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Stadtwerke-Geschäftsführer Ralf Libuda und Mobilitätsmanagerin Lea Dillmann wollen die Verkehrswende managen. Im Hintergrund die E-Roller-Verteilstellen in Gütersloh. Foto: Jens Dünhölter

Digital buchen, clever sharen: Die Mobilität wird intelligent

Stadtwerkeunternehmen sind nicht besonders sexy? Wer das meint,
denkt vielleicht an die nur oberflächlich langweilige, sichere Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Gas und Wasser. Geschenkt. Das ist perfekt organisiertes, zuverlässiges Grundgeschäft. Aber längst arbeiten Stadtwerke auch und besonders an den großen Zukunftsprojekten unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft. Dazu gehören klimagerechte Mobilitätsangebote. Ein Topthema bei den Stadtwerken Gütersloh.

Text: Heiner Wichelmann

Zusammen mit der Stadt Gütersloh arbeiten die Stadtwerke Gütersloh an der Entwicklung integrierter Konzepte und Lösungen für alle Verkehrsträger vom Auto bis zum E-Roller. Ziel ist, sie intelligenter zu nutzen und zu stärken. Das Schlüsselwort heißt Vernetzung. Sie wird in Gütersloh ganz entscheidend von den Stadtwerken moderiert werden, erklären Geschäftsführer Ralf Libuda und Mobilitätsmanagerin Lea Dillmann im GT-INFO-Gespräch. Ralf Libuda: „Die Politik und damit die Stadt Gütersloh inklusive der Stadtwerke muss den Wandel in der Gesellschaft aufnehmen und Antworten liefern. Unser Zukunftsprodukt wird sein: Wir verkaufen individuelle, flexible Mobilität mit allen klimafreundlichen Verkehrsträgern. Über App und Internet. Ob Sharing oder Linientaxi, E-Roller oder E-Auto: Ein, zwei Klicks und man hat die Auswahl. Die Mobilität der Zukunft wird sicher sein und vor allem klimafreundlich.“ Die Fuhrparkmanagement-Software wollen die Stadtwerke auch anderen städtischen Einrichtungen anbieten.

Sharen wird cool

Lea Dillmann weiß, wohin die Entwicklung geht (und wird dabei von Ralf Libuda, als Vater eines 18-jährigen Sohnes, bestätigt): Die junge Generation in Deutschland sucht sich ihre Mobilitätsangebote selbstständig zusammen, indem sie die jeweils angenehmsten, bequemsten und passenden Verkehrsmittel miteinander kombiniert. Dabei geht es gar nicht primär um Verzicht, sondern um die Kombination des Autos – sei es in Form des eigenen Fahrzeugs, von Carsharing oder einer Mitfahrgelegenheit – mit Bahn, Bus oder Rad. Immer häufiger, so Ralf Libuda, besitzen Auszubildende gar keinen Führerschein. Und wenn sie einen haben, verzichten sie zunächst auf den Erwerb eines eigenen Autos: „Es ist heute cooler, auf intelligentere Mobilität zu setzen. Sharen ist bei Jugendlichen beliebt. Für die ist auch der E-Roller eine Alternative. Unser Label ‚deins & meins’ steht für Intelligenz und moderne Technik. Das spricht die jungen Menschen an.“ 

Mobilität wird also mit Automobilität immer weniger gleichgesetzt; die Verkehrswende auch in den Köpfen: Sie ist längst da. Zunehmend sehen die Menschen die enorme Fläche, die der heutige Autoverkehr beansprucht, kritisch. Man weiß, dass Lärm, Abgase und Sicherheitsgefahren für alle Verkehrsteilnehmer unnötige Belastungen, Krankheiten und letztendlich höhere Gesundheitskosten für die Gesellschaft verursachen. Am Abschied vom Auto mit Verbrennungsmotor geht kein Weg mehr vorbei. Volvo, VW und Mercedes haben längst strategisch reagiert. Was bleibt ihnen auch anderes übrig: In China und anderen internationalen Märkten werden sie ihre Verbrennungsmotoren in Zukunft nicht mehr verkaufen können.

Was bedeutet das alles? Für Ralf Libuda ist die Antwort klar: „Wir arbeiten in unserem Geschäftsfeld Mobilität proaktiv. Wir werden nicht abwarten, was der Markt von uns verlangt, sondern wir gestalten selbst die Zukunft, die ohnehin kommen wird, denn wir können nicht an den alten Verkehrskonzepten festhalten, ohne unsere Umwelt und Wirtschaftlichkeit zu gefährden.“

Überschaubarer Ist-Zustand

So groß die Pläne für die Zukunft sind, so relativ überschaubar ist bisher die E-Mobilität in Gütersloh aufgestellt. Was der Normalsituation in Deutschland entspricht: Der Marktanteil von E-Bussen in Deutschland beträgt noch immer unter ein Prozent! Das liegt nicht an den Betreibern (in der Regel sind das Stadtwerkeunternehmen), sondern an den Produzenten. Ralf Libuda: „Bis letztes Jahr gab es keinen deutschen Lieferanten, der E-Busse liefern konnte. Die kamen aus der Türkei, aus Holland, aus China. Wir kriegen nicht auf einmal 38 neue Busse, die werden gar nicht so schnell produziert. Andererseits müssen wir aber auch sehen, dass wir einen solch radikalen Schwenk auf einen Schlag finanziell und organisatorisch nicht realisieren könnten.“ 

Gütersloh geht den evolutionären Weg. Noch fahren Dieselbusse die Linien auf und ab, die Umstellung auf E-Busse und Hybridbusse (auch die Brennstoffzellentechnologie wird im Auge behalten) aber hat begonnen und sie soll mittelfristig realisiert werden. Lea Dillmann: „Weil Gütersloh nach den Messungen des Programms Umwelt Saubere Luft nicht zu den übermäßig CO2-belasteten Städten zählt, gehören wir auch nicht zu den 30 Städten, die aktuell vom Land gefördert werden müssen. Alle Busse, die wir jetzt kaufen, haben aber auch schon eine E-Motorunterstützung.“ Diese Hybridlösung rechnet sich bereits nach drei Jahren, so Libuda, und ist damit wirtschaftlich und auch ökologisch vernünftig. Bis 2030 könnten die Stadtwerke in Gütersloh ihre Busse komplett mit Strom fahren. Dazu kommt die Ausstattung aller städtischen Betriebe mit E-Autos, E-Rollern und E-Bikes. Für die Gütersloher wollen die Stadtwerke der zentrale Mobilitätsanbieter sein, für alle Ansprüche, alle Altersgruppen und eben möglichst aus einer Hand: „Wir wollen das Mobilitätserlebnis anbieten und das proaktiv steuern, in Abstimmung mit den Gesellschaftern“, so Libuda.

Dazu gehören auch die ersten neun Stromladesäulen der Stadtwerke mit 18 Ladepunkten, die an verschiedenen Stellen in der Stadt aufgestellt sind. Zusammen mit den halböffentlichen Ladepunkten (Schenke, Volksbank, Mense, Sparkasse, Rathaus, Markötter, Westaflex u.a.) stehen den Gütersloher E-Autofahrern damit bereits 28 Ladepunkte in der Stadt zur Verfügung.

E-Autos 2030 bei 40 Prozent Marktanteil

Wie viele E-Autos gibt es eigentlich bei uns bisher? Ralf Libuda: „Kreisweit sind es rund 350, entweder voll ›E‹ oder als Hybridlösung. Da erwarten wir eine klare Zunahme, in ein oder zwei Jahren können es schon 1.500 bis 3.000 sein. Zwar wächst auch die absolute Zahl aller Kraftfahrzeuge – im vergangenen Jahr kamen ja 3.000 kreisweit dazu –, aber wir gehen davon aus, dass in 2030 rund 40 Prozent aller Autos elektrisch fahren. Wir pushen diesen Trend. Wer heute ein Auto benötigt, kann sich über unser E-CarSharing-System zu jeder Zeit eines unserer vier Elektroautos, einen Up und einen Golf von VW sowie zwei Zoe von Renault, mieten. Die werden übrigens, so unsere bisherige Beobachtung, überraschenderweise gerne für längere Strecken genutzt, dafür aber nicht so häufig. Vielleicht ist das typisch für unsere kleine Stadt, in der man alles auch schnell mit dem Fahrrad erledigen kann.“ Mit dem Fahrrad oder mit einem der elf E-Roller der Stadtwerke, die seit dem 6. Mai wie die E-Autos unter der Sharing-Marke „deins & meins“ angeboten werden. Im Unterschied zu den E-Autos sind die zweirädrigen Flitzer nicht standortgebunden, sondern werden im sogenannten Free-Floating betrieben. Das bietet den Nutzern eine besonders große Flexibilität – sie können per E-Roller-App das Exemplar an dem für sie günstigsten Standort im Stadtgebiet buchen und müssen es nicht zwangsläufig am selben Ort wieder abstellen. Die elektronische Reservierung ist bis zu 15 Minuten vor Fahrtantritt möglich. Die Reichweite der Fahrzeuge beträgt rund 100 Kilometer – um das Aufladen der Akkus kümmert sich das Flottenmanagement-Team der Stadtwerke. 

E-Ladestellen: Trend Tankstelle

Apropos Akkus: Ralf Libuda weist auf die rasante Entwicklung der Batterieleistungsdichte hin. Da im Durchschnitt ein Auto 40 Kilometer am Tag fährt, der E-Golf der Stadtwerke aber auf eine Reichweite von 270 Kilometern kommt, kann der Nutzer die Batterien in Ruhe zuhause über Nacht aufladen. „Es wird in der Fachwelt gerade kritisch diskutiert, wie viele Ladestellen wir tatsächlich brauchen in der Zukunft. Die Autos stehen die längste Zeit, die Akkus werden deutlich  leistungsfähiger, die Schnellladetechnik setzt sich immer mehr durch, ohne dass es die Batterien schädigt. Da kann man die Frage stellen, ob wir tatsächlich noch viele Ladestellen im öffentlichen Raum benötigen. Oder ob sie nicht besser an den Tankstellen oder zu Hause stehen. Wir werden auf jeden Fall flexibel auf den Markt reagieren.“ 

Inwieweit ist die Wirtschaft vor Ort als Partner der Stadtwerke gefragt? „Wir wollen diese Partnerschaft“, stellt Libuda klar. „Wenn in Gütersloh beispielsweise irgendwann mal 5.000 E-Autos geshared werden, dann würden die natürlich von Partnern gestellt. Gebucht würden sie aber über uns, denn wir wollen die Mobilität als Produkt verkaufen. Und es ginge auch anders herum: Warum soll ein Handwerker, der abends acht Wagen auf dem Hof stehen hat, sie nicht über uns zum Sharen zur Verfügung stellen? Wir haben die Software dafür. Es gibt bereits erste Kontakte, die auch in diese Richtung gehen.“

Eine Plattform, alle Verkehrsangebote

Eine Plattform für alle Verkehrsangebote, ihre Vernetzung und ihre Verzahnung: Das ist eine der großen aktuellen Baustellen der Stadtwerke. Lea Dillmann sagt es plastisch: „Es wird digital. Du willst von A nach B? Nutze die Stadtwerke-App. Du kannst mit dem Bus, mit dem Roller, mit dem Auto, auch mit dem E-Bike und mit dem E-Scooter fahren. Und am Ende des Monats gibt’s eine Abrechnung. Neue Tarifformen sind auch denkbar. Flatrates für alle Mobilitätsalternativen für einen Monat zum Beispiel – das könnte auch eine Lösung sein.“

Keine Frage: Die Mobilität in Gütersloh ist im Umbruch. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wann er kommt. Dass er kommt, steht wohl fest. 

 

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