RSS Feed   |   Kontakt   |   Impressum

Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.

Eine Reportage von Birgit Compin. Foto: Sylvia Rudzio, Fotostudio Clemens

Mein Stein aus Alabaster

Es sind die Faltenwürfe, die sie irgendwie immer inspirieren. Falten von schweren Stoffen wie Samt und Brokat oder die Leichtgewichte aus Seide und Organza. Ja, sogar von einem zusammengeknüllten Stück Papier kann sie diese gewisse Wut und Anspannung auf ihre in Stein gemeißelten Faltenwürfe übertragen. Direkt daneben finden sich schwere Holzrahmen mit feiner Ornamentik oder floralen Mustern, Gipsskulpturen mit fein säuberlich herausgearbeiteten Gesichtern und fossilienartig behauene Steinquader. Auf 80 Quadratmetern zeigt die Bildhauerin Marion Plaßmann seit Januar eine Art Werkschau in ihrem neuen Atelier an der Münsterlandstraße 36 in Isselhorst. Hier entstehen ihre Arbeiten, und hier gibt sie in unterschiedlichen Workshops ihr Wissen weiter.

„Schön, dich zu sehen“, begrüße ich Marion Plaßmann. Ganz früher, in einer anderen Zeit, besuchten wir die Vorlesungen derselben Professoren und Dozenten an der Fachhochschule für Gestaltung in Bielefeld. Es waren die Grundkurse, die dort jeder Student einmal belegen musste. Anschließend besuchte Marion Kurse in der Bildhauerei. Doch bereits zuvor hatte sie längst ihre Ausbildung zur Holzbildhauerin abgeschlossen. Das war bei der damaligen Firma Schröder an der Sundernstraße. „Ich bin eine waschechte Gütersloherin“, lacht die 52-Jährige, „eigentlich komme ich sogar aus Avenwedde.“ Und eigentlich wollte sie auch Tischlerin werden. Doch das ging gar nicht: „Anfang der 80er war es tatsächlich noch so, dass man abgelehnt wurde, weil ein Betrieb keine Mädchen ausbilden konnte oder wollte.“ Dann also die Holzbildhauerei. Sie lernte von der Pike auf, wie man Ornamente in Hölzer schnitzt. „Wir fertigten Möbelschnitzereien, wie den ‚röhrenden Hirsch’ und den ‚säenden Bauern’. Damit bin ich groß geworden“, erzählt sie von ihren Anfängen. Doch nach der Ausbildung hatte sie genug von all der Ornamentik: „Mir fehlte ein bisschen die dritte Dimension und das figürliche Arbeiten.“ Also ging sie zur Fachhochschule und studierte Bildhauerei und Illustration. Später dann bekam sie drei Kinder und zog mit ihrer Familie nach Brockhagen.

 Verliebt in einen Stein

Doch auch zu dieser Zeit ließ sie die Bildhauerei nicht los. Sie erhielt immer wieder Aufträge, die Balken alter Fachwerkhäuser mit Schnitzereien zu versehen und zu bemalen. Und irgendwann zu dieser Zeit entdeckte sie ihr großes Faible für die Steine. „Ich hatte mir die eine oder andere Sommerakademie gegönnt und endgültig meine Liebe zur Steinbildhauerei entdeckt.“ Und die ist bis heute geblieben. Bei einem kleinen Rundgang durch das Atelier erklärt Marion ihre Arbeiten. Zunächst ist da der Sandstein. „Er gefällt mir sehr gut“, höre ich ihr zu. „Weil er kräftemäßig zu bewältigen ist, denn ich arbeite nur mit der Hand und nicht mit Maschinen.“ Und dann ist da der Alabaster, ein empfindlicher Kamerad, der so ganz anderes Werkzeug erfordere, als der Sandstein. „Man kann sehr schnell Verletzungen hineinarbeiten.“ Doch Alabaster sei eben auch ein besonderes Material, denn streng genommen handele es sich dabei um Gips, der sehr dünn bearbeitet werden kann. Wie dünn, zeigt sie mir an einem Beispiel: Es ist ein fossilartiges Gebilde mit einem schneckenartigen Ornament versehen, das im Atelier am Fenster auf einer Stehle „schwebt“. Die Sonneneinwirkung lässt es auf der Vorderseite an einigen Stellen deutlich heller schimmern. Ich bin verliebt. Verliebt in einen sonnendurchfluteten Stein! 

Drei Tage Arbeit – und zur Mitnahme bereit

Auf einem Podest stehen Werke einiger Kursteilnehmer. Seit Jahren schon bietet Marion Seminare an. Früher in ihrem Garten in Brockhagen, heute in ihrem Atelier zwischen Hollen und Isselhorst. Sie gibt Gips-, Stein- und Ton-Workshops. „Wie lange dauert es, bis die Teilnehmer einen Stein fertig bearbeitet haben?“, möchte ich wissen, als ich die Werke auf dem Podest begutachte. „Ein Wochenende“, höre ich und staune. Das will ich auch. Ich möchte Alabaster und ich möchte ein Ornament einarbeiten – im Ansatz genauso wie es auf meinem auserkorenen Lieblingsstein am Fenster zu sehen ist. Geht das? „Ja“, lautet die fast schon lapidare Antwort. Braucht man Vorkenntnisse? „Nein.“ Ich bin dabei! 

Die Seminare, so erklärt Marion, beginnen am Freitagnachmittag mit Materialkunde, die – je nach Kurs – andere Schwerpunkte beinhaltet. Es gibt eine Einführung in Ton und die entsprechenden Werkzeuge, ein anderer befasst sich mit Gips und seinen Feinheiten und wieder ein anderer hält zunächst einmal die Steine bereit. Das interessiert mich. „Die Steinkurse beginnen mit dem Aussuchen des perfekten Steins“, erklärt Marion. Sandstein, Alabaster und auch der leichte Ytong stehen zur Auswahl. Doch das könne dauern. So hält Marion für die Teilnehmer gerne auch ein paar „Workout-Getränke“ parat. „Um ihnen die Entscheidung ein wenig zu erleichtern“, gesteht sie lachend. Denn während die einen ganz genau wissen, dass sie das Lieblingstier umsetzen möchten, lassen sich andere vom Stein inspirieren. Sie suchen nach der interessanten Bruchstelle, einer besonderen Verfärbung oder lassen sich ganz einfach von der Maserung leiten. Es ist der eine Fixpunkt, der dann zu einer abstrakten oder auch figürlichen Arbeit führt. 

Am Ende liegen sich alle in den Armen

Samstag und Sonntag stehen dann ganz im Zeichen von Holzklöpfel, Fäustel und Co. – je nachdem. „Es gibt natürlich auch eine Mittagspause“, erzählt Marion, und man merkt ihr die Freude an der „Arbeit“ mit all den Menschen an. „In der Regel ist es so, dass die Teilnehmer sonntagabends mit ihrem Projekt fertig sind.“ Nur wer wirklich einen dreidimensionalen Kopf herstellen möchte, brauche entsprechend länger. Doch meist, so erklärt sie, werden Ansichten erarbeitet oder die Stücke behauen. „Zum Schluss liegen sich alle in den Armen.“ Grundsätzlich, so Marion, gehe es um dieses ganz spezielle Gefühl. „Keiner hält es anfangs für möglich, in nur zwei Tagen fertig zu werden. Ich selbst kann mich noch an das Gefühl erinnern. Ich habe eine Woche lang gestrahlt. Das ist schon erhebend.“

Jedes Material ist anders, jede Falte auch

Doch zurück zum Anfang: Wie war das mit den Faltenwürfen? „Sie faszinieren mich“, erklärt Marion. Wann immer sich die Möglichkeit biete, schaue sie sich die Arbeiten alter Meister an. Wie sie einen Faltenwurf in Stein meißelten, sei einzigartig. Man erkenne sofort, dass es sich um ein ganz schweres Tuch handelt oder dass es sehr fein gewebt sein soll. „Davor habe ich großen Respekt und es spornt mich zu meinen eigenen Studien an.“ So behandeln viele ihrer Arbeiten die Falten unterschiedlichster Materialien. Gerade arbeitet sie an verschiedenen Versionen von Papierfalten. So wie an ihrem „Überraschungspäckchen“, das in stundenlanger Arbeit aus einem großen Sandsteinblock entsteht. „Die Falten müssen eine Logik haben, sonst funktionieren sie nicht. Sie müssen irgendwoher rauskommen können und irgendwohin wieder verlaufen können“, sagt sie und fährt mit dem Finger über die Linien und Vertiefungen. Um das herauszuarbeiten, brauche sie auch gutes Licht. „Und wie so oft, ist das Sonnenlicht einfach das Beste von allen.“ Dafür fährt sie den Quader auch gerne mal hinaus ins Freie. Und genau da sieht man sie bei gutem Wetter, wie sie in unmittelbarer Nähe der Münsterlandstraße die großen und kleinen Falten in den Stein hineinarbeitet. 

Kleine kulturelle Bombe auf dem Land

Das Atelier zu eröffnen, so sagt Marion, sei genau zur richtigen Zeit gekommen. Als ihr heutiger Vermieter, Hermann Dreesbeimdieke, ihr vorschlug, auf seinem Gelände ein Atelier einzurichten, griff sie zu. Sie entschied sich für den ehemaligen Schweinestall. Während Hermann ihr die neue Glasfront zur Straße hin einbaute, sorgte sie für eine herrlich stimmige Innenraumgestaltung. Vieles ließ sie stehen, kalkte die Wände, setzte eine alte Schiebetür ein und schuf zwei Räume, in denen ihre Werke perfekt zur Geltung kommen und die gleichzeitig viel Platz für die Workshops zulassen. Doch das Atelier kann auch ganz anders, ist die Bildhauerin überzeugt. Natürlich kann sie sich hier als Künstlerin frei entfalten. Und unterrichtet sie nicht im Rahmen des Projekts „Kunst und Schule“, kommt sie her, um zu  arbeiten. Natürlich verkauft sie einige ihrer Skulpturen oder nimmt Auftragsarbeiten an. Doch letztendlich soll all das, genauso wie die Bildhauerkurse, Appetit machen auf noch viel mehr. Marion gerät ins Schwärmen. „Ich würde die Räumlichkeiten auch gerne Künstlern temporär zur Verfügung stellen. Ein kurze und knackige Ausstellung am Wochenende vielleicht oder ein bisschen Kleinkunst und Musikveranstaltungen in regelmäßigen Abständen. Da bin ich noch in der Konzeptphase.“ Es geht ihr um die kleine kulturelle Bombe, die dann hin und wieder hier auf dem Land gezündet wird. Und mir geht es ganz eindeutig um den Stein aus Alabaster, den ich bald genau hier an einem Wochenende in Angriff nehme.