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Seit 20 Jahren beschäftigt sich die Diplom Designerin, Ergotherapeutin und Kunsttherapeutin Dr. Alexandra Heinzelmann mit den Impulshölzern und freut sich immer wieder über die spannenden Ergebnisse. Foto: Sylvia Rudzio, Fotostudio Clemens.

Das Kreative in uns

Fein säuberlich aufgereiht liegen 28 kleine Holztafeln auf den Tischen verteilt. Auf jedem befindet sich ein kleines Stück Schleifpapier. Es gibt Behälter mit Stiften, Federn, glitzernden Perlen und anderen bunten Materialien. Und natürlich Kleber. Auf einer kleinen Werkbank liegt verschiedenes Werkzeug bereit. All das gehört zu der Impulsholzmethode, die Dr. Alexandra Heinzelmann vor Jahren entwickelte, wissenschaftlich erforschte und die in gewisser Weise ihr Leben seitdem begleitet. 

Gerade hat der Wehrfritz Verlag das Impulsholz-Buch der 47-Jährigen veröffentlicht, in dem sie die Vielschichtigkeit ihrer Methode beschreibt und Anregungen gibt, sie zu nutzen. „Mit Impulsholz zu arbeiten“, erklärt sie auf dem Buchtitel, hilft, Selbstbestätigung zu finden, Entspannung zu genießen, Neugier zu wecken, Gefühle wahrzunehmen und ganz einfach – miteinander zu sein.“ 

Doch was wäre das Buch ohne die vielen Menschen, die mittlerweile an ihren Workshops teilnahmen und die mit Wort und Bild hier Erwähnung finden? „Nichts“, meint Alexandra Heinzelmann. „Ich bin nicht Impulsholz, sondern alle, die mitgemacht haben.“ Deshalb hatte sie kurzerhand alle eingeladen, die Veröffentlichung mit einem gemeinsamen Workshop zu feiern. 28 von ihnen haben sich angemeldet, und heute ist es soweit.

Der Sinneswandel

Auch ich möchte mir gerne ein Bild von der Methode machen und besuche die Gütersloherin in der Galerie von Bildhauerin Marion Plaßmann. Sie hatte ihre Räume für den heutigen Tag zur Verfügung gestellt. „Die Impulsholzmethode ist barrierefrei“, so Heinzelmann, „und kann eigentlich überall stattfinden.“ Gleich werden die Teilnehmer eintreffen und wir haben noch Zeit für ein kurzes Gespräch. „Alles fing damit an, dass ich während meines Grafik Design Studiums ein therapeutisches Spielmittel entwickelte.“ „Sinneswandel“ hieß es und diente zur Arbeit mit autistischen Kindern. Es war der Beginn einer ganz anderen Berufsausrichtung. Eine Ergotherapeutische Ausbildung und ein Kunsttherapiestudium folgten. Sie arbeitete in einer Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und auch ihre Dissertationsarbeit befasste sich mit Kreativitätstechniken. Alexandra Heinzelmann leitete UNESCO-Kreativitätsworkshops und lehrt an einer Schule für Ergotherapie. Seit 1998 ist sie als Beraterin für den Ausstatter sozialer Einrichtungen Wehrfritz tätig. 

Die Arbeit mit den Holzkarten begann Heinzelmann bereits vor 20 Jahren. Doch erst 2010 sollten sie eine erste und vor allem größere mediale Aufmerksamkeit erfahren. Im Kindergarten der Tochter wollte sie gemeinsam mit anderen Müttern Geld für einen Umbau verdienen. Der Elternverein versandte 120 Sperrholzpostkarten an prominente Sportler, Künstler, Musiker und Politiker. 102 Motive kehrten nach Gütersloh zurück und wurden meistbietend versteigert. Die Liste der Gestalter kann sich durchaus sehen lassen: Unter ihnen waren Udo Lindenberg, Götz Alsmann, Angela Merkel, Bastian Schweinsteiger, Frank-Walter Steinmeier, Mesut Özil, Herbert Grönemeyer und Nena.

Jetzt also das Buch. „Meine komplette Berufserfahrung ist dort eingeflossen“, so die Gesundheitsforscherin. Darin beschreibt sie Anwendungsbeispiele und gibt Tipps für Kindergarten und Grundschule, Jugendliche und Erwachsene, ältere Menschen und Flüchtlinge. Die Methode findet ihren Einsatz in der Therapie, zum Coaching, für Fortbildung und Studium, auf Kongressen, bei Workshops, in sozialen Einrichtungen oder auf Feiern. „Ich setze das Impulsholz gerne zur Themenvertiefung, als Brainstorming oder zur Abschlussreflektion bei meinen Studenten ein.“ 

Jeder bestimmt selbst was passiert 

Mittlerweile strömen die „Impulsholzer“ in die Galerieräume. „Ich bin schon sehr gespannt“, sagt Alexandra Heinzelmann. „Bisher habe ich die Veranstaltungen immer gruppenspezifisch ausgelegt, doch heute ist es das erste Mal, dass alle gemeinsam kreativ sein werden.“ Bald schon nehmen die Teilnehmer ihre Plätze ein. Eine Art freudige Erwartung liegt in der Luft und mischt sich quer durch alle Jahrgänge. Schnell sitzt Jung neben Alt und Mütter mit ihren Kindern neben Jugendlichen. Alexandra Heinzelmann begrüßt ihre Gäste und erklärt mit wenigen Worten, was sie erwartet. Doch im Gegensatz zu mir weiß hier eigentlich jeder, was passiert, denn alle gehören zur rasant wachsenden Impulsholz-Community. Nur das Resultat, das ahnt noch niemand. 

Es dauert nicht lang und jeder ist konzentriert bei der Sache – es wird gehämmert, geklebt, geschliffen, geschrieben und gemalt. 20 Minuten hat jeder Zeit, um sein ganz persönliches Impulsholz zu gestalten. Während 56 Hände die Karten bearbeiten, führe ich mein Gespräch mit Alexandra Heinzelmann fort. Ein angenehmer Holzduft verteilt sich allmählich im Raum. Macht dieses Material die Methode so besonders, möchte ich wissen. „Auf jeden Fall“, lautet die Antwort. Man habe etwas in der Hand, das nicht so schnell vergänglich sei. Es ist fest, aber formbar, man kann es sägen und sogar zerbrechen „Mit dem DIN-A 6-ähnlichen Format hat das Holz eine sehr handliche Größe und der Arbeitszeitraum ist damit genau begrenzt. Seit Jahren arbeite ich mit der Methode in den unterschiedlichsten Bereichen und habe festgestellt, dass die 20 Minuten für die verschiedensten Anwendungen perfekt sind. Das Erfolgserlebnis ist quasi vorprogrammiert.“

Begreifen kommt von Greifen

Es sei wichtig, nicht zu werten, erklärt Heinzelmann die Vorgehensweise. Und einmal nicht die Lieblingsfarbe zu nehmen, sondern einfach den Händen dabei zuzuschauen, wie sie gestalten. „Man kann die Zeit als gedanklichen Freiraum nutzen – und ich schwöre, wenn sie in zehn Jahren diese Karte anschauen, wissen sie noch, was sie dabei gedacht und gefühlt haben“, ist die Therapeutin von den Möglichkeiten begeistert, die ihre Methode bietet. In der Impulsholzarbeit finde eine Probehandlung statt, die die Schöpferkraft weckt und somit neue Energien freisetzt. „Ich selbst habe mittlerweile mehre hundert Impulshölzer entstehen sehen. Ich habe viele fotografiert und weiß noch genau, wie jedes von ihnen entstanden ist. Das ist so eine starke Erinnerungsspur.“ 

Und ganz ehrlich? Das spürt man auch hier. Bereits nach wenigen Minuten nehmen die Karten mehr und mehr Gestalt an und wirklich jeder Mann und jede Frau, jedes Kind oder Jugendliche ist mit ganzem Eifer beschäftigt. „Das ist Gesundheitsförderung pur“, sagt Heinzelmann. Während die Einen Stücke aussägen oder ganze Flächen bemalen, kleben die Anderen glitzernde Sternchen und Perlen, was das Zeug hält. Einige Hölzer sind mit dicker, zähflüssiger Farbe bedeckt, auf anderen hüpfen erste, kleine Umrisse von Tieren herum. „Ich bin immer wieder begeistert, welche Ideen diese Methode zu Tage fördert“, so Heinzelmann. Das könne man auch neurophysiologisch erklären. „Ich habe das während meiner Doktorarbeit erforscht.“ 

Von der Lernlust

Der Hirnforscher und Molekularbiologe Gerald Hüther erklärt das mit bestimmten  Gedächtnisankern. Dazu muss das Gehirn allerdings in einem Erregungsniveau sein, in dem es möglichst wenig Stress empfindet. Denn nur so komme man überhaupt in eine kreative Phase. Die Arbeit mit dem Material setze eine Vielzahl sensorischer Reize frei, denn mit Holz als Untergrund zu arbeiten, sei ja ein ganz anderer Input, als „nur“ Stift und Papier zur Hand zu nehmen. Hüther, erklärt Alexandra Heinzelmann, nenne das „Lernlust“ – also gierig zu sein, etwas Neues auszuprobieren. „Letztendlich“, so Heinzelmann sei die Impulsholzmethode etwas, das mit verschiedensten Menschen wie von selbst funktioniere. Und noch eins sei wichtig: Wenn etwas erst einmal auf eine Karte aufgetragen ist, sind die ersten Worte dafür schnell gefunden und vielleicht, so schließt sie, auch der erste Schritt zur Umsetzung einer bisher ungeahnten neuen Idee.

Im Hier und Jetzt

Die 20 Minuten sind vorbei. Alexandra Heinzelmann stellt das Arbeitsmaterial zur Seite und die frisch gestalteten Karten werden in die Mitte der Tische gelegt. Nach einer kurzen Einleitung entstehen schnell intensive Unterhaltungen. Warum und wieso diese Farben gewählt wurden, welche Karte weshalb besonders ist, und welche Materialien schwer oder leicht zu verarbeiten sind. Doch bald schon vermischen sich die Gespräche und ein Mädchen erzählt von ihrem Lieblingspferd, andere von einem Ereignis in ihrer Jugend oder großen unternehmerischen Plänen. „Entstanden sind keine Kunstwerke“, so Heinzelmann, „es sind vielmehr Zeitzeugnisse.“ Was ist daran die Therapie, frage ich. „Man unterhält sich und schenkt dem Raum, was einen momentan beschäftigt.“ Nichts, so Heinzelmann, müsse sich dabei auf die Hölzer beziehen, die Unterhaltung selbst sei es, die zähle. „Es geht nur um den Moment.“ Doch auch das sei neuropsychologisch betrachtet interessant: „Die Menschen“, so Heinzelmann, „planen ständig für die Zukunft oder sprechen über die Vergangenheit – doch hier ist es tatsächlich so, dass ich in der Gegenwart ankomme und meinem Forschergeist, dieser unbändigen Neugier, mit der wir alle auf die Welt gekommen sind, einen Freiraum verschaffe.“ Denn, so kommt sie zu dem Schluss: „Handeln kann ich immer nur im Jetzt.“ Und vielleicht, so denke ich, ist es genau das, was diesen Nachmittag so interessant macht: Dass man einfach mal dem Moment die ganze Aufmerksamkeit schenkt, eine Spur hinterlässt und damit möglicherweise einen wichtigen ersten Schritt in eine neue Richtung wagt. 

 
 

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