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Bis zum Ziel ist es für alle Athleten ein hartes Stück Arbeit. Markus Schmidt wird am Ende mit Adrenalin belohnt. Fotos: www.sportograf.com

„Weder Weichei noch Warmduscher“

23 Kilometer Höllenqualen. 23 Kilometer über 150 natürliche und künstliche Hindernisse. 23 Kilometer Laufen, Klettern, Schieben, Kriechen, Tragen. 23 Kilometer die persönliche Grenze überwinden – und beim Durchqueren des vier Grad kalten Freibadwassers weit darüber hinausgehen. Der immer Anfang Dezember „Getting tough the Race“-Extremhindernislauf im thüringischen Rudolfstadt hat sich durch die Kombination von 1.000 Höhenmetern mit höllischen Hindernissen (Wassergräben, Schlammlöchern, Holzpyramiden, Reifenstapel) und Temperaturen um den Gefrierpunkt den Ruf des „härtesten Hindernisrennens in Deutschland“ erworben. Ein Drittel der Teilnehmer erreicht nicht den Zielstrich.

Trotzdem gingen am Samstag vor dem 1. Advent 2.700 Kälte und Hindernissen mutig trotzende Athleten und Athlethinnen nach einer von puren Adrenalinstössen geprägten Einschwörung auf „The Race“ – wie das Rennen unter Insidern genannt wird – um kurz nach 10 Uhr an den Start. Genau 5:01 Stunden später hatte der Gütersloher Markus Schmidt (48) zum dritten Mal das Ziel des extremsten und härtesten Hindernislaufes in Deutschland erreicht. Dass er damit mehr als drei Stunden hinter dem Sieger Hagen Brosius (1:59 Stunden) ins Ziel kam, ficht den Gütersloher nicht weiter an : „Man will einfach nur die Hölle überleben und sagen können: Ich hab's geschafft.“ DNF (Läufer-Kurzform für „Do not finish“ (Nicht ankommen) sei „keine Option. Auch wenn man die Zähne am Tag hundertmal zusammenbeißen muss”. 

Ein paar Tage später trägt er das Finisher-Armband am Handgelenk für den Eintritt zur After-Race-Party im Festzelt immer noch stolz wie eine Trophäe. Für jeden in der bestens vernetzten Szene ist es auch genau das. Während er in der Küche einen Kaffee kocht, läuft im Hintergrund zur Untermalung ein Video von „The Race 2016“. Beim Betrachten der Bilder wird sehr schnell klar: Wer bei Minusgraden in voller Laufbekleidung auf einer von Hinterlassenschaften übersäten Kuhwiese („Wenn's nicht gefroren ist, fühlt es sich schön warm an.“) unter Stacheldraht herkriecht, durch Schlammlöcher watet, Wände hochklettert, matschige Anhöhen erklimmt, Reifen schleppt, Wassergräben durchquert, sich und seinem Körper das Äußerste abverlangt, sollte weder Weichei noch Warmduscher sein. Selbst mit ein paar Tagen Abstand tut dem durch ein Dutzend ähnlicher Grenzerfahrungen bestens vorbereiteten Malermeister der ganze Körper weh: „Ich spüre jeden Knochen. Von oben bis unten. Mir tut echt alles weh. Das war noch härter als im vergangenen Jahr.“

In diesen Worten schwingt viel Erfahrung mit. 2013 begleitete der erst mit gut 40 Jahren zum Laufsport gekommene Markus Schmidt seinen Cousin Manfred Arndt als Motivationsstütze zum ersten Mal nach Thüringen. „The Race“ steckte nach der Premiere 2012 damals noch in den Kinderschuhen. Beim immerhin schon Hermannslauf gestählten Hobbyisten machte es sehr schnell Klick: „Nur Laufen war mir irgendwie zu wenig. Das macht ja jeder.“ Der Gedanke an „die Kombination aus Dreck, Matsch, Schlamm wie früher bei der Bundeswehr" verankerte sich unauslöschlich in der Sportler-DNA. Nach ein paar Hindernisrennen im Sommer („Das ist nicht mein Wetter. Lieber Kälte als Hitze.“) nahm er 2014 erstmals die Herausforderung „mit dem Maß aller Dinge in Europa“, so Schmidt, an. Weil die Extremhindernisszene boomt wie nie „und Rennen wie Pilze aus dem Boden schießen“ steigen auch die Herausforderungen für „The Race“ von Jahr zu Jahr an. Markus Schmidt: „Die wollen, dass die Leute kaputtgehen. Wenn es jeder schafft, ist der Reiz weg. Nicht ankommen, ist hier keine Schande:“ Oftmals spiele dabei mangelnde Erfahrung die Hauptrolle. Markus Schmidt: „Man muss sich körperlich, aber auch mental vorbereiten.“ Um speziell für das Durchtauchen des vier Grad kalten Freibadwassers gewappnet zu sein, führten die Trainingsrunden auch mitten hinein in die Lutter („Das kostet jede Menge Überwindung.“). An die skeptischen Blicke der ihn bei seinen Kraft- und Ausdauerübungen im eiskalten Wasser beobachtenden Zuschauer hat sich der Malermeister längst gewöhnt: „Die wissen nicht, was ich da mache.“ Wie in den Vorjahren erwies sich für die nach 20 kräftezehrenden Kilometern ohnehin schon am körperlichen Limit nagenden Starter aus psychologischer Sicht das größte Hindernis. Markus Schmidt: „Man darf keine Sekunde nachdenken. Wenn man aus dem Wasser kommt, brennt das ganze Gesicht.“ Getragen von der Musik und dem Lärm der Zuschauer ging es anschließend noch einmal eine ganze Stunde kletternd, kriechend, schleppend quer durch Wasserfallwände, Treckerreifen und Betonröhren den „Walk of Fame“-Parcours im Zielbereich, ehe der Stolz über die eigene Leistung dem permanent nervenden inneren Schweinehund den Todesstoß versetzt hatte. Nun ist nach dem Rennen auch immer vor dem Rennen. Bereits im Januar möchte sich Markus Schmidt als Steigerung des ganzen beim „MC Tuff Run“ in der schottischen Ebene in der Nähe von Edinburgh die Krone aufsetzen. Aus dem Jahr 2016 weiß er: „Das wird eine Nummer härter. Man kann sich vor dem rauen Wind nicht verstecken. Zudem führt die Hälfte der Strecke durch Berge, Wälder und Wassergräben.“ Zur Finanzierung der Reisekosten (cirka 750 Euro für Flug, Unterbringung) könnte Markus Schmidt „noch ein bisschen finanzielle Unterstützung gebrauchen.“ Für freiwillige Gönner („Vielleicht hat ja jemand Interesse?“) hat er ein spezielles Pay-Pal-Konto eingerichtet.