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Das Tauchtraining findet im Schwimmbad statt, damit die Taucher später unbeschwert im offenen Gewässer ihrer Leidenschaft nachgehen können. Foto: Jens Dünhölter

Türöffner zu Poseidons Unterwasserwelt

Der Sprung ins (kalte) Wasser ist auch oft gleichbedeutend mit dem Türöffner
zu einer verborgenen Welt. Sorgsam unter den Wasseroberflächen der sieben Weltmeere, Binnengewässer oder Seen vor den Blicken der Öffentlichkeit versteckt, hat Meeresgott Poseidon unter Wasser ein unglaubliches Reich optischer Schätze aufgehäuft: imposante Fischschwärme, rote Korallenriffe, gigantische Meeresschildkröten, Blauwale, Höhlen, versunkene Schiffe, von Mythen, Legenden und Seetang umrankte sagenumwobende Inselreiche wie Atlantis. 

Um die Schwerelosigkeit in der Tiefe, den Rausch der Farben, die Begegnung mit Fischen, ungewöhnlichen Lebewesen in vollen Zügen aus den in Druckluftflaschen komprimierten Atemvorräten genießen zu können, verlangt Poseidon jedoch seinen Obolus – am besten in Form einer fundierten, gründlichen, auf Gefahren und Risiken hinweisenden Tauchausbildung. In Deutschland werden diese nach den CMAS-Richtlinien des Verbandes Deutscher Sporttaucher (VDST) durchgeführt. In der Dalkemetropole – viele Kilometer von den Schönheiten des bizarren Unterwasserzaubers entfernt – ist die eingangs erwähnte zertifizierte Unterweisung der Tauchsport-Anfänger eine der Domänen des Tauchsport Club Gütersloh (TSCG). 1981 tauchten die Taucher zum ersten Mal an der Wasseroberfläche auf, oder – um im Bild der Sportart zu bleiben – ab. DLRG-Rettungstaucher wollten damals abseits ihrer lebensrettenden Aufträge einfach zwanglos die Schönheiten der Unterwasserwelten genießen. Auch 36 Jahre später hat sich an der primären Intention, an der Freude am buchstäblichen Abtauchen aus dem Alltag, an besonderen Augenblicken der Ruhe und Stille, dem nur vom Blubbern der Luftbläschen begleiteten schwerelosen Gleiten, an faszinierenden Erlebnissen in einer so fremd scheinenden Unterwasserwelt nichts geändert. Mittlerweile gehen im Tauchsportclub 153 Mitglieder (95 Männer, 58 Frauen, davon insgesamt 30 Jugendliche unter 18 Jahren) ihrem Hobby nach. Fast jedes Wochenende fahren Gleichgesinnte in Richtung Möhne-, Sorpe- oder Kreidesee (bei Bremerhaven) oder in Richtung Ostsee, um in der Tiefe den Alltäglichkeiten zu entkommen.

Der Perspektivwechsel, „das traumhafte Gefühl zu schweben, wenn man bei klarer Sicht auch in 30, 40 Metern weiter in die Tiefe sehen kann“, wie Pressewartin Francoise Fabian die Faszination beschreibt, gibt es nicht nur auf den Malediven, im Roten Meer, auf den Philippinen, Kroatien, Ägypten, sondern durchaus auch hierzulande. In Nordhausen in Thüringen, weiß die Pressesprecherin zu berichten, „ist in zehn bis zwölf Metern Tiefe die Stadt Nordhusia mit Kirche, Gefängnis, Kapelle und einem Friedhof errichtet worden.“ Zudem bedeute Tauchen „nicht automatisch warmes Wasser und bunte Fische. Auch in der Ostsee, in Island, im Mittelmeer gibt es phantastische Tauchreviere“, so Francoise Fabian.

Neben dem kostenlosen Verleihen von Ausrüstung an Vereinsmitglieder, dem ebenfalls kostenlosen Befüllen der Flaschen, regelmäßigem Training (jeden Donnerstag im Nordbad), organisierten Vereinsfahrten, einer Vielzahl von Tauchsportabzeichen und Spezialkursen widmen sich die Unterwassersportler unter Leitung ihres 1. Vorsitzenden Georg Proske auch intensiv der Ausbildung. Jedes Jahr im Frühjahr bringen die sieben Tauchlehrer des Vereins Interessierten in theoretischen und praktischen Einheiten die Grundlagen und das Basiswissen ihres Sportes bei. Der Grundausbildung mit Flasche, Flossen, Maske und Schnorchel im warmen Hallenbad folgt ab Öffnung des Nordbades im fünf Meter tiefen, kalten Springerbecken mit kompletter Ausrüstung in einer 1:1-Ausbildung der CMAS-Bronzeschein. Nach vier bis fünf Monaten und überstandenen Prüfungen dürfen die Neulinge mit dem international anerkannten Zertifikat in ihrem Taucherlogbuch „in einer Gruppe überall auf der Welt bis 20 Meter Tiefe tauchen“, so die gebürtige Französin.

Die später in verschiedenen Stufen ausbaubaren Kenntnisse über Zeichensprache unter Wasser, Tiefenverhältnisse, Dekompressionsstopps, steigenden Wasserdruck sowie weiteres Wissen aus den vielfältigen Bereichen Physik und Biologie sollten jedoch nie zu Leichtsinn führen. Das untrennbare Zusammenspiel der drei elementaren, unveränderbaren Grundparameter Luft, Tiefe und Zeit verlangt auch den Routiniers bei ihrem x-ten Tauchgang immer wieder aufs Neue äußerste Vorsicht, großen Respekt ab. Francoise Fabian: „Tauchen heißt Lernen, Lernen, Lernen. Wer dauerhaft Spaß und Freude am Tauchen haben will, muss sich an Regeln und Vorgaben halten. Das ist äußerst wichtig.“ Fast möchte man hinzusetzten: lebenswichtig. Bis es den Anfängern aus den Ohren heraus wächst, trichtern die Ausbilder ihren Schülern alleine aus Gründen des Eigenschutzes als oberste Maxime ein: Tauche niemals alleine. Weitere Elementarvoraussetzung ist das Miteinander, das Vertrauen der Tauchpartner untereinander. Daneben wird der auch respektvolle Umgang mit der Unterwasserwelt, in der die Taucher kurzzeitig zu Gast sind, großgeschrieben.

Das Erkunden von Laichgründen gilt unter Sporttauchern als ebenso verpönt wie das Schwimmen über einer Schildkröte oder das Anfassen von Fischen. Francoise Fabian: „Nur gucken, nicht anfassen.“ Die Dauer der üblicherweiser zwischen 30 und 60 Minuten langen Ausflüge in Poseidons Welt hänge laut der erfahrenen Sportlerin unter anderem auch von der verbleibenden Restluft, der Wassertiefe, dem Wasserdruck, der vorhandenen Strömung, körperlichen Konstitution, aber auch vom vielleicht plötzlich auftretenden Stress ab. Die seit dem 14. Lebensjahr dem Rausch der Tiefe verfallene Gütersloherin habe vor ein paar Jahren einmal „zweieinhalb Stunden in sechs Metern Tiefe ausgehalten.“ Profitiert hat sie dabei von einem wichtigen biologischen Unterschied: „Männer verbrauchen aufgrund der größeren Muskelmasse mehr Luft als Frauen.“ Zu den Grundregeln vor jedem Tauchgang zählt laut Francoise Fabian auch das Informationensammeln über das jeweilige Gewässer samt seiner eventuellen Besonderheiten: „Tauchen ist kein Risikospiel. Man sollte vorher wissen, worauf man sich einlässt, was einen erwartet. Die Strömung kann in einem Gewässer in unterschiedlichen Tiefen komplett anders sein.“

Um den Zustand der Schwerelosigkeit genießen zu können muss man auch nicht zwingend auf den jeweiligen Grund hinab. Die Intensivierung der Farben (je tiefer desto intensiver) beginnt nach Einschätzung der Experten bei klarer Sicht bereits ab zehn Metern. Francoise Fabian: „In drei Metern Tiefe zu beobachten, wie eine Ente auf Fischfang geht, ist ein ebenso unglaubliches Gefühl, als wenn man in 40 Metern Tiefe bis auf 80 Meter sehen kann. In der Ruhe und der Stille hat man das Gefühl, man könnte fliegen.“

Im Gegensatz zu anderen Sportarten ist die Tauchsport-Obergrenze, das Bestehen der regelmäßigen tauchsportärztlichen Untersuchung vorausgesetzt, alleine die eigene körperliche Verfassung. Das Gros der Vereinsmitglieder ist zwar zwischen 36 und 65 Jahre alt, „aber wir haben auch 70-Jährige, die immer noch regelmäßig Tauchen", so Francoise Fabian. Doch egal ob Jung oder Alt, Anfänger oder Routinier – der Sprung ins (kalte) Wasser ist oft auch gleichbedeutend mit einem Türöffner zu Poseidons verborgener Unterwasserwelt.