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"Die Maschi-Mäuschen“ proben einen Tanz. Foto: Moritz Ortjohann.

Das Gen der Karnevalisten ...

Alaaf, Helau und Maschi-Mau! Es ist wieder soweit: Die Narren sind unter uns! Ertönt in der kölschen Hochburg dieser Tage ein lautes „Alaaf,“ schallt aus dem benachbarten Düsseldorf ein mächtiges „Helau“ zurück. Und selbst in Gütersloh ist ein gutgelauntes „Maschi Mau – Kattenbuer Helau!“ zu hören. Denn was die einen hier gerne verdrängen, können die anderen kaum erwarten: Der Karneval ist los! Rietberg, Rheda-Wiedenbrück und Harsewinkel sind einige der Hochburgen im Kreis, und in Gütersloh feiert der erste und einzige Karnevalsverein gerade sein 66-jähriges Bestehen. 

Als typische Ostwestfälin ohne Karnevals-Gen ausgestattet, lebte ich 15 Jahre in Köln und weiß genau, welche Blüten das närrische Kollektiv treiben kann ... Es verändert das Erbgut nachhaltig. Dann sieht man fasziniert zu, wie die Wahlheimat langsam ihre Konturen verliert und sich nach monatelanger Vorbereitungszeit einem siebentägigen Taumel ergibt. Arbeitsplätze mutieren zu Kölsch-Theken, wenn sie nicht sowieso zwangsweise geschlossen werden und sich Chef samt Mitarbeiter in der Kneipe nebenan zur Teambildung treffen. Bereits Monate zuvor gehört das Rudelsingen „Los mer singe“ in den Brauhäusern zum guten Ton und brennt das jährlich neue Liedgut unter die Narrenkappen. Während sich der Rest der Welt langsam an ein neues Jahr gewöhnt, beginnt der Karnevalist das Jahr mit einem nicht enden wollenden Sitzungs-Marathon in der Wolkenburg, im Gürzenich, dem Kristallsaal oder sonst wo. Und ich weiß, dass die schönsten Kostüme der Gäste oft monatelange Vorbereitungen mit Basteln und Schneidern hinter sich haben, ganz zu schweigen von denen der Tanzgruppen auf der Bühne. Ich weiß, dass eine Gardeuniform mehrere 1.000 Euro verschlingen kann und dass das Einstudieren der Tänze jahrelangen Trainings bedarf, während es in der heißen Phase unzählige Stunden verschlingt. All das weiß ich. Und jetzt stelle ich mir genau das in Gütersloh vor. 

Ja, doch, auch in Gütersloh herrscht närrisches Treiben – und man fragt sich: Ist das ansteckend oder vererbt? Dass das so ist, verdanken die regionalen Jecken dem Kattenstrother Karneval-Club. Und dass die ostwestfälischen Narren ausgiebig feiern können, zeigte sich gerade wieder, als die Jecken am 27. Januar ihre Große Prunksitzung in der Stadthalle abfeierten. Doch wie bereiten sie sich auf die fünfte Jahreszeit vor? Schneidern auch sie monatelang an Kostümen und Uniformen? Studieren auch sie neue Lieder ein; und wie intensiv sind die Vorbereitungen von Tanzmariechen und Co.?? 

Vor der Kür kommt die Pflicht

Ich treffe Ina Seidel, 1. Präsidentin des KKC, dem Kattenstrother Karneval-Club, gemeinsam mit Pressesprecherin Dina Kintrup und Sitzungspräsident Jürgen Degner bei den Vorbereitungen zur großen Prunksitzung in den Proberäumen der Tanzgruppen. Sie sind mein „Dreigestirn“ an diesem Tag. „Unsere Tänzer benötigen die meiste und intensivste Vorbereitungszeit“, so die drei. Ihr Verein hat mittlerweile eine 66 Jahre lange Geschichte. Seit dem vergangenen Jahr ist Ina Seidel Präsidentin und wurde damit nach 65 Jahren die erste Frau an der Spitze des KKC. „Unser Verein wurde bereits 1952 gegründet“, erzählt Jürgen Degner, als Exil-Rheinländer ist er natürlich mit der genetisch bedingten Portion Frohsinn ausgestattet. Eine Eigenschaft, die sicherlich mit ein Grund dafür ist, dass er die Karnevalssitzung moderiert. Die finde generell zwei Wochen vor Rosenmontag statt, erklärt er weiter. Seit der Fertigstellung der Stadthalle wird dort die große Prunksitzung gefeiert. Und selbst gemäßigte Narren erinnern sich sicherlich noch gut an die Hochzeit des karnevalistischen Treibens in der Stadt, als nicht nur die Sitzung, sondern auch Karnevalspartys die Massen in die Stadthalle trieben. Heute ist die Prunksitzung das Maß aller Dinge. Dann wird das Prinzenpaar der kommenden Session proklamiert und bis in den Morgen hinein gefeiert. Fritz und Melanie Lauber heißen die neuen Regenten der Narren, die gerade Peter Wilde und Nina Brüggemann ablösten. Auch sie sind heute in den Proberäumen zu finden, denn sie alle gehören einer der Tanzgruppen des Vereins an.

Narren mit Leib und Seele 

Allesamt sind sie aus tiefstem Herzen überzeugte Karnevalisten. Allein das neue Prinzenpaar hat es in sich: Seit sechs Jahren schwingt Melanie in der Damenformation „Die Lümmels" das Tanzbein – und ihr Ehemann hat beim Männerballett „Die Traumtänzer“ eine durchaus tragende Rolle. Während wir so reden, läuft Alt-Prinz Peter vorbei und zeigt mir gerne noch ein paar Schritte für den wichtigsten Tanz seiner Tanztruppe, der Prinzengarde: den „Stippeföttche“. Und so langsam scheine ich mitten in Ostwestfalen im tiefsten Rheinland angekommen zu sein, denn an diesem Ort scheint jeder den Karneval mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Man wachse da so rein, sagt Dina Kintrup. „Ich war bereits bei der Kindertanzgruppe ‚Die Schlümpfe’ und tanze heute in der Damenformation ‚Die Lümmels’. Mein Mann ist Mitglied, und unsere Tochter tanzt bereits wieder in der Kindergruppe.“ Genauso ist es bei den Seidels und vielen anderen hier. Das karnevalistische Gen scheint also durchaus vererbbar zu sein.

65 Aktive schwingen das Tanzbein

Heute und in den kommenden Tagen proben hier 65 Akteure für ihren großen Auftritt. Mit Konzentration und ganz viel Hingabe geben die sieben Mädchen und drei Jungen der Kindergruppe „Die Schlümpfe“ alles, bis sie bei der Aufführung in schicken Oktoberfestkostümen zeigen, was in ihnen steckt. Und dann sind da die Gardetänzerinnen „Die Maschi-Mäuschen“, das eigentliche Flaggschiff des Kattenstrother Karneval-Clubs. Ihr Training ist besonders aufwendig. Heute trainieren sie im Vereinshaus der Kattenstrother Schützen erstmals in ihren aufwendig gearbeiteten Gardekostümen. Aufwendig sind auch Choreografie und Akrobatik der 15- bis 20-Jährigen. „Die Maschi-Mäuschen sind unsere hochwertigste Gardegruppe“, erfahre ich. „Sie absolvieren während der Session viele Gastauftritte bei den Sitzungen anderer Karnevalsvereine.“ Disziplin, Akrobatik, Tanz, Gymnastik und ein sehr gutes Körpergefühl sind die Voraussetzungen, um hier mitmachen zu dürfen – und es gibt keine Pause. „Sie trainieren das ganze Jahr über sehr intensiv.“ Die Performance ist durchaus vergleichbar mit einem Kölner Tanzmariechen – doch einer fehlt. „Das ist wahr“, sagt Ina Seidel und lacht: „Aber leider gibt es in der Tanzgruppe keinen Mann, dazu haben wir noch niemanden überreden können.“ Trainerin Georgia Toulkeridou fügt hinzu: „Aktuell tanzen in der Damengarde neun Mädchen, aber es dürfen gerne mehr werden.“ Wer sich also berufen fühle, hier einmal mitzumachen, darf sich gerne bewerben. 

Über den Wolken

„Die Lümmels“ nennt sich die Damenformation, bei der es dann ganz anders zur Sache geht. Hier wird jedes Jahr ein neues Konzept erarbeitet, mit Musikstücken, Tänzen und den entsprechenden Kostümen. Mal ist der Fußball ein Thema, dann wieder ein anderes mediales Ereignis oder auch eine besondere Geschichte. Bei den 14 Showtänzerinnen sind auch Ina Seidel und Dina Kintrup mit von der Partie. In diesem Jahr begeben sich die Damen der Lümmel-Truppe in die Lüfte und zwar auf einen Flug nach Saint Tropez – als Stewardessen. Doch präsentieren sie sich nicht, wie man vermuten möchte, in roten Kostümen, sondern in klassischem Blau-Gelb. Seit Ende der Herbstferien kommen sie einmal wöchentlich für zwei intensive Stunden zusammen, um mit Trainerin Daniela Koschella zu trainieren. „Nach Weihnachten proben wir dann auch zweimal in der Woche“, erzählen die Tänzerinnen. In diesem Jahr besticht ihre Performance gleich beim Einmarsch mit einer Sangeseinlage von Balou dem Bär aus dem Dschungelbuch, gefolgt von Helene Fischers „Flieger“ und einem titelgebenden „Welcome to Saint Tropez“. Die intensiven Trainingseinheiten scheinen gefruchtet zu haben, denn alles klappt wie am Schnürchen. „Im Gegensatz zu uns sind die Männer noch nicht so weit,“ flachsen die Damen. „Deshalb müssen die noch ein bisschen mehr trainieren als wir.“

Heißer geht’s nicht

Davon kann ich mich schon bald überzeugen. Trainiert wird das berüchtigte KKC-Männerballett von Sabine Mühlberg; auch sie beginnen ihr Pensum mit zwei Stunden in der Woche nach den Herbstferien. „Sabine sorgt dafür, dass sie spuren“, grinst Jürgen Degner, der es bis heute nicht zum Tänzer gebracht hat und das auch nicht sonderlich vermisst. „Die Traumtänzer“ nennen sich die Herren, bei denen es keine Altersbegrenzung zu geben scheint. Ihren diesjährigen Auftritt nennen sie vollmundig: „Feuer, heißer geht es nicht“. Ich bin gespannt. Doch zunächst bin ich einen kurzen Moment lang ein kleines bisschen enttäuscht, hatte man mir doch im Vorfeld von deren urkomischer Kostümierung samt Perücken berichtet. In diesem Jahr ist allerdings von der falschen Haarpracht nichts zu sehen. Und bald verstehe ich auch warum: Das Ballett erstürmt in diesem Jahr als eine Horde Feuerwehrmänner die Bühne und legt zu „We Will Rock You"-Klängen eine durchaus heiße Sohle auf’s Parkett. Dafür wurden die neuen Uniformen hier und da umgearbeitet, so wie die Jacken, die jetzt mit Klettverschlüssen versehen sind. Damit sie schneller auszuziehen sind. Das Ganze ergibt einen Sinn, als die Herren bald schon in weißer Unterhemdengarnitur ganze Kisten von Cola schleppen und akrobatisch versuchen, alles zu geben. Ja, genau: Es erinnert an eine gewisse Werbung. So soll’s sein. 

Ich bin am Ende meines Besuchs angelangt und ehrlich beeindruckt von dem ausgelassenen Karnevalsgen mitten in einer Stadt, in der man normalerweise..., aber lassen wir das! Haben sich die Gütersloher mit ausgeprägtem Gendefekt an die Feierbiester des KKC mittlerweile gewöhnt, möchte ich wissen. „Ich habe den Eindruck, dass es auch hier inzwischen viel lockerer geworden ist“, antwortet Jürgen Degner. „Das sieht man besonders am 11. November, wenn wir am Rathaus die närrische Zeit einläuten und die Menschen uns freudig begrüßen – und natürlich bei den vielen Gästen, die mit uns die Prunksitzung feiern.“ Es hat sich also einiges getan, in Punkto karnevalistischem Frohsinn in Gütersloh. Und man könnte vermuten, dass der KKC, nicht zuletzt durch seine Tanzgruppen, durchaus das Zeug dazu hat, das Erbgut der Ostwestfalen nachhaltig zu verändern.

 
 

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