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Birgit Compin sprach mit Burkhard Brockbals, Kreishandwerksmeister. Foto: Frank Tiedemann.

„Da ist noch Luft nach oben“

„Obwohl die Nachfrage bei den Handwerksbetrieben hoch ist und der Wille, auszubilden, groß – Flüchtlinge in die Arbeitswelt zu integrieren, ist nicht einfach“, meint Burkhard Brockbals, Vorstandsmitglied der Kreishandwerkerschaft und Kreishandwerksmeister. 

Gerade mal neun Ausbildungsverträge im Handwerk wurden 2016 mit jungen Flüchtlingen abgeschlossen, ein weiterer ist für August 2017 bereits unterschrieben. Legt man die aktuellen Zahlen des Jobcenters zugrunde, ist da also noch viel Luft nach oben: Im November wurden hier 1.631 Flüchtlinge betreut. 105 von ihnen waren unter 18 Jahre alt, 427 zwischen 19 und 24 und 1.099 über 25 Jahre alt. Besonders die Integration dieser Gruppe von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt stellt Schulen, Ausbildungsbetriebe und Jobcenter vor große Herausforderungen. 

Nachdem ihr Asylantrag anerkannt wurde, wechseln Flüchtlinge von der kommunalen Betreuung zum Jobcenter und erhalten einen Sprachkurs. Er bildet das Fundament für die Integration in den Arbeitsmarkt. Doch das kann langwierig sein, denn um das nötige sprachliche Niveau zu erreichen, kann viel Zeit vergehen. „Die Betriebe können keine Lehrverträge abschließen, wenn die Auszubildenden die Sprache nicht beherrschen“, so der Unternehmer weiter und erklärt: „Sie müssen ja dem Unterricht in der Berufsschule folgen können und auch die Kommunikation im Arbeitsumfeld ist wichtig, um verschiedene Abläufe oder Prozesse zu verstehen und Fragen stellen zu können.

Herr Brockbals, das langfristige Ziel von Politik und Gesellschaft ist es, hier lebende Flüchtlinge in die Arbeitswelt zu integrieren und jungen Menschen Ausbildungsplätze zu ermöglichen. Doch viel ist bis jetzt noch nicht passiert. 

Burkhard Brockbals: Das stimmt. Als Kreishandwerksmeister bin ich auch ehrenamtlich tätig und wir sind bei dem Thema sehr engagiert. Wir haben immer gesagt, dass wir bereit sind, jungen Leuten eine Chance in unseren Unternehmen zu bieten. Jobcenter und Arbeitsagentur stoßen bei ihren Vermittlungsbemühungen aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse schnell an Grenzen. Die Sprachbarriere ist das größte Handicap. 

Gibt es Lösungsansätze?

Burkhard Brockbals: Sprachunterricht mit einem gleichzeitigen Langzeitpraktikum im Handwerk zu kombinieren, wäre sicherlich hilfreich. Wir glauben, dass auch hier der Integrationsgedanke greifen muss. Es ist wichtig, diesen jungen Menschen nicht nur in ihrer Wohnsituation zu helfen, sondern ihnen in gleichem Umfang einen gesellschaftlichen Anschluss zu bieten. So lernen sie soziale und wirtschaftliche Strukturen in unserem Land besser kennen und haben gleichzeitig die Möglichkeit, sich beruflich auszuprobieren. Erfreulich ist die zunehmende Tendenz im Bereich der Einstiegsqualifizierungsmaßnahmen, die durch Sprachunterricht ergänzt werden.

Ihr Engagement hat in Ihrem eigenen Betrieb mittlerweile Früchte getragen, denn Sie beschäftigen auch Flüchtlinge im Ausbildungsverhältnis. Wie kam es dazu?

Burkhard Brockbals: Die Kreishandwerkerschaft verteilt auf den Jobmessen die Adressen der Ausbildungsbetriebe, die auch Praktika für 

Flüchtlinge anbieten. In meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft habe ich meinen Standpunkt auch immer wieder öffentlich dargelegt. Das spricht sich rum, auch meine Kunden oder Ehrenamtliche, die Flüchtlinge betreuen, erfahren das. So entsteht eine Art Kontakthof oder Netzwerk, aus dem wir, aber auch andere Betriebe, dann schöpfen können.

Sie wurden also direkt angesprochen?

Burkhard Brockbals: Die Herangehensweise ist immer etwas unterschiedlich. So erzählte ein Kunde, der ehrenamtlich Flüchtlinge betreut, von einem jungen Syrer, der Interesse habe, die Elektrobranche kennenzulernen. Er ist seit 2014 in Deutschland, besucht die Hauptschule und spricht bereits sehr gut Deutsch. Wir haben ihn zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und bei einem anschließenden Praktikum stand sehr schnell fest, dass er bei uns eine Ausbildung zum Elektrotechniker machen möchte. 

Ein weiterer Mitarbeiter ist bereits 27 Jahre alt und kommt aus Bosnien Herzegowina. Er hat nach einem Langzeitpraktikum 2015 eine Lehre bei uns begonnen. Seine Sprachkenntnisse sind gut, die schulische Situation befriedigend. Auch er wird seinen Weg gehen, da bin ich mir sicher. 

Wir beschäftigen auch einen jungen Mann, der nicht als Flüchtling nach Deutschland kam, aber die Sprache nicht gut beherrschte. Er hatte bereits ein Elektroingenieur-Studium in seiner Heimat Lettland abgeschlossen und kam nach Gütersloh. Seine Qualifikation war hervorragend, deshalb entschlossen wir uns trotz der sprachlichen Barriere, ihn einzuarbeiten. Er ist mittlerweile angestellt, besucht gleichzeitig eine Sprachschule, und erreicht im Sommer das höchstmögliche Niveau. Sein gutes Deutsch verblüfft uns alle. Nach nur einem Jahr arbeitet er jetzt eigenständig als zweiter Servicetechniker für unsere Kunden. 

Das sind Erfahrungen, die Mut machen und Schule machen sollten.

Burkhard Brockbals: Auf jeden Fall. Alle drei hatten völlig unterschiedliche Motivationen und Lebensumstände, zu uns zu kommen. Und jedes Mal war die Entscheidung richtig, ihnen diese Chance zu geben.  

Allerdings ist nicht alles so rosig. Es gibt auch junge Menschen, denen wir nicht oder nur unzureichend helfen können. Wir haben uns um einen 28-jährigen Syrer bemüht, der hier eine Bleibe gefunden hat und als Aushilfe in Gütersloh tätig ist. Er hat eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, aber eine grundlegende Ausbildung fehlt ihm. Um ihm das zu ermöglichen, haben wir mit den Behörden telefoniert. Doch in Syrien hat es über Jahre hinweg kein geordnetes Schulsystem mehr gegeben. Deshalb ist dieser junge Mann nicht auf dem Niveau eines Hauptschülers; es fehlen ihm zu viele Vorkenntnisse, sodass er zurück auf die Schulbank müsste. Doch dann würde er nicht das Geld verdienen, das er jetzt für seine Aushilfstätigkeit erhält. 

Und damit ist er nicht der Einzige. Das ist eine „Karriere“, die mir Sorge bereitet, denn wenn irgendwann unsere Konjunktur wieder schwächelt, sind Menschen wie er die ersten, die dann davon betroffen sein werden. 

Als all die Asylbewerber kamen, hieß es, die deutsche Wirtschaft brauche die jungen Leute als  Arbeitskräfte. Sehen Sie das immer noch so positiv oder hat sich diese Einschätzung knapp zwei Jahre später geändert?

Burkhard Brockbals: Grundsätzlich gilt: Wir brauchen diese jungen Leute. Doch meine Einschränkung ist auch: Wir brauchen diejenigen mit einer guten Grundqualifikation – und genau daran muss noch gearbeitet werden. Ich wünsche mir, dass viele der jungen Menschen den Weg ins Handwerk finden. Denn wir haben hier in unserem Betrieb festgestellt, dass ihre Motivation ganz hervorragend ist. Und da helfen wir sehr gerne weiter.