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Janet Carre wirft die Boccia-Kugel. Foto: Jens Dünhölter

Wichtiges Stück Normalität

Über das ideale Hochzeitsgeschenk für ihren Trainer Bernd Großekathöfer (35) müssen Janet (47) und Georg Carre (52) keine Sekunde nachdenken. Wenn die beiden Gütersloher Nationalspieler im paralymischen Hallen-Boccia am 30. September in Hamburg bei der Deutschen Meisterschaft antreten, wollen sie ihrem am gleichen Tag in Gütersloh vor den Traualter tretenden Coach am liebsten eine Medaille mitbringen.

Darüber würde er sich freuen”, ist sich das Ehepaar einig. Die Titelkämpfe gehen die Carres mit gesundem Selbstbewusstsein an. Georg Carre: „Wir trauen uns eine gute Platzierung zu". Die folgende Einschränkung „falls die Muskeln wieder zucken und es schlecht läuft, kann es aber auch Platz 6, 7 oder 8 werden“, verdeutlicht indes das Problem des Gütersloher Ehepaares: Janet und Georg Carre sind durch Sauerstoffmangel von Geburt an spastisch gelähmt. Beide verbringen ihr Leben im Rollstuhl. Ein Pflegedienst kommt zweimal am Tag, hilft morgens beim Aufstehen und Anziehen, kauft mittags ein und kocht. Der gelernte Bürogehilfe und seine ihm seit 2010 angetraute Ehefrau gehen offen mit diesen lebensbegrenzenden Einschränkungen um. In vier beziehungsweise fünf Jahrzehnten haben sie gelernt, das beste aus ihrem Handicap zu machen. Die aus Italien stammende Sportart bedeutet für beide ein extrem wichtiges Stück Normalität. Beim Hallen-Boccia haben sie Spaß, hier pflegen die beiden Mitglieder in der Behinderten-Sportgemeinschaft Gütersloh (er ist 2. Vorsitzender, sie Schriftführerin) gesellschaftliche Kontakte und soziales Miteinander, hier sind sie so wie alle anderen, können sich mit Gleichgesinnten messen, holen sich Lebenslust und Selbstvertrauen für den ansonsten nicht einfachen Alltag. Die Augen der beiden fangen an zu funkeln wie Diamanten, wenn sie von den Anfängen erzählen: Als selbsternannter „großer Sportfan“ war Georg Carre schon immer auf der Suche „nach einer Sportart, die ich im Rollstuhl ausüben kann, in der ich aber trotzdem konkurrenzfähig bin.“ Per Zufall kam Janet Carre 2013 mit dem von der BSG angebotenen Hallen-Boccia in Berührung. Durch die Variante der größeren und leichteren Lederbälle gegenüber der Freiluftspielweise stellt Hallen-Boccia auch für Menschen mit starken cerebralen Bewegungsstörungen – wie den Carres – eine ideale Sportart dar. Aus Interesse ließ sich Georg Carre vom Fahrdienst mit zum Training nehmen. Dabei machte es „klick“. Den Meisterschaftsspielen mit der BSG auf lokaler Ebene (sechs Spieler pro Mannschaft, immer drei auf dem Feld, einer darf nichtbehindert sein) folgte schon bald die viel strenger reglementierte, nur für Menschen mit Einschränkungen gedachte Leistungssportvariante. Bei einer Qualifikationsrunde für ihr erstes, in verschiedene Handicap-Klassen unterteiltes rein paralympisches Turnier landeten die Gütersloher 2014 auf Anhieb auf den vorderen Plätzen. Bis heute schwärmt Georg Carre: „Wir sind von null auf hundert durchgestartet, haben etliche Spieler mit viel mehr Erfahrung hinter uns gelassen. Da haben sich einige Leute ziemlich gewundert”. Von der Deutschen Meisterschaft 2015 in ihrer Heimatstadt Rostock kehrte Janet Carre gar als Titelträgerin zurück. Bei der DM 2016 wurde sie Dritte. Bei ihrem Mann stehen zwei dritte und ein vierter Platz zu Buche.

Also alles gut, könnte man meinen. Doch so ganz stimmt das eben doch nicht. Auf nationaler Ebene läuft es zwar rund, international dagegen hängen die Trauben für die Gütersloher Randsportler noch zu hoch. Bei den in Prag oder im Juli 2017 in Posen stattfindenden Qualifikationsspielen für große Turniere wie EM oder WM fliegen die Bälle auf dem sechs mal zehn Meter großen Spielfeld nicht so zielsicher zum „Jack“ (der weißen Zielkugel) wie erhofft. Für Bernd Großekathöfer, in Doppelfunktion Trainer der Carres sowie seit kurzem Co-Trainer der Nationalmannschaft, ist dieser Umstand aufgrund der Historie kein Wunder: „Im paralympischen Hallen-Boccia liegt Deutschland weit zurück. Gegenüber Nationen wie Portugal oder England fehlen 20 Jahre Aufbauarbeit. Wir holen zwar allmählich auf, für ganz vorne reicht es aber noch nicht.“ Dies gelte sowohl für Renommee, Spenden und Fördermittel als auch für Sichtung und Betreuung des Nachwuchses. Bernd Großekathöfer: „Ich möchte nicht wissen, wie viele Boccia Talente in irgendwelchen Heimen oder Einrichtungen schlummern. Da hängen wir hinterher, weil niemand diese Menschen fördert.“ Der Schuh drückt die Vertreter der Randsportart indes auch bei den Trainingszeiten. Um sich zu verbessern, müssten die Carres mehr trainieren. In der Praxis ist das Gegenteil der Fall: In sämtlichen Ferien fallen die jeden Mittwoch (19 bis 20.30 Uhr) in der Sporthalle Bismarckstraße stattfindenden Übungseinheiten aufgrund der Hallenschließung ersatzlos aus. Draußen zu trainieren kommt durch die Beschaffenheit der 280 Gramm schweren Lederbälle nicht in Frage. Georg Carre: „Von 52 Wochen im Jahr bleiben uns 40 übrig. De facto können wir drei Monate nicht trainieren.“ Für die Vorbereitung auf die DM bleiben so nach den Sommerferien gerade mal vier Wochen. „Das ist sehr knapp und eigentlich viel zu wenig“, so Georg Carre. Janet Carre pflichtet dem bei: „Da haben wir ein echtes Problem“. Um das Wurfgefühl dennoch nicht zu verlieren, werden die (weichen) in einer Hand haltbaren Bälle eben Zuhause in der Küche oder im Wohnzimmer geworfen. Eine andere Trainingsmöglichkeit bleibt den Nationalspielern nicht. Man stelle sich dieses Procedere in Populärsportarten wie Fußball vor! Falls es trotz des großen Ehrgeizes der beiden nichts mit dem Hochzeitsgeschenk werden sollte, geht für die Nationalspieler im paralympischen Hallen-Boccia die Welt auch nicht unter. Janet und Georg Carre: „Wir haben uns, unseren Sport und gute Freundschaften. Was will man mehr im Leben?“ Interessierte – egal ob mit oder ohne Handicap – die gerne mal ein paar (Leder)-Bälle mit den Boccia-Sportlern werfen möchten, sind dazu herzlich eingeladen.


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