RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum | Datenschutz

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.


Porträt

Eva Sperner – erste Gleichstellungsbeauftragte im Kreis Gütersloh

Von Null an

Text: Dr. Silvana Kreyer . Fotos: Moritz Ortjohann

Vor 170 Jahren gab es die erste deutsche Frauenbewegung. Viele Rechte sind für Frauen erkämpft worden, die heute als selbstverständlich betrachtet werden. Jedoch wirklich gleichberechtigt werden Frauen erst sein, wenn Quoten nicht mehr nötig sind, wenn es keine Gehaltsunterschiede und echte Chancengleichheit gibt. Dafür setzt sich Eva Sperner, die erste Gleichstellungsbeauftragte im Kreis Gütersloh, seit 32 Jahren ein.

Das Datum wird Eva Sperner nie vergessen. Es war der 1. Juli 1986, als die diplomierte Pädagogin ihre Arbeit als kommunale Gleichstellungsbeauftragte in der Stadt Halle/Westfalen aufnahm. Sie kommt aus Bielefeld, wo es Mitte der 1980er-Jahre eine lebendige Frauenbewegung gab. Auch Eva Sperner engagiert sich. Gleich nach dem Studium hat sie dann bei „Arbeit und Leben“, einer Erwachsenenbildungseinrichtung in gemeinsamer Trägerschaft von DGB und VHS, die Frauenbildungsarbeit aufgebaut. „Das Thema Gleichstellungsstellen kam frauenpolitisch gerade ganz neu auf“, sagt sie. Obwohl es noch keine gesetzliche Vorschrift für eine Gleichstellungsbeauftragte gab, wurde in der Gemeindeordnung der Passus über die Gleichberechtigung von Mann und Frau aufgenommen: „Zur Wahrnehmung dieser Aufgaben können die Gemeinden Gleichstellungsbeauftragte bestellen.“ Mit anderen Worten: Die Aufgabe war Pflicht, aber nicht die Stellenbesetzung.

Die Stadt Halle setzte erste Impulse und schrieb die Stelle aus. Eva Sperner bewarb sich und bezog ihr Büro in einem ehemaligen Lädchen für Tischwäsche gegenüber dem damaligen Rathaus in der Graebestraße. Der Ort lässt schmunzeln – „wie passend“. Abenteuerlich war der Start. „Ein Tisch, ein Telefon und ein Stuhl. Das war so ziemlich alles“, lacht Eva Sperner. Nach einer netten Begrüßung mit Blumen meinte der Stadtdirektor: „Wir wissen auch nicht, was Sie tun sollen. Aber die Arbeit weist den Weg.“ Durch den Ratsbeschluss war grob definiert, um welche Aufgaben es sich handelte. Viele Bürgerinnen freuten sich und unterstützten Eva Sperner. „Ich musste alles von Null an aufbauen. Habe mir erst einmal die Infrastruktur vor Ort bewusst gemacht, Kontakte zu Vereinen, Gruppen und Initiativen geknüpft.“

Aus der Anfangszeit fallen ihr gleich einige Anekdoten ein. Ganz selbstverständlich wurde sie mit „Fräulein“ angesprochen, und als sie den Dienstwagen benutzen wollte, danach befragt, ob sie den denn auch fahren könne. Dass sie prüde und kontrollierend sei, bekam Eva Sperner auch gleich zu hören, als sie veranlasste, einen sogenannten Werkstattkalender mit Pin-up-Girls aus dem öffentlichen Bereich des Rathauses zu entfernen.

Aber viel wichtiger waren Mitte der 1980er-Jahre andere Aufgaben. Ganz aktuell war das Thema Kinderbetreuung in einer Zeit, wo berufstätige Frauen noch als Rabenmütter galten und es keine Nachmittagsbetreuung für ihre Kinder gab. Eva Sperner führte eine Bedarfserhebung durch und musste sich anhören, sie würde Bedarfe wecken. „Das Echo war verhalten, und die Skepsis überwog.“ Sie ließ sich nicht unterkriegen. Mit frauenspezifischen Veranstaltungen, die sie von Anfang an anbot, steuerte sie dagegen und gewann vor allem viele engagierte Frauen für sich.

Geschickt holte Eva Sperner den Stadtdirektor mit ins Boot und bat ihn, Frauen zur Gründung eines überparteilichen, interkonfessionellen und institutionsübergreifenden „Arbeitskreises für Frauenfragen“ einzuladen. Wie so oft heiligte der Zweck die Mittel. Viele kamen und allmählich war die Scheu überwunden. Der Arbeitskreis ist noch heute aktiv. „Mir war es ein Anliegen, klarzumachen, dass ich mir nicht irgendwelche Dinge am Schreibtisch ausdenke, sondern sehr basisorientiert arbeite und mich vernetzen möchte“, ergänzt Eva Sperner. „Die Themen lagen ja quasi auf der Straße.“

Ein großes Thema war und ist noch immer die „Erwerbstätigkeit von Frauen und die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, so Eva Sperner. Immer waren die Kurse ausgebucht, in denen sie Wege und Unterstützung zum beruflichen Wiedereinstieg anbot. Das hat sich geändert, denn heute kehren Frauen schneller in den Beruf zurück. Auch wenn es nicht leichter geworden ist, gibt es doch zumindest die Ganztagsbetreuung für die Kinder. Dafür ist als Problem die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf für viele Frauen hinzugekommen. „Es bleibt ein Kernthema, auch wenn es im anderen Gewand daherkommt“, ergänzt Eva Sperner. Und dazu gehört auch der Blick auf die Einkommenskluft zwischen Frauen und Männern, wo Deutschland mit
21 Prozent im europäischen Vergleich eines der Schlusslichter ist. Viel zu tun gebe es auch bei der Geschlechtermischung innerhalb der Berufe. „Ein Stück weit tragen wir mit den Berufsorientierungstagen ,Girl’s Day‘ und ,Boy’s Day‘ dazu bei, das zu verändern“, sagt Eva Sperner. Um das Berufsleben der Frauen geht es auch beim
„Haller UnternehmerinnenTreff“, der insbesondere Existenzgründerinnen, Freiberuflerinnen und Unternehmerinnen dabei unterstützt, sich zu vernetzen und untereinander Kontakte zu knüpfen.

Eva Sperners Blick wird sehr ernst. Nach wie vor spielt häusliche Gewalt gegenüber Frauen eine große Rolle. Das Thema ist mehr im Fokus als vor vielen Jahren. Denn „Frauen trauen sich heute eher, an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt sie. Das belegen die Zahlen der Polizei, die jährlich rund 500 Einsätze im Kreis Gütersloh verzeichnet. Eine Problematik, die Eva Sperner alleine auf kommunaler Ebene und als Einzelkämpferin nicht bewältigen kann. Dafür engagiert sie sich in der 2000 gegründeten Initiative „Runder Tisch gegen häusliche Gewalt im Kreis Gütersloh“. Um möglichst viele betroffene Frauen zu erreichen, wurde eine Broschüre herausgegeben, in der ihnen in sechs Sprachen ausführlich Schutz- und Hilfsangebote vermittelt werden.
Ganz klar, der charismatischen Gleichstellungsbeauftragten liegt das Thema sehr am Herzen. Auch wenn sie beklagt, dass es nur ein Frauenhaus für schutzbedürftige und -suchende Frauen im Kreis Gütersloh gibt, freut sie sich darüber, dass es der „Runde Tisch gegen häusliche Gewalt“ in Zusammenarbeit mit dem Elisabeth Hospital und dem Klinikum in Gütersloh geschafft hat, vergewaltigten Frauen die Möglichkeit zu bieten, in beiden Krankenhäusern eine anonyme Spurensicherung vornehmen zu lassen. So können Tatspuren gesichert werden, die im Rechtsmedizinischen Institut Münster zehn Jahre lang aufbewahrt werden. Haben sich die Betroffenen stabilisiert, können sie später eine Anzeige erstatten. Das ist ein enormer Fortschritt, den der „Runde Tisch“ bewirkt hat. Ein Netzwerk, dem Ellen Wendt, die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Gütersloh, Ursula Rutschkowski als Opferschutzbeauftragte der Kreispolizeibehörde, Mitarbeiterinnen vom Frauenhaus und von der Frauenberatungsstelle sowie Rechtanwältinnen angehören.

Seit 1994 sind Gleichstellungsstellen in Nordrhein-Westfalen für Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern verpflichtend. Die Stadt Halle hat über 21.750 und gehört zu den elf Kommunen im Kreis Gütersloh mit einer hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten. Eva Sperner verweist nochmals auf die Zweigleisigkeit ihres Aufgabengebietes, was bedeutet, dass die „eigene Firma – das Rathaus – bei der Gleichstellung von Frau und Mann Vorbildcharakter haben sollte“. Als Stabsstelle allein der Bürgermeisterin unterstellt, ist sie auch Mitglied im Verwaltungsvorstand und „wacht“ bei Besetzungsverfahren von Anfang bis Ende über einen ausgeglichenen Frauenanteil. „Intern werde ich auch von Kolleginnen und Kollegen angesprochen, wenn sie Unterstützung brauchen“, so Eva Sperner.

Auf die Frage, ob sich auch ohne institutionalisierte Gleichstellungsbeauftragte für die Frauen viel geändert hätte, kommt die Antwort prompt: „Es ist noch nie etwas ohne Druck passiert.“ Und Eva Sperner erinnert an bahnbrechende Augenblicke: Erst vor 100 Jahren durften Frauen wählen, und nur 40 Jahre ist es her, seit Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten dürfen. Noch heute hat sie vor Augen, „welchen politischen Wirbel es gab, als in den 1990er-Jahren Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde“. Das sind nur wenige Beispiele. Vieles gibt es noch zu bewegen. Eva Sperner schätzt die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen. „Wir Gleichstellungsbeauftragten sind gut vernetzt auf der Kreis- und Landesebene bis hin zu regelmäßigen Tagungen auf Bundesebene. Gewählte Sprecherinnen überregionaler Gemeinschaften machen dann die entsprechende Lobbyarbeit für uns.“ Nur so können sie etwas sichtbar bewegen. „Dazu gehören“, so Eva Sperner mit voller Überzeugung, „die ständige Ermutigung von Frauen und ein politischer Kulturwandel.“ Am besten wären natürlich „mehr weibliche Vorbilder“.

In drei Jahrzehnten hat sich Eva Sperner einen festen Platz „im schönsten Büro im Rathaus“, wie sie schmunzelnd sagt, erarbeitet. Wir sitzen im sonnendurchfluteten Wintergarten der ehemaligen Landratswohnung des früheren Landkreises Halle. „Ich habe hier gute Rahmenbedingungen. Meine Arbeit wird wertgeschätzt und unterstützt.“ Und dann erinnert sie sich daran, dass das nicht immer so war. Es gab in der Vergangenheit auch ernsthafte Versuche, ihre Stelle abzuschaffen oder zumindest zu kürzen. „Das Schöne war, dass sich Frauen engagiert und Unterschriften für die Gleichstellungsstelle gesammelt haben.“ Auch wenn ihr die Arbeit Spaß macht und sie das Gefühl hat, noch viel bewegen zu können, wird die Gleichstellungsbeauftragte in spätestens zwei Jahren ihren Stuhl räumen. Eva Sperner ist überzeugt: „34 Jahre sind eine lange Zeit. Da ist ein Generationswechsel angesagt.“

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.