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Auf diesem ehemaligen Maisacker wurde 2009 der Oberboden entfernt, um die ursprüngliche Sandmagerfläche zutage zu führen. Jetzt sprießen hier Margeriten, eine kleine Vergissmeinnichtart, Moose und der große Klappertopf. Es ist ein Paradies für Insekten und Schmetterlinge ... Foto: Sylvia Rudzio, Fotostudio Clemens

Im Vogelparadies

Hörst du? Man hört nichts!“, hieß es im Frühjahr. Gemeint war diese fast schon unheimliche Stille in der Luft. Es schien, als seien die Vögel verstummt, die normalerweise zu der Jahreszeit aus den Winterquartieren heimkehren, um hier zu brüten und ihren Nachwuchs aufzuziehen. Irgendwann später erst kehrten Meise, Amsel, Drossel, Fink und Star zurück. Aber wo ist der Kiebitz? Wo sind Feldlerche, Brachvogel und Co.? Feld- und Wiesenvögel wie sie werden immer seltener. Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich die Vogelpopulation in Deutschland halbiert, heißt es. Auch in Europa sieht es ähnlich aus: „Zwischen 1980 und 2010 sind aus der Agrarlandschaft 300 Millionen Brutpaare verschwunden, was einem Fünftel des gesamten europäischen Vogelbestandes entspricht“, lese ich bei meinen Recherchen in einem Bericht über den Schwund der Vogelarten. Während die Einen das Ganze als Panikmache einiger Öko-Aktivisten abtun, versuchen die Anderen den Rückgang der Vogelarten mit Zahlen zu belegen. 

„Was war da los, im Frühjahr?“, frage ich Bernhard Walter, Leiter der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld. Einige Vogelarten seien aufgrund der besonderen Witterungslage gar nicht zu uns gekommen, erklärt der Biologe das Phänomen. Und doch, so fährt er fort, vertreibe die Beschaffenheit der Stadtgärten letztendlich immer mehr Arten, da müsse man sich nichts vormachen. In dicht gezüchteten Rasenflächen und Kiesbeeten lassen sich nur wenige Insekten finden, so Walter, und damit sei den Vögeln die Nahrungsgrundlage zur Brutaufzucht entzogen. Noch schlimmer sei es um den Lebensraum der Feld- und Wiesenvögel bestellt. In der Agrarwirtschaft sind viele Flächen mit Pestiziden und Insektiziden behandelt worden, was letztlich zum gleichen Ergebnis führt. Warum eine intakte Biodiversität, also eine Vielfalt der Arten innerhalb einer Vielfalt der Ökosysteme, eben auch für den Vogelbestand so wichtig ist, zeigt sich am Beispiel der Niehorster Heide. 

Schön blüht die Heide

Früher war die Stadt Gütersloh für ihre Heidelandschaft bekannt. In Niehorst hat ein solches Relikt auf einem ehemaligen Nato-Tanklager überlebt. Ihr Markenzeichen: vereinzelt stehende Birken auf einer kargen Fläche mit lilafarbenen Heidekissen, schütteren Grasbüscheln und einer bunt sprießenden Blumenwelt. Es ist ein Biotop mit unscheinbarem Klee und scharfkantiger Segge, mit Habichtskräutern und Schafgarbe, dem gelben Mauerpfeffer und dem Fingerkraut. Sie alle haben Blüten, in denen Wildbienen ihren Nektar finden. In den kargen Bodenstellen dazwischen tummeln sich Unmengen an Insekten. Beim Betreten der Fläche scheuchen wir sie auf: Schwebfliegen und Kleinschmetterlinge schwirren um uns herum, verschiedenste Arten von Heuschrecken hüpfen umher, Schmetterlinge fliegen träge von einer Blüte zur nächsten. Aus der Sicht eines Vogels betreten wir ein wahres Paradies. Interessanterweise ist diese reich gedeckte Vogelwelt eigentlich eine sandige Landschaft, hervorgerufen durch eine chronische Unterversorgung: dem Mangel an Stickstoff. Und genau diese Nährstoffarmut schafft Platz für eine große Artenvielfalt, denn die Konkurrenz um Standort und Nährstoffe belebt die Heideflächen. Nährstoffreichtum wiederum bringt wenige Arten in großer Anzahl hervor, erfahre ich von dem Biologen. 

Gefahr liegt in der Luft

Und während wir sprechen, hören wir die Vögel, die hier zuhause sind. Da ist der orgelnde Gesang der scheuen Gartengrasmücke. Da vorne hört man das leise Zwitschern zweier Baumpieper. Gleich zwei Reviere finden sich allein auf dieser Fläche. Irgendwo im verborgenen Gestrüpp haben sie ihre Nester gebaut. Auch der Fitis ist hier Zuhause, ein typischer Bewohner der Heide, und ein spezieller Brutkasten zeigt, dass auch der vom Aussterben bedrohte Gartenrotschwanz hier eine Heimat finden könnte. Eine heile Welt tut sich hier auf, möchte man meinen, doch auch sie wird bedroht. Und die Gefahr kommt von oben: „Bei der intensiven Nutzung in der Landwirtschaft wird mit nährstoffreichem Stickstoff gearbeitet“, erläutert Walter, und der komme oftmals aus der Luft. „Man sagt, 60 bis 80 Kilo Stickstoff werden durch Wind von den gedüngten Ackerflächen auf andere Wiesen und Felder getragen.“ Er ist es auch, der hier Brombeersträucher und Birken- und Eichenstecklinge gedeihen lässt. Damit sie nicht irgendwann die Fläche vollends übernehmen, wird sie einmal im Jahr ganz natürlich von Schafen beweidet.

Eine Wiese ist bunt und nicht grün

Wie eine perfekte Wiese in einem funktionierenden Ökosystem aussehen kann, zeigen die Feuchtwiesen am Lichtebach. „Eine Wiese“, so der Biologe, „ist bunt und nicht grün.“ Hier steht das Gras nicht dichtgedrängt Halm an Halm, sondern ist durchsetzt mit Blumen und lässt jeder Vogelart Platz für die lebenswichtige Suche nach Insekten. Zwischen Weiß- und Rotklee, Wicken und Hahnenfuß, Fingerkraut, Kuhnelke und dem kleinen Sauerampfer wimmelt es nur so von Insekten. Es ist eine Wiese, wie sie viele noch aus Kindheitstagen kennen: Als das spätere Heu noch die Möglichkeit hatte, lange und ausgiebig zu wachsen, bevor es gemeinsam mit Kräutern und Wildblumen gemäht und als äußerst schmackhafter Imbiss den Kühen im Winter diente – und letztendlich 

in Form von Milch, Käse und Fleisch auf den Tellern der Menschen landete. Erst in den 1980er Jahren kam die aktuelle flächendeckende intensive Nutzung auf, die es fast monatlich ermöglicht, das Gras frisch zu schneiden, anwelken zu lassen und abzupacken. Auf den Wiesen der Neuzeit werden speziell entwickelte Hochleistungsgräser als Nahrungsquelle für die Milchwirtschaft angepflanzt, die so dicht aneinandergedrängt stehen, dass keine einzige Blüte mehr zwischen den Grashalmen Platz findet – und damit auch die Nahrungskette für viele Arten unterbricht. „Genau das ist die Ursache und Antwort auf Ihre Frage. Deshalb zeige ich eine Wiese wie diese hier“, sagt Walter. „Und deshalb haben wir in den 90er Jahren mit dem Feuchtwiesenschutz begonnen“, erklärt er. Denn sonst, ist er sicher, gäbe es in Gütersloh eine solche Artenvielfalt nicht mehr. 

Alles für den Erhalt der Arten 

Dazu gehört auch der Baumfalke, ein mittlerweile selten gewordener Jäger, der auch schon mal eine Schwalbe packen kann und Großlibellen aus dem Flug fängt. Oder der Kiebitz, der schon längst auf der Gefährdetenliste steht. Ein Steppenvogel, der dort lebt, wo kaum Vegetation herrscht. Er brütet auf Stoppelfeldern und geht mit der gesamten Brut zur Nahrungssuche auf Kuhweiden. Und auch die sind ja mittlerweile ebenfalls rar. Doch auf dieser Wiese nistet selbst der selten gewordene Große Brachvogel. Ein Wiesenvogel mit einem langen Schnabel, um Würmer tief aus der Erde zu picken. „Neben dem Schutz der Naturgebiete kümmern wir uns auch um den Erhalt der Arten“, erzählt der Biologe. Da die Brut des Großen Brachvogels bereits kurz nach dem Schlüpfen auf Nahrungssuche durch die Wiese stakst, dürfen Wiesenflächen mit einem sogenannten Vertragsschutz bis zum 15. Juni nur in Absprache mit der Biologischen Station gemäht werden. Dafür erhalten die Landwirte dieser Flächen von der Stadt einen finanziellen Ausgleich. „Jungtiere geraten schnell in den Mähdrescher, deshalb darf erst wenn sie flügge sind dort gemäht werden.“ Doch bis dahin können fünf bis sechs Wochen ins Land gehen. 

Die Natur bahnt sich ihren Weg

Als letzte Station zeigt mir der Biologe noch ein Areal, das als Ausgleichsmaßnahme angelegt wurde. Denn hat die Stadt ein neues Baugebiet ausgewiesen, wird an anderer Stelle eine Fläche für den Naturschutz erworben oder bereitgestellt. So wie der ehemalige Maisacker, auf dem wir jetzt stehen. Hier wurde 2009 der Oberboden entfernt, um die ursprüngliche Sandmagerfläche zutage zu führen. Jetzt sprießen hier Margeriten, eine kleine Vergissmeinnichtart, Moose und der große Klappertopf. Schmetterlinge, wie der Bläuling, tummeln sich auf Bergsandglöckchen. Als Spezialist für karge Böden brütet hier die Heidelerche. Über unseren Köpfen kreist ein Wespenbussard, der keine Mäuse, sondern tatsächlich Wespennester aus dem Boden buddelt. „Es ist schon eine große Besonderheit, ihn zu sehen, denn dem vierwöchigen Mähen fallen natürlich auch viele Wespennester zum Opfer“, erklärt Walter, als er plötzlich eine Weidenmeise hört. Sie ist ebenfalls selten: „ Es ist erst die Dritte in diesem Jahr.“ In der Niehorster Heide, erklärt er zum Abschluss, sind mittlerweile viele gefährdete Pflanzenarten wieder beheimatet. Doch es gebe noch viel zu tun: „Letztendlich kann man den Bauern nicht vorwerfen, ihre landwirtschaftlichen Flächen so gut es geht zu nutzen, denn sie müssen ja überleben.“ Hier müsse die Politik Regeln schaffen, um weniger intensiv zu wirtschaften, damit die Natur überleben könne und Bauern gleichzeitig ihr Auskommen haben. „Und das fängt beim Nitrat im Wasser an und geht bis hin zur Biologischen Vielfalt.“

Ein Schlaraffenland im Garten

Doch was können die Familien Zuhause tun, um die Artenvielfalt in ihren Gärten zu erhalten? Im Garten solle es nicht ordentlicher sein als im eigenen Wohnzimmer, meint Bernhard Walter. Ein perfekt geschnittener Rasen, auf dem ständig das Laub weggeharkt wird, dazu eine Bepflanzung mit mehrfach gefüllten Blüten, an deren Stempel keine Biene herankommt, sei auf Dauer kontraproduktiv. „Es gibt viele blühende Sträucher mit einfachen Blüten.“ Und wer dann noch ein paar Laubhaufen und einen kleinen Holzhaufen in einer Ecke liegen lasse, biete Amsel oder Drossel damit ein wahres Schlaraffenland voller Würmer und Insekten.