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Foto: Jens Dünhölter

Klettern mit Hund

Mabel ist nicht gerade erfreut. Das testweise durchgeführte, angegurtete Hochziehen auf drei Meter Höhe hat die dreijährige Golden Retriever Dame noch völlig entspannt überstanden. Auf der Hängebrücke war sie sogar weit vor ihrem unter Höhenangst leidenden, sich behutsam vortastenden Frauchen Simone Isenberg (49) auf der anderen Seite. Die nächste Aufgabe wird allerdings für beide eine Herausforderung. Mit einer sogenannten Fähre geht es in drei Metern Höhe auf einer ziehbaren Platte über freien Abgrund sieben Meter weit bis zur nächsten Plattform – und von da aus wieder zurück. „Du musst Dich an den Haltegriffen festhalten wie im Bus", ruft Kletterpark-Leiter Thomas Woesthoff (44) dem menschlichen Teil des Duos zu. Das angelegte Klettersteig-Set, jeweils zwei Karabinerhaken und die angebrachten Kletterseile verhindern im Zweifelsfall den Absturz, beruhigen die beiden Abenteurer ungemein. Trotzdem sitzt Mabel ganz still. Nicht einmal der Kopf dreht sich. Nach der Rückkehr zum Ausgangspunkt gibt's für den Vierbeiner zur Belohnung ein extra Leckerli. Als nicht sichtbarer Effekt und Zweck der Übung sind das ohnehin gute Verhältnis und das Vertrauen zwischen Frauchen und Hund und umgekehrt weiter gewachsen. Das war's für diesen Tag. Über den rollstuhlbreiten Gang des Inklusionsklettergartens Grenzenlos am Kiebietzhof nähert sich das Kletter-Duo gut angeleint dem sicheren Boden. Den laut Thomas Woesthoff „vermutlich schwersten Teil des Kletterparcours“, die für Hunde schwer gehbare, in zwei Hälften mit Luft in der Mitte aufgeteilte 85 Zentimeter breite Rollstuhl-Schiene als nächstes Hindernis, lassen beide hinter sich liegen. Vielleicht beim nächsten Mal. Gemeinsam sind Hund und Frauchen ohnehin schon buchstäblich viel weiter gegangen, als es bei ihrem zweiten gemeinsamen Besuch im vom Sozialpädagogischen Institut (Spi) betriebenen familiengerechten Inklusionsklettergarten für Menschen mit Handicap geplant war. Außerdem sehen die Beteiligten sich ohnehin bald regelmäßig wieder.

Als Gemeinschafts-Pilotprojekt initiieren das Grenzenlos-Kletterpark-Team und die auf Sport mit Hunden spezialisierte Inhaberin der Hundeschule „Two for More“den zehn Einheiten umfassenden, in Gütersloh bislang einmaligen Kurs „Klettern mit Hund.“ Angesichts der feinen Tiernäschen ist man fast versucht, von einem Schnupperkurs zu sprechen. Die Idee dahinter ist indes nicht von der Hand zu weisen. Simone Isenberg : „Gemeinsamkeit, gemeinsame Erlebnisse fördern die Beziehung, man lernt sich besser kennen, vertrauen und verstehen.“ Die für Paare, Familie, Gruppen oder Firmen gültige Grundregel gelt selbstredend auch für die Non-Verbale-Verbindung zwischen Mensch und Vierbeiner. Speziell unsichere Hunde würden beim Klettern „Vertrauen in den Körper entwickeln, das vereinfacht den Alltag.“ Auch bei Menschen mit Höhenangst wie bei ihr selbst werde ein Kletter-Schuh draus. Simone Isenberg: „Der Mensch hat eine Fellnase an der Seite, die von der eigenen Angst ablenkt. Man ist so auf den Hund konzentriert, dass alles andere plötzlich nebensächlich wird.“ Das wichtigste Argument unterstreicht der Klettermeister: „Außerdem ist es aufregend und macht auch noch tierisch Spaß. Es sind Pädagogik und Freude unter einem Hut".

Die Kooperations-Idee ging fast zeitgleich von beiden Seiten aus. Als offenes Familien-Freizeitangebot gerade für Menschen mit Handicap erreichten das Klettergarten-Aufsichtsteam seit der Eröffnung im Juni 2015 immer wieder „Kann-ich-auch-meinen-Hund-mit-nach-oben nehmen"-Anfragen. Da das Thema Sicherheit beim Klettern in Höhen bis maximal fünf Metern oberste Priorität hat, waren als tierische Begleiter nur ausgebildete, überprüfte Service- oder Assistenzhunde (wie Blindenführerhunde) zulässig. Im Sommer 2017 hatte eine Gruppe von fünf Hunden, sechs Rollstuhlfahrern und ein paar „Radlosen“ (Umgangssprache für Fußgänger) zweimal vier Stunden jede Menge Spaß. Die Initialzündung. Anschließend habe man sich gedacht: „Da muss man mehr draus machen”, beschreibt Thomas Woesthoff. Per Zufall landete wenig später eine E-Mail der immer nach weiteren sportlichen Möglichkeiten suchenden Physiotherpeutin, lizensierten Hundetrainerin und ehemaligen Kollegin von Hunde-Coach-Gott Martin Rütter im Klettergarten-Postfach. Nachdem das entsprechende Sicherheitskonzept erstellt und auch die von drei bis 27 Kilogramm reichenden, zertifizierten, für den Bergsportbereich zugelassenen Hundegeschirre in unterschiedlichen Größen eingetroffen waren, konnte es nach den Testläufen von Mabel und Simone Isenberg im April bei wärmerem Wetter endlich losgehen. Die Kursdauer von zehn Wochen á eineinhalb Stunden ist bewusst auf Nachhaltigkeit, auf langsame Eingewöhnung, auf behutsamen, sich allmählich steigernden Pfote-für-Pfote-Aufbau konzipiert. „Jedes Paar wird da abgeholt, wo es ist, jedes Team entscheidet für sich wo die Grenzen sind", verzichtet Simone Isenberg bewusst auf jegliche druckausübende Vorgaben. Natürlich sei es Ziel des Kurses, „die fünf Paare nach zehn Wochen in die Höhe zu bringen. Aber völlig ohne Zwang".

Der sternförmig, von jeder Plattform drei Alternativen bietende Klettergarten-Aufbau mit den breiten Rollstuhlwegen spielt in den Planungen die Hauptrolle. Thomas Woesthoff : “Es gibt bei uns weder Benjamin Blümchen- oder Totenkopf-Route noch einen Einbahnstraßenbetrieb.” 85 Prozent der Anlage seien so gebaut, „dass man – egal ob im Rollstuhl, mit Hund oder zu Fuß – problemlos auf dem Absatz kehrt machen kann". Vom Erfolg der Idee sind beide felsenfest überzeugt. Simone Isenberg: „Es ist was komplett anderes, als mit den Hund nur Gassi zu gehen und nebenbei Stöckchen zu werfen.” Nach der Auswertung der ersten Erfahrungen sollen darum weitere Kurse folgen. Thomas Woesthoff gefällt als Herrchen eines eigenen Vierbeiners daran primär der Gedanke: „Unser Anspruch ist es, grenzenlos zu sein. Das gilt jetzt auch für alle sozialverträglichen Hunde". 


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