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Stadtführerin Brunhilde Kohls nennt ihren außergewöhnlichen Rundgang über den Alten Kirchplatz „Fenster in die Vergangenheit“ und blickt mit den Teilnehmern zurück auf die Ursprünge und die lange Geschichte der „Gütersloher Keimzelle“. Foto: Kathrin Groth.

Fenster in die Vergangenheit

Leben wir in Gunthers Lohe? Um diese und andere Fragen zur Historie von Stadt, Land und Leute in Gütersloh zu klären, war ich neulich unterwegs mit Stadtführerin Brunhilde Kohls. Bei einem unterhaltsamen Spaziergang rund um den Kirchplatz, die Keimzelle der heutigen Stadt, blickten wir durch so manches Schlüsselloch der historischen Gemäuer und damit in ihre jahrhundertealte Geschichte. „Fenster in die Vergangenheit“ nennt Brunhilde Kohls diese besondere Führung durch die städtische Zeitgeschichte. „Ich mache diesen Rundgang nur zweimal im Jahr“, erklärt die Gütersloherin zur Begrüßung den 16 Teilnehmern. „Bei dieser Führung geht es nicht um trockene Zahlen. Ich möchte anhand von Geschichten und Anekdoten lebendige Geschichte aufzeigen“, sagt Brunhilde Kohls. Und am Ende dieser 2,5 Stunden-Tour habe ich so viele gehört, dass ich hier nur einige davon erwähnen kann.


Karl der Große und Gunthers Wald

„Wir fangen bei Karl dem Großen an“, schubst uns Brunhilde Kohls mitten hinein ins achte Jahrhundert. Und wir gehen noch ein paar Jahre weiter zurück, zur Zeit der Besiedelung. „Menschen ließen sich an Bächen und Flüssen nieder“, sagt sie. Während auf dem eher kargen Boden der heutigen Stadt die krautige Heide sprießte, machten die Bäche und Flüsse drum herum das Land für Ackerbau und Viehhaltung fruchtbar. Es war auch die Zeit der Namensgebung: Ortsbezeichnungen wurden vermutlich nach Gebieten, Tieren oder Eigennamen benannt. „Man geht davon aus, dass sich Güterslohs Name aus Lohe, also niedriges Waldgebiet, und Gunther zusammensetzt. Vielleicht war dieser Gunther Besitzer eines größeren Hofes und hat dieses Fleckchen Erde unter unseren Füßen für den Bau einer Kirche spendiert, gehen die Mutmaßungen weiter. Überliefert, und damit sicher, ist natürlich auch das nicht. Was das alles mit Karl dem Großen zu tun hat? „Er war derjenige, der das Christentum zwangsweise einführte“, sagt Kohls. „Das muss man einfach mal so sehen“, wird sie heute noch des Öfteren sagen.

 

Knotenpunkt der Handelswege

In Gunthers Nähe trat das Christentum auch in Form des Bischofs von Osnabrück in Erscheinung. Der Ordensmann war hier der größte Grundbesitzer, bis mit dem Rhederaner Grafengeschlecht ein starker Widersacher heranwuchs. Erst Jahrhunderte später legten Vergleiche im Jahr 1565 und 1655 Grenzen, Steuern, Gerichtsbarkeiten und Regelungen zu beiden Konfessionen fest. Das Dorf Gütersloh wurde im übrigen 1201 erstmals erwähnt und entwickelte sich prächtig. Als Knotenpunkt der damaligen Handelswege wurde es zum Umschlagplatz von Gütern aller Art. „Güter?“, frage ich mich und gehe nochmals zurück zur Namensgebung: Waren es vielleicht die Güter auf dem niedrigen Waldgebiet? Aber lassen wir das.


Spieker, Speicher und ein Wehrturm

Die heutige Apostelkirche wurde also möglicherweise auf Gunthers Grund erbaut und die Großbauern reihten ihre Häuser drum herum auf. „Es gab vier Meierhöfe, die auf dem Land wohnten und hier ihre Speicher und Spieker für Ernte und gute Kleidung hatten“, so Kohls. „Dienten sie nicht auch zur Sicherheit bei Gefahren?“, fragt eine Teilnehmerin. „Es gab im Mittelalter das Gesetz des Kirchfriedens, das Überfälle abwehren sollte“, gibt ihr die Stadtführerin recht. „Aber“, fährt sie fort: „Nicht jeder wusste davon und deshalb hat man den Kirchturm als Wehrturm ausgebaut.“

 

Lodernde Feuer und neue Straßen

Angelangt am Verhoffhaus, beginnen wir zunächst einmal mit dem, was heute nicht mehr sichtbar ist: So wie das Daltropsche Haus, das neben anderen dort stand, wo sich heute die Kreuzung befindet. Schon 1920 habe es Pläne gegeben, die Straßenführung zu ändern, doch erst als das Haus des jüdischen Kaufmanns Daltrop in der Reichskristallnacht den Flammen zum Opfer fiel, konnten die
Umbauten beginnen. Heute erinnern „Stolpersteine“ an ihn und seine Familie. Auch das Verhoffhaus hatte eine wechselvolle Ge-
schichte. Als es vor einiger Zeit renoviert wurde, stellte man fest, dass es sich hier um gleich drei Häuser handelt. So beherbergte das Ensemble im 17. Jahrhundert den Ursprung der heutigen Krönig’schen Apotheke, es war das Wohnhaus eines Musikalienhändlers, beherbergte Flüchtlinge nach dem Krieg und ist heute Standort des Kunstvereins. 


Häuser voller Geschichten und Menschen

Überhaupt zeigen alle Häuser eine wechselvolle Geschichte: Im Haus Nummer vier wohnte jahrzehntelang die Familie Küster mit einem rückwärtigen Lebensmittelladen im heutigen Café Bohne. „Im Haus nebenan wohnte eine Zeit lang ein Schneider mit seinen vielen Kindern,“ beginnt Kohls die Anekdote vom Schneider Lohmann, der nur zu pfeifen brauchte, und seine Kinder kamen angerannt. Zwischen 1840 bis 1953 wohnten und handelten nur ein Haus weiter ein Bäcker, ein Kommerzienrat und ein Fabrikant. Dort, wo eine Treppe den Kirchplatz mit dem Platz zur Berliner Straße verbindet, wohnte um 1600 ein Glockengießer, dessen Werk noch heute die Kirche ziert. Ein weiteres Haus beherbergte von 1945 bis 1950 den Schriftsteller und politischen Aktivisten Artur Mahraun. An einem anderen der Häuser erinnert eine Gedenktafel an das Haus der Familie Bermpohl, deren Spross Adolf Mitbegründer der Deutschen Seenotrettung war. Und im Haus der heutigen Bürgerstiftung wurde einst mit Tabak gehandelt. „Hier war sehr viel Bewegung“, sagt Brunhild Kohl. „Das muss man einfach mal so sehen.“

 

Zwischen Lotterleben und bravem Bürgertum

Und wir erfahren noch viel mehr: Der Kirchplatz war bekannt für Handel und Wandel. Doch sein lebendiges Herz hatte nicht den besten Leumund, im Gegenteil. So sprach auch ein gewisser Pfarrer Sprenger von dem leichtfertigen Dorfgesindel, das hier lebe. Direkt neben der Kirche wurde Branntwein gebraut und die Anwohner lebten nicht schlecht von den Kirchgängern. Das, so die Stadtführerin, mochten die braven Leute gar nicht. „Vom ewigen Lotterleben an der Kirche“, war die Rede. Ein Umstand, dem wir auch den heutigen Standort des evangelisch stiftischen Gymnasiums verdanken: Bloß weit weg von dem Gesindel sollte die herrschaftliche Lehranstalt für die Söhne des Ortes stehen. „Man darf diese Zusammenhänge nie aus den Augen verlieren“, erinnert uns Brunhilde Kohls. „Also, das war eine gesunde Mischung an Menschen, die sich hier ansiedelten.“

 

Klatsch, Tratsch und dies und das

Doch wie so oft, führte das enge aufeinander hocken der Anrainer auch zu Streit und Zwist. Als wir die Nummer zehn erreichen, erfahren wir ein bisschen Klatsch und Tratsch: Einst wurde der Eigentümer Otto Meier wegen „Unpflicht im Spieker“ bestraft. Was nichts anderes bedeutet, als dass der verheiratete Mann fremdging und dabei erwischt wurde. „Also die Welt hat sich nicht geändert“, so Kohls lapidar. Von den Bewohnern der heutigen Nummer elf sind Streitigkeiten mit den Nachbarn überliefert: So hatte der dortige Meier ein Fenster zur Straße angebracht, mit dem sein Nachbar nicht einverstanden war – und es kam wieder weg. 

 

Zwischen Himmel und Hölle

Und dann war da noch der umtriebige Pfarrer, der beim Großbauern Unterschlupf erhielt für seine Konkubine nebst ihren fünf Bälgern. Oder war es umgekehrt? Wie auch immer, die Pastöre schienen damals sowieso ganz anders beseelt als heute: „Es war üblich, dass katholische Pfarrer mit ihren Frauen zusammenlebten“, erklärt die Stadtführerin. Die Damen kamen meist aus gutem Haus, wurden Haushälterinnen genannt und lebten völlig legitim samt Kindern mit dem „Pfaffen“ unter einem Dach. „Also, stellt euch das alles nicht so streng vor, wie wir das heute auffassen.“ Ein anderer durchaus interessanter Aspekt ist, dass Pfarrer und Pastoren die Gottesdienste für beide Konfessionen gestalteten, die Predigten in deutscher Sprache hielten und auch die Taufen einfach ein bisschen anpassten. 

 

Das welke Dornröschen

Im Haus Nummer 15 wohnten einst der Pfarrer Kniepkamp und später der Rektor Buschmann, dessen Tochter so schön singen konnte. Irgendwann gab es hier eine Buchhandlung und seine neuzeitliche Hochzeit erfuhr es als Restauration und Gaststätte namens Deele. Doch jetzt schlummern das Haus und die gesamte Anlage dahinter einen sehr festen Dornröschenschlaf. Statt einer meterhohen Dornenhecke umgibt es eine fast nostalgische Traurigkeit. Ob es jemals wieder wachgeküsst wird, fragen sich die Teilnehmer, als wir am Ende der Häuserreihe angelangt sind.

 

Wir lassen die Kirche im Dorf

Brunhilde Kohls kommt jetzt auf Zerstörung und Wiederaufbau der Apostelkirche zu sprechen. Doch wir erfahren auch etwas anderes: Jahrhundertelang schlängelten sich Prozessionen von der Kirche in das naheliegende Umland. Und da die dortigen Bewohner auch schon mal meinten, diese Kirche habe bei ihnen nichts verloren, sollte sie doch einfach mal im Dorf bleiben. Auch ich lasse jetzt die Kirche im Dorf und wende mich der letzten Etappe dieses unterhaltsamen Rundgangs zu, denn wir verschwinden in einem dunklen Keller.

 

Ein letzter Blick zu den Anfängen

Er liegt tief unter dem Haus Nummer zehn, das gerade mit viel Liebe zum Detail renoviert wurde. Über die Treppe gelangen wir in einen Kellerraum, der eher an eine aufwendig gestaltete Ausgrabungsstätte erinnert. Und Kohls erzählt, wie es dazu kam: Um die niedrigen Kellerräume ein wenig komfortabler zu gestalten, ließ der Eigentümer 2016 eine Schicht des Bodens abtragen. Dabei wurden Pfostenlöcher eines Baus aus dem 12. Jahrhundert freigelegt. Heute liegen die Spuren dieser Arbeiten fein säuberlich unter zentimeterdicken Glasschichten. Eine Vitrine an der Wand erzählt anhand mittelalterlicher Keramikscherben, Tierknochen, Pferdezähne und Bruchstücken alter Tonpfeifen vom Leben an dem Ort, den wir heute Alter Kirchplatz nennen. 

 
 

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