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Heiner Wichelmann sprach mit Hans-Hermann Kirschner, designierter Vorstand, und Oliver Eichstädt, Jugendwart des FC Gütersloh. Foto: Wolfgang Sauer

Aufstehen, weitermachen

Der FC Gütersloh 2000 lag in den letzten Atemzügen, bei den Fans setzte die Trauerarbeit über das endgültige Aus des Traditionsvereins ein und im Geiste rückten schon die Abrissbagger im Heidewald an – da geschah das Unglaubliche gewissermaßen Sekunden vor dem Abpfiff: Im letzten Moment sicherten neue Sponsoren ihre Unterstützung für den Fortbestand des Vereins zu. Der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens kann damit zurückgenommen werden, ein neuer Vorstand steht am 13. Juni zur Wahl, und der FC Gütersloh richtet seinen Blick in eine neue Zukunft. GT-INFO wollte wissen: Wie können die Gütersloher wieder zurückgeholt werden in den Heidewald?

Den entscheidenden Beitrag zur Rettung des FC Gütersloh leisteten das Verler IT-Unternehmen IOK InterNetworking Services als zukünftiger Trikotsponsor, das Gütersloher Autohaus Mense als künftiger Sponsor auf dem Trikotärmel und die Unternehmensgruppe Hagedorn, die als Hauptsponsor schon sehr früh ein beträchtliches Engagement angekündigt hatte. Damit ist die Finanzierung des FC Gütersloh für die nächsten drei Jahre – zusammengekommen ist ein Budget von 300.000 Euro per anno und einmalig die Tilgung der Altverbindlichkeiten – sichergestellt. Dies war die entscheidende Bedingung für die Rettungsinitiative um Hans-Hermann Kirschner, Heiner Kollmeyer und Hermann Korfmacher. Die „drei K“ werden sich jetzt am 13. Juni in der Stadthalle Gütersloh zur Wahl zum Vorstand stellen. Im GT-INFO-Gespräch mit Hans-Hermann Kirschner und Jugendwart Oliver Eichstädt wird deutlich: Luftschlösser werden im Heidewald nicht gebaut. Hier soll grundsolide Arbeit geleistet werden. Viele kleine Einzelschritte, gut koordiniert und konzeptionell eingepasst, sollen den FC Gütersloh in eine seriöse, langfristige Zukunft führen. Aber klar ist auch: Die wichtigste Entscheidung fällt immer noch auf dem Platz. Der FC braucht den Erfolg vor dem Tor.

Herr Kirschner, Herr Eichstädt, nach den zurückliegenden anstrengenden Wochen, dem emotionalen letzten Heimspiel im Heidewaldstadion und der fast schon sensationellen Wende in der Sponsorenfrage: 

Wie geht es Ihnen?

Kirschner: Mir geht’s gut, mein Kollege Oliver Eichstätt hat vielleicht noch einen schweren Kopf vom Feiern. 

Eichstädt: Geht schon wieder. Die Erleichterung ist natürlich sehr groß. Wir waren beim letzten Heimspiel alle noch ahnungslos, dass die Rettung bevorstand. Dass dann am vergangenen Wochenende auch noch unsere 2. Mannschaft in die Kreisliga B aufgestiegen ist, machte die Sache noch schöner. Jetzt können wir endlich nach vorne arbeiten! 

Kirschner: Ich habe es ein bisschen pragmatisch behandelt. Ich bin ja nicht ein durch und durch sozialisierter FCG-Anhänger, eher ein Zugereister. Als mich Kollmeyer und Korfmacher ansprachen, ob ich der Rettungsinitiative beitreten möchte, habe ich anfangs überlegt und mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Sie haben mich überzeugt, dass ein Scheitern nicht an uns festgemacht werden würde, sondern es den Umständen zuzuschreiben wäre. Heute wissen wir: Die viele Arbeit hat sich gelohnt, aber wir haben auch erst die erste Teilstrecke absolviert. Die eigentliche Arbeit steht uns noch bevor.

Gab es zwischenzeitlich mal einen Zeitpunkt, wo Sie nicht mehr an einen Erfolg Ihrer Sponsorbemühungen glaubten?

Kirschner: Kurz vor Ablauf der 31.-Mai-Frist: ja. Die Messlatte war mit 500.000 Euro ja relativ hoch gelegt. Wir wollten ja keine Darlehen aufnehmen, zum Beispiel von einer Bank am Bodensee. Das wäre ein schlechter Start gewesen. Es war ein Auf und Ab: der Start mit Zuversicht, dann die Sorge, es nicht zu schaffen, dann das Eingeständnis des Scheiterns. Eine Resthoffnung blieb zwar immer noch, aber wir hatten keine Illusionen. 

Dann kam dieses letzte Heimspiel gegen Erndtebrück vor mehr als 900 Zuschauern.

Kirschner: Das war von unserer „3.MannSchafft“ wunderbar vorbereitet und gab uns tatsächlich noch mal einen letzten Pusch, es doch noch weiter zu versuchen. Am Mittwoch danach war die Vorstandssitzung geplant, in der wir Bilanz ziehen wollten. Von Montag bis Mittwoch sind wir dann im Vorfeld doch noch mal initiativ geworden. Ich habe viel telefoniert, weil mir der Zuschauerzuspruch am Sonntag davor viel Mut gegeben hatte. Am Ende sagten dann das Verler IT-Unternehmen IOK InterNetworking Services und das Gütersloher Autohaus Mense ihre Unterstützung zu. Das war der endgültige Durchbruch. 

Und sie waren von den Entscheidungen selbst überrascht?

Eichstädt: Wir wussten vorher definitiv nichts. Für uns war es wirklich das letzte Heimspiel.

Wie begründeten die vielen angesprochenen Sponsorkandidaten eigentlich ihr Nein? Was wurde Ihnen in der Regel gesagt?

Kirschner: Dass der FCG über Jahre und Jahrzehnte für so viel Enttäuschung gesorgt habe, dass man sich erst mal zurückziehen und die Entwicklung abwarten wolle. Das war so der Haupttenor. Andere sagten aber auch, dass sie einfach keine Beziehung zum Fußball haben und ihr Geld lieber in andere Engagements fließen lassen möchten.

War die Weigerung von Bertelsmann und Miele, als Großsponsoren einzusteigen, eine große Enttäuschung für Sie?

Kirschner: Zunächst muss ich mal ganz klar festhalten: Wir haben allen Anlass, beiden Unternehmen ausdrücklich für ihr langjähriges Engagement zu danken. Sie haben den Verein über Jahrzehnte maßgeblich unterstützt. Natürlich hätten wir sie als Großsponsoren für den Neuanfang gut gebrauchen können, ihre Unterstützung wäre ein starkes Signal an den Mittelstand gewesen. Insofern tat das Nein schon weh. Aber wir haben dafür von beiden Firmen das Signal bekommen, dass sie uns in der Jugendarbeit und in anderen Bereichen weiter Unterstützung geben werden. Für diese klaren Aussagen sind wir sehr dankbar. Die Verbindung mit Bertelsmann und Miele besteht also nach wie vor.

Eichstädt: Wir müssen jetzt durch gute positive Vorstandsarbeit überzeugen und klar machen, dass wir nicht nur heiße Luft produzieren.

Wie soll diese Arbeit aussehen? Was wird neu sein? Was planen Sie strukturell?

Kirschner: Unser erstes Prinzip ist: Wir wollen aus den Negativschlagzeilen rauskommen. Nicht alle halbe Jahre mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit treten, dass wir kein Geld mehr haben. Wir werden am 13. Juni eine gut organisierte Mitgliederversammlung durchführen, erhalten als Vorstandskandidaten hoffentlich das Vertrauen der Mitglieder und wollen Anfang Juli die Schuldenfreiheit des Vereins verkünden. Unsere Ziele werden realistisch sein. Wir bleiben weiterhin ein Einsparten-Verein, neue Sportarten werden wir uns sehr sorgfältig anschauen, bevor wir uns  verbreitern. Unser zweites Ziel ist: Die Oberliga erhalten. Mit 300.000 Euro Etat kann man zunächst nicht mehr erwarten. Die Spieler werden weiterhin über Mini-Jobs bezahlt, trainieren dafür aber viermal in der Woche. Das alleine verdient schon höchsten Respekt. Das ist eine Mannschaft mit Charakter. Mit Fatmir Vata und Marc Hunt haben wir im Übrigen ein hervorragendes Trainerteam, das in der vergangenen Saison sehr gute, beispielhafte Leistung gezeigt hat. 

Was zeichnet die beiden Trainer denn besonders aus?

Eichstädt: Ehrlichkeit, Zielstrebigkeit, ihre Wertschätzung jedes einzelnen Mannschaftsmitglieds, ihre Motivationsleistung. Wir haben ihnen viel zu verdanken.

Kirschner: Der FCG ist ja die erste Trainerstation von Vata, der sicherlich vor einer erfolgreichen Trainerkarriere steht. Dass er zugesagt hat, im nächsten Jahr den Weg gemeinsam mit uns zu gehen, ist eine gute Nachricht. 

Was werden Sie noch aktuell im Verein anpacken?

Kirschner: Wir sind dabei, unseren Jugendbereich weiter auszubauen. Im Herrenbereich werden wir die zweite Mannschaft weiter stärken und perspektivisch denken wir auch an eine dritte Mannschaft. Außerdem engagieren wir uns für Flüchtlinge, die wir in unsere Mannschaften integrieren. Was dann noch leistbar ist, das soll im Herbst erarbeitet werden mit Impulsgebern, die von außen kommen. Wir brauchen neue Ideen, um eine Marke FCG zu schaffen, die für die Zukunft steht.

Einen fertigen Masterplan werden Sie also in der kommenden Mitgliederversammlung noch nicht präsentieren?

Kirschner: Nein. Wir gehen Schritt für Schritt vor. Wir wollen solide arbeiten, ein gutes Verhältnis zu Nachbarmannschaften pflegen, Fairness im Sport üben, sympathisch sein. Ein Beispiel: Wenn’s nach mir geht, sollte ein Spieler, der eine Schwalbe zugibt, ausgezeichnet werden. Fairness ist mir wichtiger, als ein gestohlenes Tor.

Im Jugendbereich haben einige den Verein verlassen, sind woanders untergekommen. Ist das ein Trend? 

Eichstädt: Tatsache ist, dass wir schwere Probleme bei der Akquise von A- und B-Jugendlichen haben. Ab E-Jugend nach unten hin sind wir gut aufgestellt, aber je älter sie werden, umso schwieriger wird es. Das ist beim FCG aber eindeutig vor allem den Negativschlagzeilen geschuldet. Ich wünsche mir, dass manch einer noch die Kehrtwende macht und zurückkommt. Ich glaube fest daran, dass die Zeit wiederkommen wird, wo wir die Jugend an uns ziehen. Wir sind der klassische Innenstadtverein mit kurzen Wegen. Ich habe ein Sportkonzept für unsere Jugend erarbeitet, das ich in der Mitgliederversammlung vorstellen werde.

 Konzepte sind das Eine. Aber Sie haben nicht mal ein Vereinsheim! 

Eichstädt: Ja, uns fehlt das Herzstück. Das Thema steht auf der Agenda. Wir brauchen die Nähe der Jungen zu den Alten. Es ist nicht optimal, dass unsere Kinder und Jugendlichen auf dem Gelände der Gesamtschule Süd trainieren und die Senioren auf dem Nebenplatz des Heidewalds. Es gibt weitere Aufgaben. Zum Beispiel müssen wir an der Infrastruktur und am Umfeld des Heidewaldstadions arbeiten. Wir sind da mit der Stadt im Gespräch.

Die Zuschauerresonanz war in der vergangenen Saison teilweise desaströs und der drohenden Auflösung begegneten die meisten Gütersloher eher mit Fatalismus. Sind die guten Zeiten für den Amateurfußball vorbei?

Kirschner: Es stimmt, alle Amateurvereine leiden darunter. Verl und Wiedenbrück in der Regionalliga ja auch. Die Zuschauerzahlen bewegen sich gerade mal im mittleren dreistelligen Bereich. Das hängt meiner Meinung nach mit der Entwicklung des Profifußballs zusammen. Die Übersättigung mit Fußball im Fernsehen trifft Amateurvereine bis ins Mark. Die Leute fahren heute auch gerne in die großen Stadien, mit der Konsequenz, dass der Heidewald leer bleibt.

Warum sollte dann ein Unternehmer in einen auf die Dauer nicht zufriedenstellenden Status quo eines Oberligisten investieren?

Kirschner: Die Frage ist berechtigt, aber ich bin überzeugt: Es ist nicht aussichtslos, an den Themen zu arbeiten. Wir müssen uns bemühen, die Zuschauer wieder ins Stadion zu holen. Da sind 20-Jährige, die aus Liebe zum Sport bereit sind, alles zu geben. Wer das miterlebt, der kommt auch wieder. Ich bin da optimistisch. Gütersloh war immer ein Fußballstandort mit enger Verbindung von Fans, Wirtschaft, Stadt und Politik. Gerade die letzte Sportausschußsitzung hat gezeigt, wie sehr alle hoffen, dass es weitergeht. Wir sind dankbar dafür und bedanken uns auch sehr bei Schalke 04, beim VFL Bochum und beim SC Verl, dass sie für Benefizspiele zur Verfügung stehen. Verl hat sich sogar selbst bei uns gemeldet. Das ist eine große Geste, die wir nicht vergessen werden.

Was steht aktuell im Heidewaldstadion baulich an, solange die Finanzierung eines Vereinsheims noch nicht möglich ist?

Eichstädt: Wir müssen im Sicherheitsbereich investieren. Die Tore und der Fluchttunnel müssen verbreitert und die Holzsitze auf der Tribüne durch nicht brennbare Plastikschalen ersetzt werden. Auf Süd wird der Kunstrasenplatz erneuert usw.

Und irgendwann klopfen Sie wieder an der Regionalliga an?

Kirschner: Das ist natürlich eine Perspek-
tive, aber wir brauchen dafür einen langen Atem. Das Wichtigste ist, dass der Verein gesund wird und bleibt. Dann wollen wir weiterschauen. Dafür brauchen wir weitere Ehrenamtliche, die bereit sind, Verantwortung mit zu übernehmen. Wir wollen unsere Basis verbreitern und unsere Strukturen weiter ausbauen. Jeder ist herzlich eingeladen, mitzuarbeiten.

Der FC Gütersloh: ein spannendes Projekt?

Kirschner und Eichstädt: Auf jeden Fall!

 
 

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