RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Kinder aus der Region durften bis 2013 bei den fast jährlichen Schautagen auch Hubschrauber inspizieren, eine Initiative von Pam Flora. Jens Dünhölter/Die Glocke/ 20. September 2016.

Blick in die „Terra incognita“

Das Thema Flughafen übt, insbesondere nach dem Abzug der Briten am 3. November 2016, auf die meisten Gütersloher eine faszinierende Anziehungskraft aus. Ein Beispiel dafür sind die von der Stadt Gütersloh angebotenen Führungen. Ein Publikumsmagnet – mit ständig ausverkauften Bustouren. Die Zukunft des Flughafens wird insgesamt als große Chance und Herausforderung für die Stadtentwicklung gesehen. Vor diesem Hintergrund hat der ehemalige Gütersloher Kommunalpolitiker und Oberstudienrat Dr. Wolfgang Büscher sein neues Buch „80 Jahre Flughafen Gütersloh“ im Flöttmann Verlag herausgegeben. Ein „Historisches Lesebuch“, in dem das Thema Flughafen auf 256 Seiten mit fast 300 Fotos, Karten, Luftbildern und anderen Abbildungen gemeinsam von zahlreichen Fachleuten, Historikern, Archivaren, Journalisten, Raumplanern und Zeitzeugen aufgegriffen wurde. Büscher selbst hat seine historischen Untersuchungen auf der Basis seines „alten“ Buches fortgesetzt. „Die aufwendige und doch sehr zielführende Zusammenarbeit des Autorenteams hat uns viele neue Perspektiven und Sichtweisen auf die „Terra incognita“ eröffnet“, fasst Dr. Wolfgang Büscher die Arbeit an diesem Buch in seinem Vorwort zusammen. Redaktionsleiter Markus Corsmeyer traf sich mit dem Herausgeber zum Stadtgespräch. Ein gemeinsames Gespräch mit Verbindungsoffizier Kenneth A. Crichton und der Geschichts- und Englischlehrerin Karin Kochjohann, die im neuen Buch – neben vielen weiteren Autoren – mit zwei Beiträgen vertreten sind. Crichton schreibt aus der persönlichen Perspektive eines Verbindungsoffiziers, Karin Kochjohann über ihre Erfahrungen mit dem Flughafen als Schwerpunkt im epochalen Geschichts- und Geographieunterricht einer 9. Klasse.

Eine Frage an alle drei Autoren. Werfen Sie einen Blick in die Zukunft? Wie sieht der Flughafen im Jahr 2035 aus?

Karin Kochjohann: Ich wünsche mir, dass ein Teil des Flughafens – so wie er ist –  bestehen bleibt. Wir brauchen unbedingt einen Bereich, der öffentlich zugänglich ist – in Museumsform. Dieser Teil der Gütersloher Geschichte darf nicht verschwinden. Bitte nicht nur Industrie und Büros auf diesem Gelände!

Kenneth A. Crichton: Ich lasse mich überraschen und bin gespannt. Aus unserer Sicht war es für uns ein Stützpunkt für die Royal Air Force und später für die Army. Wir haben den Flughafen an die BImA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben; die Redaktion) zurückgegeben. Ich warte ab, was daraus in Zukunft wird. Ich wohne in Marienfeld, und ich werde die Entwicklung bestimmt noch bewusst erleben. Es ist eine Chance, der Ort ist auch mit viel Geschichte verbunden.

Dr. Wolfgang Büscher: Das Gelände hat rund 330 Hektar – das sind ungefähr 700 Fußballfelder in der Sprache meiner Schüler. Der Flughafen ist ein riesiges Areal. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten der Nutzung und Entwicklung. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass sich die Stadt Gütersloh irgendwann dazu durchringen wird, sich für eine Landesgartenschau zu bewerben. Man könnte auch viele Aktivitäten, die bereits laufen, ausbauen. Wir brauchen Flächen für Verkehrsanfänger, einen Verkehrsübungsplatz. Gewerbeflächen sind das oberste Gebot. Hinzu kommt die alternative Energienutzung – Erdwärme, Solartechnik, möglicherweise Windenergie. Es muss auch eine Erinnerungskultur geben. Wir können durch den Flughafen Geschichte, besonders die des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1989, begreifbar machen.

 

Herr Dr. Büscher, Sie sprechen von einem „Historischen Lesebuch“. Was unterscheidet dieses Buch von Ihrem ersten Buch, das Sie über den Flughafen geschrieben haben? – Und was ist ein „Historisches Lesebuch“?

Dr. Wolfgang Büscher: Wir beleuchten mit diesem Buch nicht nur eine Sichtweise, sondern präsentieren unterschiedliche Betrachtungen. Wir haben etliche Zeitzeugen befragt. Andere haben sich mit dem Thema aus journalistischer Distanz befasst. Insgesamt haben die Autoren sehr lesbar geschrieben. Mein erstes Buch vor mehr als 25 Jahren musste wissenschaftlich sein, jeder Halbsatz musste belegt sein. Die meisten von uns haben diesmal auf viele Fußnoten verzichtet. 

 

Wann wurde die Idee für das Buch-Projekt geboren?

Dr. Wolfgang Büscher: Mein erstes Buch ist in einer Auflage von 1.000 Exemplaren gedruckt worden. Es war damals relativ schnell vergriffen. Immer wieder wurde ich danach gefragt, ob eine Neuauflage geplant sei. Ich habe das zunächst verneint. Als ich vor einigen Jahren auf einem Empfang der Briten war, hat der Kommandant eine Rede gehalten, die sicherlich auch von Herrn Crichton verfasst wurde, in der ich erwähnt wurde. Er hat sich darin für meine vielen Flughafen-Führungen bedankt und mich gebeten, ihm nach seiner Rückkehr aus dem Irak „seinen Flughafen“ zu zeigen. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Und da ich so viel über diesen Flughafen weiß und ich mich so intensiv mit ihm beschäftigt habe, ist der Entschluss gereift, ein weiteres Buch herauszugeben. Es ist allmählich gewachsen. Ich habe einige Leute gefragt, ob sie mich dabei unterstützen. Und jetzt sind ganz viele neue Aspekte dazugekommen.

 

Frau Kochjohann, Sie haben den Flughafen  zum Unterrichtsgegenstand gemacht und versuchen, Geschichte in den Bezug zur eigenen Lebenswelt zu bringen. 

Karin Kochjohann: Herr Dr. Büscher hat während der Arbeit an diesem Buch einen Karton mit Zeitungsartikeln von einem älteren Ehepaar bekommen. Darin enthalten waren alle möglichen Themen zum Flughafen. Es ging um die Royals, um Flugzeuge – natürlich auch um Lärmbelästigungen oder tragische Unfälle. Wir haben in diesem Material zu ganz vielen Aspekten Unterlagen finden können und uns gedacht, dass es nicht länger in dieser Kiste „schlummern“ dürfe. Herr Büscher unterrichtete während dieser Zeit eine 9. Klasse. Thema: „Geschichte und Geographie epochal“. Ich war während meiner Referendarzeit in seinem Unterricht, und wir haben dann gemeinsam eine richtige Projektarbeit gestartet. Der gesamte Themenbereich Zweiter Weltkrieg/Kalter Krieg wird in der 9. Klasse behandelt. Jetzt hatten wir die Chance, diese Themenbereiche anhand von Lokalgeschichte „hautnah und begreifbar“ zu unterrichten. So sind die Zusammenarbeit und mein Beitrag entstanden. 

 

Ist das Unterrichtsprojekt gelungen?

Karin Kochjohann: Absolut ! Wir waren mit den Schülern auf dem Flugplatz und immer wieder im Archiv. Dort entstand ganz häufig dieser berühmte „Aha-Effekt“. „Echt, das ist hier passiert?“ „Das wusste ich noch gar nicht!“ „Hier fahre ich doch jeden Tag vorbei.“  „Endlich kann ich etwas damit anfangen und zu Hause davon erzählen.“ Das waren einige der Reaktionen bei den Schülern. Momente, in denen man als Lehrer richtig glücklich wird.

 

Sie greifen auch den Begriff „Oral History“ auf. Zeitzeugen berichteten über ihre Erlebnisse ...

Karin Kochjohann: Ja, ich habe noch nie eine 9. Klasse so ruhig und begeistert erlebt. Sie waren zum Beispiel fasziniert von Herrn Dr. Zinkann, der erzählte, wie er als damals 15-jähriger Flakhelfer gearbeitet hat. Schule war in dieser Zeit für ihn kein Thema. Er war im gleichen Alter wie unsere aktuellen Schülerinnen und Schüler, trug eine Uniform und musste mit Waffen hantieren. Als er druckreif berichtete, herrschte absolute Stille und Aufmerksamkeit im Raum. Die Schülerinnen und Schüler stellten danach viele kompetente Fragen. Das war schon ein tolles Erlebnis, der Mehrwert von „Oral History“.

 

Herr Chrichton, was machen Sie zurzeit beruflich?

Kenneth A. Crichton: Ich bin immer noch in Gütersloh tätig, aktuell aber an der Verler Straße. Ich war früher für Münster, Dülmen, Herford, Bielefeld und Gütersloh zuständig. Jetzt bin ich für die Standorte Gütersloh, Bielefeld und Mönchengladbach verantwortlich. Ich habe weniger zu tun, aber meine Aufgabenbereiche sind geblieben. 

Was war es für ein Gefühl für Sie, als 2010 die Entscheidung fiel, die Streitkräfte abzuziehen?

Kenneth A. Crichton: Das war schon eine große Überraschung. Wir sind damals davon ausgegangen, dass wir bis auf weiteres bleiben. Die Entscheidung wurde getroffen – das musste man so akzeptieren. 

 

Wie beurteilen Sie den Prozess des Abzugs der Streitkräfte, der seitdem in den vergangenen Jahren gelaufen ist?

Kenneth A. Crichton: Es ist alles nach Plan gelaufen. Für viele Menschen war es erstaunlich, wie wir das so geschafft haben. Wir sind optimistisch, den gesamten Prozess bis zum Jahr 2020 abzuschließen. Dann findet die Übergabe der letzten Standorte an die BImA statt.  Das ist eine große Herausforderung, die mit viel Aufwand verbunden ist. Es bedeutet das Ende eines besonderen Kapitels in den deutsch-britischen Beziehungen. Ich bin glücklich, dabei zu sein, da es ein wirklich historisches Ereignis ist. 

 

Zu Beginn Ihrer Zeit in Gütersloh waren Ihre britischen Landleute unter sich. Haben Sie feststellen können, dass sie in den vergangenen Jahren vermehrt auch darüber nachgedacht haben, möglicherweise nicht mit der Army auf die Insel zurückzukehren, um hier beruflich Fuß zu fassen?

Kenneth A. Crichton: Im Laufe der Zeit sind immer einige Leute hiergeblieben. Die meisten der britischen Staatsbürger, die hierher kamen, waren männlich. Sie haben Frauen kennengelernt und Familien gegründet. Viele sind hiergeblieben. Zahlen habe ich leider nicht im Kopf. Ich glaube aber nicht, dass mehr Briten bleiben wollen als vor der Entscheidung zum Abzug ...

 

Worum geht es inhaltlich in Ihrem Beitrag in diesem Buch?

Kenneth A. Crichton: Herr Dr. Büscher hat mich gebeten, etwas zu seinem Buchprojekt beizutragen. Ich habe über meine persönlichen Perspektiven und meine Erfahrungen als Verbindungsoffizier geschrieben – über meine Highlights. Dazu habe ich die „Rosinen“ rausgepickt. Es ist wichtig, dass alles gut zu lesen ist. Das hat mir Herr Büscher zum Glück auch bestätigt. Ich habe Episoden ausgewählt, die für die Leser interessant sein könnten.

 

Wurde die Anwesenheit der britischen Streitkräfte generell geschätzt – oder gab es Spannungen in der Vergangenheit?

Kenneth A. Chrichton: Während meiner Zeit gab es kaum Spannungen. Es war schon eine Parallelgesellschaft, aber es gab auch Berührungspunkte zwischen Güterslohern und Briten. Wir haben gemeinsame Sportveranstaltungen organisiert. Man hatte viele Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen. 

Karin Kochjohann: Es wird auch deutlich in den sogenannten „Magazines“ – den kleinen Heftchen, die monatlich für Mitglieder der Royal Air Force und der Army herausgegeben wurden. Dort konnte man oft viele Anknüpfungspunkte zwischen Güterslohern und Briten finden.




 
 

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.