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Foto: Moritz Ortjohann

„Wir können von einer wachsenden Stadt ausgehen“

Mittelzentren wie Gütersloh gewinnen an Attraktivität, sie sind trendy. Zunehmend profitieren auch Klein- und Mittelstädte vom Zuzug aus dem Umland, vor allem auch, wenn sie ein attraktiver Wirtschaftsstandort sind, berichtete Anfang Juli die Bertelsmann Stiftung und bezog sich dabei auf Daten des ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH. Diese Erkenntnis gilt auch für Gütersloh, wie Stadtbaurätin Nina Herrling im Stadtgespräch mit GT-INFO erläutert. Fast zehn Jahre lang schien die Bevölkerungszahl auf ca. 96.000 festgefroren. Seit 2011 verzeichnet Gütersloh aber ein stetiges Wachstum, der Schritt zur Großstadt ist laut Melderegister längst vollzogen, was vor allem auf die ab 2011 geltende EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit zurückzuführen ist. Die größer werdende Stadt ist eine Herausforderung für die Politik und die Verwaltung. GT-INFO wollte wissen, wie das Rathaus das anhaltende Wachstum der Stadt managt.

Frau Herrling, viele neue Arbeitskräfte sind mit ihren Familien in der jüngsten Zeit nach Gütersloh gezogen. Werden wir jünger?

Das kann man so sagen. Wir sind eine sehr dynamisch wachsende Stadt mit einer sehr jungen Bevölkerung im Vergleich zu anderen Städten unserer Größenordnung – was übrigens auch für den Kreis gilt. Das hängt natürlich in erster Linie mit unseren Unternehmen zusammen, die eine hohe Qualität aufweisen und für jüngere Menschen sehr attraktiv sind. Aber natürlich gibt es auch die typische demographische Entwicklung mit der klassischen Alterspyramide. Darauf müssen wir uns bei allen Planungen einstellen.

 

Wie viele Menschen leben denn mittlerweile in unserer Stadt, und wie schnell sind wir gewachsen?

Ende 2017 zählten wir laut Melderegister – das ist noch nicht der Zensus –101.645 Menschen gegenüber 96.467 in 2007. Das entspricht einer Steigerung um 5,09 Prozent in den vergangenen zehn Jahren, wobei nach einer längeren Stagnation mit rund 96.000 Einwohnern 2011 ein kontinuierliches Einwohnerwachstum in der Stadt Gütersloh einsetzte. Nach unserer Erkenntnis ist dies im Wesentlichen auf die im Jahre 2011 eingeführte EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit zurückzuführen. Seitdem erleben wir einen vermehrten Zuzug ausländischer Einwohner und Einwohnerinnen, insbesondere aus dem EU-Ausland. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit war ja nach der EU-Osterweiterung 2004 zunächst durch Übergangsregelungen beschränkt. Die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit erhielten Arbeitnehmer aus Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Slowenien und dem Baltikum erst 2011. Später kamen noch  Rumänien und Bulgarien dazu. 

 

Dann ist das Wachstum der Stadt in erster Linie durch den Zuzug der Migranten begründet?

Nein, aber richtig ist: Bei den Migranten geht die Zuwachs-Kurve deutlich höher. Aber wie gesagt: Das sind in erster Linie Arbeitskräfte, die von den heimischen Unternehmen gesucht und eingestellt werden im Zuge der europäischen Arbeitnehmerfreizügigkeit. Wir hatten 2015 keinen besonders auffälligen Peak durch Flüchtlingszuzüge in der Bevölkerungsentwicklung. Damals haben wir 817 Geflüchtete in Gütersloh aufgenommen. Diese Zahl der Zuweisungen durch die Bezirksregierung Arnsberg hat sich im vergangenen Jahr 2017 auf 67 reduziert. Aber ob mit oder ohne Migranten: Wir hatten schon vor dieser Entwicklung die gleichen Fragen und Themen, die auch heute auf der Agenda stehen. Über die Wohnbausituation haben wir beispielsweise schon 2013/14 auf Kreisebene im Austausch mit anderen Kommunen gesprochen. Zwar gab es 2015 plötzlich eine Verdichtung des Themas, aber an unseren Plänen mussten wir auch nach kritischer Betrachtung nichts ändern. Schon vor einigen Jahren war es nicht einfach für eine große Familie mit mehreren Kindern, adäquaten Wohnraum zu finden. Oder genügend Einpersonenhaushalte unterzubringen. 

 

Wie viele Geflüchtete leben denn noch in den städtischen Einrichtungen?

Anfang Juli zählten wir 1.009. Die Flüchtlingsunterkünfte sind zwar alle noch besetzt, jedoch nicht mehr unter Vollauslastung. Viele der Menschen könnten auch schon rüber in den normalen Wohnungsmarkt: Rund 600 von ihnen sind inzwischen anerkannte Asylbewerber in unseren Flüchtlingsunterkünften. In den vergangenen sechs Monaten waren es immerhin rund 100 Migranten, die eine Wohnung gefunden haben. Aber es ist tatsächlich sehr schwierig, geeigneten Wohnraum zu finden.

 

Ist Gütersloh auch ohne die Zuzüge von Geflüchteten eine wachsende Stadt?

Ja, der demographische Bericht gibt eine positive Prognose. Wir können von einer wachsenden Stadt ausgehen, solange es unseren Unternehmen weiter gut geht. Der Zuzugssaldo wird positiv bleiben, auch wenn die jungen Menschen nach ihrer Ausbildung bzw. nach ihrer Schulzeit in der Regel zunächst wegziehen, um zu studieren oder einen ersten Karriereschritt zu wagen. Dies ist normal für eine Stadt unserer Größenordnung. Aber immer häufiger kommen sie auch wieder zurück, das ist unsere Beobachtung. 

 

Dazuzuzählen sind dann auch die Studierenden der Fachhochschule?

Das geht ja schon in diesem Herbst los, wenn Gleis 13 zum Campus wird. Und mehr als tausend Studenten werden mindestens dazukommen, wenn ein Campus auf dem Gelände der früheren Mansergh Barracks entsteht. Das ist schon eine neue Situation für die Stadt, denn noch vor einigen Jahren gingen wir davon aus, dass Gütersloh nur in geringem Maße wächst. So hatten wir stadtplanerisch, sozialraumplanerisch und infrastrukturell geplant. Damals ging auch die Belegung der Kindertageseinrichtungen zunächst zurück. Das wurde aber wiederum durch die Betreuung unter Dreijähriger kompensiert. Inzwischen werden ja bekanntlich wieder neue Einrichtungen gebaut, um den Bedarf zu decken – so zum Beispiel im Neubaugebiet Auf dem Stempel.

 

Hat sich die Bevölkerungsstruktur geändert?

Ja. Die Zahl der Wohnungen nimmt zu. Es gibt viel mehr Einpersonenhaushalte und dafür müssen wir Wohnraum anbieten. Auch mehr seniorengerechten Wohnraum. Diesen Bedarf spüren wir ganz stark. Wir müssen in Zukunft unterschiedlichen Haushalts- und Lebensstilen mit einem vielfältigen Wohnraumangebot gerecht werden. Und wir müssen dabei auch Bereiche wie Bildung, Kultur und Mobilität jeweils mitberücksichtigen. Das sind heute wichtige Standortfaktoren, die häufig ausschlaggebend sind für die Wohnstandortwahl von Familien und jungen Menschen. Und für Unternehmen.

 

Gibt es denn genügend Wohnungen für vier- oder fünfköpfige Familien?

Das ist der zweite Flaschenhals. Aber hier ist der Druck nicht so groß wie bei den Single-Wohnungen. Im Verhältnis brauchen wir viele kleine Wohnungen und Wohnungen für größere Familien.

Wo sehen Sie noch Engpässe?

Bei altersgerechten Wohnungen gibt es noch Bedarfe. Wir müssen das Thema der Alterspyramide im Auge behalten. Also mehr barrierefreies Bauen und Familien-Wohnen und mehr preiswerter Wohnraum. Ansonsten, wie gesagt: Wir brauchen mehr kleine Wohnungen. Es ist auch wünschenswert und ein Ziel unserer Planungspolitik, dass die Menschen nicht aus ihrem Quartier ziehen müssen, wenn sie sich verändern wollen oder müssen. Nach der kursorischen Untersuchung des Beratungsinstituts empirica fehlen uns 6.000 bis 7.200 Wohnungen bis 2035. Mit diesem Bedarf liegen wir im bundesweiten Trend. Das ist übrigens landauf, landab das verbindende Thema fast aller Städte mit Wachstumstendenz. Konkret bedeutet es, dass in Gütersloh 300 bis 400 Wohnungen pro Jahr gebaut werden müssen – da können die 300 Wohnungen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die ehemaligen „Britenwohnungen“, über die die Stadt verfügt, gerade mal einen Jahresbedarf abdecken. Aufgrund der guten Wirtschaftslage und der niedrigen Zinsen wird ja auch viel gebaut, was notwendig ist. Aber es gibt auch Wohnungen, die leerstehen. Nicht jeder will seine Wohnung vermieten. Auch das ist eine Tatsache.

 

Sie sind optimistisch, dass die Stadt diese Herausforderung schultert?

Ja. Wir planen heute bereits für 15, 20 und 30 Jahre und länger. Zurzeit sind wir zum Beispiel dabei, neue Wohnbauflächen zu suchen, wir haben ja einen großen Flächenbedarf. Außerdem wird der Regionalplan gerade neu aufgestellt. Daraus entwickelt sich ja unser Flächennutzungsplan, der die Grundlage für die künftige Wohnbebauung sein wird. Die Aufstellung des Regionalplanes wird noch sicherlich bis 2020, spätestens 2022, dauern. Dafür ermitteln wir sogenannte Suchräume, wo also die Stadt noch bauen könnte. Diese Daten liefern wir dann in Richtung Regionalplan. Es dauert also noch einige Jahre, bis wir Wohnraum  auf neu auszuweisenden Flächen realisieren können – zum Beispiel auf dem Gelände der ehemaligen Mansergh Barracks.

 

Kann der Regionalplan verhindern, dass die Stadt Gütersloh in ihrem  Stadtgebiet eine Wohnbaufläche neu ausweist?

Diese Zielrichtung hat der Regionalplan sicher nicht. Wir sind da in sehr enger und guter Abstimmung mit der Bezirksregierung in Detmold. Aber letztlich gilt: Der Regionalplan ist die rechtliche Grundlage für das Bauen. 

 

Sehen Sie Siedlungsschwerpunkte in der Zukunft?

Ich kann sagen, dass es kein neues Ortsquartier auf der grünen Wiese geben wird. Wir arbeiten eher an Verdichtungen. Die Potenziale für Wiedernutzung, Umnutzung, Aufstockung, Abriss und Neubau sind häufig recht groß. Es ist hilfreich, dass unsere Überlegungen in der Verwaltung gerade günstig mit den Arbeiten am neuen Regionalplan ineinandergreifen. Übrigens gibt es in Gütersloh neben dem Drang in die Innenstadt zu ziehen auch weiter den Trend zum Einfamilienhaus. Mit Terrasse, Grill und allem Drumherum.

 

Verdichtungslösungen laufen nicht immer geräuschlos ab ...

Es gibt, das haben wir in jüngster Zeit gesehen, den klassischen Zielkonflikt zwischen dem Wirtschaftlichkeitsanspruch des Bauherrn einerseits und den bestandssichernden Ansprüchen der Nachbarn andererseits. Wenn man Dinge ermöglichen will, kann das auch Probleme bereiten. Aber wir dürfen auf jeden Fall Entwicklungen nicht deckeln. Es gibt ja Baubedarfe, die kompakt, wirtschaftlich, seniorengerecht sind. Aber das typische 30er-Jahre-Siedlungshaus hat  ebenfalls seine Berechtigung. Andererseits gibt es  auch Lebenszeiten von Häusern. Eine  wesentliche Voraussetzung, um die Stadt auch in Zukunft attraktiv für die Menschen zu halten, ist vor allem eine moderne und funktionierende Infrastruktur. Wir müssen hier die richtigen Prioritäten setzen. 

 

Was bedeutet die weitere Wachstumsentwicklung der Stadt für die Arbeitsorganisation in der Verwaltung? Wie managen Sie diese Herausforderung? 

Wir müssen die Strukturen nicht ändern, weil wir dies im Prozess bereits gemacht haben. Im Tagesgeschäft sind unsere Dezernate und Abteilungen sehr gut vernetzt, zum Beispiel zwischen Sozial-, Bau- und Planungsbereich. Wenn wir Wohnbereiche planen, werden die Themen Kita, Schule, ÖPNV, Breitband, medizinische Nahversorgung, Kultur, Sport und so weiter immer  mitgedacht. Wir bereiten das alles strategisch auf. Es gibt eine Koordinierungsgruppe, in der der Sozialbereich mit dem Baubereich in regelmäßigen Abständen alle notwendigen Planungen und Entscheidungen abstimmt. Im Alltag läuft diese Zusammenarbeit sowieso.

 

Welche Instrumente hat die Stadt, um Wohnraum gezielt zu schaffen?

Vorab: Die Neuausrichtung der Wohn- und Baulandpolitik in Gütersloh ist ein zentrales Thema. Dazu werden wir als Verwaltung eine umfassende Vorlage in den nächsten Planungsausschuss am 30. August einbringen. Bei der Frage nach den „Instrumenten“ ist das kommunale Baulandmanagement an erster Stelle zu nennen: also der Erwerb von Flächen und die Steuerung der Bebauung durch die Stadt. Wir wollen das mit einem gewissen Fokus in der Zukunft forcieren und hoffen auf Unterstützung von Eigentümern und Investoren. Einiges konnte der freie Markt bisher eben nicht bedienen, zum Beispiel für genügend Wohnungen für Singlehaushalte mit niedrigem Einkommen zu sorgen. Ein anderes Steuerungsmittel sind städtebauliche privatrechtliche Verträge, indem wir etwa dem Investor vorschreiben, dass er eine Kita im Bebauungsgebiet bauen muss. Generell ist es unser Ziel, mit der Wohnungswirtschaft und privaten Akteuren gemeinsame Ziele und Strategien für Neubau und Umbau der Wohnungsbestände und Quartiere zu entwickeln und zu beschließen. 

 

Unterm Strich: Gütersloh ist auf eine weiter ansteigende Bevölkerungszahl eingestellt?

Ja. Und wir haben die Instrumente, um diese Entwicklung erfolgreich zu steuern.

 
 

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