RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum | Datenschutz

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Eine Werkstatt wie aus einem Filmset – so wirkt Holzpixel auf den Betrachter. Es ist eine durchaus gewollte Szenerie, in der jedes große und kleine Detail seinen Platz hat. Foto: Moritz Ortjohann.

In der Werkstatt eines experimentierfreudigen Kunsthandwerkers

Avantgardistisch und mit einer unbändigen Experimentierfreude versehen – das trifft nicht nur auf die Druckwerkstatt Holzpixel zu, sondern auch auf die dortige Ausstellung „Double Cut“ mit den Holzdruckern Roman Klonek und Michael Falkenstein. Am 25. November brachten die Künstler zur Vernissage zeitgenössische Holzschnitte mit, und DJ Roland Lindemann legte in der ehemaligen Auto-Werkstatt „Musée du Schmidt-Hentze“ bei der Aftershow-Party eine zum Thema ausgetüftelte Soundperformance hin. Bis zum 26. Januar sind die Arbeiten in der Werkstatt von Manfred Makowski zu sehen. Da sind Falkensteins Holzschnitte – allesamt exquisite Handabzüge auf denen feine, geordnete Strukturen in klassischem Schwarz-Weiß zu Landschaften mutieren. Die mehrfarbig angelegten Holzschnitte von Roman Klonek hingegen leben von farblichen Überlappungen. „Er benutzt bei seiner Arbeit die Technik des verlorenen Schnitts“, erklärt Makowski das Verfahren, bei dem nach dem Drucken jeder einzelnen Farbe ein Teil aus der Holzplatte herausgeschnitten wird und am Ende die Druckplatte verloren ist, während der Druck selbst vollendet ist. 

Es ist eine alte ehrwürdige Technik, bei der Kunst auf versiertes Handwerk trifft – und hier im wahrsten Sinne des Wortes zu Kunsthandwerk verschmilzt. Und genau die findet bei Manfred Makowski täglich statt. Mit Holzpixel an der Blessenstätte hat er sich einen ganz besonderen Traum erfüllt, zu dem Ausstellungen befreundeter Künstler genauso gehören wie avantgardistisches Grafikdesign und Workshops für experimentierfreudige große und kleine Menschen. 

Lange hatte Makowski nach einem passenden Ort dafür gesucht, erklärt er mir, als ich ihn in seiner Druckwerkstatt besuche. Hier, in dem historischen Verkaufsraum der Automobil-Werkstatt der Familie Schmidt-Hentze, fand er ihn. „Ich bin ihnen unendlich dankbar, dass ich diesen Raum samt Hinterhof nutzen darf,“ sagt der Designer. Das Ambiente gibt genau das wieder, wovon er erzählen will: alte, fast vergessene Techniken erlebbar und spannend zu machen. „Der Buchdruck muss doch gerade in Gütersloh sichtbar sein und darf nicht so einfach im Zuge des digitalen Zeitalters verloren gehen“, sagt er. Schließlich habe die Stadt der Branche sehr viel zu verdanken. Als dann die Werkstatt gefunden war, brauchte es noch einmal eine ganze Weile, um sie zu gestalten. Entstanden ist etwas, das fast schon einem Filmset gleicht. „Genau das ist auch so gewollt“, sagt Makowski, der im früheren Leben selbst einmal Bühnenbauten schuf. Jedes noch so winzige Detail hat hier seinen Platz und genug Raum, um präsent zu sein. „Das steigert den Respekt und die Hochachtung vor dieser wirklich alten Technik.“ Die lange Wand, an der all die hier verwendeten, alten Druckbuchstaben fein säuberlich aufgereiht ganze Regale besetzen, ist mit langen Holzpanelen versehen, an denen jetzt auch die Exponate aufgehängt sind. „Das ist die längste Pinnwand von Gütersloh“, lacht er. 

Die Harley unter den Druckmaschinen 

Königin des Sets ist definitiv die alte Vandercook aus Chicago. Die betagte, weitgereiste Dame ist die Harley Davidson unter den Druckmaschinen, erfahre ich, während Makowski sanft über das alte Metall streicht. Ganze sieben Stück gibt es davon noch in Europa, erzählt er. Als er sie erstand, war sie tief braun mit Rost bedeckt. Komplett instandgesetzt, dient sie hier für Prägungen und Drucke der besonderen Art. Auch das ein Markenzeichen von Makowski: „Eigentlich bewege ich mich immer auch als Archäologe“, sagt der Designer und meint damit das „Ausbuddeln“ alter Verfahren. Und genau das ist es, was seine Arbeiten für viele so begehrenswert macht: Hier wird mit vielem experimentiert und letztendlich alles gedruckt, gestanzt und geprägt. Selbst Holzmaserungen finden Makowskis Aufmerksamkeit und dienen nicht selten als Vorlage für Prägungen oder Drucke. Dafür scheint das Papier aus längst vergangenen Zeiten zu stammen und ist statt modern und glattgestrichen, samtig weich – von reinweiß keine Spur. Das offenporige Material saugt die Farbe auf wie ein Schwamm. Mal mehr, mal weniger intensiv. Das Ergebnis? Jedes Blatt ist anders. Ein Unikat. Einzigartig.

Alles hat seine Berechtigung

„Ich akzeptiere auch keine Beschwerden“, sagt Makowski selbstbewusst. „Bei allem, was ich für meine Kunden mache, sieht man immer das Handwerk“, fügt er erklärend hinzu, als er mir Beispiele zeigt. Durch den unterschiedlichen Farbauftrag erzählt jedes Blatt eine eigene, unverwechselbare Geschichte. „Und ich habe sie alle lieb“, lacht er, als er sie wieder in einer Schublade verstaut. „Warum soll man die aussortieren? Das Charmante ist doch, dass man die Arbeit erkennen kann und die entsteht nicht beiläufig, sondern sie ist ein Prozess. „Aber“, fügt er hinzu, „das ist mehr als die gerade angesagte Vintage-Welle“. Damit distanziert er sich von irgendwelchen Modeerscheinungen, denen sich viele ergeben. Was hier aus reiner Experimentierfreude in einer Art Probierwerkstatt entsteht, ist reinstes Kunsthandwerk. „Es ist die spielerische Auseinandersetzung damit, dass man nicht nur drucken kann, sondern auch prägen, stanzen oder rillen. Und genau das ist für mich ein unvorstellbares Erlebnis. Da ich aus dem Handwerk komme, hat das natürlich sofort bei mir eingeschlagen.“

Immer irgendwie interdisziplinär

Gemeint ist damit die Tischlerlehre, die er in Clarholz  absolvierte. Später studierte Makowski in Bielefeld Typografie, die ihn bis heute fasziniert. „Das zeigt sich bei meinen Arbeiten eigentlich immer.“ Er ging nach Düsseldorf und Krefeld, um Produktdesign zu studieren. „Von der DNA her war ich schon immer interdisziplinär aufgestellt“, sagt er. Um seine schier unbändige Neugier zu befriedigen, baute er Bühnenkulissen für TV-Sender und fand später seinen Einsatz in einer Frankfurter PR-Agentur. Er zog nach Berlin, arbeitete als Freelancer mit einem Architekten an dem Entwurf für die Kuwaitische Botschaft und heuerte als Grafiker bei der KPMG an. Er war, so scheint’s, ein Workaholic. Selbst als er sich eine Auszeit verordnete, konnte er dem Anruf des Bankenverbands nicht widerstehen und erarbeitete in seiner kleinen Wohnung deren komplett neues Corporate Design. Eine Größenordnung, für die man normalerweise eine komplette Agentur verpflichten würde. 

Erforsche, träume, und entdecke

Doch all das ist lange her. Vor mittlerweile zehn Jahren kam der heute 48-Jährige nach Gütersloh zurück, als seine Mutter schwer erkrankte. Und er hatte eben diesen Traum von der eigenen Druckwerkstatt, in der er an alten, analogen Maschinen experimentieren könnte. „Gute Gestaltung“, so sagt er, „ist mit dieser Technik leicht gemacht, weil sie reduziert ist.“ 

Mark Twains „Erforsche, träume, und entdecke“ ist längst zu seinem eigenen Motto geworden. Der unstillbare Forschergeist lässt aber nicht nur Neues aus Altem entstehen. „Ich bin nicht retro, ich bin mixt-media“, sagt Manfred Makowski und schließt das Digitale bei all seiner analogen Arbeit keinesfalls aus, er nutzt es vielmehr unterstützend. 

Ein Hauch Avantgardismus

Alles was er anfasst, ist von einem Hauch Avantgardismus umgeben und das zieht an. „Ich brauche auch keine Werbung“, erklärt er forsch. Dass er da ist, spricht sich sowieso rum und mehr als arbeiten könne er nicht. „Was nützen mir 50 Aufträge, wenn ich immer nur einen nach dem anderen abwickeln kann?“, fragt er. „Ich kann nicht jeden bedienen – und kurzfristig schon gar nicht. Mit diesen alten Techniken arbeitet man anders und schon gar nicht hektisch und schnell.“ Immer wieder bekommt er Anfragen namhafter Agenturen. „Da muss ich oft absagen, weil ich das in der Kürze der Zeit, die sie fordern, einfach nicht realisieren kann.“ Manfred Makowskis Arbeit kostet Zeit.

Bewahrer der Druckkunst

Und hat er mal ein bisschen zu viel davon, investiert er sie gerne in Projekte, die seine ganze Leidenschaft erfordern. Der Handwerker versteht sich als Bewahrer der Druckkunst, aber auch als Mittler zwischen den neuen und alten Techniken. Und das möchte er weitergeben und erlebbar machen. Dafür bietet er beispielsweise Kurse für Kinder an, die auch als Event für Kindergeburtstage gut funktionieren. „Selbst diejenigen, die sich bisher nicht für handwerkliche Dinge interessierten, sind begeistert, wenn sie ihre Initialen auf den unterschiedlichsten Produkten sehen“, sagt er und spricht von strahlenden Kinderaugen, wenn sie Luftballons, Plakate und T-Shirts mit ihren Initialen versehen.

Workshops der etwas anderen Art

Daneben bietet Holzpixel Veranstaltungen für verschiedene Besuchergruppen an, dazu Workshops und die unterschiedlichsten Erlebnistage. So manches Unternehmen bucht die Druckwerkstatt als Lokation für Innovationsmeetings oder um neue Designmethoden zu erforschen. War er dafür früher noch viel mit seiner „fahrbaren Werkstatt“ unterwegs, findet heute alles in der Blessenstätte statt. Nur manchmal macht er noch Ausnahmen. So wie im November für die Schüler-Experimentiermesse MINT. Da war er dann wieder mit dem obligatorischen Bollerwagen im Carl-Miele-Kolleg zu sehen, bevor er abends besagte Vernissage in der eigenen Werkstatt ausrichtete. „Ich sehe mich durchaus als Kulturvermittler“, sagt er. „Und ich gebe auch zu, meinen Traum zu realisieren, hat lange gedauert, weil ich  so detailverliebt bin. Doch jetzt ist alles fertig, sodass ich hier sehr gut arbeiten kann und die Gäste bei den Veranstaltungen ein rundum sinnliches Erlebnis haben.“ All das, betont er gerne und oft, wäre ohne dieses Haus in dem Umfang gar nicht möglich. Und letztendlich beginnt hier alles bereits beim Betreten der Werkstatt, weil der Geruch von frischer Farbe ist der Luft liegt.