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Foto: hykoe - stock.adobe.com

Brüssel hat entschieden

Die Serie Gütersloh und Europa macht sich auf die Suche nach dem europäischen Gedanken und beleuchtet dafür auch die fünf Partnerstädte der Stadt. Doch statt in dieser Ausgabe eine weitere unter die Lupe zu nehmen, wendet sich nun der Blick ein wenig ab vom Gedanken und hin in Richtung Brüssel. Anlass dazu bietet die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung für weitere fünf Jahre. Das hochumstrittene Herbizid steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Was bedeutet der EU-Beschluss für Deutschland und damit auch für einen Kreis und eine Stadt wie Gütersloh? Was kann man tun, um sich vor glyphosathaltigen Produkten zu schützen? Gibt es überhaupt Anlass zur Sorge – oder ist alles reine Hysterie? Und: Verwenden regionale Landwirte überhaupt Glyphosat? 

GT-INFO-Redakteurin Birgit Compin hat Landwirt Andreas Westermeyer, Kreisverbandsvorsitzender des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV), zu einem Gespräch getroffen und Ralf Bilke, Agrarreferent des BUND – Landesverband für Natur- und Umweltschutz in Düsseldorf, um eine Stellungnahme gebeten.

Herr Westermeyer, können Sie sagen, wie hoch der Anteil mit Glyphosat behandelter Ackerflächen in Gütersloh ist?

Andreas Westermeyer: Zunächst einmal ist Glyphosat kein Pflanzengift, sondern es verhindert, dass die Pflanze assimiliert und somit verhungert. Eine statistische Erhebung zum Einsatz gibt es nicht. 

Wir Landwirte müssen allerdings jeden Einsatz von Pflanzenschutz dokumentieren und dürfen Glyphosat wenn, dann nur einmal jährlich auf einer Fläche einsetzen. 

Woher bezieht ein Landwirt Glyphosat?

Andreas Westermeyer: In der Regel werden Pflanzenschutzmittel beim Landhandel erworben. Auf Anfrage sagte mein Händler, dass der Absatz von Glyphosat in den letzten fünf Jahren extrem rückläufig sei. Das heißt, das Bewusstsein für die Ängste der Bevölkerung wird auch in der Landwirtschaft wahrgenommen. Letztendlich sind wir Bauern auch Verbraucher. 

Sind Sie auch verunsichert? 

Andreas Westermeyer: Selbstverständlich. Doch letztendlich habe ich das Gefühl, dass die derzeitige Situation deutlich überhitzt ist. Wir sprechen dieses Thema auch bei unseren Versammlungen an. Und es ist überall das Gleiche: Der Einsatz von Glyphosat zur Ernteerleichterung vor der Ernte fand in der Vergangenheit und auch aktuell im Kreis Gütersloh so gut wie nie statt. Ich persönlich wirtschafte jetzt seit fast 30 Jahren und habe es zu diesem Zweck noch nie eingesetzt.

Gibt es weitere Einsatzmöglichkeiten? 

Andreas Westermeyer: Ja, beim sogenannten Strip Till. Dabei wird die Gülle durch ein Spezialgerät komprimiert in den Boden abgelegt und das Maiskorn später direkt darauf gesetzt, sodass es die Nährstoffe erhält. Um den Boden vor Erosionen zu schützen, wird vorher eine Zwischenfrucht gepflanzt, deren Pflanzenreste vor und nach der Neuaussaat die Bodenoberfläche bedecken. Dafür muss ich vor der Aussaat diese Fläche mit Glyphosat behandeln, denn sonst wächst das Unkraut schneller als der Mais. Ohne Glyphosat wird es schwierig, dieses Verfahren anzuwenden. 

Da Sie auch Mais anbauen: Kann man in Ihrem Mais die Stoffe des Glyphosat nachweisen?

Andreas Westermeyer: Nein. Denn wenn ich es sachgemäß anwende, werden die Stoffe von den Bodenbakterien abgebaut. Im Kreis Gütersloh haben wir mehrere Wasserkooperationen, dazu gehören auch die Stadtwerke Gütersloh. Dort sagt man uns, dass ein Nachweis von Glyphosat im Wasser nicht relevant ist. 

Was halten Sie von der erneuten Zulassung von Glyphosat? 

Andreas Westermeyer: Das sehe ich positiv, denn für Glyphosat gibt es aktuell keinen Ersatz. Es dient uns zur reinen Schadensbekämpfung. So wird es bei der Bekämpfung der Quecke eingesetzt, ein Ungras, das in die Ackerfläche hineinwächst und den Nutzpflanzen das Wasser entzieht. Normalerweise bekämpfen wir es, indem wir den Boden im Sommer auflockern, sodass es austrocknet. Bei nassen Sommern wächst es in der feuchten Erde sofort wieder an. In diesen Fällen kann man schon mal zu Glyphosat greifen, und das wird dann natürlich dokumentiert. 

Es besteht der Verdacht, dass Glyphosat krebserregend ist. Berichte aus Südamerika sprechen auch von Missbildungen und Genveränderungen. Was entgegnen Sie den Menschen, die deshalb verunsichert sind?

Andreas Westermeyer: Das kann ich verstehen. Wir müssen aber auch glauben, was uns die wissenschaftlichen Studien sagen. Was in Süd- und Nordamerika bezüglich der Glyphosat-Anwendung geschieht, kritisieren wir wie jeder andere Verbraucher auch. Dort sind Soja und Mais gentechnisch so verändert worden, dass sie glyphosatresistent sind, während das Unkraut vernichtet wird. Der Einsatz hier ist ein völlig anderer. 

Wie können Sie den Einsatz von Glyphosat weiter begrenzen?

Andreas Westermeyer: Im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsoffensive haben wir uns ganz klar positioniert: So sollen Pflanzenschutzmittel nur sachgerecht und im Mindestmaß angewendet werden und Glyphosat wiederum nur in ganz besonderen Fällen.

Muss ein Verbraucher, der auf dem Wochenmarkt regionale Erzeugnisse kauft, Bedenken haben, dass dafür Glyphosat zum Einsatz kam?

Andreas Westermeyer: Wer auf dem Markt direkt beim Erzeuger kauft, sollte ihn einfach danach fragen. Wir Landwirte sind für alle Fragen offen und wer fragt, bekommt eine Antwort.

Im Zusammenhang mit Glyphosat wird auch immer das Insektensterben genannt.

Andreas Westermeyer: Ob Glyphosat darauf einen Einfluss hat, stelle ich extrem infrage. Wir wissen nicht, woran es liegt und ob wir Landwirte daran beteiligt sind. Ich glaube, das ist zu kurz gedacht. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn wir uns mit Naturschützern und entsprechenden Fachleuten zusammensetzen würden, um diesbezüglich gemeinsam Konzepte zu erarbeiten.

Reden Sie denn nicht zusammen?

Andreas Westermeyer: Man redet viel über uns aber, wenig mit uns. Und deshalb sage ich auch: Wenn man uns fragt, dann sagen wir, dass der Verbraucher die Produkte, die hier hergestellt wurden, ruhigen Gewissens verzehren kann. 

Herr Bilke, was macht Glyphosat Ihrer Meinung nach so gefährlich?

Ralf Bilke: Es wird von den Blättern und allen grünen Pflanzenteilen aufgenommen und bis in die Wurzeln und die jungen Triebe transportiert. Das Pflanzenwachstum wird blockiert und alle Pflanzen, die mit ihm in Kontakt kommen, sterben ab. Das trifft auch eine Vielzahl heimischer Wildkräuter, die Nahrungsquelle für Insekten sind. Auf fast 40 Prozent aller Ackerflächen in Deutschland wird Glyphosat ausgebracht; es trägt damit maßgeblich zum Artensterben in der Agrarlandschaft bei.

Was halten Sie von der erneuten Zulassung von Glyphosat? 

Ralf Bilke: Die Wiederzulassung ist ein schwerer Fehler zu Lasten von Natur und Umwelt, auch gesundheitliche Risiken werden in Kauf genommen. Sie missachtet das Votum von mehr als 1,3 Millionen EU-Bürgern, die sich gegen Glyphosat ausgesprochen haben. Ebenso hatte das EU-Parlament für eine 5-Jahres-Verlängerung, verbunden mit einem klarem Ausstiegsprogramm, gestimmt. Wir benötigen eine deutliche Reduzierung von Herbiziden und Pestiziden in der Landwirtschaft, nicht allein von Glyphosat. Mit dieser Entscheidung wird das Notwendige weiter hinausgezögert.

Wie sähe eine Landwirtschaft ohne Glyphosat aus? 

Ralf Bilke: Zunächst einmal ist sie möglich. Das zeigen die 340.000 Biobauern in ganz Europa, darunter 27.000 in Deutschland. Auch viele konventionelle Landwirte verwenden keine glyphosathaltigen Präparate – das zeigt: Es geht, wenn man will! Ein Verzicht auf Glyphosat bedeutet aber nicht, ansonsten weiterzumachen wie bisher. Wir brauchen auch eine schonende Bodenbearbeitung, breite Fruchtfolgen, Zwischenfruchtanbau und Festmistwirtschaft, was der Bodenfruchtbarkeit und dem Humusaufbau dient.

Neben dem Verdacht, krebserregend zu sein, gibt es auch Berichte von Missbildungen und Genveränderungen. Wie sicher sind die Quellen?

Ralf Bilke: Vor allem aus Südamerika gibt es Hinweise auf massive gesundheitliche Schädigungen. Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang mit dem Anbau von glyphosatresistentem Gentech-Soja, bei dem dieser Wirkstoff zum Einsatz kommt. Im März 2015 hat die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Auch wenn andere Studien das anders sehen: Für uns sind die gesundheitlichen Risiken nicht ausgeräumt und es gilt das Vorsorgeprinzip. Die Rückstände finden sich in Lebensmitteln und im menschlichen Urin wieder. Was sie dort anrichten, wenn sie in kleinsten Mengen über zig Jahre aufgenommen werden, bleibt unklar. Ich meine: Glyphosat gehört nicht in den menschlichen Körper! 

Bei aller Sorge und Verunsicherung – ist da vielleicht auch ein bisschen Hysterie im Spiel?

Ralf Bilke: Nein, nicht Hysterie, wohl aber enorme wirtschaftliche Geschäftsinteressen, wie auch die geplante Übernahme von Monsanto durch Bayer zeigt. Man stelle sich vor: Glyphosat hätte keine Zulassung mehr erhalten oder immer mehr Landwirte nehmen von der Anwendung Abstand – ein ganzes Geschäftsfeld bräche weg.

Wie steht Glyphosat in Zusammenhang mit dem Insektensterben?

Ralf Bilke: Glyphosat tötet alle Pflanzen ab und damit auch heimische Ackerwildkräuter, die eine Nahrungsgrundlage für Insekten sind. Zusammen mit dem Einsatz weiterer Spritzmittel in der Landwirtschaft ist das ein massiver Eingriff in das Nahrungsnetz. Letztlich wird mit dem Insektensterben auch den Vögeln eine wichtige Nahrungsgrundlage entzogen.  

Welches sind glyphosathaltige  Lebensmittel?

Ralf Bilke: Sie kommen bei uns in verschiedenen Kulturen zum Einsatz, insbesondere im Getreideanbau. Daraus verarbeitete Produkte sind dann Brot oder Bier. 

Wie geht es nun weiter im Streit um Glyphosat? Was erwarten Sie von der Politik, wie geht es im Kreis Gütersloh weiter?

Ralf Bilke: Die Wiederzulassung des Wirkstoffes Glyphosat ist endgültig. Jetzt geht’s darum den Schaden zu begrenzen, den unser Bundeslandwirtschaftsminister angerichtet hat. Hierbei gilt es, alle Spielräume zu nutzen und auch den Einsatz im Privatbereich, also für den Hausgarten, zu verbieten. Gleiches gilt für den öffentlichen Raum, wenn man an Parks, Spielplätze oder Friedhöfe denkt. Hier gibt es heute schon viele kommunale Grünflächenämter, die zeigen, dass es auch mit mechanischer Wildkrautbekämpfung geht. Wir brauchen eine Offensive in der Beratung und Schulung von Landwirten. Auch das Spritzen von Glyphosat unmittelbar vor der Ernte muss ausnahmslos verboten werden. Auch die Städte im Kreis Gütersloh können aktiv werden. Wir fordern: Bei der Verpachtung stadteigener landwirtschaftlicher Flächen sollte der Einsatz von Glyphosat in den Pachtverträgen ausgeschlossen werden.