RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Die Wiesenreitschule Plagge in Avenwedde nimmt seit fünf Jahren an den Gütersloher Ferienspielen teil. Hier dreht sich alles rund ums Pferd. Von morgens neun Uhr bis nachmittags um 16 Uhr werden hier 16 Kinder zwischen sechs und zehn Jahren eine Woche lang betreut. So wie die zehnjährige Noemi, die gerade die Figur „Freier Sitz“ einstudiert. Foto: Kathrin Groth

Ein bisschen „Bullerbü“

Sommer, Ferien und – jetzt? Was machen, wenn die Sommerferien zwar sechs Wochen lang sind, eine Familie aber nur zwei oder drei Wochen in den Urlaub fährt – falls sie überhaupt die Möglichkeit dazu hat? Was, wenn die Eltern in der freien Zeit ihrer Kinder arbeiten müssen – und wer kümmert sich dann? In Gütersloh gibt es seit vielen Jahren die Sommerferienspiele mit Angeboten für Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis 17 Jahren. Es gibt Sportveranstaltungen wie Einführungen in Capoeira oder das Bogenschießen, Malprojekte in der Kreativwerkstatt oder der Sommerakademie, Kochen in der Genusswerkstatt oder eine Führung in der Gütersloher Feuerwache. Es gibt Outdoor-Camps und Fahrten in die „Zoom Erlebniswelt“ in Gelsenkirchen oder eine Theaterfahrt zur Waldbühne in Hamm-Heessen. Die insgesamt mehr als 90 Angebote sind größtenteils kostenlos. Kostenbeteiligungen werden lediglich bei längeren Veranstaltungen mit Verpflegung oder Busfahrten erhoben. Möglich machen das umfangreiche Programm die finanzielle Unterstützung durch die Miele-Stiftung, zahlreiche Gütersloher Einrichtungen und Vereine, aber auch der Fachbereich Jugend und Bildung der Stadt Gütersloh.  
Um sich einmal ein Bild von dem Angebot der Ferienspiele zu machen, besuche ich die Wiesenreitschule Plagge in Avenwedde. Seit fünf Jahren nimmt Reitlehrerin Waltraud Bürger mit ihrem Team an dem Projekt teil und bietet jeweils zu Beginn und Ende der Ferienzeit eine Woche Auszeit an. Auf ihrem Reiterhof dreht sich alles rund ums Pferd. Von morgens neun Uhr bis nachmittags um 16 Uhr werden hier 16 Kinder zwischen sechs und zehn Jahren eine Woche lang betreut. Sie erlernen die Grundlagen des Voltigierens und Reitens, sie erfahren Wissenswertes rund um die Pferdepflege und machen immer auch praktische Koordinationsübungen. Nebenher bleibt genügend Zeit zum Spielen, Malen, Basteln und Toben in der geräumigen Scheune und auf dem 4,5 Hektar großen Freigelände. Es gibt täglich ein gemeinsames Frühstück und frisch zubereitetes Mittagessen und am Ende der Woche ein kleines Fest für die gesamte Familie. „Abenteuer Pferdehof“ nennt sich die Woche für kleine Reiter und solche, die es werden wollen. Im Gegensatz zu vielen anderen Veranstaltungen, ist die fünftägige Betreuung zwar nicht umsonst und kostet für die gesamten Tage 100 Euro, doch das ist durchaus berechtigt.

Ferien auf Bullerbü
Als ich auf dem Reiterhof eintreffe, sitzen die kleinen Abenteurer gerade in der Scheune auf Bänken an den langen Tischen beim Frühstück. Es geht quirlig zu und einige der Jungs können es gar nicht abwarten, mit dem Striegeln der Pferde zu beginnen. Denn: „Vor der Kür kommt zunächst einmal die Pflicht“, erklärt Reitlehrerin Waltraud Bürger – und meint mit der Kür natürlich das Voltigieren an sich. Doch soweit sind die Kinder hier noch lange nicht. Nach dem Frühstück und vor der „Kür“, müssen ja zunächst einmal die üblichen Arbeiten erledigt werden, die auf einem Reiterhof so anfallen, erfahre ich. Während also der neunjährige Lucien und der achtjährige Luuc „ihr“ Pferd Tordes ausgiebig striegeln, machen sich die Anderen daran, alle Ställe zu säubern.
Das alles kommt mir vor, als wäre die Szene aus Astrid Lindgrens Buchklassiker „Ferien auf Bullerbü“ gefallen. Doch weit gefehlt, denn hier ist alles echt. Ausmisten, Hufe auskratzen, putzen und striegeln – was sich nach einer Menge Disziplin anhört, sieht einfach nach großem Spaß aus. „Das soll auch so sein“, erklärt die Reitlehrerin. „Natürlich geht auf einem Reiterhof nicht alles von alleine. Es ist üblich, dass Reiter ihre Pferde pflegen oder auch sonst helfen. Das müssen auch die Kleinen lernen und das machen sie äußerst gerne.“ Doch das Beste: Sie lernen voneinander. Anfangs, so erfahre ich, kümmern sich die Kinder um die Pferde, die in der Vergangenheit bereits Erfahrung auf einem Reiterhof gesammelt haben und die anderen schauen zu. Das erklärt auch das lebhafte Geplapper. Während wir uns unterhalten, wird den Neulingen die Handhabung von Bürste und Striegel oder das so wichtige Auskratzen der Pferdehufe gezeigt. „So lernen sie alle gemeinsam und in der Gemeinschaft haben einfach alle Spaß.“

Reitlehrerin mit Leib und Seele
Waltraud Bürger weiß genau, wovon sie redet: seit 40 Jahren gehört das Reiten zum Leben der heute 49-Jährigen. „Ich bin mit Pferden groß geworden, und es stand sehr schnell fest, dass ich Reitlehrerin werde“, erzählt sie. Aufgewachsen in Steinhagen, betrieb sie dort später eine kleine Reitschule. Erst vor sechs Jahren kam die ausgebildete Trainerin mit Tochter und Lebensgefährten nach Gütersloh. „Dieser Hof bietet viel mehr Platz und statt zwei haben wir heute sechs Pferde.“ In ihrer Reitschule bietet sie auch gezielte Therapien an. „Ich bin Trainerin mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendarbeit“, erklärt sie. An sechs Tagen in der Woche trainiert sie die Schüler. „Das ist ein Fulltime-Job“, denn neben dem Unterricht werden die Pferde regelmäßig korrekturgeritten. „Sie müssen ja für den Unterricht verlässlich sein.“ „Derzeit haben wir 30 bis 40 Reitschüler, die wir ausschließlich im Einzelunterricht betreuen.“ Das erklärt auch den Preis, denn eine halbe Stunde Unterricht kostet hier mehr als bei einem Gruppenunterricht üblich. Einzig eine kleine Voltigier-Gruppe bietet sie samstags zusätzlich an. Doch auch das handhaben Bürger und ihr Team etwas anders, denn auch dabei stehen Therapie und Spaß im Vordergrund. „Mein Trainerschein erlaubt mir nicht, Kinder zu unterrichten, die auf ein Turnier wollen. Ich vergleiche unsere Arbeit deshalb eher mit der musikalischen Früh-
erziehung “, erklärt Waltraud Bürger ihren therapeutischen Ansatz: „Viele Kinder haben heute motorische Probleme, die wir versuchen, in den Griff zu bekommen.“ Doch auch Jugendliche oder Erwachsene sind hier gern gesehene Schüler: „Die Einen sind entwicklungsverzögert, haben aber einen besonderen Zugang zu Pferden, Andere haben Muskelprobleme oder sie weisen ADHS-Symptome auf.“

Von Angst und Aufregung keine Spur
Zwei Stuten und vier Wallache beherbergt der Reiterhof. Doch nur fünf davon werden von den Schülern geritten, und wiederum zwei von ihnen sind Voltigier-Pferde. Das Sechste aber ist eine betagte Rentnerin von 28 Jahren. Ruhig schaut sie dem Treiben zu, und wenn es ihr zu viel wird, dreht sie dem Betrachter auch gerne mal das Hinterteil zu. Soll sie ruhig.
Mittlerweile stapfen die siebenjährigen May, Paul und Clara höchstmotiviert mit Schubkarren an mir vorbei. Voller Stroh und Pferdeäpfel befördern sie die Vehikel zu einem großen Misthaufen, um die Fracht abzuladen. So ganz nebenbei entbrennt dabei eine kleine Diskussion über die Größe und Menge der dampfenden Äpfel. Während beim zweiten Voltigier-Pferd Samy, einer braun-weiß gescheckten Wildwest-Schönheit, gerade die Hufe gesäubert werden, marschiert die erste Gruppe der Kinder zum Voltigier-Platz – in ihrer Mitte das Pferd der Begierde: der gutmütige Tordes. „In den Sommermonaten steht das Voltigieren direkt am Morgen auf dem Programm, wenn es noch nicht ganz so warm ist“, erklärt Waltraud Bürger. Sie teilt sich den Unterricht mit der 20jährigen Eileen, während Tina sich um den ganzen großen Rest der Abenteuertage kümmert.
Die Kinder versammeln sich am Rand des eingezäunten Voltigier-Platzes. Und auch hier zählt in erster Linie der Spaß. Von Aufregung oder Angst keine Spur. Fast schon lässig stehen sie beisammen und warten, bis einer nach dem anderen endlich die Zügel in die Hand nehmen darf. Im Schritt zieht Tordes gemächlich seine Runden, während nacheinander jedes der Kinder die vorgeschriebenen Figuren auf dem Pferd macht: „Das linke Bein leicht angewinkelt“, gibt die Lehrerin die Anweisung. „den rechten Fuß neben das linke Knie setzen.“ Es sind Übungen, um das Gleichgewicht zu trainieren. Und weil es schon so gut läuft, stehen bei dem zweiten Durchgang auch noch Trab und Galopp auf dem Plan – eine wesentlich wackeligere Angelegenheit. Doch auch die schaffen die Kinder mühelos.

Spielen, Toben und eine gut dosierte Portion Theorie
Bald ist es Zeit für das gemeinsame Mittagessen, als sich die zweite Kindergruppe mit Pferd Samy auf zum Voltigier-Platz macht, während die anderen bereits die Spiele für den Nachmittag aufbauen. „Abenteuer Pferdehof“ heißt auch Spielen und Toben, Malen und Basteln, Trampolin springen und jede Menge Spaß miteinander zu haben. Doch auch die Theorie ist ein Bestandteil jedes einzelnen Tages auf dem Reiterhof. „Sie sollen ja ein bisschen von allem mitbekommen. Kindern wird heutzutage sehr schnell langweilig. Deshalb müssen sie auch ein bisschen Theorie lernen. Und das ist auch gut so, denn so bekommen sie bei uns auch ein bisschen Hintergrundwissen mit, denn das ist ja ganz wichtig.“
Doch wichtig ist hier noch viel mehr: Fünf Tage Pferde striegeln, Voltigieren und Spaß haben – das verbindet sehr. „Es ist uns sehr wichtig, den Kindern in der gesamten Woche auch viel Wissenswertes mitgeben zu können. Deshalb haben wir es uns seit einigen Jahren zur Aufgabe gemacht, jedem Kind eine Einzelstunde oder einen Geländeritt von mindestens 20 Minuten in der Woche zu ermöglichen. Das ist etwas, das wir in der Regel an jedem Nachmittag mit drei oder vier von ihnen pro Tag machen.“ Was die Kinder in der Woche „Abenteuer Pferdehof“ so alles gelernt haben, zeigen sie zum Abschluss der fünf Tage am Freitagnachmittag. Dann kommen Eltern, Oma und Opa und weitere Freunde zu einer kleinen Voltigier-Vorführung zusammen. Es wird gemeinsam gegrillt und natürlich der Hof inspiziert und vor allem die Pferde eingehend vorgestellt.

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.