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Ruth Prior-Dreesemann und Karin Baumeister (von links) während der Essensausgabe der Tafel. Foto: Jens Dünhölter

Keine Essener Zustände

Es war das Aufregerthema der vergangenen Wochen. Die Entscheidung der Tafel Essen, vorerst keine bedürftigen Neu-Kunden ohne deutschen Pass aufzunehmen, hat quer durch die Republik für einen Aufschrei der Empörung nebst kontroverser Diskussion gesorgt. Auch Bundeskanzlerin Merkel kritisierte „die Kategorisierung“ entschieden. „Zustände wie in Essen sind in Gütersloh nicht möglich“, sagt Ruth Prior-Dresemann (50), seit März 2017 Geschäftsführerin der Gütersloher Tafel mit Sitz an der Kaiserstraße. 

Zur Begründung führt sie jede Menge von Gründen an. Der wohl wichtigste Unterschied zu den Kollegen im Ruhrgebiet bestehe in der grundsätzlich anderen Infrastruktur der Lebensmittel-Verteilung. Während in der 574.000 Einwohner-Stadt Essen (6.000 Klienten, Migrantenanteil 75 Prozent) oder im benachbarten Dortmund (580.000 Einwohner) nur fünf zentrale Ausgabestellen im ganze Stadtgebiet existieren, setzt die hiesige Institution seit ihrer Gründung 1997 auf Dezentralität mit 50 Verteilstellen im ganzen Kreisgebiet. Lange Warteschlangen mit Anfeindungen oder buchstäblichem Futterneid an den festgelegten Verteiltagen (in Gütersloh: Montag, Mittwoch, Freitag) sind bei Größenordnungen zwischen 30 und 120 Personen (je nach Verteilstelle) ausgeschlossen. Den weitaus größeren Schlüssel zum fast schon freundschaftlichen Verhältnis zwischen Ausgabeteams und den derzeit 3.500 Klienten sehen Prior-Dresemann und Vorstandsmitglied Karin Baumeister (71) in der personifizierten Zuteilung entsprechend der Haushaltsgröße. Durch die Anmeldungen und die Zuteilung pro Haushalt steht bereits bei der Kommissionierung im Zentrallager fest, wie viele Personen versorgt werden müssen. Seit der Gründung ist es bewährte und gängige Praxis, dass die aus dem Lager an der Kaiserstraße Just-in-Time angelieferten Waren von den freiwilligen Helfern in den Verteilstellen nach einem festen Schlüssel – nach Haushaltsgröße und Personenanzahl sortiert – auf vorher mit dem Familiennamen versehene Stühle oder Tische verteilt werden. Mit anderen Worten: Im Kreis Gütersloh nimmt keiner dem anderen etwas weg. Je nach Lokalität stehen 60 bis 90 Minuten zur Abholung zur Verfügung. Karin Baumeister: „Der Letzte bekommt genau so viel wie der Erste. Unser System ist komplett anders.“ Ruth Prior-Dresemann bemüht zur Verdeutlichung des Unterschiedes einen Vergleich mit einem Theaterbesuch: „Bei fest reservierten Sitzplätzen herrscht beim Einlass auch eine viel entspanntere, gelassenere Atmosphäre als bei freier Platzwahl.“ Möglich sind diese signifikanten Unterschiede durch die Eigenständigkeit der 923 eingetragenen Tafel-Vereine in Deutschland (Spitzenreiter Nordrhein-Westfalen mit 167, Schlusslicht Mecklenburg-Vorpommern mit 29 Tafeln) von denen einige dazu in Trägerschaft sind. Ruth Prior-Dresemann ist über die in den Anfangstagen gewählten Logistik- und Verteilwege heute sehr froh: „Wenn bei uns an drei Tagen in der Woche jeweils 1.200 Menschen auf dem Hof stünden, dann ‚Prost Mahlzeit’. Das wäre eine Hausnummer.“ Mit einem Blick auf die auf ihrem Schreibtisch gestapelten Zeitungsartikel schiebt sie ein: „Die negativen Schlagzeilen sind für die Arbeit nicht förderlich. Die Tafeln leisten wertvolle Arbeit für die Allgemeinheit.“ Zum Glück seien die öffentlichen Diskussionen bislang auch ohne Folgen geblieben. Hoffentlich bleibe dies auch so. 

Um in die Vergünstigung, nichts anderes ist es, der so definierten „Hilfe-zur-Selbsthilfe“-Zusatzversorgung zu kommen, müssen Antragssteller einen Einkommensnachweis (ALG II-, Renten- oder Wohnbescheid) und ihren Mietvertrag zur Prüfung vorlegen. Entscheidend sei, „was am Monatsende im Portemonnaie übrig bleibt“, so Karin Baumeister. Alleine in der für das Stadtgebiet verantwortlichen Zentrale der Kreis-Organisation wurden 2017 rund 220 Neuanträge eingereicht. Bei positiver Bewilligung erfolgt nach Aufnahme in die Datenbank nach gut einer Woche die Zuweisung der möglichst wohnortnahen Verteilstelle, in der an einem festen Tag pro Woche in einem bestimmten Zeitfenster Lebensmittel abgeholt werden können. Die Förderdauer ist auf ein Jahr begrenzt. Mit Ausnahme von Härtefällen (Rentner, Alleinerziehende, Erwerbsunfähige) erfolgt anschließend eine weitere Prüfung. Liegen für eine Verteilstelle (wie derzeit in Rheda und Versmold) mehr Anträge als Plätze vor, wird rotiert. Die Tafel-Arbeit diene dabei laut Karin Baumeister durchaus als „Seismograph der gesellschaftlichen Entwicklung.“ Durch die Flüchtlingswelle sei der Migrantenanteil bei den Tafelkunden auch in Gütersloh auf 40 bis 50 Prozent gestiegen; der Kinderanteil beträgt rund 40 Prozent. Mehr als die Hälfte der Tafel-Bezieher besteht aus Rentnern, Alleinerziehenden sowie Erwerbsminderungsrentenbeziehern. Mit Blick auf die Kapazitätsgrenze von 3.800 Personen hat Ruth Prior-Dresemann angesichts der 3.500 registrierten Klienten jedoch die beste Nachricht für alle Bedürftigen überhaupt parat: „Wir haben noch Platz, können noch Leute aufnehmen, bis auf wenige Ausnahmen gibt es keine Wartelisten". Auch ein Unterschied zu Essen.

 


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