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Anna Niehaus im Gespräch mit Birgit Compin. Foto: Frank Tiedemann

Start-ups in Gütersloh

Mit nicht einmal 1.000 Existenzgründungen pro Jahr ist ihre Zahl im Kreis Gütersloh sehr niedrig. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, sagt Anna Niehaus, Gründungsberaterin bei pro Wirtschaft GT. Die gute wirtschaftliche Lage der Region sei dafür genauso verantwortlich wie eine fehlende Gründerszene, die für eine Stadt wie Gütersloh extrem wichtig sei, um auch in der Zukunft wirtschaftlich ganz oben mitzumischen. „Wir spielen in allen wirtschaftlichen Belangen Champions League, nur im Gründungsbereich spielen wir in der zweiten Kreisliga“, sagt sie. Was genau sie damit meint, und wie man Menschen zur Gründung eines eigenen Unternehmens motivieren kann, darüber hat sich GT-INFO Redakteurin Birgit Compin mir ihr unterhalten.

Zum Gründungsgeschehen im Kreis Gütersloh haben Sie Daten, Zahlen und Fakten zusammengetragen. Das Ergebnis ist ernüchternd, denn die Gründungsraten im Kreis sowie in ganz OWL sind sehr niedrig. Wie kann man das ändern?

Anna Niehaus: Genau. Im Deutschlandvergleich bewegen wir uns im unteren Drittel. Das ist allerdings auch erst einmal nicht überraschend, denn eine Gründungsquote steht auch immer im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktlage: Je niedriger die Arbeitslosenquote ist, desto weniger Gründungen gibt es in der Region. Oder ganz plastisch formuliert: Wenn Sie die Wahl haben, einen gutbezahlten, unbefristeten Job bei Miele oder Bertelsmann zu bekommen, wie hoch ist dann Ihre Neigung, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Und doch plädieren Sie für mehr Gründungen und fordern eine lebhafte Gründerszene. Warum sind Gründungen wichtig?

Anna Niehaus: Zunächst einmal brauchen wir Unternehmen die nachwachsen, damit wir auch in Zukunft viele Arbeitsplätze in der Region haben. Andererseits stehen Gründungen immer auch für Innovation und Druck.

Wenn also jemand mit einer frischen Idee auf den Markt kommt, setzt er ein bestehendes Unternehmen unter Druck. So zwingen nachwachsende Unternehmen die etablierten, sich selbst zu überprüfen: Bin ich noch am Puls der Zeit und am Kunden, brauche ich neue Innovationen? Damit hilft dieser Druck bestehenden Unternehmen, wettbewerbsfähig zu bleiben. 

Sie bedauern besonders die niedrige Anzahl der Gründungen im digitalen Bereich im Kreis Gütersloh. Warum?

Anna Niehaus: Digitalisierung bietet ein riesiges Potential und die Digitalwirtschaft ist eine echte Wachstumsbranche: Hier entstehen die Geschäftsmodelle und damit Arbeitsplätze von Morgen. Wenn wir es nicht schaffen, den Kreis Gütersloh für digitale Gründer interessant zu machen, dann kann das künftig ein Problem für den Kreis darstellen. Um das zu ändern fehlt unserem Kreis zunächst einmal ein Hochschulstandort, denn digitalisierte Gründungen entstehen oft im Hochschulumfeld, rund um Informatiklehrstühle zum Beispiel. Zudem orientieren sich Digitalgründungen dahin, wo schon eine digitale Szene aktiv ist, um sich auszutauschen und Netzwerke zu bilden. Das ist unser eigentliches Manko: Die digitalen Gründungen orientieren sich nach Bielefeld und Paderborn – oder direkt nach Berlin. 

Gütersloh als Hochschulstandort scheint nicht in Sicht. Das heißt, es wird sich auch in Zukunft in diesem Bereich nichts ändern? 

Anna Niehaus: Unsere Chance ist es, einen attraktiven Standort und gute Rahmenbedingungen für Gründungen und besonders für digitale Startups zu bieten. Und zwar dann, wenn die Gründung bereits vollzogen ist und die Start-ups wachsen, Mitarbeiter beschäftigen und Fläche für größere Büros brauchen. In Bezug auf Gewerbeflächen ist der Kreis Gütersloh ein relativ günstiger Standort, im Vergleich zu Bielefeld oder Paderborn. Und da gilt es, gute Angebote zu schaffen. Aber das heißt natürlich auch, dass die Voraussetzungen dafür gegeben sein müssen. Da sprechen wir dann von einer guten Breitbandanbindung, attraktiven Flächen und Orte mit guter ÖPNV-Anbindung. 

Neben der Gründerszene bemängeln
Sie auch eine sogenannte Gründerkultur. Was meinen Sie damit?

Anna Niehaus: Sowohl in Verwaltung und Politik aber auch in der Stadtgesellschaft, hat man noch nicht wirklich erkannt, dass es hier eine Gründerkultur braucht. Uns geht es heute wirtschaftlich sehr gut. Es gibt ja immer Unternehmen, die in die Insolvenz gehen und dann brauchen wir Unternehmen, die nachwachsen können. Wir müssen uns schon heute um die Mieles von morgen kümmern, sozusagen. Und wenn wir die heute gar nicht im Blick haben, wäre das fahrlässig.

Laut Ihren veröffentlichten Daten werden die meisten Gründungen im Dienstleistungsbereich vollzogen. Auch Handel, Reparaturen, Instandhaltung und persönliche Angebote wie Coaching oder Einkaufshilfen sind dabei. Hinzu kommen Industriegründungen – und viele von ihnen im Nebenerwerb. Das heißt, die Gründer im Kreis sind überaus vorsichtig und richten sich nach Angebot und Nachfrage im eigenen Ort?

Anna Niehaus: Ganz genau. Der Trend zunächst im Nebenerwerb – also neben einer angestellten Tätigkeit eine Selbstständigkeit aufzubauen findet sich deutschlandweit wieder. Aber im Kreis Gütersloh gründen Menschen typischerweise nach einigen Jahren Berufserfahrung. Besonders im Industriebereich sagen viele: „Ich habe festgestellt, dass es ein Optimierungspotential in einem bestimmten Bereich gibt. Also versuche ich es besser zu machen und gründe mein eigenes Unternehmen.“ Und da haben wir die Verknüpfung: Ein guter Standort für Industrie zieht auch Industriegründungen nach sich. Im NRW-Vergleich haben wir in der Region verhältnismäßig viele Industriegründungen, auch wenn die meisten Selbstständigen mit einem Dienstleistungsangebot starten. 

Gibt es Förderprogramme zur finanziellen Unterstützung von Gründungen?

Anna Niehaus: Der Nachteil einer wirtschaftlich gut funktionierenden Region ist, dass die Fördermittel für Neugründungen eher rar sind. Das heißt für die Entwicklung und Starthilfe gibt es zwar Förderdarlehen für Gründungen, die aber komplett zurückzuzahlen sind. Allerdings gibt es hier ein breites Beratungsnetzwerk, das im ersten Schritt immer kostenfrei ist. Das bieten wir, aber auch die Kammern und viele Steuerberater und Kreditinstitute an. Dabei geht es um ein erstes Feedback und die Frage, ob die Idee funktionieren kann, was die nächsten Schritte sind und wer dabei helfen kann. Daneben gibt es Förderprogramme für individuelle Beratungen. Wer zum Beispiel einen Businessplan nicht alleine erstellen kann, kann darauf zurückgreifen.

Welche Voraussetzungen muss man für eine erfolgreiche Gründung mitbringen?

Anna Niehaus: Ich empfehle, eine Gründungsidee nur dann ernsthaft zu verfolgen, wenn man mit Herzblut hinter der Idee steht. Man kann zwar eine Geschäftsidee im Internet recherchieren, aber wer nicht zu 100 Prozent hinter dieser Idee steht, sollte es lieber lassen: denn dafür ist eine Gründung einfach zu anstrengend, zu zeitintensiv und auch zu teuer. Daneben muss man auch die fachlichen Voraussetzungen mitbringen, um den Markt einschätzen zu können. 

Laut Statistik sind 50 Prozent der Gründungen bereits nach fünf Jahren am Markt verschwunden, im Dienstleistungsbereich sogar 80 Prozent. Woran scheitern die Gründer?

Anna Niehaus: Ein Grund kann sein, sich nicht gut genug vorbereitet zu haben oder dass die Idee völlig am Markt vorbeigeht. Auch die Finanzierung kann ein Punkt sein, beispielsweise weil die Anlaufzeit einer Selbstständigkeit unterschätzt wird und die finanziellen Reserven nicht ausreichen. Ein weiterer Punkt ist, dass eine Gründung mit viel Arbeit, Zeit und Nerven verbunden ist und wenn mir dann vielleicht die Rückendeckung in der Familie fehlt, dann ist das ein möglicher Grund zum Aufgeben.

Was empfehlen Sie denjenigen, die gerade eine Existenzgründung
in Erwägung ziehen?

Anna Niehaus: Mein erster Tipp lautet: Fragen, Informationen sammeln und darüber sprechen. Auch die Gründungsidee schon früh mit wenig Kapital zu testen, kann ein Vorteil sein. Ein Businessplan macht viel Arbeit, strukturiert die Planung der Gründung aber sehr gut. Wir sehen da tatsächlich immer den Zusammenhang: Je besser eine Gründung vorbereitet ist, desto eher ist die Selbstständigkeit später erfolgreich. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, um den Kreis besser für Gründer zu etablieren?

Anna Niehaus: Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir in unserer Region nichts verschlafen, denn die Gründerkultur fehlt in allen Bereichen - bei den Selbstständigen, in der Politik und Verwaltung, aber auch in den Köpfen der Gesellschaft. In unserer Region steckt viel unternehmerisches Potential. Dieses noch mehr auszuschöpfen und durch Gründungen zu heben, wäre natürlich ein Traum. Dafür sollten wir einen Gründungsort schaffen, in dem sich eine Kreativ- und Gründerszene treffen kann, um gemeinsam mit anderen Selbstständigen, aber auch der etablierten Wirtschaft ins Gespräch zu kommen. Für all das brauchen wir Treiber aus Unternehmen, der Stadt und der Verwaltung. Und wir brauchen mehr mutige Menschen, die aus ihren Ideen Unternehmen schaffen. 

www.prowi-gt.de/gruenden-wachsen/
gruendung/


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