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Wendy Godt, Geschäftsführerin freudepur, Dreiecksplatz, und Marcel Knass, Geschäftsführer des Sneaker-Spezialisten Mate, Berliner Straße. Foto: Wolfgang Sauer.

Einfach machen!

Handel in der Innenstadt findet nicht mehr nur in der Fußgängerzone statt, sondern vermehrt auch im Internet. Darauf müssen Einzelhändler, Stadt und Immobilieneigentümer reagieren. Im Stadtgespräch wünschen sich zwei jüngere Vertreter der Gütersloher Kaufmannschaft eine konsequente Stärkung der Anziehungskraft der Innenstadt. Ihre Haltung ist klar: Gefordert ist mehr Initiative und Geschlossenheit in den eigenen Reihen und mehr Mut auf Seiten von Politik und Verwaltung. Ihre Überzeugung: Die Innenstadt braucht einen Ausbau des Sortimentsmix’, die Menschen das abwechslungsreiche Einkaufserlebnis. 

Der Handel ist im Wandel, heute mehr denn je. Neue Vertriebs- und Präsentationsformen, gnadenlose Preiskriege und der Erlebnishunger der Kunden machen es den Einzelhändlern schwer, im Wettbewerb des immer Schöner, Schneller, Aktueller nicht unterzugehen. Die wachsende Online-Konkurrenz wird mehr und mehr zur Bedrohung, der Kaufkraftabfluss in der Region ist eine Tatsache – Loom und Outlets in der Region lassen grüßen. GT-INFO bat Wendy Godt und Marcel Knass aus der jüngeren Kaufmannschaft zum Gespräch: Was tun, Ihr Einzelhändler?

Frau Godt, Herr Knass, Sie sind seit zehn, beziehungsweise seit vier Jahren, mit ihren Geschäften in der Innenstadt vertreten, sprechen Ihre Zielgruppen mit unterschiedlichen Konzepten an und haben damit Erfolg. Was machen Sie anders als andere? 

Knass: Es gibt keine Patentrezepte. Jeder muss sich um sein eigenes Geschäft kümmern. Mit dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten in der Berliner Straße haben wir eine sehr große Akzeptanz in der Stadt erfahren. Wir haben eine andere Präsenz nach außen und freuen uns über sehr viel mehr Kundschaft. 

Godt: Auch wir sind zunächst mal sicher begünstigt durch unseren Standort am Dreiecksplatz. Da bieten sich vielfältige Möglichkeiten, für ein einladendes Ambiente zu sorgen, zum Beispiel dem Kunden vor dem Geschäft in der Sonne einen Espresso zu reichen.

Knass: Wäre auch für uns schön, darf ich aber nicht, da ist das Ordnungsamt vor. 

Godt: Dann muss man sich etwas anderes einfallen lassen. Wichtig ist, dass man auf sich aufmerksam macht, wodurch auch immer. Ich wünsche mir das für die ganze Stadt, dass hier eine offene, flexible, kreative Atmosphäre herrscht. Viele Ideen werden schon im Ansatz erstickt.

Sie meinen rechtliche Vorgaben, wenn es zum Beispiel um einen halben Meter Bürgersteinnutzung geht oder ähnliches?

Godt: Nichts gegen Bürokratie. Ohne Sicherheit und Ordnungsprinzipien geht es ja nicht. Aber man kann ja auch locker an die Sachen rangehen. Ich will mal ein Beispiel nennen: Wenn es richtig kalt wird mit Minustemperaturen, würden wir am liebsten sofort eine Eisbahn rund um den Dreiecksplatz anlegen, wie die Eiswiese im Stadtpark, als Aktion in der Stadt und nicht außerhalb. Leider würde das an vielen behördlichen Hürden scheitern.

Warum?

Godt: Weil die natürlich an irgendwelche Vorgaben gebunden sind und man keinen Fehler machen will. Aber meiner Meinung nach ist das auch ein Mentalitätsproblem. Anstatt lange zu überlegen, warum etwas nicht geht, könnte man doch kreativ nach Lösungen suchen, um eine gute Idee auch umzusetzen. Denn Lösungen gibt es immer! Dieses Zögern und Zaudern ist sehr schade, weil wir unser Ziel, dass die Innenstadt ein beliebter Aufenthaltsort ist, damit nicht erreichen. Wir brauchen aber zusätzliche attraktive Angebote, damit die Stadt ihre Sogwirkung entfaltet. Es muss immer was los sein, aber dafür müssen die Beteiligten auch an einem Strang ziehen. Mein Wunsch: einfach machen!

Wir haben zurzeit vor allem bei den Einzelhändlern den Eindruck, dass sie an diesem einen Strang nicht ziehen, sondern dass sie eher vereinzelt vor sich hin wurschteln. Gibt es zu wenige Aktivisten?

Godt: Sieht so aus, man kehrt lieber vor der eigenen Tür. Vielleicht wäre es gut, wenn sich eine neue Initiative unter den Einzelhändlern bildet, um Ideen umzusetzen. Es gibt echt noch so viel Potenzial in Gütersloh! 

Knass: Es ist wichtig, dass regelmäßig ein Austausch unter den stationären Händlern stattfindet. Darüber hinaus könnte man darüber nachdenken, ein Team zu bilden, das als Schnittstelle zwischen Einzelhändlern und Stadt fungiert. Eine Aufgabe dieses Teams könnte sein, Ideen aufzugreifen, sie auf Umsetzbarkeit zu prüfen und Entscheidungsträgern vorzutragen.  

Wer sollte denn da rein? Einzelhändler, Politik, Rathaus, alles schön paritätisch?

Godt: Weiß nicht, aber kreative Leute sollten es sein!

Stichwort Ideen: Liefern Sie doch bitte mal. Was sind Ihre Vorstellungen? Wie könnte die Innenstadt für die Zukunft besser aufgestellt werden, wie kriegen Sie auch junges Publikum in die Stadt?

Knass: Um wirklich was zu verändern, müsste man meiner Meinung nach mal einen anderen Weg einschlagen. Zum 

Beispiel könnte man darüber nachdenken, dass sich die Stadt als Standort anbietet und in ihrer Lenkungswirkung für einen optimalen Sortiments- und Angebotsmix anhand der vorhandenen freien Immobilien sorgt. Interessenten könnten sich mit ihren Konzepten bei der Stadt bewerben, die wiederum den Kontakt zu den Eigentümern der geeigneten leerstehenden Immobilienobjekte aufnimmt, gegebenenfalls direkt die Vermietung übernimmt. Klar könnte man einwenden, das riecht nach Wettbewerbsverzerrung; es ist ja auch nicht zu Ende gedacht, aber man müsste mal in diese Richtung denken. 

Godt: Pop-up-stores sind gut! Hier müsste die Stadt beziehungsweise Gütersloh Marketing noch konsequenter das Leerstands-Management  betreiben und den Kontakt zu den Immobilienbesitzern pflegen. Lieber was machen, als eine Immobilie leer stehen zu lassen! Zwischennutzungen tragen dazu bei, die Innenstadt lebendig zu erhalten. Das geht schnell, einfach und ist flexibel. Egal, was da kurz- oder mittelfristig  reinkommt, ob Start-up-Unternehmen, Kunst, Kultur oder soziale Projekte – Hauptsache ist, dass die Stadt an Vielfalt gewinnt. Alle haben doch Angst vor Leerstand. Wir brauchen eine neue Initiative, um Leerstände zu nutzen.

Knass: Die Gründerszene in die Stadt zu holen, finde ich eine gute Idee. Junge Gründer denken Onlinehandel und Digitalisierung bei ihren Geschäftsideen mit, sodass sie auch langfristig in der Innenstadt bestehen können. Da kann sich aus einem Pop-up-store auch Langfristiges entwickeln.

Bei den Pop-up-stores liegt der Ball bei den Immobilienbesitzern ...

Godt: Klar. Die Stadt oder wer auch immer sollte an die Eigentümer der leerstehenden Immobilien appellieren, ihren Leerstand für eine Zwischennutzung zu öffnen. Sie tragen ja dadurch zu einem interessanten Mix in der Innenstadt bei. 

Knass: Die Eröffnung von Pop-ups hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen helfen sie, Neugründern ihr Konzept zu einem oft geringen Risiko auf ihre Akzeptanz in der Innenstadt zu erkunden und zum anderen steigern die Stores immer die Attraktivität einer Immobilie. Ich habe in diesem Zusammenhang noch einen anderen Vorschlag: Man könnte aus den Mitgliedsbeiträgen für die Werbegemeinschaft einen Fonds für Existenzgründer bilden. Die bekommen dann daraus eine Unterstützung, um in der allerersten Zeit ihre Mietkosten zu senken. In diesem Zusammenhang sollten Immobilieneigentümer auch über eine Anpassung ihrer Mieten nachdenken. Das Hochpreisniveau in den Toplagen ist von den meisten Interessenten nicht zu stemmen.

Ihr Fondsmodell hieße doch: Die Einzelhändler bezahlen damit sozusagen ihre eigene Konkurrenz?

Knass: Andersrum. Die Einzelhändler investieren direkt in die Belebung der Innenstadt. Das hilft ihnen letztlich selbst.  

Godt: Sehe ich genauso. Beispiel zweiter Eisladen am Dreiecksplatz. Aus meiner Sicht hat das noch mehr Menschen zum Dreiecksplatz gezogen, und das bestehende Eisgeschäft hat die Konkurrenz mit neuen, kreativen Ideen beantwortet. So haben alle was davon: beide Eisgeschäfte und die Kunden.

Was fehlt Ihnen eigentlich im Sortimentsmix der Innenstadt? 

Knass: Ein Beispiel: Gastronomie. Natürlich gibt es hier schöne Lokale, aber meiner Meinung nach zu wenige. Ein bisschen Großstadtflair wäre schön, um mal mit einem Freund nach der Arbeit in einer Kneipe etwas besprechen zu können. Ich weiß hier nicht so recht, wo ich hingehen soll. Ich verstehe auch nicht, warum so viele Geschäfte schon um 18 Uhr dicht machen. Wir brauchen meiner Meinung nach längere Öffnungszeiten – aber verlässlich für alle. Dann braucht der Kunde nicht zu raten, wer wohl noch geöffnet hat und wer nicht.

Godt: Bei den Öffnungszeiten könnte ich mir flexible Varianten vorstellen. Vielleicht reicht ja zunächst ein Tag in der Woche oder im Monat. Hauptsache ist: Es ist dann einheitlich.

Knass: Wir brauchen auch mehr kleinere Geschäfte mit dem besonderen Akzent. Das macht doch eine Stadt aus: dass ich auch in den Seitenstraßen etwas Überraschendes finden kann neben den üblichen Filialen der großen Ketten, die ja auch vom Publikum gewollt und gesucht werden. Also: schöne Geschäfte gleich höhere Verweildauer in der Stadt und damit mehr Belebung. Und es ist auch attraktiv, schöne Fassaden anzugestrahlen und hier und da auch mal für eine künstlerische Installation zu sorgen.

Gibt es genug Events in der Stadt? Die Menschen brauchen ja auch einen Anlass, um in die Stadt zu fahren.

Godt: Wir haben sehr schöne Events und auch viele, oft zu wenig auf die Innenstadt verteilt. In manchen Bereichen der Stadt passiert eigentlich gar nichts. Was wir da brauchen, ist mehr Gemeinsamkeit unter den Einzelhändlern. Gelegenheiten gibt’s genug, und wenn es nur eine Geschäftseröffnung nebenan ist. Warum nicht die Läden rechts und links daran beteiligen? Die bringen doch zusätzliches Publikum. Oder eine Reihe von Einzelhändlern veranstaltet an einem gemeinsamen Abend etwas zusammen. Von diesen Initiativen gibt es einfach zu wenig. Wir brauchen eine andere Mentalität und viel mehr Gemeinsamkeit. Und bei den ganz großen Events müssen auch mehr Geschäfte beteiligt werden. 

Das ist beim Weihnachtsmarkt leichter gesagt als getan. Der Platz ist schnell voll.

Knass: Das verstehe ich hier in Gütersloh nicht: Warum zentriert man die Feste so? Der Weihnachtsmarkt könnte doch ganz leicht ausgedehnt werden in weitere Straßen rechts und links. Das geht doch woanders auch. In Lippstadt zum Beispiel und in Bielefeld. Dafür streitet man sich hier in Gütersloh lieber darüber, ob eine Hütte zehn Zentimeter zu weit nach vorne oder hinten steht. Um sie dann komplett neu aufzustellen.

Godt: Das gilt für viele Veranstaltungen. Warum findet der Weinmarkt zum Beispiel nur auf einem Platz statt, warum wird das nicht weiter verteilt und über die Fläche gezogen? Warum sollte der Besucher nicht in der ganzen Stadt spüren, dass in Gütersloh Weinfest ist? Wir holen die Leute an einen Punkt, davon haben aber andere Straßen und das gesamte Stadtbild nichts. Für mich ist die langenachtderkunst ein tolles Beispiel, wie man es durch viel Bewegung von Attraktion zu Attraktion besser machen kann. Ein anderes Beispiel: Wir haben am Dreiecksplatz zum ersten Mal eine Krippenausstellung. Wenn viele Geschäfte in der Stadt daran teilnehmen würden, könnte Gütersloh zu einer großen Krippenausstellung in der Weihnachtszeit werden und der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. 

Thema Onlinegeschäft. Wie wichtig ist diese Vertriebsform für Sie heute?

Knass: Der stationäre Handel ist unsere Basis. Diese ergänzen wir durch einen gut aufgebauten Online-Store, der uns die Tür zur ganzen Welt ebnet und natürlich als Verkaufstreiber dient. 

Verkaufen Sie online mehr an das heimische oder an das überregionale Publikum?

Knass: Wir verkaufen zwar an die ganze Welt, aber in letzter Zeit beobachten wir, dass auch unsere heimischen Kunden mehr und mehr über unseren Online-Store kaufen. 

Was halten Sie von Online-Plattformen für die Einzelhändler? 

Knass: Eine grundsätzlich gute Idee, vor allem für die, die selbst über kein Websiteangebot verfügen. Ich denke da aber auch an kleinere Lösungen. Zum Beispiel an die sogenannten Stadtinformationstafeln. Warum nicht solche Tafeln am Anfang einer Fußgängerzone platzieren und einen Lageplan aller Läden rechts und links der betreffenden Straße zeigen? Die einzelnen Betriebe könnte man per QR verlinken, idealerweise auch direkt hin navigieren. Ich selbst habe erleben müssen, dass viele Kunden nichts von unserer Existenz in der Moltkestraße wussten, obwohl es uns dort seit vier Jahren bereits gab!

Godt: Ich denke, dass es viele Projekte und Ideen bei einigen Geschäftsleuten gibt, und würde mich freuen, wenn die gemeinsam erarbeitet und umgesetzt werden. Bei der einen oder anderen Idee, zum Beispiel den Informationstafeln der Stadt, die Marcel Knass angesprochen hat, könnte mit der Stadt Gütersloh ein gemeinsames Konzept erarbeitet werden. Zu Ihrer Frage: Eine Online-Präsenz ist zwingend notwendig, alleine, um die Produktpalette des Geschäftes darzustellen. Bei individuellen Produkten beziehungsweise Nischenprodukten wird unser Onlineshop angenommen, eher weniger bei Möbeln und im Onlinehandel breit vertretener Produkte, wo im Netz auch ein großer Preiskampf herrscht. Aber ob Online- oder stationäres Geschäft, ich bleibe dabei: Wir müssen mehr gemeinsam auf die Beine stellen, um uns abzuheben von anderen Städten.