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Visualisierung des Innenbereichs der „Gesamtschule 3“ vom Architekturbüro Habermann Decker BDA.

„Einfache Matheformel: eins plus zwei macht drei“

Ende des vergangenen Jahres genehmigte die Bezirksregierung Detmold die Errichtung einer dritten Gesamtschule in Gütersloh. Mit Beginn des Schuljahrs 2018/19 sollen dort zukünftig Schülerinnen und Schüler mit und ohne Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung ab der Jahrgangsstufe fünf unterrichtet werden. In einer „Initiative für die Gesamtschule 3“ haben sich Gütersloher Bürgerinnen und Bürger gefunden, um die dritte Gesamtschule in der Stadt zu unterstützen. GT-INFO-Redaktionsleiter Markus Corsmeyer traf sich vor dem am 5. Februar beginnenden Anmeldeverfahren mit Vertretern der Initiative zum Stadtgespräch, um über die Schule zu sprechen, die – so die Initiative – „die Bildungslandschaft in Gütersloh ergänzt.“

Warum engagieren Sie sich für eine dritte Gesamtschule in Gütersloh?

Frank Kahle-Klusmeier: Wir möchten den betroffenen Eltern und Kindern deutlich zeigen, dass wir zu dieser neuen Gesamtschule stehen. Wir wollen die Gesamtschule als optimale Ergänzung zum Schulsystem. Wir wollen in die Verantwortung gehen, um zu sagen: „Da ist eine neue und gute Schule im Aufbau!“ Wir zeigen Gesicht und stehen zur dritten Gesamtschule. Wir standen nicht nur am Anmeldetag der Schule zur Seite. Vielmehr wollen wir der Schule helfen, auf Dauer Laufen zu lernen.

Thomas Ostermann: Wir haben vor fast 25 Jahren mit der zweiten Gesamtschule massiv auch etwas im Stadtteil Kattenstroth getan – viele Abendveranstaltungen auf die Beine gestellt, uns richtig bemüht. Das Ergebnis: Die Janusz-Korczak-Gesamtschule, kann sich wirklich sehen lassen. Das wollen wir mit der dritten Gesamtschule wiederholen. Wir brauchen diese dritte Gesamtschule gerade auch im Gütersloher Norden. Daher müssen wir dafür sorgen, dass der Stadtteil schulisch richtig gut aufgestellt ist. Ich setze mich – parteipolitisch unabhängig – dafür ein.

Pfarrer Hans-Jörg Rosenstock: Ich bin in diesem Stadtteil evangelischer Pfarrer. Meine beiden Kinder hatten eine Gymnasialempfehlung. Beide wollten aber nur auf die Janusz-Korczak-Gesamtschule. Wir machen sehr gute Erfahrungen mit dieser Schule. Ich halte die Gesamtschule für eine sehr gute Schulform – auch für Kinder, die Abitur machen wollen. Ich hätte mir damals eine Gesamtschule im Gütersloher Norden gewünscht. Für mich ist es für den Stadtteil und die Region Nord eine große Chance. Eine Möglichkeit auch für die Kinder der Grundschulen Neißeweg und Blankenhagen, weiterhin bis zur 10. und 13. Klasse gemeinsam zu lernen.

Chris Ziegele: Ich bin von der Schulform überzeugt. Mein Sohn hat die Anne Frank-Gesamtschule besucht. Es war die richtige Wahl. Ich habe keine einzige Minute diese Entscheidung bereut. Wir haben im Süden die Janusz-Korczak-Gesamtschule, im Westen die Anne-Frank-Gesamtschule, im Osten die Geschwister-Scholl-Schule, im Zentrum zwei Gymnasien – dazu kommt noch die Elly-Heuss-Knapp-Realschule. Nur im Norden gibt es keine Schule mehr. Wir brauchen für den Norden eine gute Sekundarschule. Nicht weil der Norden abgehängt ist, sondern weil er es verdient hat.

Christiane Godt: Ich verbinde eigentlich drei Einheiten in dieser Initiative. Einerseits bin ich Mutter eines Kindes aus dem Bezirk, die es befürwortet, dass es dort im Norden eine wohnortnahe Sekundarschule gibt. Darüber hinaus bin ich Schulpflegschaftsvorsitzende der Blücherschule, die auch Einzugsgebiet der neuen Gesamtschule Ist. ich bin sicher, dass wir für die Gesamtschule genügend Anmeldungen haben werden. Als Drittes bin ich als Abgeordnete der Stadtschulpflegschaft hier. Ich denke, dass diese unterschiedlichen Interessen nicht konkurrieren. 

Seit wann gibt es diese Initiative?

Frank Kahle-Klusmeier: Die Initiative besteht seit November 2017. Wir sind sehr jung. Die Resonanz auf unsere Arbeit ist positiv.

Thomas Ostermann: Wir haben bei der zweiten Gesamtschule gesehen, wie wichtig eine Initiative ist. So wurde die Schule ganz anders verankert. Diese gute Arbeit wollen wir wiederholen, damit man sieht, dass sie von unten kommt und lebt – und nicht vom Rat aufgezwungen wurde. 

Christiane Godt: Im optimalen Fall nimmt die Schule diesen Schwung von uns mit. Gepaart mit der Elterninitiative, die es ja jetzt schon gibt, ist es die perfekte Basis für Elternarbeit in der zukünftigen Schulgemeinde.

 

Kann es noch sein, dass die „Gesamtschule 3“ nicht kommt?

Frank Kahle-Klusmeier: Die Bezirksregierung Detmold hat die Errichtung der dritten Gesamtschule genehmigt. Wir brauchen jedoch jetzt dafür 100 Anmeldungen. Daher gibt es auch das vorgezogene Anmeldeverfahren für alle drei Gesamtschulen. 

Thomas Ostermann: Wir haben von Seiten der Stadt durch die Ratsbeschlüsse dafür gesorgt, dass es gut laufen kann. Es gibt aktuell so viele gute Voraussetzungen. Es wäre schade, wenn es jetzt an den mangelnden Anmeldungen scheitern würde. Ich bin aber sehr optimistisch, dass es klappt, da wir sehr breit aufgestellt sind und für die Gesamtschule werben.

Pfarrer Hans-Jörg Rosenstock: Es ist eine enorme Chance, von Beginn an eine Schule mitgestalten zu können. Das ist spannend und besitzt enorme Kraft. Dieser Prozess kann viele Eltern motivieren, etwas gemeinsam aufzubauen.

Sie sprechen von einer Aufbruchstimmung?

Frank Kahle-Klusmeier: Ich habe damals nach der Arbeit für die zweite Gesamtschule, jetzt Janusz-Korczak-Gesamtschule, dort als Sozialpädagoge weitergearbeitet. Ich habe diesen Aufbau miterlebt und dabei gespürt, welche Kraft dort entstanden ist und welches Engagement  wir an den Tag gelegt haben. Die Chance zu ergreifen und so eine Schule unter Beteiligung aller zu formen, das ist ein genialer Zustand. Wir haben hier eine Vierzügigkeit. Das ist eine „charmante“ Situation, um eine gute Schule aufzubauen: eine kleinere Schuleinheit, die etwas überschaubarer ist. 

 

Eine dritte Gesamtschule demnächst in Gütersloh. Entsteht dadurch nicht eine große Konkurrenzsituation zwischen den Schulen? Was sagen die anderen beiden Gesamtschulen zur neuen „Gesamtschule 3“?

Frank kahle-klusmeier: Wir haben Visionen, dass eine einfache Matheformel aufgeht: Eins plus zwei macht drei. Soll heißen: Beide bestehenden Schulen sollen der dritten Schule zuarbeiten und sich als Gesamtschulsystem innerhalb der Stadt erkennen. Natürlich gibt es auch Sorgen in den Gesamtschulen. Wie wird unsere Schülerschaft zukünftig aussehen? Wie setzt sie sich zusammen? Können wir unsere Sechszügigkeit behalten? – Das sind Fragen und Sorgen, die zunächst da sind, wenn etwas Neues entsteht. Die Sorgen muss man ernst nehmen. Beide Gesamtschulen machen eine hervorragende Arbeit. Die Kollegien leisten Unglaubliches – ich habe ja auch zwei Kinder auf der Janusz-Korczak-Gesamtschule und weiß, was dort passiert. Die Sorgen sind berechtigt, aber man muss gemeinsam den zukünftigen Weg gehen. 

Thomas Ostermann: Man muss nicht so sehr auf die Janusz-Korczak-Gesamtschule gucken, weil sie geographisch anders liegt. Problematischer sieht es eher bei der Anne-Frank-Gesamtschule aus. Das wissen wir auch. Mit der Schule sind bereits Gespräche geführt worden. Man kann über ein Schulprogramm und ein Schulprofil eine Eigenständigkeit gewinnen, so dass alle Schulen zusammen mit unterschiedlichen Schwerpunkten arbeiten können. Wenn es klare Schulprofile gibt, werden die Gesamtschulen ganz bewusst ausgewählt. Wir wollen mit unserer Initiative anstoßen, dass die Gesamtschule 3 ein eigenes Schulprofil bekommt. So werden dann auch alle gut nebeneinander existieren können.

Christiane Godt: Ich möchte keine Konkurrenzen zwischen den Schulen, sondern Kooperationen.

 

Welches Profil wünschen Sie sich für die dritte Gesamtschule genau? 

Die „Werber“ würden nach dem sogenannten „USP“ fragen ...

Christiane Godt: Dazu kann man noch nicht viel sagen, weil das alles durch die Schulgemeinde erarbeitet werden muss. Es kommen viele Eltern- und Schülerwünsche zusammen. Hinzu kommen noch die Wünsche des Kollegiums. 

Chris Ziegele: ... das ist ja das Besondere und Spannende daran. 

Christiane Godt: Ich würde mir nicht unbedingt einen Schwerpunkt wünschen, sondern das Profil so schärfen, um sie als gute kleine Schule zu profilieren: eine gute kleine und wohnortnahe Schule im Norden, die ihren Charakter so zeigt, dass sie viele Vernetzungen in den Sozialraum besitzt. 

Pfarrer Hans-jörg Rosenstock: Dort treffen sich Kinder, die sich bereits aus den Grundschulen kennen. Das ist ja auch das Erfolgsmodell aus Skandinavien: Gemeinsames Lernen für alle solange wie möglich. Die skandinavischen Länder haben die guten Pisa-Abschlüsse. Unser Schulsystem ist ja eher mittelmäßig. Das gemeinsame Lernen ist der Schlüsselbegriff dafür, dass unser Schulsystem besser wird. Die Dreigliederung ist aus meiner Sicht ein altes Modell, das wir auf Dauer loslassen müssen. 

Frank Kahle-Klusmeier: Wir wollen einen Ort schaffen, in dem sich die Kinder wohl fühlen. Dann entsteht dort eine Lernatmosphäre, die auch ein ganz anderes Fortkommen ermöglicht. 

Thomas Ostermann: Es wird zurzeit aus ganz verschiedenen Gründen über das Thema „Heimat“ gesprochen. Ohne das jetzt ideologisch hochhängen zu wollen: Diese Schule könnte eine Heimat für die Kinder werden. 

Sie sprechen im Zusammenhang mit der Gesamtschule von einer idealen Schulform. Die Anmeldezahlen für die Gesamtschulen sind in Nordrhein-Westfalen jedoch rückläufig. Warum haben die Gesamtschulen so wenig Zulauf? Wie können Sie sich das erklären? – Und woher kommt Ihr Optimismus?

Chris Ziegele: Wir schauen ja nicht auf Nordrhein- Westfalen, sondern auf Gütersloh. Hier sind die Anmeldezahlen relativ stabil. Es ist sogar so, dass wir in Gütersloh Übergangsquoten zum Gymnasium haben, die bei 32 bis 34 Prozent liegen. Im Landesdurchschnitt sind wir bei fast 40 Prozent. Daraus könnte man schließen, dass der Zuspruch in Gütersloh von Kindern mit Gymnasialempfehlung zur Gesamtschule hier größer ist. Das sollten wir nutzen, und daraus schöpfe ich auch meinen Optimismus. Darüber hinaus haben wir in Isselhorst Klassen, in denen mehr als die Hälfte geschlossen zu einer Gesamtschule geht. Läge die Schule im Norden, könnte man diese Zahl noch höher schrauben. Ich möchte auch noch einmal auf einen Vorteil der dritten Gesamtschule hinweisen: Die geplante neue Buslinie 219 wird Schülerinnen und Schüler aus Friedrichsdorf, Avenwedde und Avenwedde-Bahnhof direkt von ihrem Wohnort zur neuen Gesamtschule und nach dem Unterricht nach Hause bringen, ohne dass diese am ZOB umsteigen müssen. Bestehen bleiben selbstverständlich die „alten“ Buslinien 211 und 218, mit denen man von Niehorst über Blankenhagen (211) sowie aus Isselhorst und Hollen (218) direkt zur dritten Gesamtschule und zurück kommt, jeweils ohne am ZOB umsteigen zu müssen.

Thomas Ostermann: Man muss bei den Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen sehr unterscheiden. Einen generellen Trend gibt es nicht. Es hat bei der G8- und G9-Debatte der Gymnasien eine deutliche Steigerung der Anmeldezahlen bei den Gesamtschulen gegeben, da sie die neun Jahre zum Abitur anbieten. Es gibt durchaus in größerstädtischen Bereichen Gesamtschulen, die aufgrund der finanziellen Möglichkeiten der Schulträger einen schlechten Ruf haben. Dort gehen die Zahlen natürlich zurück. Aber bei uns hat sich der Schulträger immer dafür stark gemacht, alle Schulformen wirklich zu fördern.


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