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Reportage: Platzbesetzung von Bedeutung

EINE REPORTAGE VON BIRGIT COMPIN
FOTOS: ARMIN HOLTKAMP

Was diese Frau so alles antreibt! Nirgül Kantar ist bekannt für ihre meterhohen Skulpturen aus punktuell aufgebrachtem, durchsichtigen Kunststoff. Damit hat sie eine neue Kunstform erschaffen und diese Einzigartigkeit bescherte ihr bereits vor Jahren ein Patent, das so manchen in der internationalen Kunstwelt aufhorchen ließ. Wer sie kennt, weiß auch um Nirgüls Zielstrebigkeit und die energiegeladenen Ideen, die sie in einer ungestümen Schnelligkeit umsetzten will und – vor allem auch kann. Das erfuhr gerade wieder einmal Wilhelm Kottmann vom Fachbereich Kultur und Sport der Stadt Gütersloh. „Es war gestern vor fünf Wochen, dass wir in ihrem Atelier über dieses außergewöhnliche Projekt sprachen“, sagt er zur Ausstellungseröffnung der Arbeiten die zur Platzbesetzung geschaffen wurden – und mit dem sie bei den Verantwortlichen der Stadt scheinbar offene Türen einrannte. „Wir waren sehr angetan von der Idee, ein internationales Kunstprojekt auf einem zentralen Platz in unserer Stadt stattfinden zu lassen“, erklärt Kottmann das Vorhaben, Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen.
Mit dabei waren auch die Studenten Ayça Juana Botella Tor und Otto Syndaren von der türkischen Universität Mersin. Gemeinsam mit der avantgardistischen Künstlerin und Professorin Nurseren Tor, Direktorin der Abteilung Malerei der Fakultät für Schöne Künste, und Arzu Çevik, Leiterin der Abteilung für Keramik, kamen sie nach Gütersloh. Die Gruppe folgte der Einladung von Nirgül, auf dem Gütersloher Theodor-Heuss-Platz künstlerisch zu arbeiten. Vier Tage lang, vom 14. bis 18. Juni, konnte man den Kunstschaffenden dort täglich begegnen und ihnen bei der Arbeit zusehen. Eine anschließende Vernissage in Nirgüls Isselhorster Atelier stellte die im öffentlichen Raum entstandenen Arbeiten am 20. Juni vor.

Es begann in Tokio
Platzbesetzung heißt Nirgüls innovatives Projekt, dessen Ziel es ist, Studierenden aus fremden Ländern neue Perspektiven aufzuzeigen und sie so in ihrem Schaffen zu unterstützen und zu fördern. Die Idee dazu entstand aus der Zusammenarbeit mit der Universität in Mersin, die sie im Frühjahr nach Japan führte. „Ich hatte eine Einladung von Professorin Nurseren Tor erhalten, bei einer Ausstellung in Tokio meine Arbeiten zu zeigen“, erklärt mir Nirgül die Anfänge, als ich sie am ersten Tag der Platzbesetzung zwischen Dreiecksplatz und Stadthalle besuche. Nurseren schickte ihre Studentin Gamze Akkaya ebenfalls dorthin, verbunden mit der Bitte an Nirgül, sie in Japan ein wenig „unter ihre Fittiche“ zu nehmen. Denn die Professorin schien instinktiv zu wissen, dass Nirgül neben der Ausstellung in Tokio noch viel mehr im Sinn hatte: „Natürlich habe ich mich geehrt gefühlt, dort neben all den Professoren auszustellen“, sagt sie. Doch Nirgül wäre nicht das quirlige Energiebündel das sie nun mal ist, hätte sie nicht längst geplant, auf der Reise auch die japanische Stadt, Kultur, Kunst und Menschen in sich aufzusaugen. „An allen möglichen Orten schauten Gamze und ich uns die Kunst und Kultur dieser Stadt an. Und auf einmal erkannte die erfahrene Künstlerin einen Missstand bei der jungen Kollegin und den anderen mitgereisten Studenten: „Sie hatten zuvor nie die Möglichkeit, Kunst und Kultur in anderen Ländern kennenzulernen. So wurde es schwer bis unmöglich, sich überhaupt künstlerisch entwickeln zu können.“ Warum das so ist, bringt Nirgül einfach auf den Punkt: „Den meisten fehlt einfach das Geld dazu.“ So hatte Gamzes Vater einen Kleinkredit für die Tochter aufnehmen müssen, um ihr die Reise zu finanzieren. „Aber genau das muss man doch anders lösen können“, war sich Nirgül sicher und schritt, wie man so schön sagt, direkt nach ihrer Rückkehr in Gütersloh zur Tat: Sie rief Andres Kimpel an und sagte: „Ich brauche Deine Unterstützung.“

Ein Projekt mit Qualität
„Wir wissen, dass die Projekte, die Nirgül inszeniert, Qualität haben und dass man sich auf die Zusammenarbeit blind verlassen kann“, erklärt Wilhelm Kottmann das Vertrauen in die Künstlerin. So ist der Rest der Vorbereitung schnell erzählt: Man traf sich im Atelier, Nirgül stellte ihr Projekt vor und lieferte unversehens Zahlen, Daten und Fakten, so dass die Verantwortlichen des Fachbereich Kultur und Sport der Stadt zügig reagieren konnten. „Mir kann es ja nicht schnell genug gehen“, lacht Nirgül. Und ja, welche Dynamik das Ganze bekam, zeigt das Ergebnis: Der Fachbereich übernahm die Flugtickets der türkischen Künstler und half, das benötigte Material zu kaufen. Mit geringen Mitteln konnten Musiker gefunden werden, die das Projekt täglich musikalisch begleiteten und um alles Weitere kümmerte sich Nirgül selbst: Sie sorgte für private Unterbringung und Verpflegung. Das Resultat: Gute vier Wochen nach dem ersten Gespräch besetzten junge Künstler gemeinsam mit ihren Dozentinnen den Innenstadtplatz und überzogen ihn mit ihrer Kunst.

In der Türkei leuchten die Farben anders
„Es ging viel schneller als gedacht“, erzählt Nurseren, immer noch fasziniert von den ersten Gesprächen bis zur Abreise nach Deutschland. Es ist Donnerstag, der 14, Juni, ein warmer Sommertag. Gerade bemalt die Professorin zwei großformatige Leinwände mit intensiven Rottönen. „Weißt du“, sagt sie, „in der Türkei leuchten diese Farben anders, hier haben sie viel mehr Intensität.“ Ob das an der unterschiedlichen Sonneneinwirkung liegt oder an dem satten Grün der Rankpflanzen auf dem Platz, vermag sie nicht zu sagen. Doch sicher ist schon mal ihre ungemeine Strahlkraft, sowohl die der Bilder als auch die der Künstlerin selbst. Später werden auf den Bildern Porträts zu finden sein.

Eine Quelle der Inspiration
Die beiden Studenten Ayça Juana Botella Tor und Otto Syndaren wollen eine besondere Art der Performance schaffen, verraten sie mir, während Nirgül unser Gespräch übersetzt. Sie nutzen die vier Tage, um eine Gestalt zu erstellen, durch die der Betrachter hindurchschauen kann, um sich selbst zu erkennen. „All das wird direkt auf diesem Platz, unter den Augen der Passanten, erstehen“, ergänzt Nirgül. Und während wir reden, lässt sich Dozentin Arzu von dem Platz mit seinem zentralen Brunnen inspirieren. Gemeinsam mit Fotograf Armin spricht sie bald darauf Passanten an und bittet sie, ein Foto von ihnen machen zu dürfen. Später kommen die in gläserne Behälter und sind Bestandteil der Installation, die ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – vorschwebt. Auch ich werde im Übrigen ein Teil davon sein. Mittlerweile ist auch Saxophonistin Monika Gläsker eingetroffen und findet die richtigen Töne, um all diese Anfänge musikalisch in Szene zu setzen. Bis Montag sind die vier Künstler täglich vor Ort und sie wundern sich nicht schlecht. Während an jedem Tag Musiker ihr Projekt begleiten, mal mit der Violine, mal mit dem Kontrabass, kommen viele Passanten auf einen Plausch vorbei.

Ein wahrer Glücksmoment
„Hier entsteht ein Dialog, den ich sehr bedeutungsvoll finde“, sagt Nurseren an einem der anderen Tage zu mir. Jahrelang lebte sie in Berlin, bevor sie 1999 zurück in die Türkei ging, um an der Universität im Süden des Landes zu lehren. „In Berlin habe ich das Zusammenleben und den Austausch der verschiedenen Kulturen kennengelernt. Doch was ich nicht erwartet hatte ist, dass viele Menschen hier in Gütersloh an unserer Arbeit so sehr interessiert sind. Das ist sehr schön zu sehen“, sagt sie und lässt so ganz nebenbei auf den Bildern erste Umrisse ausdrucksstarker Gesichter entstehen. Während Ayça Juana und Otto eher zurückgezogen an ihrem Projekt arbeiten, ist Arzu jeden Tag aufs Neue damit beschäftigt, gemeinsam mit Fotograf Armin Menschen und deren Gesichtsausdrücke im richtigen Moment einzufangen. Und auch sie spricht immer wieder von diesem unerwarteten Glücksmoment, den sie empfindet, während sie auf dem Platz umherstreift und ihre Motive sucht: „Es ist das erste Mal, dass ich im öffentlichen Raum Kunst erschaffen kann“, erklärt sie mir auf englisch. Und dieser Platz sei einfach inspirierend. „Sich damit zu beschäftigen, die Idee zu finden und dann den Zuspruch der angesprochenen Menschen zu erhalten, ist ein toller Prozess – eben ein wahrer Glücksmoment.“

Ich wiege mich sanft im Wind
Viele dieser Menschen besuchen am Mittwoch, 20. Juni, die Ausstellung in Isselhorst. Bereits draußen vor der Tür sehen sie sich einige selbst, ihre Gesichtsausdrücke eingefangen in Glasbehältern, die sich sanft im Wind bewegen. Und auch mein konterfei wiegt sich mit den anderen im Takt. Als ich eintreffe, eröffnet gerade Wilhelm Kottmann die Ausstellung. Und noch einmal erklärte er, warum dieses Projekt so wichtig für die Stadt sei:
„Ich hoffe, dass es der Auftakt für eine größere Reihe im internationalen Kulturaustausch ist und nicht in der Einmaligkeit verschwindet.“ Denn genau das möchte der Fachbereich mit der Platzbesetzung gerne fördern. Eine Ausstellung im öffentlichen Raum sei etwas Besonderes und bringe Kunst und Kultur direkt zum Bürger, ist er sich sicher – und die Künstler pflichten ihm bei.

Abenteuer Kunst im öffentlichen Raum
Auf ihrer Reise durch Deutschland haben die vier Künstler mittlerweile Berlin erreicht und lassen sich auch dort von Kunst und Kultur inspirieren, bevor es wieder in die Türkei zurück geht. „Sie sind das Abenteuer eingegangen, zu uns zu kommen und das Projekt auf den Weg zu bringen“, sagte Wilhelm Kottmann, denn die Platzbesetzung war erst der Anfang eines weiteren internationalen Austausches. „Ich werde jetzt versuchen, jungen Künstlern, die keine finanziellen Möglichkeiten in ihren Heimatländern haben, hier eine Art Stipendium zu ermöglichen“, sagt Nirgül. Und wer sie kennt, ahnt, dass das Projekt längst Flügel bekommen hat. Wilhelm Kottmann und Andreas Kimpel hat sie bereits überzeugt, jetzt möchte sie gerne Hochschulen und weitere Kulturförderer dafür gewinnen, im kommenden Jahr einen ersten Stipendiaten hier begrüßen zu können.

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