RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Der Bahnhof Avenwedde hatte schon eine lange und bewegte Geschichte, bevor er 1988 zum Baudenkmal erklärt wurde. Heute beherbergt er ein Bürgerzentrum und Jugendhaus. Foto: Sylvia Rudzio, Fotostudio Clemens.

Ein Stück Geborgenheit

Seit 1988 zählt der Bahnhof Avenwedde zu den Baudenkmälern in Gütersloh. Die Stadt Gütersloh erwarb das Gebäude 2003 von der DBAG und plante dort ein Bürgerzentrum. Nach einer aufwendigen Restaurierung wurde es seit 2006 vom Förderverein Bahnhof Avenwedde betrieben; seit 2012 ist das SPI Sozialpädagogische Institut Betreiber der Einrichtung. Heute teilen sich beide die Aufgaben im Zentrum. Mehr als zehn Jahre sind seit der offiziellen Schlüsselübergabe bereits vergangen, und auch das Gebäude selbst hat bald einen guten Grund zum Feiern: Im kommenden Jahr wird es 100 Jahre alt. Es ist also an der Zeit, sich den Bahnhof Avenwedde einmal genauer anzusehen, bevor er sich zum „Tag des offenen Denkmals“ als beliebtes Ausflugsziel am Sonntag, 10. September, den vielen Besuchern präsentiert. 

Förderverein-Vorstandsmitglied Wolfgang Stitz und Leiter Dirk Möllenhoff vom SPI haben Fotografin Sylvia Rudzio und mich zu einer Führung durch das Gebäude eingeladen. „Uns ist es wichtig, dass dieses Bürgerhaus eine Begegnungsstätte für Jung und Alt ist und bleibt“, sagen beide unisono. „Von Bürgern für Bürger also. „Und dass die Jugendlichen aus dem Umkreis hier eine Heimat haben.“ 

55 Jahre Betriebsamkeit 

Ursprünglich wurde das Gebäude 1918 als Bahnhof eröffnet. Doch bereits 1847 nahm die Köln-Mindener Eisenbahn die Trasse zwischen Gütersloh und dem Nachbarort Brackwede in Betrieb. Sie schlängelte sich an den Gemeinden Avenwedde und Isselhorst entlang. Als Isselhorst mit einem Antrag auf Einrichtung einer Haltestelle ein großes Stück vom Kuchen erhalten wollte und 1891 der erste Bahnhof „Isselhorst“ eröffnet wurde, brodelte es in Avenwedde. Doch es sollte noch 17 lange Jahre dauern, bis das Empfangsgebäude auf der Avenwedder Seite an der mittlerweile viergleisigen Bahnstrecke eröffnen konnte. 1923 wurde die Bahnstation in „Isselhorst-Avenwedde“ umbenannt. 50 Jahre später, 1968, wurden zwei Stellwerke außer Betrieb gesetzt; die Abfertigung von Gepäck und der Fahrkartenverkauf wurden 1973 eingestellt. Mit 70 Jahren erhielt der Bahnhof den Denkmalschutz. „Er gilt jedoch nur für das Hauptgebäude“, erklärt Wolfgang Stitz. Der Durchgang links daneben ist bis heute Eigentum der Bahn und führt zum Bahnsteig, an dem immer noch der Regionalzug hält. Auch eine Brandmauer auf der rechten Seite ist noch im Besitz der DB.

Und die Zeit steht still

Wir betreten den Bahnhof durch das Hauptportal. Und ein kleines bisschen scheint die Zeit hier stehengeblieben zu sein. Dort, wo früher die Fahrkartenausgabe war, sitzen heute die SPI-Mitarbeiter. Gekachelte Fliesen ziehen sich gemächlich von einer Wand zur anderen. Sie lassen das typische Bahnhofsambiente vergangener Zeiten wieder aufleben. Geradeaus werden sie von Sprossenfenstern unterbrochen, die ehemals zur Gepäckannahme dienten. Nur der Durchgang zu den Bahnsteigen wurde geschlossen. Wo früher ein Drehkreuz die Fahrgäste auf ihrem Weg zum Bahngleis aufnahm, dominiert heute eine Wand mit Plakaten. Andere Durchgänge blieben erhalten und weisen heute den Weg in eine kleine Küche und Aufenthaltsräume. All das dient als Begegnungsstätte für die Jugendlichen der Umgebung, aber auch als offenes Bürgerhaus. Das Bürgerzentrum ist täglich geöffnet. 

Irgendwie ist immer Programm

„Wir bieten hier unter anderem ein offenes Freizeitangebot für Jugendliche an. Sie können Tischtennis oder Kicker, Billard oder auch Dart spielen.“ Hinzu kommen verschiedene täglich wechselnde Angebote: „Montags kochen wir mit den Kids“, erklärt Dirk Möllenhoff, „und einmal in der Woche gehen wir mit ihnen in die Sporthalle.“ Doch der Dienstag, so erzählt der diplomierte Sozialpädagoge, sei sein liebster Tag, und das kommt nicht von ungefähr: „Dann können sie Lieder in unserem Musikstudio aufnehmen.“ Dabei drehe es sich hauptsächlich um Hip-Hop. Doch ein weiteres Projekt erfüllt den 30-Jährigen mit großem Stolz: Es ist der Rolli-Termin. „Ich hätte nie gedacht, dass das so gut funktioniert“, sagt er. Als Mobilitäts-
trainer ist Möllenhoff auch Rollstuhlfahrlehrer und zeigt den Jugendlichen, „was man alles mit dem Rolli machen kann.“ Anfangs, so sagt er, habe er nur schauen wollen, ob „der“ eine oder andere daran Spaß hat. „Und jetzt ist es zum beliebtesten Angebot bei uns ge-
worden.“

Eine Art zweite Familie

Auch außerhalb des Bürgerzentrums ist Möllenhoff mit seinem kleinen Team aktiv: „Wir organisieren Projekte und stimmen die Jugendarbeit mit anderen Treffs ab. So sind wir im Prinzip für den gesamten Ortsteil verantwortlich.“ Die Jugendlichen kommen aus der Umgebung und sind durchschnittlich 14 Jahre alt. Als offener Jugendtreff richtet sich das Angebot an alle Kinder und Jugendlichen. Grundsätzlich sei Avenwedde-Bahnhof ein sehr heterogener Stadtteil, mit gutbürgerlichen Familien, aber auch der einen oder anderen Problemfamilie. „Für die Kids aus einem solchen Umfeld sind wir dann so etwas wie eine zweite Familie,“ erklären Möllenhoff und Stitz. Laut Gesetzgeber können bereits Sechsjährige den Treff aufsuchen, die Obergrenze sei dann mit 27 Jahren erreicht. Viele der Älteren nutzen noch lange die Chance, herzukommen. Sie berichten dann aus ihrem Leben. Es geht um Beruf und Familie, Privatleben oder eben auch Probleme. „Sagen wir mal so: Beim Tischtennis findet die erste Begegnung statt, und dann entwickelt sich hier im Laufe der Zeit eine Art Vertrauensverhältnis, das nicht so einfach endet. Sie finden hier Geborgenheit.“

Ein Bürgerhaus für alle

Eine ganz andere Art von Bürgerzentrum tat sich auf, als die Frie-
drichsdorfer Sporthalle eine zeitlang zur Flüchtlingsunterkunft wurde, und die Asylbewerber den Bahnhof aufsuchten, um dort ihre freie Zeit zu verbringen. „Sie erzählten uns ihre Sorgen und von der Flucht. Es waren Geschichten, die auch für uns als Mitarbeiter hart waren“, erinnert sich Dirk Möllenhoff an die Zeit. Und auch wenn sie heute längst woanders wohnen und ihre Anträge auf Asyl bewilligt wurden, schauen auch sie immer wieder gerne im Bahnhof vorbei.

„Sowieso bietet das Bürgerzentrum allen Menschen ein weit reichendes Angebot“, ergänzt Wolfgang Stitz vom Förderverein. Mittlerweile sind hier neun Vereine zuhause und der kulturelle Bereich wird besonders gerne von den Senioren in Anspruch genommen. Jeden zweiten Sonntag kommen sie zum Bahnhofskaffee. „Statt der Tischtennisplatte stehen dann Tische und Stühle bereit. Die Mitglieder des Fördervereins bieten selbstgebackenen Kuchen an und der Preis für eine Tasse frisch gebrühten Kaffee ist mit 50 Cent gering.“ Damit habe sich der Bahnhof Avenwedde im Laufe der Jahre zum Kommunikationszentrum im Ortsteil entwickelt, so der 69-Jährige weiter. Was hier stattfindet, erklärt er, als wir durch das restaurierte Treppenhaus des ehemaligen Bahnhofgebäudes gehen: Während das Hobby der „Eisenbahn- und Modellbahnfreunde“ das komplette Dachgeschoss in Anspruch nimmt, befinden sich im ersten Stockwerk fünf Räume. Bürgerinitiativen und Vereine buchen sie für ihre Versammlungen und verschiedene Malgruppen finden in ausgestatteten Arbeitsräumen Platz für ihre festen wöchentlichen Termine. 

Projekte verbinden Jung und Alt

Während sich die SPI um die Jugendarbeit kümmert, sieht sich der Förderverein als Ansprechpartner der Älteren. Dabei haben sie Gemeinsamkeiten festgestellt: Künftig zeigen Mitglieder des Modellbauvereins den Jugendlichen, wie man kleine Schaltkreise zusammenstellt oder ein Tischler aus dem Verbund der Senioren erklärt die Arbeiten mit Holz. „Dabei können beide Seiten viel Kreativität entwickeln“, sind sich Möllenhoff und Stitz sicher. Auch ein anderes Projekt verspricht spannend zu werden: „Es hat sich gezeigt, dass viele unserer Jugendlichen sehr hilfsbereit sind, freundlich mit älteren Menschen umgehen und sich gut mit Computern auskennen.“ Jetzt wird aus den Eigenschaften ein ganzes Konzept: Ab Herbst werden sie die Senioren am Computer „fit“ machen. Es sei ein Projekt, das aus reiner Beobachtung resultiert: „Wir haben die Stärken der Jugendlichen gesehen und setzen genau da an. Natürlich bieten wir auch Projekte, die ausgesprochene Wünsche unserer Jugendlichen sind.“ Und das hat eben mal mit Sport, Musik oder auch schon mal mit Farbe zu tun: Alle Jahre wieder erhalten die Räume im Erdgeschoss einen neuen Anstrich. Wann, entscheiden die Jugendlichen. Dann werden die Wunschfarben gekauft und ein Termin angesetzt, an dem sie gemeinsam ihr Bürgerzentrum in ein neues Farbenmeer tauchen. 

Kontinuität ist das Ziel

Das sind sicherlich kleine, überschaubare Kosten. Doch wie finanziert sich das Bürgerzentrum? Die Stadt Gütersloh hat sich verpflichtet, das Gebäude 25 Jahre lang als Bürgerhaus zu nutzen. Als Betreiber erhält die SPI eine vertraglich festgelegte Summe von der Stadt. Im Bahnhof Avenwedde unterhält sie zwei volle Stellen während die Anzahl der Praktikanten und Honorarkräfte je nach Anforderung wechseln können. Sie alle kümmern sich hier nicht nur um die Jugendlichen oder die Senioren, sondern um jeden einzelnen Menschen. „Der Bahnhof ist ein Bürgerzentrum für Jung und Alt – und das klappt sehr gut. Für das Jugendhaus wird die Trägerschaft alle fünf Jahre neu vergeben. Wenn nichts dagegen spricht, wird ein Träger auch weitermachen können“, erklärt Dirk Möllenhoff am Ende der Führung. Das mache auch durchaus Sinn, denn es sei die Beziehungsarbeit, die hier zähle. „Wenn man sieht, dass uns viele noch Jahre später aufsuchen, wird klar, dass sie hier wichtige Ansprechpartner finden. Mit einem Wechsel würden sie nur ihre zweite kleine Familie verlieren.

 
 

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.