RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

40 Jahre später: Am 13. Oktober 2017 bekräftigten die Bürgermeister von Gütersloh und Châteauroux, Henning Schulz und Gil Avérous, die Partnerschaft der Städte mit einer erneuten symbolischen Unterzeichnung der Urkunde. Foto: Stadt Gütersloh.

Gütersloh und Europa

Europa ist kein Ort, sondern eine Idee", sind sich Philosophen wie der französische Publizist Bernard-Henri Lévy einig. Bereits Voltaire sprach von einer „großen geistigen Gemeinschaft“, wenn er diese Idee vollmundig skizzierte – damit verbunden der Traum eines geeinten Europas. Und wenn wir noch ein paar Jahrhunderte zurückgehen, treffen wir auf Schriften, die Karl den Großen bereits im 8. Jahrhundert als „Vater Europas“ bezeichnen. Doch was lange währt, muss nicht unbedingt gut werden. Das mit Europa ist kompliziert. Selbst in den Zeiten gemeinschaftlicher Wirtschaft und Währung, einheitlichen Rechts und einheitlicher Wertevorstellungen wird dieser alte Traum immer wieder infrage gestellt. Statt einer gewachsenen Gemeinschaft stehen heute Protektionismus und Abgrenzung im Vordergrund.

Was also ist und bedeutet Europa? Ist es ein Auslaufmodell oder eine Idee mit Potential? Zunächst einmal ist Europa so aktuell wie selten in den vergangenen Jahrzehnten. Es findet nicht nur auf der politischen Bühne in Brüssel statt, sondern in jedem einzelnen europäischen Land, ob EU-Mitglied oder nicht. Es findet statt in den Städten und Gemeinden. Europa begegnet uns täglich. Mit einer neuen Serie möchte GT-INFO den Europäischen Gedanken in Gütersloh aufspüren und geht der Frage nach, was er für den Einzelnen und die Gemeinschaft bedeutet oder bedeuten kann. Und was wäre ein besserer Anlass für den ersten Beitrag, als die 40-jährige Städtepartnerschaft von Châteauroux und Gütersloh. Im Oktober wurde sie ein Wochenende lang mit 200 Gästen, unter ihnen eine 35-köpfige Delegation aus Frankreich, ausgiebig gefeiert. 

Die französische Stadt an der Indre ist eine von fünf europäischen Städten, mit denen Gütersloh eine offizielle Partnerschaft unterhält. Dazu gehören neben Châteauroux auch Broxtowe in England, Grudziadz in Polen, Falun in Schweden und Rshew in Russland. Mittlerweile ist jede einzelne Partnerschaft geprägt durch gemeinsame Geschichten, Freundschaften und einem nicht unerheblichen sozialen Netzwerk. So sind Städtepartnerschaften mehr als gegenseitige Besuche von offiziellen Gruppen. Und genau das stellte gerade wieder die deutsch-französische Freundschaft unter Beweis.


Symbolträchtiger Anfang

Bereits ihr Ursprung konnte symbolträchtiger nicht sein, denn die Partnerschaft wurde von ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkriegs in beiden Ländern 1977 initiiert. Die Erinnerung an diese Vergangenheit nahmen die Städte 2014 zum Anlass, eine gemeinsame Ausstellung zum Ersten Weltkrieg zu erarbeiten. „Dass unsere Partnerschaft durch zwei Kriegsheimkehrer und ehemalige Gegner entstand, ist eine Besonderheit“, so Jean-Yves Hugon, stellvertretender Bürgermeister von Châteauroux. Denn sie zeichne sich heute durch das genaue Gegenteil aus. „Gerade deshalb ist es unsere Pflicht die jungen Menschen daran zu erinnern, wer diese Partnerschaft gewollt hat.“ Derzeit wird auch über die Zeit des Zweiten Weltkriegs eine gemeinsame Ausstellung vorbereitet, sagt Güterslohs Bürgermeister Henning Schulz: „Auch damit gehen wir genau zu diesen Wurzeln unserer Städtepartnerschaft zurück.“ Überhaupt, so sagt er, seien die langen gemeinsamen Jahre als Städtepartner eine Besonderheit: „In den vier Jahrzehnten gab es niemals eine ‚Auszeit’, sondern immer wieder neue Projekte.“ Gerade dieses lange Vertrauensverhältnis mache es möglich, auch sensible Kapitel deutsch-französischer Geschichte gemeinsam aufzubereiten.

 

Jeden Tag eine Nachricht

Mehrere Generationen haben diese lange Partnerschaft bereits geprägt und lebendig gehalten. Wie lebendig, kann man auch an der täglichen Zusammenarbeit der Rathäuser ablesen: „Wir senden uns durchschnittlich pro Tag mindestens eine Nachricht per E-Mail“, erzählt Karin Delbrügge, im Gütersloher Rathaus zuständig für Städtepartnerschaften. Adressatin ist Christiane Jürging, und damit ihr „Pendant“ im Rathaus Châteauroux. Meist gehe es dabei um Termine und Programmpunkte für Delegationen oder den Austausch von Schülern oder Praktikanten, sagen sie. Einen Blick zurück wirft die ehemalige  Mitarbeiterin im Presseamt, Barbara Weidler, als sie von den langen Kommunikationswegen in den 70er- und 80er Jahren erzählt: „Damals wurde ein Brief verfasst, der im Schreibbüro getippt wurde, in die Korrektur ging und erst dann in die Partnerstadt verschickt wurde. Es war nicht selten, dass die Antwort erst Wochen später eintraf.“ Heutzutage undenkbar! Es ist eine dieser charmanten Anekdoten und Geschichten, die das Zusammenwachsen der Partnerstädte so erlebbar machen: „Bei unserer Feier im Oktober und zuvor in Châteauroux ist mir einmal mehr klar geworden, wie viele Beziehungen sich auch auf ganz persönlicher Ebene entwickelten“, meint dazu Henning Schulz. „Da haben sich Menschen wiedergesehen, die auf beiden Seiten in ganz unterschiedlicher Weise ihren Anteil an der Städtepartnerschaft hatten und haben.“ 


Gelebte Geschichte und viele Anekdoten

So zum Beispiel Georg Felsheim, heute Abteilungsleiter in der Deutschen Botschaft in Paris. Der gebürtige Gütersloher gehörte Ende der Siebziger Jahre als Schüler des Ev. Stiftischen Gymnasiums zu den ersten, die im Rahmen des Schüleraustauschs nach Châteauroux fuhren. „Es ist offensichtlich, dass die Erfahrungen in der Partnerstadt seine Liebe zu Frankreich mitbegründet haben“, ist Schulz sicher. Ähnlich erging es auch Jean-Yves Hugon, der seit langem für die Pflege der Städtepartnerschaften mit Engagement unterwegs ist. Er kam als 27-jähriger Lehrer nach Gütersloh, noch bevor die Partnerschaft beider Städte unterschrieben war: „Im Café Roggenkamp besprach ich mit einem Kollegen des Städtischen Gymnasiums den ersten Schüleraustausch unserer Städte.“ Nur zwei Monate später traf er mit 30 Schülern hier ein. Und selbst Christiane Jürging hat da eine ganz persönliche Geschichte parat, denn ihr Ehemann stammt aus Gütersloh: „Wir lernten uns kennen, als er damals nach Châteauroux kam, um seine Französischkenntnisse zu verbessern.“ Mittlerweile sind sie seit 20 Jahren verheiratet.

 

Freiheit in Europa ist das höchste Gut

Gemeinsame Vergangenheit, Vertrauen und private Beziehungen – sind sie das Sinnbild eines gemeinsamen Europas? „Gerade langjährige Städtepartnerschaften sind sozusagen die Blaupause dafür. Denn mit dem Austausch und den Erfahrungen, die wir dabei machen, liefern sie einen Blick auf Land und Leute, der intensiver ist als eine rein touristische Reise“, sagt Henning Schulz. Dabei gehe es um mehr als die sprachliche Verständigung. „Entscheidender im Sinne eines gemeinsamen Europas ist es, dass wir die Lebensformen und den Alltag im anderen Land kennenlernen und uns darüber austauschen. Deshalb finde ich es auch nicht ausreichend, dass man im Rahmen seiner Schulzeit durchschnittlich nur einmal die Möglichkeit hat, eine Fahrt ins Ausland zu machen.“ Gerade hier machen  Städtepartnerschaften viele Angebote. Jean-Yves Hugon hebt die Bedeutung der Jugend ebenfalls hervor: „Wir müssen ihnen helfen, den Europäischen Gedanken weiterzutragen und sie daran erinnern, dass sie neben ihrer eigenen Nationalität auch Europäer und Weltbürger sind.“ Deshalb stehen im Rathaus von Châteauroux bei Empfängen der Austauschschüler stets die französische, deutsche und europäische Fahne einträchtig nebeneinander. „Das kostbarste Gut, das wir heute haben, ist die Freiheit“, sagt er und Europa bedeute genau das.

 

Europäisch denken

Beide sind sich sicher, dass eine Städtepartnerschaft innerhalb Europas für den Zusammenhalt der Europäischen Union bedeutsam sein kann. „Weil sie meistens auf einer längeren Entwicklung basiert und auf lokaler Ebene normalerweise über alle politischen Entwicklungen hinweg Bestand hat.“ Deshalb schauen sie auch gemeinsam nach vorne: 2014 haben Châteauroux und Gütersloh mit weiteren Partnerstädten die Europäische Praktikumsbörse gegründet. Es geht darum, junge Menschen mit dem Gedanken vertraut zu machen, Ausbildung, Studium und den zukünftigen Beruf europäisch zu denken. „Genau das ist ein wichtiger Baustein für eine Weiterentwicklung in Richtung Zukunft“, sagen sie. Gleichzeitig gebe es bei gemeinsamen Projekten im Bereich Wirtschaft oder Bildung noch „Luft nach oben.“ So verbindet Châteauroux und Gütersloh auch das Engagement, sich als Hochschulstandort weiter zu entwickeln. „Auch das hat Potenziale für einen Austausch.“

 

Am Ende ist es ein Getränk

40 Jahre Austausch mit einer französischen Stadt bedeutet auch, hin und wieder teilzuhaben an dem berühmten „savoir-vivre“. „Frankreich ist für viele ein besonderes Sehnsuchtsland, mit herrlichem Essen und gutem Wein“, sagt Susanne Zimmermann, Pressesprecherin der Stadt Gütersloh. Sie ist gerne dort und diese gelebte deutsch-französische Freundschaft trage manchmal schon familiäre Züge. Und es sind diese Geschichten, die sie faszinieren. Nämlich dann, wenn sie auf dem Markt von Châteauroux auf Menschen trifft, die ihr von Erlebnissen in Gütersloh berichten. Auch mit Blick in die Zukunft werde sich an diesem Gemeinschaftsgefühl nichts ändern, ist sich die Gütersloherin sicher. Genauso wie Christiane Jürging: „Auch in 40 Jahren werden die Menschen aus unseren Städten noch gemeinsam feiern.“ Die Zukunft der Partnerstädte sei abhängig von bestimmten Faktoren, meint hingegen Henning Schulz: „Entscheidend dafür ist, dass es Menschen gibt, die bereit sind, diese Partnerschaft zu leben.“ Gleichzeitig müsse der „Staffelstab“ frühzeitig weitergegeben werden. „Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass ich bei der Feier auch viele junge Gesichter gesehen habe. Das macht mich zuversichtlich für die Zukunft.“ Ein Aspekt, den Jean-Yves Hugon sicherlich genauso sieht, doch letztendlich hat er da noch etwas anderes entdeckt: „Ich kenne die Deutschen und Franzosen relativ gut und habe mich oft gefragt, worin der Unterschied besteht. Nach 40 Jahren habe ich endlich die Antwort gefunden: Die Deutschen gehören zu den Biertrinkern und die Franzosen zu den Weintrinkern. Und das wird auch in 40 Jahren noch so ein.“

 
 

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.