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„Tut endlich was für’s Klima!“

New York, Rio, Tokio, Sydney, Kapstadt, Helsinki, Neu-Delhi, Madrid, Berlin und auch Gütersloh – an 2.083 Orten in 125 Ländern gab es am 15. März 2019 nur eine einzige Botschaft: „Tut endlich was für’s Klima!“ Mehr als 1,5 Millionen Menschen protestierten bei diesem internationalen Klimastreik, so lauten die Zahlen des Umweltinstitut München.
Es war die erste weltweite Demonstration der Bewegung „Friday for Future“ (FFF), die im Dezember 2018 mit der 15-jährigen Schwedin Greta Thunberg ihren Anfang nahm. Damals hielt sie eine aufsehenerregende Rede vor der Weltklimakonferenz in Kattowitz. Im Januar 2019 wiederholte sie ihr Anliegen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Hier wie dort bezieht sie klare Stellung: Die Politik tue zu wenig für den Klimaschutz und handele unverantwortlich, insbesondere gegenüber jungen Menschen. Jetzt haben ihre Aussagen globale Folgen. Weltweit demonstrieren Kinder und Jugendliche heute für mehr Klimaschutz. Und während sie an manchen Orten wöchentlich stattfinden, fanden sie in Gütersloh am 15. März erstmals statt – mit Erfolg. „Wir haben teilweise 900 Personen gezählt“, sagt Mitorganisator Stefan Schneidt. „Und es war beeindruckend, wie viele Menschen sich zum Thema öffentlich geäußert haben.“ Doch damit ist es längst nicht vorbei: „Wir machen weiter!“, sagen die Organisatoren und planen gerade die Aktionen zum zweiten weltweiten Streiktag am 24. Mai  – natürlich einem Freitag.

Nach der ersten Gütersloher Kundgebung hat GT-INFO-Redakteurin Birgit Compin einige der Schüler zum Gespräch gebeten. Im Interview sprechen Stefan Schneidt, 18 Jahre, und Jahrgangssprecher an der Janusz-Korczak-Gesamtschule, Greta Giesen, 16 Jahre, Schulsprecherin des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums, und Emma Opfer, 17 Jahre, Schülerin des Städtischen Gymnasiums über die Bewegung, ihre Forderungen und mögliche Zukunftsperspektiven.

Neben Ihrem Engagement in der Bewegung Fridays For Future sind Sie auch politisch aktiv. Emma Opfer und Greta Giesen sind Mitglieder der „Grünen Jugend“, Stefan Schneidt ist bei den Jusos. Gegner der Bewegung werfen diesen Parteien immer wieder eine Instrumentalisierung der Schüler vor. Wie sehen Sie das im Hinblick auf Ihre Parteimitgliedschaften?
Stefan Schneidt: Ich glaube, wenn es um die Ziele dieser Bewegung geht, wäre ich in anderen Parteien besser aufgehoben, als in der SPD, obwohl die Jusos offener für diese wichtigen Themen sind. Ich vertrete also nicht unbedingt deren Einstellung, speziell bei den Klimafragen. Doch um es ganz klar zu sagen: Egal, welcher Partei die einzelnen Menschen angehören: „Fridays for Future“ ist eine parteiübergreifende Bewegung mit klar definierten Zielen, die an keine Partei gebunden sind.

Sie kommen gerade von der Veranstaltung auf dem Berliner Platz. Ihr erster Eindruck?
Stefan Schneidt: Trotz des schlechten Wetters waren 900 Menschen dort. Das ist ein großer Erfolg. Ich bin echt begeistert: Zehn- bis Zwölfjährige sprachen genauso zum Thema wie Über-Vierzigjährige. Das war beeindruckend!

Erklären Sie doch bitte die Ziele der Bewegung.
Stefan Schneidt: Wir plädieren für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Wir akzeptieren das Datum für den Kohleausstieg in 2038 nicht und peilen 2030 an, ich persönlich setzte sogar 2025 als Ziel. Wir wollen, dass der Konsum tierischer Produkte zumindest reduziert wird. Beim Thema Verkehrswende möchten wir, dass der öffentliche Personennahverkehr wesentlich besser ausgebaut wird und zumindest kostengünstig für bestimmte Gruppen zur Verfügung steht. Und wir möchten, dass jeder Einzelne Mitverantwortung zeigt in Sachen Klimaschutz. Dass jeder bei sich selbst anfängt und auch seine Mitmenschen dazu motiviert.

„Fridays for Future“ scheint auf dem Weg zu einer globalen und friedlichen Bürgerbewegung. Wie erklären Sie sich das?
Greta Giesen: Wir sind nicht nur eine Bewegung in Deutschland oder Europa, sondern wir sind weltweit organisiert. Die Probleme sind ja auch auf internationaler Ebene zu sehen: Einzelne Staaten scheren aus der Gemeinschaft aus, so wie die USA aus dem Pariser Klimaabkommen. Und das wichtige an „Fridays for Future“ ist, dass wir in so vielen Ländern präsent sind und unsere Stimme laut wird. Damit können wir unsere Regierungen zwingen, jetzt etwas zu unternehmen. Dass wir also global und international sind, ist unsere Stärke.

Die Jugend galt jahrelang als unpolitisch. Wächst da gerade eine neue Generation von politisch interessierten Menschen heran?
Emma Opfer: Als Europaschule ist das Städtische grundsätzlich nicht unpolitisch und auch sehr auf den Umweltschutz bedacht. In dem Sinne sind wir schon politisch. Aber so mega viele, die sich ehrenamtlich politisch engagieren, gibt es bei uns nicht. Das finde ich – verhältnismäßig gesehen – immer noch zu wenig.
Stefan Schneidt: Man kann sich an der JKG super engagieren – in der SV oder auch im eigenen Jahrgang, insbesondere wenn es um den Abiball geht, sind die Diskussionen hitzig. SV-Mitglieder sind auch am Schulprogramm beteiligt und so haben wir jetzt auch den Aspekt der Nachhaltigkeit mit eingebracht und das ist schon etwas Politisches.
Greta Giesen: Ich habe das Gefühl, dass „Fridays for Future“ das noch näher in das Bewusstsein der Leute gerückt hat. Wir waren nicht wirklich unpolitisch, aber ich glaube, dass diese Bewegung für viele der letzte Anstoß war, sich mit der Klima-Problematik auseinanderzusetzen.

Im Zuge dessen wurde vor einige Wochen angeregt, das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen. Doch würden Sie auch wählen gehen?
Stefan Schneidt: Die SPD und die Jusos befürworten das seit langem. Das zeigt uns ja auch: „Hey, ihr werdet gebraucht“. Und ich denke, dass das Problem eher bei der CDU zu suchen ist, denn die können auch Statistiken lesen. Und die besagen, dass junge Menschen eher Die Linke, SPD und Grüne wählen würden. Grundsätzlich denke ich, dass zur Politikverdrossenheit der jungen Leute auch das aktuelle Wahlalter ab 18 Jahre beiträgt, weil man sich nicht an der Politik beteiligen kann.
Greta Giesen: Ich persönlich bin erst 16 Jahre alt und fühle mich da schon ein bisschen machtlos. Und ich glaube, bei einem Wahlrecht ab 16 würden viel mehr sagen, dass es ein Privileg ist, wählen zu dürfen.
Emma Opfer: Es ist aber auch wichtig, dass man die jungen Wähler dazu bekommt, wählen zu gehen. Das ist eine Diskussion, die man führen kann und muss. Doch das Grundsätzliche ist erst einmal, dann man ab 16 Jahren überhaupt wählen darf.

Zur Wahl stehen dann Politiker. Gerade meinte Wirtschaftsminister Altmaier, dass die Demos außerhalb der Schulzeit nicht weniger sinnvoll seien und dann werde auch mehr über Klima statt Schulpflicht diskutiert.
Emma Opfer: Ich denke, man würde uns dann nicht ernst nehmen. Sie würden einfach sagen: Lasst sie mal machen. Dann würde hin und wieder die Polizei vorbeischauen, damit das nicht ausartet. Doch gerade weil es in der Schulzeit stattfindet und wir die Schulpflicht haben, muss die Politik sich damit auseinandersetzen. Deshalb glaube ich, dass es zwingend notwendig ist, genau dann zu demonstrieren.
Stefan Schneidt: Das ist natürlich Quatsch. Ich habe in meiner Ansprache auch erwähnt, dass die Aussagen von Christian Linder, Beatrix von Storch und anderen darauf beruhen, uns zu diskreditieren und vom Thema abzulenken. Wir sehen doch alle, was die Politik bisher geleistet hat. Sich über Trumps Austritt vom Pariser Klimaabkommen zu beschweren, ist ja gut, aber was hat die deutsche Bundesregierung gemacht? Nichts! Also: Wir müssen uns erst einmal selber an das Pariser Klimaabkommen halten.

Es gibt eine große Debatte zur Schulpflicht. Wie reagierten Ihre Lehrer auf die Freitagsdemonstration während der Schulzeit?
Greta Giesen: Jede Schule geht damit anders um. Ich bin auf dem ESG und der Schulleiter Herr Fugmann sagt, er finde es gut, wenn wir Zivilcourage zeigen. Aber die unentschuldigte Fehlstunde ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen. Fehlstunden verkraften wir, aber den Klimawandel nicht.
Stefan Schneidt: Ich kann mich da nur anschließen. Wir werden unterstützt, aber die Fehlstunden werden nun mal angerechnet. Ich habe heute eine Sportprüfung verpasst. Ja, das passiert dann halt.

Christian Lindner möchte den Klimawandel den Profis überlassen. Jetzt haben die sich gemeldet: Mit der Übergabe einer Petition haben sich offiziell 23.000 Wissenschaftler hinter Ihre Bewegung gestellt. 
Emma Opfer: Das ist einfach nur super! Sie warnen seit Ewigkeiten vor Erderwärmung und den katastrophalen Folgen. Wir sagen: „Hey, das ist unsere Erde, wir wollen hier weiterleben können, auch unsere Kinder und Enkelkinder.“ Jetzt gibt es erwachsene Menschen, die uns Rückhalt geben und uns bestätigen: „Das, was die Schüler sagen, ist wissenschaftlich korrekt.“
Stefan Schneidt: Die Regierung setzt nichts von dem um, was Wissenschaftler fordern, weil sie vor den Umweltschutz immer die wirtschaftlichen Interessen stellt. Das kann so nicht mehr funktionieren! Da fehlt der Weitblick. Deshalb sind wir hier!
Greta Giesen: Es zeigt aber auch: Wir gehen auf die Straße und sagen: „Tut was!“ Doch alleine können wir das nicht umsetzen. Dafür brauchen wir alle Erwachsenen, die mit uns gemeinsam die Regierungen zum Handeln zwingen.

Einige Ältere fordern: „Fangt erst mal bei euch selber an!“ Was sagen Sie dazu?  
Stefan Schneidt: Ich besitze einen Führerschein und möchte niemanden einschränken. Aber man muss einen weiteren Blick haben. Vielleicht machen wir es so: Für lange Fahrten auf der Autobahn könnte man Gruppen bilden, in der Stadt ist es schlauer, mit dem Fahrrad oder dem Bus zu fahren und der Güterverkehr könnte komplett auf die Schiene verfrachtet werden. Das sind ja ganz einfache Dinge. Auch sollten Autoindustrie und Forschung viel mehr auf Wasserstoff setzen als auf den Dieselmotor.

Früher war das Auto samt Führerschein für 18-Jährige das Statussymbol, wie sieht das heute aus?
Emma Opfer: So ist das heute wohl nicht mehr, aber es fahren immer noch fast alle super gerne Auto. In meiner Stufe gibt es sehr wenige, die wie ich wegen des Umweltaspektes keinen Führerschein haben. Und wenn ich nicht irgendwann einen Job haben sollte, der mich dazu zwingt, werde ich auch keinen machen.

Eine Ihrer Forderungen ist auch ein verbesserter öffentlicher Nahverkehr.
Stefan Schneidt: Genau. Grundsätzlich ist in ganz Deutschland die Infrastruktur katastrophal. Doch demnächst wird der ICE acht Monate lang nicht mehr in Gütersloh halten. Das kann doch nicht sein! Und innerstädtisch fahren manche Busse einige Haltestellen gar nicht mehr an, weil sie komplett mit Schülern überfüllt sind. Grundsätzlich finde ich es für die Umwelt besser, wenn der ÖPNV für einen bestimmten Personenkreis kostenlos wäre oder pauschal 50 Euro pro Jahr kostet.
Greta Giesen: Ich finde, der Klimawandel ist so wichtig, da darf man auch schon mal drastische Maßnahmen fordern und auch umsetzen.

Wirkt sich die Umwelt auch auf Ihre beruflichen Pläne aus?
Greta Giesen: Ich überlege gerade, entweder Biochemie oder Medizin zu studieren. Eigentlich wollte ich nach England, aber das wird jetzt etwas komplizierter. Und wenn ich Biochemie studiere, kann ich genau die Dinge erforschen, die für den Klimawandel wichtig sind.
Stefan Schneidt: Ich habe verschiedene Pläne, aber der wahrscheinlichste ist ein Jura-
studium in Bielefeld, um mich dann auf Umweltrecht zu spezialisieren.
Emma Opfer: Ich mache nach dem Abi zunächst einmal ein FSJ und habe mich gerade bei verschiedenen Organisationen, wie z. B. der Klimaschutzorganisation „Germanwatch“ beworben. Danach möchte ich studieren. Ich finde beispielsweise das Fach Umweltwissenschaften sehr interessant.

Blicken wir in die Zukunft: Wie sieht Ihre Welt in 20 Jahren aus?
Stefan Schneidt: Dann haben wir Wasserstofffahrzeuge und einen kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr. Ich denke, dass es innerhalb der Städte autofreie Zonen gibt. Unsere Ernährung hat sich drastisch verändert und ich denke, dass die Massentierhaltung und die Tötung von Tieren beendet ist. Wahrscheinlich wird es Genfleisch geben.

Bild 1
Fridays for Future“ in Gütersloh: Am Freitag den 15. März demonstrierten Schülerinnen und Schüler, aber auch etliche Erwachsene für mehr Klimaschutz. 900 Personen kamen auf dem Berliner Platz zusammen. Foto: Jens Dünhölter

Bilder 2
Stefan Schneidt, Greta Giesen Emma Opfer
Fotos: Jens Dünhölter


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