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Armut in der Mitte der Gesellschaft

Die Soziale Ungleichheit gefährdet den Zusammenhalt einer Stadt“, sagt Volker Brüggenjürgen. Der Vorstand des kreisweiten Caritasverbandes ist zugleich Sprecher der Armutskonferenz Gütersloh. Am 31. März kam in der Weberei das Netzwerk aus etwa 30 ehrenamtlich Aktiven, die sich aus sozialen Organisationen, Wohlfahrtsverbänden, Parteien, Gewerkschaften und Kirche zusammensetzen, zum zweiten Mal zusammen. Mit ihnen diskutierten 120 Gütersloher Bürger über die Armut in der Region. War das Hauptaugenmerk der ersten Veranstaltung noch darauf gerichtet, das Thema Armut in die Stadtgesellschaft zu tragen, ging es jetzt darum, auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse hinzuweisen.

GT-INFO Redakteurin Birgit Compin hat Volker Brüggenjürgen zu einem Gespräch getroffen.

Das Netzwerk setzt sich aus Menschen verschiedener Institutionen und politischer Anschauungen zusammen. Ist diese Unterschiedlichkeit das Erfolgsrezept?
Ich denke ja. Gleichzeitig ist es ein sehr positiv gestimmtes und sehr lösungsorientiertes Netzwerk. Wir wollen gemeinsam mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Lösungen finden und die Lebenssituation Betroffener verbessern.

Nun könnte man sagen: Gütersloh geht es doch wirtschaftlich gut! Man hat nicht den Eindruck, an jeder Ecke auf Armut zu treffen. Warum also diese Konferenz in einer so gut situierten Stadt wie Gütersloh?
Auf dem ersten Blick könnten Sie recht haben. Doch während unsere Unternehmen Milliardengewinne erwirtschaften, helfen Tafel, Kleiderkammer und Suppenküche bedürftigen Menschen. Das ist Ungleichheit. Bereits mit der ersten Konferenz fragten wir, ob es Arme in unserer Stadt gibt und wenn ja, wer überhaupt arm ist.

Für den normaldenkenden hat Armut in erster Linie mit Geld zu tun.
Das war auch unser erster Ansatz: Alleinerziehende, kinderreiche Familien oder Menschen die arbeitslos sind und von Hartz IV leben müssen. Zur ersten Konferenz zeigte uns Referent Prof. Dr. Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, dass es nicht nur um materielle Armut geht, sondern auch um mangelnde Teilhabe. Wenn sich eine Gesellschaft nicht um soziale Gerechtigkeit bemüht, gerät der Zusammenhalt in Gefahr. Man hat das Gefühl, dass der Wohlstand und auch das Vertrauen in unsere Demokratie Schaden nimmt, wenn die soziale Ungleichheit größer wird. Damit gemeint ist nicht nur die Einkommensungleichheit, sondern auch die Vermögensungleichheit.

Wie wollen Sie die Gesellschaft dafür sensibilisieren?
Es ist ganz wichtig, dass soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Politik und Bürger gerät. Unsere Gesellschaft muss neue Perspektiven entwickeln und hinterfragen, wer arm ist. Wir haben sehr viele Arme in Gütersloh, die in einer Wohnung leben, aber es reicht hinten und vorne nicht.

Deshalb stand bei der zweiten Armutskonferenz auch die Lebenssituation der Menschen im Vordergrund?
Das ist richtig. Es wird immer Menschen geben, die aus dem System herausfallen. Arbeitsplatzverlust, Ehescheidung, Beziehungskrise, Erkrankung oder auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse können sie in die Armut rutschen lassen. Wir müssen eine Sensibilisierung dafür entwickeln, dass es Menschen gibt, die dauerhaft abgehängt werden.

Was meinen sie mit prekären Beschäftigungsverhältnissen?
Dabei geht es in Gütersloh um die Situation der osteuropäischen Werksvertragsarbeiter. Sie stand im Mittelpunkt unserer Podiumsdiskussion und die Betroffenheit der Anwesenden war spürbar. Jetzt ist es wichtig, dass wir beginnen, den Blick auf die Lebenssituation der nicht so gut Gestellten zu richten.

Sie meinen den Vortrag von Dr. Natalie Grimm zum Thema „Prekäre Beschäftigung, prekäres Leben“?
Ja, und die vorgetragenen Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass sich die Beschäftigten von Teilzeit- zu Teilzeitjob und von Leiharbeit zu Leiharbeit hangeln. Zwar steckt ganz viel Dynamik in ihrem Leben, aber sie kommen auf keinen grünen Zweig.

Und doch gibt es einen Unterschied zu den osteuropäischen Werksvertragsarbeitern?
Genau, denn es kommen verstärkt ärmere und bildungsfernere Menschen nach Gütersloh, um hier zu arbeiten. Ihre Kinder haben in keiner Weise gleichwertige Bildungschancen wie ein Gütersloher Kind. Sie werden um ihre Zukunft betrogen, weil wir uns nicht die Mühe geben, die Menschen, die wir zum Arbeiten hierhin geholt haben, gut zu integrieren. Wenn dann noch die Automatisierung in den Fabriken fortschreitet, werden ihre Eltern hier keine Arbeit mehr finden. Dann haben wir zukünftig noch mehr Armut in Gütersloh. Deshalb gilt es schon jetzt Ideen zu entwickeln, was man dagegen tun kann.

Haben Sie konkrete Vorschläge?
Das Thema ist zunächst einmal mitten in der Gesellschaft angekommen – und das verändert die Menschen. Es wächst die Erkenntnis, wenn es den anderen gut geht, geht es mir auch gut. So entstehen gesellschaftliche Veränderungen für mehr soziale Gerechtigkeit und eine praktische Armutsbekämpfung vor Ort.

Welche Zielsetzungen haben Sie jetzt formuliert?
Es geht um Sensibilisierung, Aufmerksamkeit und Verbesserung der Lebenssituation armer Menschen in Gütersloh. Wir fordern die Einrichtung einer Koordinationsstelle zur Verhinderung der Kinderarmut und müssen der Altersarmut entgegenwirken. Es geht um Stärkung des Sozialen Wohnungsbaus zur Verhinderung von Wohnungsnot. Die verbesserte Integration der Menschen aus Südosteuropa ist das zentrale Thema, genauso wie die prekäre Wohnsituation der Werksarbeiter. Hier muss mehr getan werden, wenn wir unsere Lebensqualität erhalten wollen, das war für die Teilnehmenden an der Armutskonferenz eindeutig. Hier müssen künftig die Unternehmen eindeutig mehr soziale Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten übernehmen.

Foto: Wolfgang Sauer
Wenn eine Gesellschaft sich nicht um soziale Gerechtigkeit bemüht, gerät der Zusammenhalt in Gefahr – Wohlstand und Demokratie könnten dann Schaden nehmen, meint Volker Brüggenjürgen im Gespräch mit GT-INFO.

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