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Blick in den Druckereisaal. Aufnahmedatum: 1935

175 Jahre Bertelsmann – Eine Zukunftsgeschichte

Bertelsmann ist im 21. Jahrhundert als internationales Medienunternehmen in den Bereichen Fernsehen (RTL Group), Buch (Random House), Zeitschriften (Gruner + Jahr), Medienservices (Arvato) und Medienclubs (Direct Group) in mehr als 50 Ländern der Welt aktiv ist. Anspruch von Bertelsmann ist es, Menschen weltweit mit erstklassigen Medien- und Kommunikationsangeboten – Unterhaltung, Information und Services – zu versorgen und damit in den jeweiligen Märkten Spitzenpositionen einzunehmen. Grundlage des Erfolges von Bertelsmann ist eine Unternehmenskultur, die auf Partnerschaft, Unternehmergeist, Kreativität und gesellschaftlicher Verantwortung basiert, so die Unternehemsphilosophie. Das Unternehmen verfolgt das Ziel, kreative, zukunftsträchtige Ideen zur Marktreife zu bringen. Bertelsmann feiert im Jahr 2010 sein 175. Jubiläum. Im zweiten Teil unserer Serie über den Konzern starten wir mit der Chronik der Bertelsmann AG seit 1835. In dieser Ausgabe – die Jahre von 1835 bis 1950.

1835-1850 Carl Bertelsmann
Zum 1. Juli 1835 gründete der Drucker Carl Bertelsmann (1791-1850) in Gütersloh den C. Bertelsmann Verlag, nachdem er bereits seit 1824 erfolgreich eine Steindruckerei betrieben hatte. Der erste Bertelsmann-„Bestseller“ trug den Titel „Theomele“ und enthielt christliche Lieder und Gesänge. Mit seinem Verlagsprogramm unterstützte Carl Bertelsmann die religiöse Erweckungsbewegung der evangelischen Gemeinden in der Region Minden-Ravensberg, insbesondere deren wichtigsten Vertreter, Johann Heinrich Volkening, mit dem er eng zusammenarbeitete. Carl Bertelsmann veröffentlichte aber auch allgemeinbildende Bücher und gab zwei Zeitungen heraus, von denen das „Evangelische Monatsblatt für Westfalen“ zum wichtigsten Periodikum der Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung wurde. Es erschien ohne Unterbrechung bis 1929. Gesellschaftspolitisches Engagement war für Carl Bertelsmann von Anfang an selbstverständlich: Er betätigte sich in Gütersloh als Kirchenvorstand und als Stadtverordneter, er organisierte die kommunale Armenpflege und engagierte sich für die Gründung des Evangelisch-Stiftischen Gymnasiums.

1850-1887 Der Verlag unter Heinrich Bertelsmann
Sowohl in unternehmerischer als auch in religiöser und politischer Hinsicht folgte Heinrich Bertelsmann (1827-1887) den Idealen seines Vaters. Zählte der Betrieb zur Jahrhundertmitte noch 14 Mitarbeiter, so stieg diese Zahl binnen weniger Jahre auf 60. Das Programm wurde durch den Ankauf anderer Verlage und Verlagssegmente stetig erweitert: Neben die Theologie traten nun auch die Philologie, Geschichte und Jugendliteratur. Als einer der Gründer des konservativen „Volksblatt für Minden-Ravensberg“ (1859, drei Jahre später umbenannt in „Konservativer Volksfreund“), in dem er mit zahlreichen Leitartikeln und Kommentaren vertreten war, nahm Heinrich Bertelsmann großen politischen Einfluss auf die ostwestfälische Region. Die Expansion des Verlagsgeschäfts machte bald einen Neubau notwendig. 1868 verließ das Unternehmen das Gründungshaus am Kirchplatz und zog in die Bahnhofsstraße (später Eickhoffstraße). Das neue Gebäude, zur Jahrhundertwende um einen Druckereisaal erweitert, blieb bis 1976 der Sitz des Unternehmens. Wie sein Vater Carl engagierte sich Heinrich Bertelsmann in zahlreichen kirchlichen und sozialen Einrichtungen der Stadt. Im eigenen Unternehmen richtete er zum 1. Januar 1887 die erste betriebliche Alters- und Invalidenkasse ein.

1887-1920 Theologische Rückbesinnung unter Johannes Mohn
Johannes Mohn (1856-1930), Pastorensohn aus dem Rheinland, heiratete 1881 Friederike Bertelsmann (1859-1946), das einzige überlebende Kind Heinrichs, und führte nach dem Tod des Schwiegervaters die Verlagsgeschäfte fort. Johannes Mohn hatte zuvor bereits eine  Buchhändlerlehre bei C. Bertelsmann absolviert. Unter seiner Führung gewann die praktisch-theologische Literatur wieder an Bedeutung. Selbst in der protestantischen Missionsbewegung aktiv, baute er mit der Gründung missionarischer Zeitschriften und Schriftenreihen das Haus zu einem führenden missionswissenschaftlichen Verlag auf. Das inzwischen mittelständische Unternehmen wuchs weiter: 80 Mitarbeiter zählte es im Jahr 1910 – zu einer Zeit, als Gütersloh insgesamt 18.000 Einwohner verzeichnete. Auch Johannes Mohn nahm zahlreiche Ämter und Mitgliedschaften wahr: So war er unter anderem Stadtverordneter, Presbyter, Kirchmeister, Kurator des Evangelisch-Stiftischen Gymnasiums, Vorsitzender verschiedener Missionsgesellschaften und Vorstandsmitglied der Vereinigung evangelischer Buchhändler. Der Erste Weltkrieg bedeutete für ihn eine tiefe Zäsur: „Unter dem Druck der Erlebnisse“, schrieb sein Sohn und Nachfolger Heinrich später, hätten den Vater die Kräfte verlassen. 1921 gab er die Verlagsführung ab.


Drei Generationen der Familie Mohn: Verlagschef Johannes Mohn mit Sohn und Nachfolger Heinrich sowie Enkel Hans-Heinrich. Aufnahmedatum: 1913


1921-1930 Heinrich Mohn und die Modernisierung des Verlags
Mit Heinrich Mohn (1885-1955) übernahm die vierte Generation das Familienunternehmen. Als er 1921 Firmenchef wurde, hatte der Verlag 84 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von 700.000 Reichsmark. Mohn, der im Ersten Weltkrieg Offizier gewesen war, modernisierte das Unternehmen: Vertrieb, Buchhaltung und Herstellungskalkulation wurden auf eine neue Grundlage gestellt, das Verlagsprogramm neu strukturiert. Die Vertriebsaktivitäten beruhten auf einer engen Kooperation mit evangelischen Vereinen und Organisationen – sie wurden in dieser Zeit zum Vorbild für die später mit großer ökonomischer Dynamik entfalteten Aktivitäten im belletristischen Programm.  Trotz hoher Einbußen während der Inflationszeit in den zwanziger Jahren gelang es Mohn, das zunehmend schwieriger werdende theologische Verlagsgeschäft bis zum Ende des Jahrzehnts zu konsolidieren. Vor allem die in hohen Auflagen erscheinenden Zeitschriften des Pfarrers Johannes Zauleck sicherten dem Haus auch während der Weltwirtschaftskrise den Fortbestand: Die von ihm herausgegebenen Blätter „Für unsere Kinder“, „Für alte Augen“ sowie die Broschürenhefte „Acht Seiten Freude zu bereiten“ waren für die praktische Gemeindearbeit konzipiert und erreichten zusammengenommen ein Millionenpublikum.



Erstes Signet des C. Bertelsmann Verlages. Als Leitspruch seines neuen Verlages wählte Carl-Bertelsmann den Psalm 24: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“ Aufnahmedatum: 1835


Start der Belletristik
Die theologische Tradition des Verlags bildete die Basis für den bald rasant expandierenden belletristischen Programmbereich. Mit der 1927 erstmals erschienenen Zeitschrift „Der christliche Erzähler“ gelang es dem Verlag, seine nach wie vor an Gemeindearbeit und Erbauungsliteratur ausgerichtete Zielgruppe zusätzlich mit „Erzählliteratur“ zu versorgen. Im selben Jahr schlug Fritz Wixforth, als Vertriebschef enger Mitarbeiter Heinrich Mohns, die Einrichtung einer kleinen Romanabteilung vor. Trotz des großen Erfolges des „Christlichen Erzählers“ und einiger Romanausgaben sollte es jedoch noch Jahre dauern, bis mit der Belletristik der Durchbruch zum breiten Lesepublikum erreicht wurde.

Neue Vertriebsstrategien
Fritz Wixforth (1897-1976) setzte auf moderne Absatz- und Werbemethoden. Durch großformatige, farbige Plakate und Schaufensterarrangements für die belletristischen Werke wurde nun auch das Sortiment verstärkt in den Vertrieb miteinbezogen. Später kamen „Neuigkeitspakete“, Romankassetten und Preisausschreiben hinzu, die die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich zogen. Die Romankassetten waren besonders für den Reise- und Versandbuchhandel interessant – hier entstanden Kontakte, die für Bertelsmann ab den 1950er Jahren große Bedeutung erlangen sollten. 1934 kam die Belletristik in die Gewinnzone.

1930-1940 Anpassung im Dritten Reich
Die zunehmende Orientierung an den Interessen des breiten Lesepublikums führte dazu, dass neben klassischer Literatur und trivialen Romanen zunehmend auch Bücher mit nationalistischem, völkischem und auch antisemitischem Inhalt verlegt wurden. An der Erschließung dieses Marktes hatte der einflussreiche völkische Dichter und nationalsozialistische Schrifttumsfunktionär Will Vesper entscheidenden Anteil; er wurde 1932 als Verlagsautor unter Vertrag genommen. Der rapide kommerzielle Aufstieg nahm 1934 mit der Veröffentlichung von Kriegserlebnisbüchern seinen Anfang. Diese Bücher, die Front-, Freikorps- oder Kameradschaftserfahrungen deutscher Soldaten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und den Folgejahren autobiographisch aufbereiteten, verkauften sich in hohen Auflagen. Gewinne machte der Verlag vor allem mit dem Verkauf von Feldpostausgaben. Diese hatten nach Beginn des Zweiten Weltkriegs die Funktion, die Soldaten an der Front mit Literatur zu versorgen, die vom Kriegsalltag ablenken sollte. Hierbei spielten neben „Heile-Welt-Szenarien“ und klassischer Literatur auch völkisch-nationale Botschaften eine große Rolle. Kurz vor Kriegsbeginn erreichte die Mitarbeiterzahl mit 440 ihren vorläufigen Höhepunkt. Der C. Bertelsmann Verlag wurde zum größten Bücherlieferanten für die Wehrmacht und druckte an Standorten in ganz Europa. Die christlich-konservative Tradition des Hauses ging dabei in Programm und Unternehmenskultur eine Verbindung mit der Ideologie des Nationalsozialismus ein. Der Erfolg des Verlags fußte zum großen Teil auf ökonomischer wie ideologischer Anpassung an das System des Nationalsozialismus. Eine unabhängige Historische Kommission hat die Unternehmensgeschichte der Jahre 1921 bis 1948/49 erforscht und dazu 2002 den umfassenden Bericht „Bertelsmann im Dritten Reich“ vorgelegt.

Theologie im Dritten Reich
Heinrich Mohn, kirchenpolitisch der Bekennenden Kirche nahestehend, führte den ökonomisch wenig rentablen theologischen Programmbereich weiter fort. Auch hier kam es bei Autoren wie dem bekannten Theologen Paul Althaus zu ideologischen Verbindungen zum Nationalsozialismus. Mit der 1934 gegründeten Reihe der „Volksmissionarischen Hefte“ knüpfte Mohn an die bereits in den 1920er Jahren erstarkende Volksmissionsbewegung an, die für das Profil des Verlags auch in den dreißiger Jahren bestimmend blieb. Aufgrund behördlicher Bestimmungen wurde 1939 der theologische Zweig des Verlags in den Rufer-Verlag ausgegliedert, der weiterhin Kontakte zur Bekennenden Kirche unterhielt. Im Zuge von Zensurmaßnahmen und der zunehmenden Kontingentierung von Druckpapierzuteilungen wurden ab 1941 keine theologischen Titel mehr verlegt.

1940-1950 Bücher für die Wehrmacht
Nach dem Kriegsbeginn begann der Verlag, etliche seiner Bücher in speziellen Wehrmachtsausgaben anzubieten. Die ungewöhnlich hohe Zahl von 19 Millionen Exemplaren ließ die Gewinne gewaltig steigen und brachte C. Bertelsmann bis 1943 einen zweifelhaften ersten Platz in den Produktionsstatistiken ein. Organisatorisch wurde dies vor allem durch die Leistungsfähigkeit der eigenen Druckerei und durch die Weitergabe von Aufträgen an Druckereien im besetzten Holland und in Osteuropa möglich. In den Wehrmachtsausgaben wurde die gesamte inhaltliche Bandbreite des Verlags angeboten, also sowohl Klassiker der deutschen Literatur als auch Literatur mit völkisch-nationaler und auch antisemitischer Ausrichtung. Gleichzeitig geriet das Unternehmen aufgrund der zunehmenden Papierkontingentierung und der Zensurmaßnahmen in Konflikt mit den Behörden der NS-Kultur- und NS-Wirtschaftsbürokratie. Hiervon war vor allem der theologische Rufer-Verlag betroffen, der 1943 geschlossen wurde.

Schließung des Verlags
Im Zuge eines Prozesses wegen illegaler Beschaffung von Papiervorräten und im Rahmen der Mobilmachung der gesamten deutschen Wirtschaft wurde der C. Bertelsmann Verlag 1944 geschlossen. Die missbräuchliche Verwendung sogenannter Papierschecks der Wehrmacht, in die Mitglieder des höheren Managements gemeinsam mit dem Berliner Papierschieber Matthias Lackas involviert waren, führte zu Ermittlungen gegen drei leitende Angestellte und schließlich zu einer Anklage, die erst kurz vor Kriegsende gegen eine Ordnungsstrafe aufgehoben wurde.

Zerstörung und Neuanfang
Im März 1945 wurden große Teile des Verlagsgebäudes bei einem britischen Bombenangriff auf Gütersloh zerstört. Nur die Druckmaschinen blieben weitgehend verschont, so dass der Betrieb unmittelbar nach Kriegsende mit dem Druck von Schulbüchern im Auftrag der britischen Militärregierung wieder aufgenommen werden konnte. Im Zuge von Lizenzverhandlungen im Frühjahr 1947 gab Heinrich Mohn den Firmenvorsitz ab. Mit seinem Sohn Reinhard Mohn (1921-2009), der ein Jahr zuvor aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und politisch unbelastet war, übernahm die fünfte Familiengeneration die Führung des Verlags. Im Buch „Bertelsmann im Dritten Reich“ (München 2002) sind die Vorgänge um die neue Lizenz detailliert beschrieben.



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