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Axel Rotthaus im Interview für das Stadtgespräch. Foto: Wolfgang Sauer.

„Wir schaffen das!“

Noch während die landesweite G9-Elterninitiative, die sich an den Gymnasien für die Wiedereinführung des neunjährigen Wegs zum Abitur (G9) einsetzt, weiter Stimmen für ein Volksbegehren sammelt, kündigen jetzt die beiden neuen NRW-Regierungspartner bereits an, das Abitur nach neun Jahren wieder zum Regelfall zu machen. Allerdings dürfen sich Gymnasien auch für den Beibehalt von G8 entscheiden. Die Schulzeitverkürzung war 2005 von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung entschieden worden. Die Verkürzung wurde dabei in der Sekundarstufe I vollzogen. Die jetzige Kehrtwende bezeichnen CDU und FDP als „Leitentscheidung für G9“.

Heiner Wichelmann sprach mit Axel Rotthaus, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums Gütersloh. Fotos: Wolfgang Sauer

Zwar sind die Rahmenbedingungen für den Wechsel von G8 auf G9 noch längst
nicht erarbeitet, aber die beiden Gymnasien in der Stadt Gütersloh – das Evangelisch-
Stiftische Gymnasium und das Städtische Gymnasium – werden sich auf das Thema einstellen müssen. Klar ist: Der Wechsel wird ihnen ein hohes Maß an organisatorischer Arbeit abverlangen. Schulbücher, Unterrichtspläne, zusätzliche Angebote, mehr Lehrer, höherer Finanzbedarf: Die Rolle rückwärts wird ein Kraftakt. Wie gehen die Schulen damit um? Sehen sie die Umstellung auch als Chance für mehr Qualität im Unterricht? 

Herr Rotthaus, Sie haben sich im Frühjahr im Rahmen einer Umfrage unter Schulleitern mit einem Statement pro G8 positioniert. Jetzt kommt aber mit der neuen Landesregierung das G9 zurück. Wer das bestehende G8 beibehalten will, muss einen Sonderantrag stellen. Das dürfte wohl nur die Ausnahme werden. Was nun?

Axel Rotthaus: Meine G8-Aussage betraf die Abiturleistungen nach G8. Es gibt in dieser Hinsicht keine empirischen Belege für negative Auswirkungen der Umstellung von G9 auf G8. Wir müssen klar sehen, dass der Wechsel auf G9 eine tiefgreifende Veränderung von Schule darstellt, die klug gemanagt werden muss. Eine solche Umstellung macht nur Sinn, wenn sie echte Verbesserungen bringt. Die wollen wir alle. Im Übrigen kann ich beruhigen: Der erste G9-Jahrgang kommt zum Schuljahr 2019/20 aufs Gymnasium und macht 2028 sein Abitur. Es ist daher geraten, etwas vorsichtig in den Einschätzungen zu sein. Wir werden ja Ausführungsbestimmungen vom Schulministerium bekommen und müssen abwarten, was sich ändert – zum Beispiel bei der Anzahl an Stunden, die in den unterschiedlichen Klassen unterrichtet werden. Erst dann können wir unter den gegebenen Bedingungen die beste Lösung finden.

Ihre Schule hat also eher positive Erfahrungen mit G8 gemacht? 

Axel Rotthaus: Was ich sagen kann, ist, dass G8 bei uns funktioniert. Die Abiturergebnisse sind eher besser geworden als schlechter. Vor allem die älteren Schüler sind mehrheitlich mit G8 ganz zufrieden. Das ergab eine, wenn auch nicht repräsentative, Umfrage in unserer Oberstufe. Schwieriger ist es sicherlich bei den Jüngeren, weil bei G8 ein Schuljahr in der Sekundarstufe I eingespart worden ist. Viele Familien von Schülern in den Klassen 5 bis 7 haben den Eindruck, dass ihren Kindern mehr abverlangt wird, als gut für sie ist. Der Nachmittagsunterricht und die zweite Fremdsprache ab der 6. Klasse werden als Herausforderungen empfunden. Aber es ist schwierig, zu sagen: Das Gefühl großer Belastung, von Leistungsdruck oder psychischen Erkrankungen sei allein eine Folge von G8. Man wird sehr genau hinschauen müssen, ob das wirklich so ist. Grundsätzlich merken wir, dass Jungen in der Schule häufiger Probleme haben als Mädchen, deren Leistungen im Durchschnitt besser sind. Da ist die Überlegung schon interessant, dass eine Verlängerung der Schulzeit gerade für die Jungen positiv sein kann. 

Wie sehr werden die Eltern in die Entscheidungen der Schule eingebunden?

Axel Rotthaus: Natürlich spielen sie eine große Rolle. Unsere Schulkonferenz, die
die zentralen, das Schulleben betreffenden Entscheidungen trifft, ist ja paritätisch mit Eltern, Schülern und Lehrern besetzt. Insofern ist die Mitsprache der Eltern bei uns – und das gilt auch für andere Schulen – guter Brauch. Aber schon im Vorfeld wird es intensive Gespräche über den Kurs der Schule geben und wie die Veränderungen
zu gestalten sind. Und ebenso wichtig ist es dabei, die Schüler an diesen Prozessen
zu beteiligen. 

Sehen Sie die jungen Menschen nach dem Abitur heute eigentlich gut vorbereitet auf das Studium bzw. eine Berufsausbildung? Viele sagen ja, sie sind zu jung und es fehle an Lebenserfahrung.

Axel Rotthaus: G8 gehört zu einem Bündel an Maßnahmen, die dazu führten, dass die Berufseinsteiger jünger geworden sind: Die Kinder kamen früher in die Grundschule, die Schulzeit verkürzte sich, die Bundeswehrzeiten sind weitgehend weggefallen und die Studienzeiten haben sich signifikant verkürzt. Die Einführung von G8 hatte ja eher gesellschaftliche als schulische Gründe. Gewünscht waren jüngere Hochschulabsolventen im Sinne einer längeren Lebensarbeitszeit. Und man wollte den jungen Leuten auch im internationalen Vergleich bessere Chancen einzuräumen. So kommt es, dass heute in den Unis Elternabende stattfinden und es kritische Stimmen gibt, die die Studierfähigkeit der Schulabgänger auf Grund ihres jungen Alters bezweifeln.

 

Und für die Abiturfeier braucht man den Muttizettel ...

Axel Rotthaus: Ja. Es ist schon so, dass bei Gesprächen in Fächern wie Philosophie
den jüngeren G8-Abiturienten gelegentlich etwas die Lebenserfahrung zu fehlen scheint. Doch, um es auch noch einmal zu sagen: Wir sehen keine Unterschiede in den intellektuellen Kompetenzen.

 

Wie würden Sie generell die heutige Schülerschaft charakterisieren? Wo sehen Sie Probleme, wo liegen die Stärken? 

Axel Rotthaus: Ich beobachte tendenziell eine Bewegung hin zur Individualisierung. Das ist schon an der sehr unterschiedlichen Mediennutzung zu erkennen – jeder stellt sich sein eigenes Musik- oder Film-Programm zusammen. Oder auch beim Sport – viele junge Leute gehen lieber ins Fitness-Studio als in den Sportverein. So wird es schwieriger, Gemeinschaft zu leben und das Gefühl von Geborgenheit in der Gruppe zu empfinden und gleichzeitig zu lernen, sich an Regeln und Absprachen zu halten. Diese Entwicklung betrifft die ganze Gesellschaft und damit auch die Schule. Es gibt viele tolle Schüler: Super Mathematiker ebenso wie junge Leute, die sich engagieren, solche, die viele Sprachen sprechen, die wichtige Erfahrungen im Ausland gemacht haben und auch über Grenzen hinweg zur Verständigung beitragen können. Überhaupt ist die Mobilität sehr viel größer geworden – all das ist positiv.

Manche sagen, die Allgemeinbildung der Schüler sei gesunken. Richtig?

Axel Rotthaus: Die Halbwertzeit des Wissens sinkt und Allgemeinbildung ist relativ, weil sich der Schwerpunkt des Wissens beständig verschiebt. Dieser Prozess verläuft nicht im Gleichschritt mit den Erwartungen, die an Wissen gestellt werden. Die Bedeutung des Wissens um die Welt der Renaissance wird in Zeiten von Wikipedia und Google in Frage gestellt. Da kommen heute auch viele Erwachsene ins Schleudern. Umso mehr bleibt die Erziehung etwa zur Political Awareness, also zur politischen Bewusstseinsbildung, eine Aufgabe der Schule – denken wir zum Beispiel an die aktuellen Probleme des aufblühenden Nationalismus oder die Vorbehalte gegen Europa.

Was ist eigentlich das Ziel bei der Umstellung von G8 zurück auf G9? 

Axel Rotthaus: Die landesweite G9-Initiative will ja im Kern zurück zur Halbtagsschule, um den Schülern Raum zu geben, ihren Neigungen und Hobbys nachzugehen. Dadurch soll Überlastungsgefühlen entgegengewirkt werden. Außerdem soll in der Schule mehr Zeit sein zum Vertiefen und Üben – dieses Anliegen halte ich selbst für berechtigt. Tatsächlich ist noch offen, ob und gegebenenfalls welche neuen Inhalte in die Lehrpläne aufgenommen werden, wieviele Stunden in welcher Jahrgangsstufe unterrichtet werden oder in welchem Umfang es Nachmittagsunterricht geben wird. Eine große Organisation wie unsere mit rund 1.500 Schülerinnen und Schülern muss sich kontinuierlich weiterentwickeln. Insofern trauen wir uns einen Wechsel zu G9 zu. Dabei kommt es gar nicht so darauf an, ob die Organisationsform nun G8 und G9 ist. Entscheidend sind die Qualität des Unterrichts und die gelingende Zusammenarbeit in der Schule. Dazu gehören Lehrer, Schüler und Eltern. 

In Gütersloh gibt es demnächst sieben Möglichkeiten, um das Abitur zu machen: zwei Gymnasien, drei Gesamtschulen, dazu das Mohn- und das Miele-Kolleg. Wird die Einführung von G9 zu einem neuen Wettbewerb zwischen den Schulen führen?

Axel Rotthaus: Unser gemeinsames Ziel ist es, alle Schüler so gut wie möglich auszubilden. Der Schulträger steht in engem Kontakt mit den Schulen, um das zu koordinieren. So beruft Herr Martensmeier als Schuldezernent in Gütersloh regelmäßig gemeinsame Gespräche der Schulleiter ein. Auch die Schulen selbst tauschen sich aus, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.

Die Umstellung auf G9 soll 2019 starten. Wissen Sie schon, was Sie arbeitsmäßig erwartet?

Axel Rotthaus: Nein, weil entscheidend ist, wie Bedingungen für die Gestaltung von Schule konkret aussehen. Ein wesentlicher Punkt ist, dass sich die Lehrpläne ändern werden: Das Schulministerium gibt nach einem umfangreichen Beteiligungsverfahren die Kernlehrpläne vor. Auf dieser Grundlage entwickeln die Schulen dann die für den Unterricht verbindlichen schulinternen Lehrpläne – das kostet Zeit und Einsatz. Außerdem sind die Fragen zu klären die Personal, Sachausstattung und Organisation betreffen. Wir können sicher davon ausgehen, dass die Umstellung eine Reihe von Jahren dauern wird.

 

Die Umstellung auf G9 wird Geld kosten. Längere Schulzeit bedeutet auch mehr
Unterrichtsangebote, neue Inhalte. Sehen Sie sich schon vor dem Landtag
in Düsseldorf als Demonstrant für eine bessere Finanzausstattung der Schulen?

Axel Rotthaus:  Es ist ja angekündigt, dass die Gymnasien besser ausgestattet werden sollen. Die Erwartung, dass der Wechsel auf G9 zum Nulltarif zu bekommen ist, ist jedenfalls trügerisch. Gute Bildung kostet Geld, das weiß im Grunde jeder. Sollten die Prioritäten doch anders gesetzt werden, wäre eine Demonstration schon der Überlegung wert – über die positiven Effekte der Gruppenerfahrung haben
wir ja schon gesprochen.

Dazu braucht man auch mehr Lehrer!

Axel Rotthaus: Sicher. 

Von den 40.000 Lehrern in NRW haben nur 50 Prozent die Umstellung auf G8 miterlebt. So ähnlich sieht es vielleicht auch bei Ihnen aus. Wie ist denn die aktuelle Stimmung im Lehrerzimmer?

Axel Rotthaus: Die Ankündigung der neuen Landesregierung, die Schulzeit in den Gymnasien wieder auf 9 Jahre auszudehnen, ist ja nicht die ganz große Überraschung. Ich habe weder zur einen noch zur anderen Seite extreme Meinungsäußerungen gehört. Die vorherrschende Haltung ist: Wir schaffen das. Die Kolleginnen und Kollegen haben da eine professionelle Einstellung.

 

Wie wollen Sie das alles
konkret umsetzen?

Axel Rotthaus: Das Zauberwort heißt Kooperation: Im Kollegium, mit den Eltern, den Schülern, dem Schulträger und mit den anderen Schulen.