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Zwei Wochen lang war die Martin-Luther-Kirche eine Vesperkirche und war täglich voll. Wiederholung empfohlen! Foto: Jens Dünhölter.

„Mein Nachbar hat noch nicht!“

Mit anderen am Tisch sitzen, gemeinsam essen, reden – das ist für viele nicht selbstverständlich. Manch einer traut sich in seiner Einsamkeit nicht aus dem Haus, anderen fehlt das Geld, um mit Bekannten essen zu gehen. Gütersloher lässt das nicht gleichgültig. Die Vesperkirche Gütersloh hat in diesen Tagen eine Tür zum Miteinander geöffnet. Der Ansturm war gewaltig, auf beiden Seiten. Die soziale Geste wurde zum Fest der Gemeinsamkeit. Wir waren als Helfer vor Ort. 

Die Bilder bleiben tagelang im Kopf. Eigentlich ist es ja ganz profan: Essenausgabe im Kirchenraum der Martin-Luther-Kirche an Bedürftige. Einlass um 11.45 Uhr, Ende der Veranstaltung nach einem kleinen Konzert gegen 14.30 Uhr. Also alles ganz normal? Nein. Meine Frau und ich sind Helfer in der Vesperkirche und erleben etwas, das weit hinausgeht über eine normal geschäftige Essensverteilung. Vielleicht haben wir das Beispiel einer Bürgergemeinschaft erlebt, die aus der Kirche heraus eine neue, praktische Solidaritätsidee für ganz Gütersloh ausstrahlt. 

Das Organisationsteam um Nils Wigginghaus, Stefan Salzmann, Dörte Sonnabend, Ludger Osterkamp, Heike Thienenkamp und vielen anderen hat nichts dem Zufall überlassen. Alles ist minutiös geplant, professionell aufbereitet und wurde im Vorfeld medial mit mächtigem Schub, unterstützt von vielen bedeutenden Sponsoren, ausgerollt. Die Vesper-Idee, die Nils Wigginghaus von seinem alten Studienfreund Benno Buchczyk aus Süddeutschland übernahm, hatte bei seinen Ansprechpartnern in Gütersloh gleich gezündet. Bei Pastor Stefan Salzmann lief er offene Türen ein, schnell fand sich ein Team von Enthusiasten, die ihre Talente und Kontakte in den Dienst dieser bisher beispiellosen Aktion stellten. Vor allem galt es, möglichst viele Helfer zu gewinnen, um den Besuchern und Gästen einen perfekten Rahmen nicht nur für ein Essenangebot, sondern auch für die menschliche Begegnung zu bieten. Die Sorge mangelnder Teilnahme verflog schnell. Weit über 500 Helferinnen und Helfer schrieben sich in die Teilnehmerlisten ein, ganze Vereine und Gruppen gehörten dazu. Auch meine Frau und ich erhielten eine Einladung. Heute dürfen wir zu unserer Überraschung die Mitglieder des Rotary Clubs Gütersloh unterstützen. 

Entzünden der Vesper-Kerze

Kurz vor 11 Uhr haben wir uns eingefunden, denn wir müssen vor dem Einlass der ersten Gäste um 11.45 Uhr (der zweite Schub kommt um 13 Uhr), auf das, was da kommen wird, vorbereitet werden. Zur Einstimmung aller Tageshelfer hat das Orgateam eine gute Idee: Wir stellen uns im Altarraum kreisförmig auf und werden nach dem symbolischen Entzünden der großen Vesper-Kerze auf die kommenden drei Stunden eingestimmt. Hygienevorschriften sind zu beachten, Zuständigkeiten werden aufgeteilt, die Gäste werden wir mit Respekt und Zugewandtheit empfangen und betreuen. Die brennende Kerze gibt uns tatsächlich ein Gefühl des Lichts in einer eher dunklen Jahreszeit. Ein schöner Moment.

Wir haben unsere Schürzen mit dem aufgedruckten Vesper-Kreuz bereits angelegt und werden in Gruppen eingeteilt: Essenausgabe, Bestellannahme, Tischdienst, Geschirrrückgabe, Wasserversorgung, Kaffeemaschine und anderes mehr. Die Bestellannahme ist heute eigentlich überflüssig, denn das Katharina-Luther-Haus hat ausnahmsweise nur ein Essen gekocht: Gnocchi, Brokkoli und Tomatensoße – perfekt! Wir sind für den Tischdienst eingeteilt und voller Tatendrang, aber so schnell läuft das anfangs noch nicht. Ein bisschen Chaos, trotz aller Einweisungen, gehört dazu, lässt uns improvisieren. So kommt es, dass ich mich zunächst um eine Kindergruppe aus dem Kindergarten Teismannsweg kümmere, die eine ganze Banktischreihe für sich einnimmt. Ein süßes Bild. Als ich merke, dass ich mich mit dem Argument „Für die Kinder!“ stets weit vorne an der Essensausgabe anstellen kann – manchmal sogar direkt –, läuft es so richtig gut. Ich bin erstaunt und fasziniert zugleich: Die Augen können noch so hungrig schauen, der Teller wird trotzdem immer brav bis zum nächsten Esser weitergereicht. Da wird einem richtig warm ums Herz und ich erledige meinen Job so schnell, wie es geht. Aber in der Vesper-Kirche geht es nicht um Geschwindigkeit oder Umschlag der Tische, sondern um die Begegnung, um das Miteinander. Da darf man sich bei den Älteren auch mal fünf Minuten dazusetzen, um das eine oder andere Wort zu wechseln. Dazu findet jeder von uns Gelegenheiten.

Ins Gespräch kommen

Unter den Gästen sind auch manche Bekannte; sie wollen das Erlebnis teilen, vielleicht auch den Kontakt zu den Menschen suchen, denen es nicht so gut geht. Das passt zur Kirche, wie überhaupt die wuselige Atmosphäre, das Lächeln auf den Gesichtern der Gäste wie Helfer, die Geste des Bedienens gegen Annahme einer eingangs ausgehändigten kostenlosen Essensmarke, die Freude über das gute Essen und die vielen netten Begegnungen eine besondere Qualität haben. Es ist würdevoll und echt und es führt uns alle in diesen Stunden näher zusammen. 

Ein Helfer stützt eine alte Dame, die kaum des Gehens fähig ist, führt sie langsam zu einer Sitzgelegenheit und spricht ein paar Worte mit ihr; bald bringt er ihr das Essen und schenkt ihr auch ein Glas Wasser ein. Auf der anderen Seite kommt ein offenbar gut situiertes Ehepaar mittleren Alters mit seinen Zufallsnachbarn auf der Kirchenbank ins Gespräch. „Es ist so schön hier“, höre ich sie sagen. Eine Gruppe junger Leute ist auch zum Essen gekommen. Sie reden kaum miteinander, sondern simsen auf ihren Smartphones. Ob die ihre Kumpels einladen? An einem Tisch sitzen offensichtlich Obdachlose. Sie sind sehr freundlich, als ich sie anspreche. Ein anderer sieht aus, wie ein Taliban. Als ich beim Telleraufsetzen eine etwas lustige Bemerkung über mein mangelndes Geschick mache, dröhnt er vor Lachen. Jetzt muss ich prusten. Meinen versehentlich zum zweiten Mal gereichten Nachtisch lehnt er ab und verweist auf sein Gegenüber: „Mein Nachbar hat noch nicht!“ Eine nette Geste.

Ich spüre: Die Vesperkirche ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Menschen verwischen. Hier gibt es keine gesellschaftliche Gruppe, die außen vorbleibt. Erfolgreiche und Verlorene, Reiche und Arme, Alte und Junge, Gläubige und Atheisten: Sie alle sind dem Ruf in die Kirche gefolgt und sie alle gehören hier hin. Da ist die alleinerziehende Mutter, die zu Hause ohne Ansprache ist, weil ihr Sohn bis zum späten Nachmittag in der Schule ist: "Wegen einer Krankheit finde ich keine Stelle mehr und bekomme Arbeitslosengeld. Immer ins Café zu gehen, um rauszukommen, das ist für mich einfach zu teuer. Deshalb finde ich dieses Angebot ganz toll.“ Ein älterer Mann erzählt mir, dass seine Frau gestorben ist, und die Vesperkirche für ihn eine Gelegenheit ist, unter Menschen zu kommen. Wir reden kurz über seinen neuen Rollator, mit seinem alten war er wohl gar nicht zufrieden.

Mangos muss man selber pflücken

Plötzlich ein Gong und die Stimme von Pastor Salzmann am Mikrofon: Er kündigt mitten im Geschehen eine fünfminütige spirituelle Pause an, wie an jedem Tag. Heute gibt es eine kleine Lesung von Leonie Rosenstock. Die 19-Jährige erzählt, dass sie im Rahmen eines Schulprojekts für vier Wochen auf Mfangano Island, einer Insel mitten im kenianischen Victoria-See, war und dort in einer kleinen stickigen Kirche eine Predigt hörte. Der große, stämmige Prediger sprach in seiner Muttersprache Luo, wechselte aber plötzlich auf Englisch und wiederholte immer wieder und fast schon schreiend: „God will give you the mango-trees, but you gotta pick the mangos yourself!“ („Gott hat dir Mangobäume gegeben, aber pflücken musst du die Früchte selbst“). Schön, wie Leonie Rosenstock von diesem Gottesdienst und der Predigt erzählt. Der Mangobaum-Gedanke passt gut in die Vesperkirche. 

Spiritueller Geist

Bald haben wir alle 300 Essen für die Besucher ausgegeben, die Teller leeren sich und wir räumen ab, bringen das gebrauchte Geschirr zurück zur Ausgabe, säubern noch die Tische und haben jetzt Zeit, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich finde auch noch Gelegenheit, einmal mit dem „Urvater“ der Vesperkirche Gütersloh, Benno Buchczyk aus Singen am Hohentwiel (das liegt westlich vom Bodensee), zu sprechen. Er nimmt sich gerade eine berufliche Auszeit und ist während der gesamten Zeit der Vesperkirche im vollen Einsatz bei der Essenausgabe. Für Benno, wie sie ihn hier alle nennen, ist die Vesperkirche Gütersloh etwas ganz Außergewöhnliches. „So viel Wärme und spirituellen Geist, so viel bewusstes Miteinander von Organisatoren, Gästen und Helfern habe ich noch in keiner süddeutschen Vesperkirche erlebt“, sagt er. Das will ich gerne zitieren.

Zum Schluss noch eine Überraschung: Gegen 14 Uhr gibt es ein kleines, zwanzigminütiges Konzert am Keyboard. Kiano Schwarz (12) spielt eine Eigenkomposition von ihm und seinem Papa: „Phantasie“ haben sie es genannt. Danach folgt „River flows“ aus dem Film Twilight und „L’Après Midi“ aus dem Film „Die fabelhafte Amelie“. Ihm folgt Reiko Nagal, die Stücke von C. Debussy, Beethoven und Chopin spielt. Ein toller Abschluss durch die beiden Schüler der Kreismusikschule, mit viel Beifall bedacht.

Wir finden uns noch einmal im Kreis zusammen und lassen den Tag mit einer Minute des Nachdenkens ausklingen. Wir haben eine Erfahrung gemacht, die hoffentlich bleiben wird: Dass es möglich ist, Menschen zusammenzubringen, dass die Gütersloher offen sind für Solidarität und Unterstützung. Ich wünsche mir, dass der Gedanke der Vesperkirche festgehalten wird. Auch bei kleineren Gelegenheiten, auch im Verborgenen. Aber dass es gemeinsam geschieht. Vieles ist möglich, wenn man zusammensteht.

 


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