RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Dr. Gerhard Schreier, Barbara Brinkmann und Dietrich Mauritz Foto: Christopher Grigat

Der Puls schlägt weiter

Wenn blaue Fahnen mit gelben Sternen wehen und Beethovens Neunte erklingt, dann setzt Pulse of Europe wieder ein Zeichen für ein vereinigtes Europa und gegen den Nationalismus. In Gütersloh organisieren die Gründer und Verantwortlichen der Ortsgruppe Barbara Brinkmann und Dr. Gerhard Schreier sowie Dietrich Mauritz am jeweils ersten Sonntag des Monats eine Kundgebung auf dem Theodor-Heuss-Platz, und dabei darf auch jeder ans Mikrofon, der was sagen möchte. Ein erfolgreiches Projekt mit reichlich Zulauf, das sich personellen Zuwachs für das Organisationsteam wünscht. Im Interview mit GT–INFO zeigen sich die drei Mitglieder der Gütersloher pro-europäischen Bürgerinitiative fest entschlossen, sich weiter für die europäische Idee einzusetzen. Heiner Wichelmann sprach mit den Organisatoren von Pulse of Europe Gütersloh Barbara Brinkmann, Dr. Gerhard Schreier und Dietrich Mauritz.

In einem offenen Brief stellte Pulse of Europe Ende Mai drei Fragen an die deutschen Parteien mit der Bitte um Antwort. Gefragt wurde darin nach den aus ihrer jeweiligen Sicht drei größten Herausforderungen für Europa und die Europäische Union und den konkreten Maßnahmen oder Vorschlägen, mit denen die Parteien darauf reagieren wollen. Die Antworten liegen inzwischen vor. Mit dem Kontakt zur Politik stellt sich der Dachverein Pulse of Europe, der unmittelbar nach der Trump-Wahl aus einer Idee der Frankfurter Rechtsanwälte Daniel und Sabine Röder entstand, einer neuen Herausforderung. Dies gilt auch für die Gütersloher Aktivisten.

Frau Brinkmann, Herr Schreier, Herr Mauritz, wie kamen Sie auf die Idee, in Gütersloh eine Pulse of Europe-Gruppe aufzumachen? Das bedeutet schließlich eine Menge Organisationsarbeit mit viel Zeitaufwand.

Brinkmann: Die Idee kam von außen, genauer gesagt, von meiner Tochter. Wir hatten noch über Weihnachten in der Familie zusammengesessen und waren ziemlich deprimiert über die politischen Entwicklungen, die allesamt Europa schwächten: die Wahl von Donald Trump, der Brexit, das Wiederaufflammen des Nationalismus in mehreren Ländern, die Anschläge, Le Pen, Wilders, die AfD und so weiter. Wir dachten, dass es doch mal eine Gegenbewegung geben müsste und ich guckte deshalb immer in die Zeitung, ob es nicht so etwas gibt. Dann kam Anfang des Jahres eine Mail von meiner Tochter in München, die von einer Pulse of Europe-
Demonstration in München berichtete. Sie fragte: Willst Du nicht so was in Gütersloh aufbauen? An eine eigene Aktivität hatte ich nicht gedacht, weil ich schon in der Flüchtlingsarbeit und im Arbeitskreis Asyl aktiv bin. Aber letztlich haben mein Mann und ich dann doch den Kontakt zu Pulse of Europe aufgenommen und dann ging alles ganz schnell. Wir starteten im April mit fünf sonntäglichen Aktionen und hatten bei den ersten beiden Demon-
strationen jeweils rund 250 Teilnehmer. 

Schreier: Wir haben uns um Europa ernsthaft Sorgen gemacht. Inzwischen ist es auf gutem Weg, wieder zu einer großen Sache zu werden. Europa hat so viel Gutes gebracht, das nicht gefährdet werden darf. Unsere Zukunft hängt daran. 

Mauritz: Europa darf nicht scheitern. Das ist die erste der zehn zentralen Thesen von Pulse of Europe. Genau das ist mein Anliegen, dafür setze ich mich ein. Den Neonationalisierungstendenzen darf man nicht die Straße überlassen. Ich bin deshalb auch seit der ersten Demonstration dabei. Wie wir das Projekt Pulse of Europe hier in Gütersloh weiterführen, darüber denken wir gerade nach. 

Sie werden sich auch künftig in der
Organisation engagieren, Herr Mauritz?

Mauritz: Ja, soweit das neben dem Beruf und sonstigen Engagements möglich ist,aber ich sehe das auch in der Zukunft als Teamarbeit. Die Entwicklung geht ja weiter. Wir werden zum Beispiel über das Format nachdenken müssen. Die Frage ist: Reicht es, einmal im Monat in einer Demonstration ein Bekenntnis zu Europa abzulegen? Pulse of Europe hat inzwischen durch die „Fragen an die Politik“ den Kontakt zu den Parteien aufgenommen. Wir werden dadurch mehr in den Dialog kommen und wir müssen auch überlegen, wie wir im Winter unser Anliegen kommunizieren. Für Demonstrationen auf dem Theodor-Heuss-Platz wird es vermutlich dann zu ungemütlich sein. Das alles kann man nur im Team erarbeiten und hängt natürlich von Akzeptanz und Unterstützung ab.

Schreier: Meine Frau und ich müssen aus verschiedenen Gründen unser Engagement etwas drosseln. Aber natürlich sind wir weiter dabei. 

Sind Sie mit dem bisherigen Ergebnis Ihrer Initiative zufrieden?

Schreier: Absolut. Wir haben viele Gütersloher ansprechen können – zwischen 50 und 250 Menschen waren immer dabei. Pulse of Europe hat den europäischen Themen wieder „Sexappeal“ gegeben. Bundesweit und auch hier in Gütersloh. Viele haben es verstanden: Europa ist nicht das Problem, sondern die Lösung.

Die Ergebnisse der Wahlen in Österreich, Holland und Frankreich, wo die rechten und populistischen Parteien die Wahlverlierer waren, hat sicher zusätzlich Mut gemacht?

Brinkmann: Ja. Aber wir schauen sehr besorgt auf die Situation in Polen, Ungarn, Tschechien. In diesen Ländern werden die Freiheits- und Bürgerrechte zunehmend eingeschränkt, da gibt es beängstigende Entwicklungen. Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt, die europäische Idee zunehmend diskreditiert, kritische Autoren werden zensiert. Wir erfahren da viel in unseren monatlichen Telefonkonferenzen, an denen jeweils 80 Teilnehmer aus Deutschland teilnehmen, dazu gibt es auch noch eine internationale Telefonkonferenz mit Teilnehmern aus ganz Europa, auch aus Polen. 

Das Zehn-Punkte-Thesenpapier von Pulse of Europe ist wenig konkret. Reicht es, sich allein für den Erhalt von Europa einzusetzen? Geht es nicht vor allem darum, ein besseres Europa zu schaffen, mit größerer sozialer Gerechtigkeit zwischen oben und unten in den Ländern selbst, mit weniger Militärausgaben, einer gerechter aufgeteilten Migrationsquote und mit mehr Solidarität der reichen mit den armen Ländern wie Griechenland und Spanien?

Schreier: Es gibt zig Verbesserungsvorschläge und sie sind alle sehr berechtigt. Aber zunächst geht es um die Grundfrage: Europa ja oder nein? Das ist entscheidend. Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Gegenwart lassen sich doch nur durch ein einiges Europa lösen. Das ist die Grundlage und deswegen liegt genau darauf unser Fokus.

Mauritz: Manche meinen ja, Europa sei gescheitert. Das ist falsch. Denken Sie zum Beispiel an die Freizügigkeit. Jeder 16-Jährige in Europa darf heute eine Ausbildung in einem europäischen Land seiner Wahl antreten. Das ist eine großartige Errungenschaft. 

Brinkmann: Und jede Arbeiterin in Bulgarien kann in Straßburg klagen. Auch das ist ein Riesenfortschritt. Übrigens: Meiner Meinung nach ist die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien nationalstaatlich alleine nicht zu lösen. Das ist eine europäische Aufgabe.

Mauritz: Pulse of Europe hat durchaus konkrete Anliegen, jeder bringt sich da ein. Allerdings haben wir kein politisches Maßnahmenprogramm. Zum Beispiel: Wir fordern innereuropäische Solidarität und sind für Schritte zur Angleichung der Mitgliedsstaaten, würden aber in der Gruppe keinen Konsens etwa für Euro-Bonds als haushaltspolitische Ausgleichsmaßnahme bekommen. Das würde die Sache sprengen. 

Sprechen Sie mit Ihrem Anliegen auch die jungen Leute hier in Gütersloh an? Europa ist ja das Zukunftsthema schlechthin.

Brinkmann: Mich beschäftigt schon, dass die jungen Leute hier in Gütersloh eher wegbleiben – es dürften mehr sein. In anderen Städten ist es genau umgekehrt, vor allem in den Universitätsstädten und
in England ist Europa bei der Jugend sowieso ein großes Thema. Dort fühlen
sich die jungen Leute durch die Brexit-
Entscheidung verraten. Sie wissen heute, dass sie durch ihr Nichtwählen einen großen Fehler begangen haben. Das war jetzt bei der Neuwahl des Parlaments anders und Theresa May hat eine deutliche Quittung bekommen.  

Mauritz: Ich glaube grundsätzlich, dass die jungen Leute auch bei uns wieder politischer werden. Bei der letzten Demonstra-
tion waren doch die Hälfte junge Leute. 

 Was ist für Sie das wichtigste Ziel, wenn Sie sich für Pulse of Europe engagieren? Aus den zehn Thesen von Pulse of Europe ist ein direktes Programm nicht ablesbar.

Brinkmann: Die europäische Idee ist friedensstiftend, steht für Demokratie und Offenheit. Das ist für mich entscheidend und deswegen setze ich mich dafür ein, politikverdrossene Bürger auf die Straße zu holen, denn wir können etwas tun gegen Neo-
Nationalisten, gegen Abschottungspolitik und so weiter.

Die drei Fragen von Pulse of Europe an die Politik wurden von den Parteien inzwischen sehr konkret und ausführlich beantwortet. Das bedeutet doch, dass Pulse of Europe in den jetzt folgenden politischen Diskussionen mehr in den Inhalt gehen muss. Wie sehen Sie da die Entwicklung?

Schreier: Ich glaube nicht, dass Pulse of Europe programmatische Positionen beziehen wird, indem wir uns etwa aus den Antworten der Parteien ein Idealprogramm basteln. Die Bewegung bleibt offen. Wir sind auf der Straße, damit die Politik daraus Konsequenzen zieht. Daraus kommt die Kraft der Bewegung. Wenn wir uns zu sehr im Detail festlegen, wird’s schwierig. Im Kern sind wir eine Initiative gegen Nationalismus. Wir wissen, dass Europa viele Probleme hat; umso wichtiger ist es jetzt, alles dafür zu tun, die Fundamente von Europa zu sichern. Für mich persönlich ist dabei der Erhalt der Menschen- und Bürgerrechte, etwa der Meinungsfreiheit, ein starkes Motiv.

Brinkmann: Ich wünsche mir auch ein starkes Europa, weil wir damit in der Welt eine gewichtige Stimme behalten. Glaubt jemand ernsthaft, dass zum Beispiel Bulgarien oder die Niederlande mit China über Handels- oder Klimapolitik
verhandeln könnten? 

Schreier: Europa kulturell, sozial,
wirtschaftlich und politisch erfolgreich zusammenzuführen, ist ein langer Prozess. Er braucht auch den Willen zum Ausgleich und die Bereitschaft, die Abstände zwischen den Mitgliedern zu verringern, sicherlich auch ein Stück weit zu verzichten und zu verteilen. Wir sind noch mitten in diesem Prozess!

Respekt vor Ihrem Optimismus. Wenn Sie heute zehn Länder nach den Gründen ihrer Pro-Europa-Haltung fragen, bekommen Sie womöglich zehn unterschiedliche Antworten: Polen braucht Geld von Europa, für Deutschland ist es ein Friedensprojekt, …

Mauritz: … für Frankreich ein Projekt zur Einbindung von Deutschland, für die baltischen Staaten bedeutet es Sicherheit vor dem russischen Nachbarn und so weiter. Aber es gibt längst auch zum Beispiel eine starke Wertediskussion in Polen und es dringt immer mehr ins Bewusstsein, dass das soziale Ungleich-
gewicht zwischen den Ländern unser Europa bedroht und spaltet. Deshalb ist es wichtig, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Mauritz: Unsere nächsten Veranstaltungen finden am 6. August auf dem Theodor-Heuss-Platz und am 3. September statt. Bei diesem letzten Termin vor der Bundestagswahl möchten wir eine öffentliche Diskussion mit den örtlichen Bundestagskandidaten in der Weberei durchführen. Die Anfragen an die Kandidaten gehen gerade heute raus. Diese Diskussionsveranstaltung könnte auch der Übergang zu einem neuen Format werden. Da sind wir uns aber noch nicht schlüssig.

Brinkmann: Nach der Bundestagswahl ist ein internationales Pulse of Europe-
Treffen geplant. Dort sollen neue Ziel-
marken gesetzt und verabredet werden.

Mauritz: Vielleicht findet dieses Treffen in der Frankfurter Paulskirche statt. Ein passend symbolträchtiger Ort.

Ist Pulse of Europe in Gütersloh stark genug, um auch in der Zukunft nachhaltig für Europa werben zu können?

Schreier: Auf jeden Fall. Pulse of Europe hat ein großes Netzwerk geknüpft. Bundesweit und auch wir hier in Gütersloh. Das lässt sich jederzeit aktivieren. 

Brinkmann: Wir wollen auch versuchen, Schulen zu beteiligen und wir sollten auch versuchen, unsere Städtepartnerschaften zu nutzen – vielleicht im Vorfeld der nächsten Europawahlen.

Mauritz: Wir sind noch in der Diskussion, mit welchem Format es hier in Gütersloh weitergeht. Das wird sicher auch von der Resonanz der angesprochenen Veranstaltungen abhängen.

Schreier: Wenn wir uns weitere personelle Unterstützung für das kleine Team wünschen, heißt das nicht, dass wir müde oder frustriert sind. Im Gegenteil. 

Mauritz: Wir freuen uns über jeden neuen Mitstreiter. Wer bei Pulse of Europe mitmachen möchte, ist herzlich willkommen!


Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.