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Ostseepokal Foto: Jens Dünhölter

Loslassen und Entspannen

Die Wahl des Sommerreisezieles 2017 ist für Dorothee (60) und Ulrich Tschöpe (64) nach genau einer Sekunde Bedenkzeit beendet. Die schönsten Wochen des Jahres verbringen der Gütersloher Rechtsanwalt und seine Frau am, im und auf dem Mittelmeer. Ergänzend muss man hinzufügen – wie (fast) immer. In diesem Jahr ist das zum fünften Mal in Folge der Fall. Wie viele andere Sonnenhungrige besteigt das Ehepaar zunächst einen Flieger in Richtung griechische Inseln. Dort beginnt der ungewöhnliche, bewusst anders gestaltete, auf viel Individualität ausgerichtete Teil der Abenteuerreise.

Vor Ort steigen der 1. Vorsitzende des (Segel-) Yachtclubs Gütersloh und seine Frau auf ihr Sportgerät um – die in Griechenland überwinternde, eigene 12-Meter-Yacht. Auf dem mobilen, schaukelnden, großzügig eingerichteten Ferienhaus auf dem Wasser startet das Ehepaar Teil 5 ihrer 2013 begonnenen maritimen Europareise entlang der Atlantik- und Mittelmeerküsten.

Wenn die Planken unter ihren Füßen schaukeln, der Blick hintern dem Horizont im tiefen Blau verschwindet, die Luft nach Salz und Meer schmeckt, dann fühlen sich Dorothee und Ulrich Tschöpe wie neu geboren. Das war so, ist so und das bleibt wahrscheinlich so lange so, bis beide mit einem Rollator auf ihre so sehr geliebte Segelyacht geschoben werden. Die Faszination für die spezielle Art der Freizeitbeschäftigung beschreiben die längst von ostwestfälischen Landratten zu mit den Wassern der sieben Weltmeere getauften Seebären nachdrücklich mit der Kombination aus „Stille, Naturerlebnis und sportlicher Betätigung unter freiem Himmel.“ Dr. Ulrich Tschöpe: „Sobald man das Klappen der Fallen (Leinen zum Setzen der Segel) hört und das Hafentor hinter sich gelassen hat, ist die Hektik des Alltags komplett vergessen.“ Dorothee Tschöpe pflichtet dem bei: „Segeln ist Loslassen und Entspannen in kürzester Zeit. Zwei, drei Tage an Bord sind für uns wie eine Woche Urlaub.“

Die Jungfernfahrt des (Segel-) Yachtclub Gütersloh fand genau am 12. Mai 1977 mit der Vereinsgründung statt. Auf Initiative des Rechtsanwaltes, Notares und zugleich mit dem „Kapitänspatent“ ausgestatteten 1. Vorsitzenden Hans Günther Steinhaus versammelten sich vor 40 Jahren stolze 66 Wasser-
enthusiasten, um fernab von Schiffen, Wind und Meer ihre verbindende maritime Leidenschaft zu leben. Die vorrangigen Vereinsziele bestanden laut Satzung in den Punkten:  „Pflege und Förderung des Jollen-, Fahrten- und Seeseglens sowie des Motorboot-
sportes.“ In seiner bis heute überlieferten Eröffnungsrede wies der Initiator darauf hin: „Wir wissen, dass wir auf der Dalke nicht segeln können, wollen aber die Möglichkeit schaffen, an langen Winterabenden mit den theoretischen Dingen des Wassersportes in Kontakt zu bleiben und uns fortzubilden.“ An diesem Grundsatzkurs hat sich bis heute nichts geändert. Nach wie vor zeigt die Kompassnadel der in ganz Deutschland beheimateten 100 aktiven und passiven Mitglieder (Dr. Ulrich Tschöpe: „Für einen Yachtclub fern des Gewässers schon eine beachtliche Zahl.“) als übergeordnetes Ziel auf geplantes, geführtes Fahrtensegeln. Neben den regelmäßigen Bootsausflügen wie dem Ostseetreffen mit Regatta (seit 40 Jahren), dem Hollandtreffen (seit 40 Jahren), den seit 20 Jahren durchgeführten Flotillen (kleinere Schiffsgruppe) im Mittelmeer, der Karibik oder 2016 im Ionischen Meer hat sich der Club primär einen fast schon familiären Zusammenhalt sowie mannigfache Aktivitäten in den kalten Wintermonaten auf die Segel seiner Boote geschrieben. Mit Wandern, Bosseln, Fortbildungen, Clubfahrten an Land, Überlebensstrategien bei der Marine, Vorträgen, Einladungen zum Running Dinner (Gäste pendeln an einem Abend zwischen mehreren Gastgebern) oder dem wöchentlichen Stammtisch vergeht die Zeit bis zum Wassern der Boote im April in Windeseile.

Ob jemand dabei für 25 Euro Jahresbeitrag ein Wassergefährt sein Eigen nennt, spielt keine Rolle, solange nur genug Seemannsblut in den Adern pulsiert. Von den derzeit rund 100 Aktiven und Passiven besitzen cirka 30 ein eigenes Boot. Der Rest chartert sich am jeweiligen Urlaubsort ein Gefährt bei Bootsverleihern oder fährt als Crewmitglied bei anderen mit. Ganz billig ist die Anschaffung eines dieser schwimmenden Reisegefährte nicht. Je nach Ausstattungswünschen (Heizung, Backofen, Dusche) und PS-Stärke wechselt schnell mal ein sechsstelliger Betrag den Besitzer. Gute Gebrauchtboote sind nach Einschätzung der Wasserfreunde ab 50.000 Euro erhältlich.

Im Jahr 2000 enterte der mittlerweile dem ruheständlerischen Lebensabend frönende Dr. Tschöpe als verantwortlicher Steuermann (Präsident) die Brücke des (Segel-) Yachtclubs. Die Definition ist wichtig, weil, so
Tschöpe „die Intention dem Segeln gilt. Wir sind kein Club mit protzigen 1.000 PS Motor-
yachten.“ Im Mittelpunkt des Sportes stehe das Segeln als Naturerlebnis auf dem Wasser. Hauptsächlich werde daher versucht, durch geschicktes Manövrieren mithilfe des Windes von Punkt A zu Punkt B zu gelangen. Lediglich in Häfen, bei Flauten, schlechtem Wetter oder wenn Eile geboten ist, werde der Motor als Antrieb zugeschaltet.

Durch die zwar beengte, trotzdem wohnungsähnliche Ausstattung („Das ist je nach Größe wie ein Ferienhaus auf dem Wasser“) an Bord kann man es durchaus auch mehrere Wochen auf See aushalten. 2013 startete das Ehepaar Tschöpe ein ehrgeiziges Unterfangen. Weil Zeit, Gesundheit und Gelegenheit günstig waren, beschloss das Seglerehepaar, in mehreren Jahresurlaubsetappen die Atlantik- und Mittelmeerküsten so weit wie möglich zu erkunden. Dorothee Tschöpe: „Wir sind Fahrtensegler. Das heißt, wir sind zwar unterwegs, wollen aber auch Land und Leute kennenlernen.“ Statt um das oftmals verbreitete „Reisen und Rasen“ geht es um Entschleunigung, um Anreisen ohne Staus oder Stress, individuelle Eindrücke. Letztere ergeben sich durch den direkten Kontakt mit den in den Häfen ankernden umliegenden schwimmenden Ferienwohnungen fast automatisch. Auch Hotels sehen die Tschöpes in der Regel meist nur von außen. Unabhängig davon, in welchem Gewässer gerade der Anker gefallen ist, wird meistens bequem in der eigenen Kajüte genächtigt. Dorothee Tschöpe: „Uns gefällt einfach das Kommunikative, das freundschaftliche Untereinander. Das hat auch was mit Kameradschaft zu tun. Jeder hilft jedem, weil jeder weiß, wie es auf See ist.“

Der erste Teil der Reise führte 2013 über 2.000 Seemeilen (4.000 Kilometer) von Dover bis an die Algarve. In acht Wochen lernten die reisenden Gütersloher 30 Häfen und vor allem Städte von der buchstäblich anderen Seite kennen. Die Eindrücke haben sich unauslöschlich eingeprägt.  Dorothee Tschöpe: „Die schönste Silhouette einer Stadt sieht man immer vom Meer aus.“ 2014 folgte Andalusien (Ulrich Tschöpe: „Das sah so aus, als würde man an den Bergen in Österreich vorbei segeln“), Mallorca, Menorca. Wie es 2018 weitergeht, will sich das Ehepaar in Ruhe überlegen. Obwohl landschaftlich und seglerisch sicherlich reizvoll, wollen die Gütersloher um die als nächstes auf der Route stehende Türkei „wegen der dort vorherrschenden Politik“ einen großen Bogen machen. Ehe die Routenplanung im Winter im Detail beginnt, genießen sie jedoch in diesem Sommer die ungestörte Urlaubsstimmung an Deck. 


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