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Wahltag

Als unabhängige Kandidatin und als eine der ersten überhaupt hat die Gütersloher Politikwissenschaftlerin Anke Knopp einen digitalen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt der Stadt geführt und mit 9,35 Prozent der Wählerstimmen ein beachtliches Ergebnis erzielt. Ihr zentrales Thema war der digitale Wandel in einer Stadtgesellschaft. Jetzt hat sie über die Zeit ein Buch geschrieben. „Wahltag“ heißt es und beschreibt ihre Zeit auf und hinter der politischen Bühne.

Frau Knopp, was sind Ihre Beweggründe für die jetzt vorliegende Aufarbeitung ihrer neunmonatigen Wahlkampfzeit?
Anke Knopp: Es gibt zwei Gründe: Viele Menschen in Gütersloh haben mich gewählt. Viele fragten nach meinen Erfahrungen im Wahlkampf. Die Anregung zu dem Buch kam von ihnen: Schreib das auf! So was erleben nur wenige.
Der zweite Grund ist der aktuelle Kulturwandel. Wir stecken mitten drin in der Repolitisierung der Zivilgesellschaft. Noch reizvoller ist der digitale Wandel. Beide Veränderungen funktionieren nur, wenn sich wieder mehr Menschen gerade für kommunale Belange einsetzen. Die Zukunft wird in den Städten und Gemeinden gemeistert. Parteien müssen sich öffnen. Meine Erfahrungen aus dem Wahlkampf wollte ich an andere Interessierte weitergeben.

Stichpunkt „digitaler Wandel“: Er war zentrales Thema in Ihrem Wahlkampf. Haben Sie wirklich damit gerechnet, mit einem – für viele – so visionären Thema zu gewinnen?
Anke Knopp: Ich wollte gewinnen. Kein Zweifel. Es ging mir immer um die Sache: Wie kann eine Stadtgesellschaft digitale Chancen für sich nutzen? Das geht nur, wenn man die Menschen mitnimmt und fit macht, sie an den neuen Formen der Entscheidungsfindung beteiligt. Das war stets mein Thema. Das Ziel war ein digitaler Weckruf in Richtung Politik und Verwaltung, weil die Menschen im Alltag schon viel digitaler unterwegs sind. Es macht mir Kopfschmerzen, dass etwa das Netz immer noch so langsam ist und wir über alte Technik stolpern.

Der Untertitel des Buches lautet: „Wie ich kandidierte, einen digitalen Wahlkampf führte und verlor“. Sie wurden zwar nicht Bürgermeisterin – aber haben Sie wirklich verloren oder doch ein oder mehrere Ihrer Ziele erreicht?
Anke Knopp: Klar habe ich verloren. Als Siegerin hätte ich gestalten können. Weil ich keiner Partei angehöre und ich das als Freigeist auch nicht will, reduzieren sich meine Möglichkeiten der Einmischung erheblich. Sich Gehör zu verschaffen oder ein Thema ohne Mandat anzutreiben ist sehr schwer. Digitalisierung ist heute zu einer schicken Worthülse geworden – aber gelebt wird sie noch lange nicht. Man müsste die Bürger fragen, wie digital sie Gütersloh eigentlich finden. Die Menschen können besser beurteilen, wo wir stehen und welche Bedarfe bestehen, die digital zu organisieren sind.

Sie bemängeln, dass sich nur wenige Frauen in der Politik engagieren. Warum, meinen Sie, ist das so?
Anke Knopp: Frauen zweifeln an sich und ihren Kompetenzen. Fragen Sie einen Mann, ob er einen Posten übernehmen möchte, sagt der sofort zu und fragt erst dann, um welchen Posten es sich handelt. Fragen Sie eine Frau, antwortet die mit einer Gegenfrage: Bin ich kompetent genug? Schaffe ich das? Ist das vereinbar mit meinen vielfältigen Aufgaben wie Kindererziehung, Ehrenamt oder Pflege von älteren Familienangehörigen. Zweifel münden selten in Mandat oder Einfluss. Dabei haben Frauen was zu sagen. Ein zweiter Grund ist die Unlust, sich in männlich dominierten Netzwerken durchboxen zu müssen, in denen es oft nicht um Lösungen geht, sondern um Revier und Macht. Frauen müssen mehr als gut sein, um sich Einfluss zu verschaffen. Frauen riechen diese Falle – und wenden sich daher oft ab.

Um den Frauenanteil in der Kommunalpolitik zu erhöhen, bieten Mentoring-Programme politischen Einsteigerinnen rhetorische Unterstützung an. Welche Maßnahmen wären noch sinnvoll?
Anke Knopp: Mentoring ist gut. Rhetorik allein ist hinderlich, weil man schnell männliche Strategien adaptiert, dabei die weiblichen Fähigkeiten vergisst. Authentisches Machen ist besser. Raus aus der Theorie, rein in die Praxis. Sich einmischen, sich trauen und netzwerken. Eigene Zirkel aufbauen. Nicht nur mit Frauen. Aber auch. Frauen schauen in die zweite und dritte Reihe, wo sich viele Quergeister und Freidenker finden, mit denen es sich zielorientierter netzwerken lässt als mit eitlen Führungspersönlichkeiten, die oft sich selbst im Blick haben. Frauen packen gerne das an, was sie kennen und verbessern möchten. Sie akzeptieren Vielfalt und nutzen diese. Diese Erfolge muss man intensiver kommunizieren. Quoten und Reißverschlussverfahren sind auch gut.  

Mit der Veranstaltungsreihe „Politischer Cocktail“ wollen VHS Gütersloh und Gleichstellungsstelle der Stadt Frauen vermitteln, welche spannenden Herausforderungen es für sie bei der Übernahme von politischen Ämtern gibt. Ist das erfolgversprechend?
Anke Knopp: Ganz ehrlich: Nein. Das reduzierende Frauenbild wird zementiert: Ein bisschen plaudern über Politik, Sekt trinken. Das ist Mädchendesign. So werden Frauen nicht ernst genommen. Wir wollen keine braven Damenkränzchen. Wir wollen echte politische Gestaltung. Wir reden hier darüber, dass Frauen die Hälfte der Bevölkerung stellen, aber politisch nicht ausreichend repräsentiert sind. Was wir brauchen sind Formate, die Beteiligung sicherstellen, Rahmen, in denen das auch in der Familienphase geht. Demokratieschulungen in der Schule. Podien, auf denen Frauen auftreten. Wenn im Fernsehen nur alte Männer reden, schalte ich ab. Politik braucht Vielfalt.

2018 wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Was heute selbstverständlich scheint, musste damals hart erkämpft werden und ist gleichzeitig in vielen Ländern bis heute untersagt. Steht diese Selbstverständlichkeit in westlichen Ländern im Zusammenhang mit der zunehmenden Politik-„Unlust“ der Frauen?
Anke Knopp: Das greift zu kurz und legt den Schluss nahe, Frauen seien selbst schuld an der Misere. Wir müssen vielmehr strukturelle Defizite überwinden. Im nächsten Deutschen Bundestag werden schon jetzt absehbar weniger Frauen sitzen als im letzten Bundestag. Leider leben wir nach wie vor in traditionellen Rollenmustern. Sobald die Familienphase anfängt, sind Frauen draußen. Daran ändern auch die bekannten Ministerinnen mit ihren Kindern nichts. Eine solche Position hat nichts mit der normalen Alltagssituation von Frauen zu tun. Die müssen Politik und Leben alleine bewältigen. Frauen nehmen den Umweg über das Ehrenamt, wo sie Wesentliches leisten. Das wird zwar beklatscht, aber immer noch eher gönnerhaft. Wir werden merken, was Frauen leisten, wenn sie nicht mehr gewillt sind und auch keine Zeit haben, sich einzusetzen. Die Ära der hilfreichen bescheidenen Frauen neigt sich dem Ende zu. Wenn Frauenpower dann rar wird, erkennt man den Wert.

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