RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Foto: Fotolia.com/afrilia_art/Robert Kneschke

„Es muss ein nationaler Masterplan her!“

Er ist Geschäftsführer der ZAB – Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen in Gütersloh. Seit 2010 ist der gelernte Krankenpfleger aus Rheda-Wiedenbrück Präsident des Deutschen Pflegerats und damit Interessenvertreter von 1,2 Millionen
Pflegekräften und Hebammen. „Es lohnt sich, für diesen Beruf zu kämpfen", sagte Andreas Westerfellhaus einmal, und genau das tut er. Der 60-Jährige ist Vater von drei Kindern und kämpft für bessere Arbeitsbedingungen seiner Kolleginnen und Kollegen. Denn obwohl die Pflege ein Wachstumsmarkt ist, fehlen die Fachkräfte für die Arbeit in Krankenhäusern und Heimen. Und das kommt nicht von ungefähr, erklärt Andreas Westerfellhaus in einem Gespräch mit GT-INFO-Redakteurin Birgit Compin.

Seit 2017 gibt es das zweite Pflegestärkungsgesetz, dem viele Änderungen und Verbesserungen im Pflegesystem zugrundeliegen. Ist das Gesetz so gut, wie beschrieben?

Andreas Westerfellhaus: Es beinhaltet Entwicklungen, die für Patienten, Angehörige und Heimbewohner wichtige Reformschritte eingeleitet haben, um eine qualifizierte Versorgung für die Zukunft sicherzu-
stellen. Es berücksichtigt den demografischen Wandel, die Fortschritte im Bereich Medizin und Pflege, um nur einige Bereiche zu nennen. Doch etwas wurde dabei ver-
gessen: Für die Umsetzung braucht man qualifiziertes Personal, ohne das eine Reform nicht einmal im Ansatz gelingen wird. 

 

Damit stehen wir vor dem Problem, das Sie seit Jahren anprangern, dem Fachkräftemangel.

Andreas Westerfellhaus: Ja, genau. Es herrscht ein enormer Fachkräftemangel in den Pflegeberufen. Ohne sie ist eine Versorgung der Patienten überhaupt nicht denkbar. Und hier beginnt das Fiasko: Wir
haben veraltete Ausbildungsstrukturen in Deutschland und eine schlechte Finanzierung der Altenpflegeausbildung. Immer noch zahlen in vier Bundesländern die Auszubildenden Schulgeld. Zum Vergleich: In der Krankenpflege bekommen die Schülerrinnen und Schüler eine Ausbildungsvergütung und erhalten als Berufseinsteiger zirka 2.600 Euro brutto, während ein Altenpfleger 1.800 Euro brutto verdient. 

 

Sie plädieren für eine grundlegende
Reform in der Pflege. Wie kann die
aussehen?

Andreas Westerfellhaus: Im Juni soll das „Berufs Pflegereformgesetz“ im Bundestag zur Verabschiedung kommen, das die Bundesregierung seit zehn Jahren vor sich hergeschoben hat. Damit können eine einheitliche Ausbildung, die Abschaffung der Ausbildungskosten und verbesserte Leistungen endlich auf den Weg gebracht werden. Doch auch wenn das Gesetz vorliegt, stehen wir vor dem nächsten Problem, denn die Ausbildung muss hochwertig ausgelegt sein, und zwar in einer ebensolchen Einrichtung. Aber da treffen zwei Welten aufeinander, weil Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen über viel zu wenig Personal verfügen und deshalb die Zeit zur Ausbildung fehlt. 

 

Was muss geschehen, um all das nachhaltig zu ändern?

Andreas Westerfellhaus: Wir brauchen eine verpflichtende Zeit, um sich der Ausbildung junger Leute zu widmen und sie zu begleiten. Die Ausbildungsstätten müssen ausreichend finanziert werden. Gleichzeitig dürfen Ausbildungsplätze nicht reglementiert werden. Wir haben in der Gesundheits- und Krankenpflege die Situation, dass die Schulen in NRW, und damit auch in der Gütersloher ZAB ausschließlich genehmigte Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen können. Das heißt, wir haben in Gütersloh 334 bewilligte Ausbildungsplätze auf dem Gebiet. Wenn wir nur einen Bewerber mehr aufnehmen, würde der nicht finanziert. Dann müssen sich die Rahmenbedingungen dramatisch ändern und die Frage stellen, wie wir die Pflegenden im Beruf halten können. Zum Beispiel betreut nachts oftmals eine einzige Pflegekraft bis zu 40 Patienten. Und das ist die eigentliche Katastrophe: Wir brauchen mehr Personal und gleichzeitig auch mehr Zeit für die Menschen. Wenn ich das aber im Dauerlauf erledigen muss, bleiben der Patient und seine Sicherheit auf der Strecke. Frustration und das Ausbrennen der Pflegenden nehmen dramatisch zu; sie gehen in die Teilzeit oder steigen ganz aus dem Beruf aus. Junge Menschen wollen die Ausbildung ja machen, doch viel zu viele von ihnen brechen sie ab, weil man unter solchen Bedingungen nicht arbeiten kann. Das ist volkswirtschaftlich eine Katastrophe. 

In Ihrer Funktion als Präsident des deutschen Pflegerates machen Sie immer wieder die Politik auf das Problem aufmerksam. Wie reagiert man?

Andreas Westerfellhaus: Man ist zwar bereit, Pflegereformen in die Hand zu nehmen, konzeptionelle Entwicklungen für den Beruf jedoch nicht. Das Kernproblem ist, dass Politiker ein derart wichtiges Thema unter sich ausmachen und uns nicht daran beteiligen. In meiner genannten Funktion vertrete ich 1,2 Millionen Menschen. Unsere Kompetenz muss sowohl in Berlin als auch in Düsseldorf dringend eingebunden werden, denn wir wissen, was geht. Ein Gesundheitspolitiker weiß das unter Umständen nicht. 

 

Was sagen die Kostenträger, wie Krankenkassen, zu der Problematik?

Andreas Westerfellhaus: Das ist sehr komplex. In unserem Gesundheitssystem ist viel Geld vorhanden. Doch es fragt sich, ob es auch richtig verteilt ist. Pharmaforschung und Medizintechnik verschlingen enorm viel Geld und wir machen möglicherweise zu viele Operationen. Ich bin es leid, dass Ärzte in Krankenhäusern als Erlösfaktor angesehen werden und Pflegende als Kostenfaktor. Wir stehen als Berufsgruppe einer mächtigen Gruppe von Kostenträgern gegenüber. Wenn wir mit Krankenkassen über eine Ausbildungsfinanzierung diskutieren, winken sie ab. Deshalb fordern wir verbindliche Bemessungskriterien in Heimen und Krankenhäusern. 

 

Was sollte jetzt für eine Verbesserung getan werden?

Andreas Westerfellhaus: Ich fordere von der neuen Bundesregierung und Landesregierung: Es muss ein nationaler Masterplan her. Wir haben viele Vorschläge, sie müssten nur umgesetzt werden. Ich habe kein Verständnis mehr dafür, dass man in Berlin zu keinen nachhaltigen Lösungen kommt. Wir brauchen klar beschriebene Karrieremöglichkeiten für die Menschen, die diese Berufe ausüben möchten, damit sie davon leben können und ihnen dieser Beruf Spaß macht. Wir brauchen eine Taskforce mit einem Aktionsplan, in dem wir versuchen zu klären, wie wir ausreichend qualifiziertes Pflegepersonal bekommen, damit eine sichere Patientenversorgung sichergestellt wird. Denn der Leidtragende ist der Patient. Doch er merkt es erst dann, wenn er oder Angehörige betroffen sind.

 

Wie sieht der Masterplan, auch für Gütersloh, aus?

Andreas Westerfellhaus: Die Bertelsmann Stiftung hat 2012 festgestellt, dass wir in Deutschland im Jahr 2030 aufgrund des demografischen Wandels 500.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen. Allein im Kreis Gütersloh wären das 2.200 Pflegende. An unserer ZAB gehen in jedem Jahr 120 Auszubildende ins Examen. Im gleichen Zeitraum verabschieden sich in den Krankenhäusern der Region 160 Pflegende in den Ruhestand. Das heißt, wir können nicht einmal das auffangen, was wir brauchen. In Gütersloh brauchen wir eine Allianz innerhalb der Gesellschaft und die Unterstützung von Unternehmen. Wir brauchen letztendlich Politik, die zuhört. Die Pflege gehört zu den Grundpfeilern der Sozialpolitik. Und wenn ich den Sozialen Frieden in diesem Lande nicht aufs Spiel setzen will, dann wird es höchste Zeit, gegenzusteuern. 

 
 

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag:
Ihr Name*:
EMail:
Sicherheitsabfrage
Kommentar*:
(*) = Zum Absenden benötigte Informationen.
Kommentare zu diesem Beitrag:
06.06.2017 - Peter Weist
Der, von dem Herrn Westerfellhaus geforderte, Masterplan ist längst überfällig. Denn dem PSG II steht auch seit Januar 2017, ein weiterführendes PSG III zur Seite. In diesem verteilt der Bund unter Anderem die Kosten des Gesundheitswesen weiter. Wohin? Natürlich an die Landkreise und Komunen. In letzter Konsequenz also bei den Patienten.
Somit werden auch die kleinen, lokalen Anbieter zwangsläufig gedeckelt. Die Herren Gröhe (Gesundheitsminister) und Laumann (Patentenbeauftragter Staatssekretär) favorisieren die großen "Gesundheitsfabriken". Selbst die Frau Nahles (BMAS) beteiligt sich daran.

Nach meinen Erfahrungen wird im Gesundheitssystem sehr viel mit Bossing und Mobbing gearbeitet. Pflegepersopnal sollte da nicht mitspielen. Dazu sind einige Statistiken erstellt worden. Diese sind im Netz nachzulesen.

Also ist es nicht verwunderlich, wenn "Mindestlöhne oder Hausverträge" einzug gehalten haben.

Die Worte des Herrn Brysch (Patientenschutz) werden vermutlich auch ungehört verhallen. Es muß dringenst etwas geschehen. Oder möchte die Menscheit von Robotern gepflegt werden (Digitalisierung im Gesundheitwesen)? Die Pflege sollte von Menschen am Menschen geschehen. Denn wir benötigen in dieser Situation ZUWENDUNG!