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Multi-Kulti-Club

Mit einem Bevölkerungsanteil von mehr als zehn Prozent sind die rund 10.000 aramäischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ein prägender Teil des Gütersloher Gesellschaftsbildes. Auch im Fußballsport führt längst kein Weg mehr an den überwiegend syrisch-orthodoxen Christen vorbei. Mit Tur Abdin und den Aramäern Gütersloh bereichern zwei Vereine mit ihrem gelegentlich überschnappenden südländischen Temperament die Kreisliga A. Mit dem ASC Suryoye ist ein dritter Club in der Kreisliga B beheimatet. Keimzelle aller drei und somit der älteste aramäische Fußballverein der Stadt ist Tur Abdin Gütersloh. In diesem Jahr feiert die Vereinigung vom „Berg der Knechte Gottes“ (so die aramäische Übersetzung der namensgebenden
Landschaft Tur Abdin im Südosten der heutigen Türkei) ihr 40-jähriges Bestehen.

Neben ihrer Kultur, ihrer Sprache, Sitten, Bräuche sowie dem von ihren familiären Wurzeln geprägten, gigantischen Zusammenhalt hatten die Neuankömmlinge vor 47 Jahren auch einen bis heute erhaltenen Stolz auf die eigene biblische, weit bis in die Zeit vor Christus zurückreichende Historie im Gepäck. In schriftlichen Quellen taucht die Landschaft vom „Berg der Knechte Gottes“ bereits im 13. Jahrhundert vor Christus auf. Da später zur Zeit Jesu die aramäische Sprache von Palästina bis zum Perserreich sowie darüber hinaus verbreitet war, gehen Historiker davon aus, dass Jesus und seine Jünger eine Form des Aramäischen, genauer gesagt jüdisch-palästinisches Aramäisch, gesprochen haben.  Um in der neuen Heimat ihre Sprache und Identität zu erhalten sowie Gemeinschaft und Beisammensein pflegen zu können, wurde 1979 – acht Jahre vor Gründung der ersten (1987, St. Maria, Eichenallee) von heute drei eigenständigen Kirchengemeinden –  der „Aramäische Jugendverein St. Gabriel“ ins Leben gerufen. Die (sportlichen) Aktivitäten von damals hatten mit dem Heute und Jetzt allerdings nur bedingt zu tun. „Anfangs gab es Musik- und Folkloregruppen, Theaterstücke, Reisen ins Ausland oder viele Hobby-Fußballturniere für aramäische Mannschaften. Die feste Fußballabteilung wurde erst 1981 gegründet. „1982 haben wir den Spielbetrieb aufgenommen“, berichtet der seit November 2017 amtierende 1. Vorsitzende Robert Gök (39) aus Erzählungen von den Gründertagen. Wie ein ins Wasser geworfener Stein zog die Idee durch den kontinuierlichen Zuzug weiterer Familienangehöriger und Landsleuten immer größere Kreise. 2001 nahmen mit der A- und B-Jugend  die ersten aramäischen Jugendteams den Spielbetrieb auf. Bei den Senioren stellten sich nach Neugründung in der Kreisliga C fußballerisch sehr schnell erste Erfolge ein. 1988/1989 wurde der Aufstieg in die Kreisliga B geschafft. 1991/1992 ging es nach dem Abstieg zwar zurück ins Unterhaus, doch schon in der nächsten Serie 1992/1993 wurde der Betriebsunfall repariert. 1997/1998 gelang der Sprung in die A-Liga. Seit dem ersten von drei Bezirksligaaufstiegen (2000/2001, 2008/2009, 2014/2015) pendelt der heute 200 Mitglieder und drei Mannschaften große Verein zwischen Bezirksliga und Kreisliga A. Tiefer hinunter ging es zur Freude der rührigen Enthusiasten nicht mehr. In der vergangenen Serie 2017/2018 roch es nach einer extrem bescheidenen Hinserie und dem letzten Tabellenplatz zeitweise wieder nach Kreisliga B. Der vom Neuvorstand um Robert Gök initiierte Trainerwechsel zu Adi Bofal nebst Platz 3 der Rückrundentabellen reichten am Ende zum sicheren Klassenerhalt. Der eingeschlagene Weg wurde vor der laufenden Spielzeit konsequent fortgeführt. Vor der Serie 2018/2019 übernahm mit dem langjährigen Landesliga-Spieler (Avenwedde, Spexard, Steinhagen) Spiros Katsaounis (40) ein neuer Mann an der Seitenlinie das Kommando. Nach langjährigen Erfahrungen im Jugendbereich führte der C-Schein-Inhaber die Mannschaft bei seiner ersten Trainerstation im Seniorenbereich auf Anhieb in die Top Fünf der Liga. Der Blick auf das Torverhältnis von 71:49 nach 22 Spieltagen (Stand Mitte März) verrät schon die großen Stärken und Schwächen des Kaders.  Die erzielten Tore sind dank der treffsicheren Vollstreckerqualitäten von Benjamin Aydin (22 Tore), David Parker (12) und Alexios Nastas (11) die zweitbeste Ausbeute der Liga. Über die Anzahl der Gegentreffer (20 mehr als die ersten drei) würde Spiros Katsaounis am liebsten den Mantel des Schweigens decken: „Wir schießen viele Tore, kriegen hinten aber auch viele rein. So wie Werder Bremen in den 1990er-Jahren. Es wird am liebsten nach vorne gedacht.“ Ansonsten zeigt sich der Verantwortliche mit Kader und Umfeld unter dem von ihm vorgegebenen Stichwort „Raum für Leistung“ indes „sehr zufrieden.“ Spiros Katsaounis: „Es steckt unglaubliche Power dahinter. Wenn man alleine das Budget sieht, kann man in den nächsten Jahren viel bewegen.“
Nicht auszudenken, die drei eigenständigen Vereine mit den einenden aramäischen Wurzeln würden eines Tages ihren Stolz überwinden und ihre Kräfte in Form einer Fusion zu einem neuen Fußballriesen bündeln. Robert Gök: „Die Kraft, die dahinter steckt, wäre gigantisch.“ Bereits jetzt kommen zu Tur Abdin-Heimspielen zwischen 400 bis 500 Zuschauer zum Areal am Kamphof. Auch in Sachen Wirtschaftskraft wäre ein zu einem „FC Aramäer Gütersloh“ vereintes „Volk des Lichtes“ vielen etablierten Vereinen um Lichtjahre voraus. Mit Blick auf das wochenlange Hickhack um den vom Oberligisten FC Gütersloh für 125.000 Euro geplanten Neubau eines neuen Multifunktionsraumes stellt der Chef von Tur Abdin ohne Häme oder Überheblichkeit fest: „Das Geld hätten wir in 14 Tagen zusammen.“ In Schweden gibt es bereits eine aramäische Fußballmannschaft im Profisport. Ein Vorbild für Gütersloh? Robert Gök: „Die Idee beschäftigt uns immer wieder jedes Jahr. Es gäbe auch keinen Nachteil. Momentan sind die Vereine allerdings noch nicht bereit dafür. Jeder ist damit beschäftigt, seinen eigenen Club weiter zu entwickeln.“
Für die Spieler von Robert Gök und Spiros Katsounis geht es in der Serie 2019/2020 um einen Platz im oberen Drittel. Ohne konkret zu werden, berichtet das Präsidenten/Trainer-
Duo zur Verbesserung der Kaderbreite von „sehr guten Gesprächen mit einigen interessanten Spielern.“ Faustpfand des Erfolges soll indes die Eingespieltheit bleiben. Rund 95 Prozent der jetzigen Aktiven soll auch in der kommenden Spielzeit mit Stolz das Trikot „vom Berg der Knechte Gottes“ tragen. Nach den Erfahrungen der jetzigen Spielzeit richtet Spiros Katsaounis sein Augenmerk darauf aus „den Mannschaftsgeist zu stärken und die Zahl der Gegentore zu reduzieren.“ Was dann am Ende herauskommt, „müssen wir abwarten.“ Leicht machen werde man es den Gegnern jedenfalls nicht. Spiros Katsaounis: „Bei Tur Abdin bekommt keine Mannschaft etwas geschenkt.“ Aus dem anfänglich rein aramäischen Fußballverein ist dabei längst ein fröhlicher Menschen, Rassen und Religionen vereinender Multi-Kulti-Club geworden. Zwar stellt die Gründernation in der 1. Mannschaft, 2. Mannschaft und B-Jugend immer noch den Löwenanteil der Aktiven. Mit Griechen, Rumänen, Engländern, Deutschen und Jesiden spiegelt die Kreisliga-A-Mannschaft jedoch längst den bunten, vielfältigen Gütersloher Bevölkerungsmix wieder. Genau darum geht es dem Vorstand um Robert Gök: „Wir sind für jedermann offen. Wir weisen niemanden ab. Jeder der Fußball spielen oder bei uns Mitglied werden möchte, wird mit offenen Armen aufgenommen.“

Jens Dünhölter, Fotograf und Journalist, stellt für das GT-INFO in dieser Serie Gütersloher Sportvereine vor.

Foto: Jens Dünhölter
Zweikämpfe: Bei Tur Abdin bekommt keiner etwas geschenkt.


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