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Chancen nutzen

Gütersloh ist ein starkes Stück Ostwestfalen. Wirtschaftlich überdurchschnittlich aufgestellt, eine Region, in der es sich gut leben lässt. Die Menschen hier gelten als zuverlässig und bodenständig. Aber wie reagieren die Ostwestfalen auf innovative Ansätze, auf die Herausforderungen unserer Gesellschaft im Bereich des globalen Wandels? Wie ist die Region auf die Digitalisierung eingestellt – sind die digitalen Trends bei uns angekommen? Diesen und darüber hinausgehenden Fragen stellt sich seit einiger Zeit ein Zusammenschluss von Menschen, die sich mit digitalen Themen beschäftigen und den einfachen Austausch auf Augenhöhe suchen. Der Anfang wurde vor einigen Wochen mit dem Projekt OWL digital gemacht, dessen Initiatoren sich am 25. November nunmehr zum dritten Mal in der Weberei treffen werden. Bei diesem Treffen wird nicht nur der bekannte Kommunalexperte Willi Kaczorowski zum Thema Digitalisierung referieren, darüber hinaus soll das Problem digitaler Infrastrukturen an Schulen in Gütersloh thematisiert werden. Aus Anlass des dritten Treffens der Gruppe sprach GT-INFO-Chefredakteur Markus Corsmeyer mit den Initiatoren und Gründungsmitgliedern Jan Westerbarkey, Judit Schweitzer und Ole Wintermann über das Thema Digitalisierung in Gütersloh.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff OWL digital? Worum geht es bei diesen Treffen?

Ole Wintermann: Ausgangpunkt war die Erfahrung, die die Internetgemeinde in Berlin mit dem Format UdL digital gemacht hat. Dort haben sich über Monate hinweg immer wieder Leute aus der Netz-Community getroffen und über digitale Themen gesprochen. Dieser Kreis von Interessierten hat eine gewisse Gravitation auf weitere Bereiche der Netz-Community in Berlin ausgeübt. UdL Digital hat sich zum Format entwickelt. Wir möchten dieses erfolgreiche Format auch nach Bielefeld und Gütersloh – nach Ostwestfalen bringen. Deshalb haben wir uns OWL digital genannt. Im Sommer haben wir uns das erste Mal getroffen – organisiert über eine entsprechende Facebook-Gruppe. Unser Ziel ist es, das Thema „Digitale Agenda“ vor Ort erfahrbar und begreifbar zu machen. Wir haben in unterschiedlichen Kontexten, in denen wir arbeiten, die Erfahrung gemacht, dass es ganz wichtig ist, für die Menschen das digitale Thema zu übersetzen und sich mit Gleichgesinnten zu treffen, um sich auszutauschen. Wir tauschen uns zum Beispiel zu den Themen Freifunk in Gütersloh oder Smart City aus. Wir wollen aber auch das Thema „Digitale Agenda“ der Bundesregierung auf den Boden bringen, es erden. Die Vorstellung der „Digitalen Agenda“ hat gezeigt, dass es sehr viel Verbesserungspotential gibt. Das wollen wir hier an die starke Region adressieren.

Judit Schweitzer: Wir möchten einen Ort der Begegnung für alle schaffen, die das Gefühl haben, in diesem Zusammenhang passiert etwas. Mein Gefühl sagt mir, dass in der Region viele kleinere mittelständische Unternehmen die Digitalisierung nicht ohne weiteres umsetzen können. Es herrscht noch eine gewisse Zurückhaltung. In der Gruppe soll die Hemmschwelle für dieses Thema sehr niedrig gehalten werden. Bei uns sollen sich die Interessierten austauschen können. Die Region ist wirtschaftlich stark – stark sind wir aber nicht unbedingt im innovativen Bereich der Digitalisierung und im digitalen Wandel. Beim dritten Treffen am 25. November laden wir deshalb Willi Kaczorowski ein. Er hat das Buch „Die smarte Stadt – den digitalen Wandel intelligent gestalten“ geschrieben.

Jan Westerbarkey: Wir sind keine Gralshüter, sondern Benchmark respektive Sparringspartner. OWL digital ist vergleichbar mit der Agenda 21 seinerzeit in Gütersloh: politisch gewollt, aber ohne Medium der Bürgerbeteiligung ... Hier kann sich jeder einbringen und mitmachen. Ich glaube, wir haben die Wahl: entweder gehören wir zu den Machern – oder wir gehören zu den Erleidenden ... Es geht um Big Data, um Big Speed. Manche Leute sagen, dass wir zu Marionetten werden. Als Mittelständler möchte ich gerne mitspielen dürfen. Innovation hat nichts mit Unternehmensgröße zu tun – das zeigen uns aus meiner Sicht auch die kleinen Start-ups. Wir müssen uns auf die Digitalisierung einlassen, weil wir eine Veränderung in der Organisation bekommen werden. Wir haben es aber auch mit den Wünschen und den Ansprüchen der Generation Y, dieser nachwachsenden Generation, zu tun.

Sie erwähnten es bereits: Am 25. November kommt Willi Kaczorowski mit seinem Vortrag über die „Smart City“nach Gütersloh in die Weberei ...

Ole Wintermann: Willi Kaczorowski übersetzt zum ersten Mal in dieser Form die sozialen und gesellschaftlichen Implikationen auf der kommunalen Ebene der Digitalisierung. Digitalisierung wird zu häufig als technische Frage betrachtet. Es geht nicht nur um die Frage, wie viele Breitbandmöglichkeiten wir vor Ort haben. Es geht auch über die Versorgung hinaus. Die weitreichenden Implikationen für unser tägliches Leben sind bisher nicht so bekannt. Dieses Buch „Smart City“ zeigt uns zum ersten Mal auf, welche Wirkung Digitalisierung im kommunalen Alltag hat. Welche Bedeutung hat es für die kommunale Verwaltung, für den Sportverein, für das Familienleben und auch das Freizeitverhalten in einer Stadt? Es ergeben sich gewaltige Auswirkungen, die die eigentlich kommunale Verwaltung sehr viel mehr interessieren müsste. Es geht eben nicht nur um die Frage des Breitbandausbaus, der in Gütersloh auch ein Thema ist, sondern vielmehr um die Fragen: Brauchen wir in Zukunft überhaupt noch Innenstädte? Brauchen wir noch Einkaufspassagen? Ist es die Zukunft, in die Stadt zu fahren? Die Stadt Gütersloh, die auch Mitglied im Netzwerk der Modellkommunen E-Government der Bundesrepublik ist, täte gut daran, an dieser Stelle die Ohren aufzustellen, um zu überlegen, wie man diese Chance nutzen kann ...

Wie ist Gütersloh in diesem Bereich aufgestellt?

Ole Wintermann: Die Debatte über den Breitbandausbau ist zum Glück unter anderem durch den Verein „Freifunk in Gütersloh“ in Gang gesetzt worden. Wir sind da auf einem guten Weg, dürfen uns aber nichts vormachen lassen von gewissen großen Unternehmen im Mobilfunkbereich. Im Bereich Digitalisierung ist Gütersloh im Moment noch reiner Durchschnitt.

Sie sprechen von einer mangelnden digitalen Infrastruktur in den Schulen. Wie kann man dieses Problem lösen?

Ole Wintermann: Die digitale Infrastruktur ist an vielen Schulen durch die gesetzliche Lage – Thema Störerhaftung in Deutschland – nun einmal so, wie sie ist. Die Schuld daran haben nicht die Schulen – es liegt an der Politik ... Es gibt bei den Schülern in Gütersloh einen gewissen Unmut. Ich bin selbst Elternvertreter und werde auch immer wieder auf dieses Thema angesprochen. Wir sind bei der Digitalisierung der Schulen auf einem guten Weg. Natürlich könnte sie schneller gehen, aber es gibt entsprechende Gespräche und Bemühungen. Man kann so etwas schlecht von oben steuern. Das ist eine kulturelle Frage – eine Frage der Haltung. Die Entwicklung muss unten stattfinden. Wir müssen Schüler in ihrem Engagement und der Nutzung des Internets stärken. Wir müssen aber auch innovative Lehrer, die in diesem Zusammenhang vorangehen, stärken. Die Frage der digitalen Infrastruktur ist nur das eine – das andere ist die Frage der sinnvollen Verwendung. Schüler müssen lernen, kollaborativ und transparent digital zusammenzuarbeiten. Leider herrscht immer noch bei den Lehrern Skepsis bei den digitalen Möglichkeiten.

Jan Westerbarkey: Dann gibt es auch Ansätze wie Idea-Thinking, wo digitale Medien im Unterricht genutzt werden können. Soll heißen: Es gibt nicht nur eine Landkarte – sie kann auch interaktiv gesteuert werden. Das sind kleine Sachen, aber das, was gelernt wird, liegt um ein Vielfaches höher. Und ich bin ganz ehrlich: Das gefällt mir auch besser als irgendwelche Overhead-Folien ...

Eine Frage an den Unternehmer Jan Westerbarkey. Rohre und Digitalisierung. Wie passt das zusammen?

Jan Westerbarkey: Es geht an dieser Stelle weder um mich, noch um das Unternehmen Westaflex, sondern es geht um die Sache. Ich habe noch kein ferngesteuertes Gefühl, was elektronische Dienste oder Komponenten angeht, aber ich merke, dass wir den Anschluss für viele Dinge verlieren, wenn wir nicht gezielt vorgehen und Kooperationen suchen. Mir fehlt die Innovation in vielen Bereichen. Uns interessiert deshalb das Thema Digitalisierung, um weiter mitspielen zu dürfen. Auch unsere Produkte, obwohl man das nicht annimmt, werden immer mehr digitale Anteile haben.

Ole Wintermann: Ich bin kein Mittelstandsexperte, aber mir fällt beim Blick von außen auf, dass es eine der großen Herausforderungen von Unternehmen in Ostwestfalen im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Arbeitswelten sein wird, die Auswirkungen von Digitalisierung auf Arbeitsprozesse zu bewältigen. Man muss die Frage beantworten: Wer hat eigentlich etwas zu sagen? Gerade mittelständische Unternehmen, die häufig auf eine Person zugeschnitten sind, müssen sich der Herausforderung stellen, dass die Menschen, die zum Werkstor kommen und dort acht Stunden des Tages verbringen, nicht das Nachdenken ausschalten. Man muss das aufnehmen. Wir haben den souveränen Staatsbürger nicht nur außerhalb des Werkstores, sondern auch auf dem Betriebsgelände. Gerade dort wird er sich weiter kritisch einbringen wollen. Wie können Mechanismen in diesen personenzentrierten mittelständischen Unternehmen aussehen, die einerseits die Hierarchie akzeptieren, andererseits aber auch eine Wertschätzung gegenüber diesen kreativen und innovativen Mitarbeitern ermöglichen? Da kann man sehr viel von Westaflex und anderen Unternehmen lernen.

Wie ist der ostwestfälische Mittelstand im Bereich der Digitalisierung aufgestellt?

Jan Westerbarkey: Ich glaube, dass – wie bei uns – irgendwann einmal der Groschen fallen muss. Wir machen keine Rohre, sondern wir schaffen Lebensräume. Digitalisierung ist der Einstieg in neue Produkte und ein neues Serviceangebot, denn viele dieser digitalen Sachen können Märkte eröffnen und Dienstleistungsberufe am Standort ermöglichen.

Müssen sich einige Unternehmen einer radikalen Innovationskur unterziehen?

Jan Westerbarkey: Unternehmen tun gut daran, ihr Handeln nicht im Rückspiegel zu betrachten. Sie sollten mit offenen Augen schauen, welche Werkzeuge die nächste Generation benutzt. Wir müssen eine Diskussion zulassen und einsehen, dass die Sichten aus Altväterzeit für die Zukunft nicht ausreichend sind. Jedes inhabergeführte Unternehmen ist gut beraten, sein Innovationsteam aufzustellen.

Judit Schweitzer: Wir brauchen in diesem Zusammenhang auch die Querdenker. Ole Wintermann: Wenn Jan Westerbarkey sagt, dass er keine Rohre produziert, sondern Lebensräume schafft, interessiert es mich, wie er es geschafft hat, dafür ein Bewusstsein zu bekommen. Das ist ein Mentalitätswechsel …

Judit Schweitzer: … geht das, weil du es im Unternehmen als Kopf vorlebst? Jan Westerbarkey: Das ist eine grundsätzliche Einstellungsfrage. Wir sind in unterschiedlichen Geschäftsbereichen tätig. Wir müssen uns immer die Frage beantworten: Wo möchte ich in den nächsten fünf oder zehn Jahren stehen? Möchte ich zu den Systemintegratoren gehören – oder bin ich austauschbar mit einem Artikel aus Kleinasien. Wenn man das begriffen hat, dann lässt man Dinge los und stellt bewusst auch in Meetings die Frage nach den Gegenmeinungen.

Ole Wintermann: Es wäre prima, wenn wir es schaffen könnten, mit OWL digital all die Erfahrungen, die wir bereits in diesem Kreis gemacht haben, stärker in die Politik zu bringen. Vielleicht findet sich ja bei einem der nächsten Treffen der eine oder andere politische Akteur aus Gütersloh ein, damit wir einmal ins Gespräch kommen können.


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