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Es ist noch nicht entschieden, was die Antriebsform der Zukunft sein wird, so Hermann Kattenstroth. Foto: Moritz Ortjohann

„Mein Rat an die Dieselfahrer: Bleiben Sie ruhig!“

Die heile Welt der Dieselfahrer – sie war einmal. Kein Spaß mehr an der Tankstelle, verloren das ökologisch gute Gewissen und weg die beruhigende Gewissheit eines hohen Wiederverkaufswerts ihres Autos. Betrogen von der Industrie, bedroht vom Gesetzgeber und verunsichert durch die Auguren der Mobilitätszukunftsforscher haben Dieselfahrer – und nicht nur sie – Grund zur Sorge. Verunsicherung macht sich allenthalben breit: Welche Technologie wird sich durchsetzen, mit welchen Folgen für uns alle? Welche Kosten kommen auf uns zu? Wie sehen die Verkehrsströme der Zukunft aus, was ist vor Ort zu tun? GT-INFO-Redakteur Heiner Wichelmann sprach mit Hermann Kattenstroth, Obermeister der Kfz-Innung Gütersloh.

Herr Kattenstroth, Sie kommen gerade vom jährlich stattfindenden Unternehmertag Ihres Vertragspartners BMW in München zurück. Die Branche ist im Aufruhr, was gibt es Neues zu berichten? 

Für uns Händler war entscheidend, dass jetzt die komplette Elektrotechnik über das gesamte Händlernetz in Deutschland ausgerollt wird. Wenn wir alle Vorgaben der Infrastruktur erfüllen, die zu diesem Roll-out der Elektrotechnologie bei den Motoren gehören, und zertifiziert werden, bekommen wir Händler einen sogenannten Elektrobonus, also eine finanzielle Unterstützung aus München. Ähnlich werden wahrscheinlich auch andere Hersteller verfahren. 

 

Das heißt, Sie gehen als Unternehmer selbst ins Risiko?

Natürlich. Die gesamte Präsentations-
Infrastruktur der neuen Fahrzeugmodelle – neben unserer Submarke i bekommen wir jetzt auch bei anderen Modellen zusätzlich eine Hybrid- wie auch eine reine Elektrovariante – finanzieren wir selbst, das ist normales Geschäft. Damit verbunden ist auch die Investition in ein entsprechendes Corporate Design für die E-Modelle. Um heute auf dem Händlermarkt zu bestehen, bedarf es immer wieder hoher Investitionen. Das Geschäft wird insgesamt nicht einfacher, nicht jeder kann das stemmen. 


Ist denn der E-Motor tatsächlich der
große Sprung nach vorn? Die Herstellung der Batterien ist doch nicht klimaneu-
tral. Außerdem werden bisher doch kaum E-Autos verkauft, oder?

Die tatsächlichen Verkaufszahlen sind nicht gerade ermutigend, das stimmt. In Deutschland fuhren 2017 gerade mal 55.000 Elektrofahrzeuge, allerdings Tendenz steigend. Das entspricht einem Zulassungsanteil von 1,6 Prozent. Mehrheitlich waren’s übrigens Plug-In-Hybride, die Zahl der reinen Elektrofahrzeuge liegt bei 25.000 Pkw. In Gütersloh gibt es übrigens bisher nur 51 E-Autos, die meisten davon dürften Firmenwagen sein. Die Gründe für den immer noch schleppenden Verkauf sind ja bekannt: hohe Anschaffungskosten trotz der Förderprämien, geringe Reichweiten, dazu immer noch die eher unbefriedigende ökologische Bilanz, denken Sie an den hohen Verbrauch von Lithium und Nickel bei der Herstellung, auch das Recycling der Batterien ist noch nicht geklärt. Das alles wird eben kritisch gesehen. Dennoch: Die Variante Elektroauto wird ein Teil der Zukunft sein, wenn ich auch persönlich glaube, dass dies noch eine lange Strecke ist.

 

Wann ist es denn so weit, dass das Elektroauto so günstig ist wie ein Benziner, die Reichweite bei 500 Kilometern liegt und die Aufladezeit höchstens eine halbe Stunde beträgt?

Da müssen wir uns wohl noch auf zehn Jahre einstellen, bis die elektrobetriebenen Autos eine signifikante Größe darstellen. Das Fahren mit Elektroautos bedeutet ja heute auch eine andere Fahrkultur. Man muss sich daran gewöhnen, immer dort aufzuladen, wo man gerade parkt und man fährt auch nicht so schnell. Wenn Sie heute mit einem Elektrofahrzeug auf der Autobahn unter Volllast fahren, sinkt die Reichweite drastisch.

 

Was ist mit den Hybridmotoren?

Für mich eine Übergangstechnologie, gut geeignet für den Innenstadtverkehr, aber nicht für Langstreckler. Reine Verbrennungsmotoren sind da nach wie vor viel effizienter und günstiger. 

 

Und die anderen Alternativ-Technologien?

Ob E-Motoren, Wasserstoffantrieb, Brennstoffzelle oder auch Gas: Ich bleibe dabei, die wirkliche Lösung, um die Schadstoffemissionsgrenzen einzuhalten, ist die Verbesserung der Benziner und der Dieselmaschinen, was außer Volvo ja auch alle anderen Hersteller weiter forcieren wollen. Es ist auch klar, dass die Weiterentwicklungen aller genannten Antriebsformen noch lange parallel laufen werden. In den kommenden zehn Jahren jedenfalls wird der E-Motor die Verbrennungstechnologie keineswegs verdrängen. 

 

Ich muss mir also um meinen alten Diesel nicht allzu viel Sorgen machen? 

Das Thema ist hier die Nachrüstung. Für uns Händler und damit auch für die Kunden ist die Verkaufssituation bei den Schadstoffnormen Euro 4 und 5 schon extrem schwierig. Die Standzeiten bei den Gebrauchtwagen werden länger und länger, das ist ein Riesenproblem, die Gespräche mit den Käufern sind nicht einfach. Sollte es, bedingt durch die Vorgaben aus Brüssel, tatsächlich in einzelnen Städten Deutschlands zu Fahrverboten kommen, bliebe davon
eventuell nur die Abgasnorm Euro 6 ausgeschlossen. Die Nachrüstung bei den 4ern
und 5ern ist also das Thema, aber da will die Autoindustrie noch nicht richtig dran. 

 

Was raten Sie mir als Dieselfahrer? Jetzt verkaufen oder einfach weiterfahren?

Wenn Sie weiterfahren, haben Sie erst mal keine wirklichen Probleme. Ich würde nicht wechseln. Mein Rat an die Dieselfahrer generell: Bleiben Sie ruhig!

 

Wie geht es Ihrer Branche im Kreis Gütersloh zurzeit eigentlich wirtschaftlich?

Der Gebrauchtwagenverkauf steht unter Druck. Es werden bei bestimmten Modellen auch Verluste geschrieben. Die Konsequenz ist, dass wir uns im Vertrieb breiter aufstellen müssen. Teleservice ist hier nur der Anfang, wir brauchen mehr Kommunikation mit unseren Kunden. Allein mit dem Neuwagenverkauf im alten Stil wird es nicht mehr gehen. Wir stehen vor einem großen Umbruch in der Branche, weil für viele kleinere Händler die Vorgaben der Hersteller nicht mehr bezahlbar sind. Wir rechnen daher mit Konzentrationen auf dem Händlermarkt.

 

Der mögliche Zukunftsmarkt E-Antrieb reißt es dann auch nicht mehr raus?

Der Verkauf bringt Geld rein, aber dafür fehlen die Einnahmen im Reparaturgeschäft. Der Wartungsbedarf eines E-Autos ist fast gleich null. Da gibt es keinen Ölwechsel und kaum Verschleiß bei Bremsbelegen. Was bleibt, ist der Wechsel der Bremsflüssigkeit und der Räderwechsel bei Sommer und Winter. Das ist meine eigene Erfahrung mit meinem E-Auto, das ich jetzt schon fünf Jahre fahre. E-Autos bedeuten für unsere Werkstätten schlicht weniger Arbeit, dafür einen hohen Aufwand in der Ausbildung. 

 

Wie sieht die Situation bei den freien Werkstätten aus?

Schwierig. Die können die immer höheren technischen Ansprüche der neuen Fahrzeuge in Zukunft finanziell eigentlich nicht mehr stemmen.

 

Die Transportlogistik ist in Deutschland auf Diesel eingerichtet, lässt sich das Ihrer Meinung nach im großen Stil ändern?

Nur auf lange Sicht, sollte der Diesel tatsächlich abgelöst werden, was ich, wie gesagt, nicht glaube, weil diese Technologie noch viel Potential nach oben hat. Die Deutsche Post versucht es ja mit ihren E-Streetscootern. Aber auch da gibt es Probleme. Es ist zum Beispiel im Winter zu kalt, dadurch reduziert sich die Reichweite. Außerdem fahren diese Zulieferwagen nur 60 bis 70 km/h. Für reine Zuliefererfahrten in der Stadt sind die Post-Lieferfahrzeuge aber sicher gut geeignet. Die Transportlogistik allgemein sucht im Übrigen längst nach Lösungen. Es gibt sogar schon Versuchsstrecken mit Überlandleitungen für Lkws.

 

In Gütersloh verlieren die Transportfahrer viel und damit teure Zeit beispielsweise auf der Verler Straße – morgens, mittags und am späten Nachmittag ist sie immer voll. Hätten Sie einen Lösungsvorschlag? 

Die Verler Straße müsste stadteinwärts ab der Autobahn normalerweise vierspurig sein. Aber das ist ja eine Landesstraße. Ich weiß nicht, ob die Stadt da in Gesprächen mit Düsseldorf ist. Im Vergleich zu München, Stuttgart, Köln, Berlin oder Hamburg leben wir allerdings noch auf der Insel der Seligen, das muss man ehrlicherweise sagen.

Hätten Sie, was die Verkehrspolitik betrifft, eine Zukunftsvision für Gütersloh?

Da antworte ich als Bürger: Für mich ist der Ausbau des ÖPNV besonders wichtig. Ich würde auch für mehr Effizienz der Ampelschaltungen sorgen, denn entscheidend ist, dass die Hauptverkehrsströme fließen. Und ich würde auch die Infrastruktur für E-Fahrzeuge, zum Beispiel für die der Pflegehilfeorganisationen, verbessern, also mehr Ladesäulen vorhalten.

 

Was könnte die Stadt noch besser machen? Was empfehlen Sie?

Die Kommunikation für ein besseres Verkehrs-Bewusstsein aller Beteiligten könnte verbessert werden. Es müssten auch mehr Hilfestellungen gegeben werden. Wer zum Beispiel ein E-Auto fährt, sollte kostenlos laden und parken können. Es muss interessanter werden, alternativ zu fahren. Der weitere Ausbau des Radfahrnetzes gehört auch dazu, wobei ich es kritisch sehe, wenn die Leute auf der Kahlertstraße, wo ich meinen Betrieb habe, mit dem Fahrrad fahren dürfen. Das ist mir persönlich zu unsicher. Was den Lkw-Verkehr betrifft: den wird man kaum raushalten können aus der Stadt, hier liegen nun mal viele Groß- und Kleinbetriebe recht zentral und Lenkungsversuche wie das Modell der GT-Citylogistik sind vor Jahren schon gescheitert. Ich glaube übrigens auch nicht, dass wir hier Großstadtlösungen wie DriveNow und andere brauchen.

 

Letzte Frage: Sind Sie eigentlich als Auto-Mann für freies Parken in der Innenstadt? 

Nein, bin ich nicht. Es sollte allerdings auch nicht zu teuer sein. Ich war neulich auf einer Tagung im Hilton-Hotel auf dem Münchener Flughafen, kam nach acht Stunden zurück in die Tiefgarage und durfte sage und schreibe 55 Euro zahlen. Da zahle ich doch gerne einen Euro hier in Gütersloh. 

 

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