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Der Jüdische Friedhof in Gütersloh wurde 1866 auf freiem Feld angelegt und ist heute von Wohnhäusern und Straßen umgeben. Die verwitterten Grabsteine mit ihren Inschriften und Symbolen sind die letzten Zeugen der Jüdischen Gemeinde von Gütersloh.

Im Haus der Ewigkeit

Es ist der 10. September, ein Sonntag, und die Stadt hat heute an 23  unterschiedlichen Orten zum „Tag des Offenen Denkmals“ eingeladen. Bereits zur Mittagszeit ist die Stadt voller Menschen. Ich habe mich entschieden, an einer Führung zu einer historischen Stätte teilzunehmen, die nur sehr selten zugänglich ist: der Jüdische Friedhof in der Böhmerstraße. Und es ist ein sonniger Tag, als der Historiker Norbert Ellermann eine immer größer werdende Personengruppe vor dem Synagogengedenkstein am ESG um sich versammelt. Er erinnert an eine düstere Zeit und ist die erste Station dieser außergewöhnlichen Führung. „Damit möchten wir die Geschichte der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Güterslohs vor dem Vergessen bewahren“, beginnt Ellermann. „Da Intoleranz, Hass und Gewalt im Kopf beginnen, müssen sie auch dort bekämpft werden. Und zwar friedlich durch Worte.“ Mittlerweile sind es zirka 45 Personen, an die er sich wendet. Überlassen wir ihm also das Wort.
„Die Geschichte kann von niemandem mehr ungeschehen gemacht werden, aber wir können in der Gegenwart mit dazu beitragen dass sich dergleichen – wer immer auch die Täter, wer immer auch die Opfer sind – nicht wiederholt“, mahnt der 49-Jährige. Norbert Ellermann arbeitet als Historiker und Museumspädagoge und macht seit 1996 Führungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Als Teilzeitangestellter ist er beim Kreismuseum Wewelsburg in Paderborn tätig und hat sich als Honorarkraft beim Gütersloher Stadtmuseum seit 2002 einen Namen gemacht. Mit dieser Führung möchte er berühren und erinnern. „An eine Zeit, die es so nie wieder geben darf“, sagt er. Wie alle anderen auch, höre ich ihm zu und schreibe hier auf, was er uns mitgibt, auf dem Weg vom Synagogengedenkstein zum Friedhof einer Gemeinschaft, die es hier längst nicht mehr gibt.

Hochburg des Nationalsozialismus
„Es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass unser Land lebenswert bleibt. Das ist das Vermächtnis der Opfer des Nationalsozialismus und der Widerstandskämpferinnen und -kämpfer“, so der Pädagoge. Man müsse immer wieder zurückschauen und sich die Frage stellen: Wie konnte der Nationalsozialismus passieren? Wie konnten Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung geschehen? Wie gelang es einer kleinen extremistischen Randgruppe in die Mitte der Gesellschaft einzudringen, die Demokratie abzuschaffen und die Herrschaft zu übernehmen? Und er beginnt zu erzählen, von der wohl unrühmlichsten Zeit dieser Stadt, als Gütersloh eine wahre Hochburg des Nationalsozialismus war. Dafür hält der Historiker so manches Anschauungsmaterial bereit und erklärt zunächst die Geschichte des NS in Gütersloh, als am 30. April 1929 der 21-jährige Heizer Karl Wendt eine Ortsgruppe der NSDAP im Kreis gegründete. Aus diesem bedeutungslosen Kern entwickelte sie sich in nur vier Jahren die stärkste Partei der Stadt.

Als die Synagoge brannte
Norbert Ellermann führt die Gruppe nur ein paar Meter weiter, zum früheren Standort der Gütersloher Synagoge in der Daltropstraße. Ein kleiner, im Fußgängerweg eingelassener Gedenkstein erinnert an sie. Hier liest der Stadtführer aus zwei Augenzeugenberichten. Der erste stammt aus dem Buch von Jehuda Barlev, der 1911 in Gütersloh als Kurt Herzberg geboren wurde, 1929 nach Palästina auswanderte, seit 1956 in Köln lebte und dort 1996 starb. Der damals 22-jährige Ludwig Lohmeyer war Augenzeuge der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Von seinem Elternhaus an der Feldstraße aus sah er die brennende Synagoge. Er rief die Polizei an mit der Bitte, die Feuerwehr zu schicken. Doch sie antworteten: „Was sollen wir denn da?“ Ein zweiter Bericht schildert die Vorgänge der Nacht und erzählt von Verhaftungen jüdischer Bürger, ihrem Abtransport nach Buchenwald und dem Aufenthalt im Lager. Es sind lebhafte und eindringliche Berichte, die niemanden kalt lassen. „Seit 1943 hat Gütersloh keine jüdische Gemeinde mehr“, schließt der Historiker.

Im Haus der Ewigkeit
Wir verlassen die Innenstadt, um nur wenige Minuten später den Jüdischen Friedhof zu erreichen. Er wurde 1866 auf freiem Feld angelegt und ist jetzt von Wohnhäusern umgeben. Es ist ein besonderer Ort. Die Sonne blinzelt durch das Blattwerk der mächtigen, knorrigen Bäume und bescheint die verblassten Grabinschriften. Die Steine sind von Moos bewachsen, das Gras steht hoch, Efeu umrankt Gräber und Mauerreste. Aus Respekt vor den jüdischen Bräuchen werden die Männer gebeten, eine Kippa oder eine andere Kopfbedeckung zu tragen. „Dieser Friedhof wurde angelegt in einer Zeit, in der die jüdische Bevölkerung auf dem Weg zur Gleichberechtigung in der christlichen Mehrheitsgesellschaft war“, so Norbert Ellermann. Es ist ein Ort, an dem die Toten geehrt werden, ein Haus der Ewigkeit. Hier gilt die Unantastbarkeit der Totenruhe, doch letztendlich ist es ein friedvoller, lebensbejahender Ort mit 66 Grabstellen und wesentlich mehr Bestatteten. In der Zeit der Nationalsozialisten verringerte sich die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder rapide. Einige konnten ihren Jägern entkommen, doch 27 von ihnen wurden in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern umgebracht. Der jüdische Friedhof ist nach der Zerstörung der Synagoge das letzte Zeugnis dieser jüdischen Gemeinde.

Die Kindergräber von Gütersloh
In der Nähe des Eingangs führt der Historiker die Gruppe zu zwei Kindergräbern, deren Schicksal lange im Dunkeln lag. Doch dann fanden Schüler der Anne Frank-Gesamtschule 1993 ihr Geheimnis heraus: Im September und Oktober 1946, wurden zwei Babys jüdischer Eltern aus Polen bestattet, die den Holocaust überlebten und hier als Zwangsarbeiter tätig waren. Da ist zunächst das Grab von Mordechai Ione. Das Kind wurde 1946 in Kaunitz als Sohn der Holocaust-Überlebenden Shlomo Kuperszmidt und Rachel Kringiel geboren. Bald darauf erkrankte es an einer Grippe und verstarb. Gleich daneben liegt Szmul Elia. Er war der Sohn der Holocaust-Überlebenden Kopel Krien-
giel und Fela Kriengiel. Das Baby wurde nur sechs Tage alt. Beide Elternpaare wanderten 1947 nach Israel aus; ihre hier bestatteten Kinder waren Cousins. Die Forschungsarbeit „Die Kindergräber von Gütersloh“ wurde im Rahmen eines bundesweiten Schülerwettbewerbs „Deutsche Geschichte“ mit dem 2. Preis ausgezeichnet.

Kleine Symbole von großer Kraft
Norbert Ellermann führt unsere immer größer werdende Gemeinschaft zu verschiedenen Grabsteinen, im hebräischen Mazewa genannt, und weist auf die Inschriften und Symbole: Bis ins 18. Jahrhundert hinein waren die Grabsteine hauptsächlich mit Geburts- und Sterbedaten nach dem jüdischen Kalender versehen. Auf später datierten Mazewas findet sich neben einer hebräischen Inschrift auch eine weitere in der jeweiligen Landessprache. Kleine Symbole beschreiben zusätzlich den Menschen, den es einmal gab. So erzählen ineinandergreifende Hände oder Taubenpaare von der ewigen Liebe der Ehegatten, Herzen sind das Sinnbild für geliebte Kinder und eine Biene weist auf einen fleißigen und sparsamen Menschen hin. Auch den Brauch, kleine Steine auf Grabsteine niederzulegen, erklärt Norbert Ellermann. Doch dafür gibt es verschiedene Ursprünge. Einer bezieht sich auf das frühe Bestatten in Grabhöhlen. Sie wurden mit großen Steinen verschlossen und mit kleinen Steinchen verkeilt ,um sie am Wegrollen zu hindern. Doch was immer es auch war, sie ehren die Verstorbenen damit bis heute.

Gedächtnisse der Geschichte
Zum Ende der Führung schlägt der Historiker an zwei Grabsteinen das letzte Kapitel der Jüdischen Gemeinde in Gütersloh auf: „Hier lässt sich nicht nur ihre Familiengeschichte ablesen sondern auch unser aller Geschichte.“ So wurde bei der Familie Herzberg der 1879 geborene Salomon Herzberg 1931 beerdigt und Annelore Herzberg starb mit 14 Jahren 1935. Die Inschrift der 1886 geborenen Klara Herzberg lautet knapp: umgebracht im KZ Riga 1942. Norbert Ellermann bringt ein wenig Licht in die Inschrift: „Man weiß, sie musste nach der Pogromnacht aus ihrem Haus in der Königstraße in das so genannte Judenhaus an der Bismarckstraße umziehen. Im Dezember 1941 wurde sie mit Verwandten nach Riga deportiert, wo sie ums Leben kam.“ Auch der Grabstein der Familie Hope hat viel zu sagen. Versehen mit den zugehörigen Daten steht dort zunächst: „Unseren lieben Eltern Therese Hope geborene Ruthenberg, und Louis Hope. Ruhet sanft“. Doch dann steht dort: „Zur Erinnerung an unsere lieben Geschwister, die ungerechten Verfolgungen zu Opfer fielen: Sofie Schönberg, geborene Wolf; Lucie Levy, geborene Hope; Paul Hope; Albert Schönenberg; Max Levy. Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung.“
Paul Hope war im letzten Kriegsjahr 1918 Matrose auf einem kaiserlichen Unterseeboot und kämpfte für Deutschland. Im November 1938 verließ er sein Land und wollte über Belgien und Frankreich nach Chile auswandern. In der Nähe von Marseille wurde er von der Gestapo verhaftet und 1942 in Auschwitz ermordet.

Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung
„Sie sehen“, deutet Norbert Ellermann: „Die einen sind eines natürlichen Todes gestorben, die anderen wurden von den Nationalsozialisten umgebracht.“ Die einen waren geachtete Mitglieder der Gesellschaft, die anderen wurden von den Nationalsozialisten verachtet. „Sie müssen wissen“, beendet er seinen Vortrag, „im Jüdischen Glauben sind Tätowierungen und die Verbrennung der Toten streng verboten. Deshalb war das eine doppelte Entehrung für die jüdischen Inhaftierten, am linken Unterarm zwangsweise tätowiert zu werden oder nach ihrer Ermordung im  Krematorium verbrannt zu werden.“ Seit 1943 gibt es in Gütersloh keine Jüdinnen und Juden mehr. Was bleibt, sind diese Gräber und Grabsteine. ˜

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