstraße, die Gemeinde St. Maria in der Eichenallee oder St. Lukas in der Diekstraße. Darüber hinaus gibt es mit St. Augin und St. Johannes zwei weitere Kirchengemeinden in Harsewinkel und Rheda-Wiedenbrück.

Hochburg aramäischer Christen
Die Gemeinde St. Stephanus ist die zweitälteste der drei syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden und feierte 2017 ihr 30-jähriges Bestehen. 370 Familien zählt Pfarrer Sleman Djalllo zu seinen Schäfchen. Er kann das Amt aufgrund einer Erkrankung nicht weiterführen. Derzeit sucht die Gemeinde nach einem Nachfolger, sie wird zurzeit von verschiedenen Geistlichen im Wechsel und gegenseitiger Unterstützung betreut.
Das Kirchengebäude der Gemeinde liegt direkt an der Hohenzollernstraße. Viele sehen es täglich beim Vorbeifahren, doch nur wenige Gütersloher haben es betreten. Und so mancher wird sich an die Glaserei erinnern, die das Gebäude früher einmal beherbergte. Als 1987 die syrisch-orthodoxe Kirchengemeinde sich für das Gebäude entschied, dauerte es noch zwei Jahre, bis es 1990, vollständig renoviert, endlich eingeweiht werden konnte. Der heute 68-jährige Pfarrer erinnert sich noch gut an die Zeit und führt durch das Gotteshaus, vorbei an cremeweißen Wänden, geschmückt mit Bildern vom Kreuzgang Christi. Eine Besonderheit sind übrigens die 360 Steine für den Altar. Sie allein wiegen 17 Tonnen und wurden eigens vom Berg der Knechte angeliefert.

Die Kirche der ersten Christen
Als 2016 Patriarch Moran Mor Ignatius Aphrem II. Karim die Gütersloher Gemeinde St. Maria besuchte (Im folgenden Jahr besuchte er auch die St. Stephanus Gemeinde zum 30-jähirgen Bestehen.), löste er unter den Aramäern eine Begeisterung aus, die durchaus vergleichbar mit einem Besuch des Papstes ist. Und das hat seinen Grund: Der Gast aus der syrischen Hauptstadt Damaskus ist das weltweite Oberhaupt von zwei Millionen Mitgliedern der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien. Es ist der Name einer antiken syrischen Stadt, die heute Antakya heißt und in der Türkei liegt. Neben dem ägyptischen Alexandria und dem späteren Konstantinopel war Antiochia unter den Römern  eine der größten und bedeutendsten Städte im östlichen Mittelmeerraum. Und genau hier soll laut Apostelgeschichte die älteste christliche Kirche ihren Ursprung gehabt haben, denn: „Die Jünger Jesu wurden zum ersten Mal in Antiochien Christen genannt“. So beruft sich die Syrisch-Orthodoxe Kirche auf ihren Gründer Petrus und Patriarch Moran Mor Ignatius Aphrem II. Karim gilt damit als sein aktueller Nachfolger.

Verfolgung, Schikane und Genozid
Doch die aramäischen Christen waren immer auch eine Minderheit im eigenen Land; sie wurden verfolgt, unterdrückt und ermordet. Besonders dem großen, schmerzvollen Völkermord von 1915 fielen viele syrisch-or-thodoxe Christen zum Opfer. Auch hier spielt das Gebiet des „Tur Abdin“ eine zentrale Rolle, denn es ist eines der letzten Ursprungs- und Siedlungsgebiete der Aramäer. Es gibt Reste von ehemals christlichen Dörfern und Klöstern und Aramäisch ist die eigentliche Sprache der Bevölkerung. Schätzungen gehen davon aus, dass immer noch rund 10.000 syrisch-orthodoxe Christen in Istanbul und 3.000 im Tur Abdin leben. Doch viele sind fort. Nach den Massakern im 19. und 20. Jahrhundert flohen viele Aramäer aus der Türkei. So wie Pfarrer Djallo; er kam, wie viele andere Gütersloher Aramäer auch, aus Midyat, der Hauptstadt des Tur Abdin, nach Deutschland.

Neue Heimat Gütersloh
Für viele verfolgte Aramäer war Deutschland das Ziel, denn hier können laut Verfassung politisch Verfolgte Asyl beantragen. Und anders als in der Türkei können die Aramäer in Deutschland frei ihre Religion ausüben und ihre Sprache pflegen – auch das ist gesetzlich geregelt. Doch das es sie nach Gütersloh zog, hatte noch einen weiteren Grund: Zum einen gab es hier Arbeit, zum anderen einen Rechtsanwalt, der sich mit den Problemen der Aramäer auskannte und für sie Asyl erkämpfte. Es war der Jurist Georg König und er setzte sich für die aramäischen Flüchtlinge ein. Kein Wunder also, dass es viele der syrisch-orthodoxen Christen in die Stadt an der Dalke zog, denn hier schienen sie endlich willkommen zu sein, fanden Arbeit und Integration.

Erfolgreicher Spagat
Dass so viele Aramäer mittlerweile völlig integriert in Gütersloh leben und arbeiten, hat sicherlich auch damit zu tun, dass eine Rückkehr in die alte Heimat für sie ausgeschlossen scheint. So sind sie hier angekommen, um zu bleiben und haben sich den vorherrschenden Lebensbedingungen als Christen unter Christen längst angepasst. Gleichzeitig haben ein hohes Maß an Fleiß und Innovation dazu geführt, dass nicht wenige von ihnen erfolgreiche Unternehmer wurden. Vom Lebensmittelmarkt über kosmetische Institute, Eisdielen und Fahrschulen, bis hin zu Versicherungsagenturen und Gastronomiebetrieben – was wäre heute der Dienstleistungs- und Lebensmittelsektor ohne die florierenden Betriebe aramäischer Familien in der Stadt? Renommierte aramäische Ärzte und Rechtsanwälte sind hier längst keine Seltenheit mehr. Längst haben sich Freundschaften und gute Nachbarschaften zwischen den Alteingesessenen und der aramäischen Bevölkerung gebildet. Gleichzeitig haben die Aramäer es geschafft, ihre eigene Kultur und Sprache zu pflegen. Das drückt sich auch in ihrem breit angelegten Vereinsleben aus.

Gelebte Vereinslandschaft
In ganz Deutschland haben die Kirchengemeinden es verstanden, auch der Pflege der eigenen Kultur Raum zu geben, genauso wie dem Sport. Das zeigt sich auch an dem größten Dachverband der in Deutschland lebenden Aramäer, der bereits 1985 gegründet wurde. Laut Satzung setzt sich der FASD für soziale, kulturelle und politische Belange ein und fördert gleichzeitig die Erhaltung der Kultur sowie die Integration der hier lebenden Suryoye – und bezeichnet damit die Gruppen der Assyrer, Aramäer und Chaldäer. Dass der Zentralverband der assyrischen Vereinigungen in Deutschland und der europäischen Sektionen (ZAVD) seine Geschäftsstelle am Kolbeplatz hat, zeigt, wie wichtig die Stadt und Region für die Aramäer ist, denn hier lebt mittlerweile die größte Gruppe von ihnen. Dabei geht es allerdings nicht nur um kulturelle Belange, sondern auch um Politisches. Bis heute machen die Aramäer immer wieder auf den Genozid, also den Völkermord an ihrer Glaubensgemeinschaft, in ihrer ursprünglichen Heimat aufmerksam.

Leidenschaft für den Sport
Genauso wie die syrisch-orthodoxe Kirchengemeinde St. Stephanus wurde auch der Aramäische Volksverein Gütersloh 1987 gegründet und feierte 2017 ebenfalls sein 30-jähriges Bestehen. Gegründet von einer kleinen Gruppe Sportbegeisterter, zählt der Verein mittlerweile über 300 eingetragene Mitglieder. Die komplette Jugend ist in allen Altersklassen verteten. Nach 15 Jahren in der Bezirksliga stieg der Verein in die Kreisliga A ab und peilt den erneuten Aufstieg an. Mit dem Verein spielen noch vier weitere aramäische Vereine in der Kreisliga A: Tur Abdin GT, Assyrer GT, Suryoye Verl und Aramäer Rheda-Wiedenbrück.

Zusammen näher
Doch auch in der kulturellen Arbeit hat sich der Verein in Gütersloh längst einen Namen gemacht. So finden sich heute so einige Großveranstaltungen im städtischen Jahreskalender, wie zum Beispiel seit 2014 das Weihnachtskonzert, das sich zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt. Junge Sänger singen internationale und aramäische Weihnachtslieder. Dieses Konzert ist mittlerweile zu einem festen Termin im Jahreskalender des Vereins geworden. Genauso wie die jährliche Teilnahme des Vereins an „Gütersloh International“. Und wo bitte, können die Integration und das Zusammenleben besser zelebriert werden als hier: Die alljährliche Veranstaltung in und vor der Stadthalle Gütersloh sorgt alljährlich für ein besseres Verständnis der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Bürger untereinander. Menschen mit Migrationshintergrund und die deutsche Bevölkerung begegnen sich hier auf Augenhöhe, mit dem Ziel, dass sich Aussteller und Besucher in Mentalität und kulturellem Leben ganz einfach näherkommen – und zwar Jahr für Jahr ein Stückchen mehr.

Foto: Von links: Erzbischof Mor Philoxenos Matthias Nayis, Gemeindepfarrer Sleman Djallo, Patriarch Moran Mor Ignatius Efrem II. Karim und Erzbischof Mor Julius Hanna Aydin zu Gast während der Feierlichkeitn zum 30-jährigen Bestehen der Gemeinde St. Stephanus in Gütersloh. Foto: St. Maria Kirche

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