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Stadtgespräch: Der Wunsch nach alternativem Lernen

GT-INFO im Stadtgespräch mit einigen der Initiatoren für die Gründung einer freien, demokratischen Schule in Gütersloh. Stefanie Drücker (Logopädin aus Gütersloh), Joachim Rode (Grundschullehrer aus Steinhagen) und Maja Boigs (Studentin aus Bielefeld) geben ein Exklusiv-Interview.

Interview: Heiner Wichelmann
Foto: Pexels.com/Pixabay

Eine Initiative engagierter Menschen plant in Gütersloh die Gründung einer „freien, demokratischen Schule“. Sie sagen: Der klassischen Regelschule fehle die Freiheit zum selbstbestimmten individuellen Lernen. Darin besteht ihre Hauptkritik. Eigeninitiative und Interesse zählen nicht, entscheidend sei allein die Vorbereitung auf die jeweils nächste zeitlich befristete Wissensabfrage. Dieses Prinzip wollen die Gründer von „Unsere Schule OWL“ für eine Grundschule, später auch mit einer weiterführenden Schule, neuer Art aufbrechen. Ihr Ziel: Die Schülerinnen und Schüler sollen so selbstbestimmt und eigenverantwortlich wie möglich lernen können. Das Projekt ist gesetzlich durch die Verordnung über die Ersatzschulen (ESchVO) in Nordrhein-Westfalen gedeckt. Grundsätzlich kann jeder einen Antrag auf Genehmigung für die Gründung einer Schule bei der oberen Schulaufsicht stellen. Voraussetzung sind unter anderem der Elternwille, die Finanzierung der Schule, das besondere pädagogische Interesse und die Organisation des Lehrangebots.

Frau Drücker, Herr Rode, wie kamen Sie auf die Idee, sich für die Gründung einer freien und demokratischen Schule zu engagieren?
Rode: Ich habe im Sommer 2016 im Heimathaus Steinhagen im Rahmen einer Infoveranstaltung den Film „Schools of Trust“ über das Prinzip und die Ziele freier und demokratischer Schulen gesehen, den  die Initiatorin des Projekts, Verena Czichon, im Rahmen eines Vortrags zeigte, und war gleich fasziniert von dieser vollkommen anderen Art von Schule. Als Grundschullehrer wird von mir erwartet, die Kinder individuell zu fördern und auf ihrem Weg zu begleiten, jedoch ist dies in der Realität aus verschiedenen Gründen für meinen Anspruch nicht ausreichend möglich, was durchaus frustrierend sein kann: Große Klassen, steigende Anzahl an Kindern mit besonderem Förderbedarf und der oft im Vordergrund stehende Leistungsgedanke, um ein paar Beispiele zu nennen. Die Infoveranstaltung zeigte mir, dass es auch noch einen anderen Weg geben kann, in dem die Kinder sich frei und mit Freude am Lernen entwickeln können. Die Idee von solchen freien alternativen Schulen ist nicht unbedingt neu. Diese Konzepte haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und haben uns bei der Entwicklung unseres Schulkonzepts inspiriert.
Drücker: Ich bin erst Ende 2018 zum Team dazugekommen. Mein Partner und ich beschäftigen uns seit einiger Zeit, nebenberuflich und freilernend, mit verschiedenen Aspekten der Permakultur. Über Internetrecherchen entdeckte ich das Summerhill-Schulprojekt in England und dessen internationale „Sprösslinge“. Ich war gleich fasziniert von dieser vollkommen anderen Art von Schule. Ich wünschte, es hätte zu meiner Zeit hier so eine Schule gegeben! Ich bin mir heute sicher, dass es für mein Leben gut gewesen wäre, wenn ich genauso, also selbstbestimmt und ohne den ständigen Leistungsdruck, hätte lernen können. Freie alternative Schulen bieten ganz andere Möglichkeiten, die individuellen, angelegten Potentiale zur Entfaltung zu bringen. Was hätte aus mir wohl alles werden können? (lacht) Durch meine Arbeit sehe ich immer wieder Kinder, die sich auf der Regelschule schwer einfinden können und vielleicht etwas anderes bräuchten. Ich habe nach Alternativen gesucht, und Montessori und Waldorf gehen mir noch nicht weit genug in puncto Selbstbestimmung. „Unsere Schule OWL“ habe ich beim BFAS, dem Dachverband der freien Alternativschulen, entdeckt.

Sie planen konkret die Gründung einer Schule in Gütersloh?
Drücker: Ja, hier in Gütersloh. Wir werden unser Konzept bis zum Sommer fertigstellen und haben bereits erste Kontakte mit der Stadt Gütersloh geknüpft. Im Dezember wollen wir sämtliche notwendigen Unterlagen zur Anmeldung der Schule bei der Bezirksregierung Detmold vorlegen. Bis dahin müssen wir genügend Eltern finden, die sich eine solche Schulform für ihre Kinder vorstellen können, denn es braucht eine Menge Vertrauen in die intrinsische Lernmotivation des eigenen Kindes. Zudem brauchen wir ein Schulgebäude, entsprechendes (Lehr-)Personal, Ausstattung und so weiter. Die Stadt Gütersloh hat uns übrigens schon eine mögliche Unterkunft vorgeschlagen: auf dem Gelände der ehemaligen Mansergh-Barracks.

Herr Rode, Sie sind Grundschullehrer. Warum vertrauen Sie Ihrer Schule nicht, warum setzen Sie sich für ein alternatives Angebot ein?
Rode: Ich kritisiere nicht die Schule an sich und ich weiß aus Erfahrung, dass an den Grundschulen viele engagierte Pädagogen arbeiten, die täglich versuchen, ihr Bestes zu geben. Ich sehe aber leider auch immer wieder, dass nach mehreren Jahren im Schuldienst der Frust und der Stress in der Lehrerschaft stetig zunimmt und auch zum Teil ein gesundheitsgefährdendes Niveau erreichen kann. Dass sich dies direkt auf die Kinder auswirkt ist eine logische Schlussfolgerung. Der Noten- und Leistungsdruck durch Schule und aber auch durch das Elternhaus baut sich oft schon in dieser frühen Kindheitsphase der Grundschulzeit auf und wird an den weiterführenden Schulen intensiviert. Es wird nicht für einen selbst gelernt, sondern nur für die nächste Arbeit oder die nächste Note und die Kinder fangen zu früh an, sich zu vergleichen und in Konkurrenz zueinander zu treten, anstatt miteinander zu kooperieren und voneinander zu lernen. Auch halte ich den strukturellen Rhythmus von zwei 45-minütigen Schulstunden bis zur nächsten Pause für wenig kindgerecht. Daraus resultiert, dass die Kinder sich an von außen auferlegte Regeln halten müssen, um dieser Struktur zu entsprechen. Ich möchte jedoch betonen, dass ich weiß, dass Kinder sich auch noch sehr viel länger als 90 Minuten intensiv mit einem Gegenstand beschäftigen können, nämlich dann, wenn sie sich wirklich für ihn interessieren. Auch können Kinder sich besonders gut an Regeln halten, wenn sie diese Regeln selbst mit aufgestellt haben. Ich will nicht abstreiten, dass der Leistungsgedanke in der früheren Zeit einen bestimmten Sinn und Zweck erfüllte, jedoch hat sich die Gesellschaft und auch die Arbeitswelt gewandelt und deswegen sollte sich meiner Meinung nach auch die Struktur des Schulsystems ändern. Den Ansatz der demokratischen Schulen, der u.a. auf Selbstorganisation, gemeinschaftliches Lernen und Mitbestimmung abzielt, halte ich für eine gute Möglichkeit, diese Änderung voran zu treiben.

Wollen Sie das Schulsystem abschaffen?
Rode: Nein, es geht uns nicht darum, das Schulsystem abzuschaffen. Wir sagen nur, es fehlt an Alternativen. Waldorf-, Montessori- und Laborschule beispielsweise erleben ja, wie groß die Nachfrage nach einem alternativen Unterrichtskonzept ist. Und natürlich gibt es auch Kinder, die mit Regelunterricht klarkommen und sich damit gut arrangieren können. Es gibt aber auch viele Kinder, die darunter leiden. Die Erziehungsstile verändern sich und wir brauchen Alternativen, die allen Kindern gerecht werden können. Hier halte ich das derzeitige Schulangebot für stark ausbaufähig. Der Bedarf und auch die Notwendigkeit sind wirklich da.

Was planen Sie genau?
Rode: Wir starten klein und einzügig und erweitern dann jedes Jahr um eine Stufe. Klassische Jahrgangsstufen oder Klassen soll es bei uns nicht geben, um das Lernen von- und miteinander zu fördern. Nach vier Jahren soll sich eine weiterführende Schule anschließen. Es gibt natürlich Rahmenbedingungen, vorgegeben durch Lehrpläne und Richtlinien des Landes NRW, jedoch sollen die Kinder dazu angeleitet und angeregt werden, selbst zu entscheiden wann, wo, wie und auch mit wem sie beispielsweise Mathe lernen wollen.

... also Lesen, Schreiben, Rechnen muss schon sein?
Rode: Natürlich. Wir begleiten und moderieren den Erwerb dieser notwendigen Kulturtechniken. Lesen, Schreiben und Rechnen ergeben sich meist automatisch beim freien Lernen. An einer freien Schule kann ein Schulkind ganz individuell entscheiden, wie intensiv es sich mit einem Lerngegenstand auseinandersetzt. Es lernt dadurch auch, seine Stärken und Schwächen viel besser zu erkennen. Die Zugänge zum Lernen sind so vielfältig und unterschiedlich, dass es auch eines Rahmens bedarf, in dem sich dieses Lernen entfalten kann – vielleicht zusammen mit einem älteren Schulkind oder allein oder in Begleitung einer Lehrkraft.
Boigs: Es ist nicht so, dass die Lehrer sich gemütlich zurücklehnen können. Im Gegenteil: Sie tragen eine höhere Verantwortung für die Selbstorganisation ihrer Schülerinnen und Schüler. Ihnen fehlt noch die Erfahrung, ihren Lernprozess so selbstverantwortlich zu organisieren. Lehrer müssen sich hier viel intensiver mit dem Kind beschäftigen. Ihre Hauptaufgabe ist, die Kinder dabei zu unterstützen, mit der vorhandenen Freiheit verantwortungsvoll umzugehen.
rode: Sie werden auch umfangreicher ihre Arbeit mit dem Kind dokumentieren müssen. Das Grundprinzip ist: Die freie Schule bietet alles das an, was die klassische Schule auch anbietet, die Auswahl aber, wann was gelernt wird, trifft in erster Linie das Kind. Gelernt wird in selbst gewählten und gemeinsam gestalteten Unterrichtsangeboten, Kursen und Lerngruppen. Spielen, dessen Funktion für Kinder oft unterschätzt wird, gehört auch dazu. Und in der wöchentlich stattfindenden Schulversammlung werden alle wesentlichen Elemente des Schulalltags besprochen, wie zum Beispiel Regeln und Konsequenzen, Anschaffungen, Aktivitäten und weitere Lerninhalte.

Da ist wohl ein anderer Lehrertyp gefragt?
Drücker: Ja, absolut. Wir brauchen Lehrer und Mitarbeiter, die hinter unserem Konzept stehen und danach agieren. Es braucht vollstes Vertrauen von Eltern und Lehrern in die angelegten Potentiale des Kindes, in seinen inneren Bauplan. Laufen und Sprechen haben die meisten von uns ja von selbst gelernt, nur weil wir es wollten. Alle Lerninhalte werden in sich regelmäßig wiederholenden Kursen angeboten und wenn ein Kind heute darauf keine Lust hat, sondern was anderes lernen möchte, wird es dieses Recht bekommen. Wenn sich ein Kind ganz intensiv mit einem Thema beschäftigen möchte, kann es dies direkt tun und muss eben nicht wochenlang darauf warten, bis alle Einzelstunden dafür gegeben worden sind. Des weiteren werden verschiedene Projekte angeboten, ebenso Selbstlernmaterial. Die Kinder wählen täglich ihre Lernfelder, -Partner oder -Gruppe und das Setting. Wir suchen die Kooperation mit lokalen Initiativen unterschiedlichster Art, die unsere Arbeit aus Überzeugung unterstützen und sind da optimistisch, weil das an den rund 100 anderen freien Schulen in Deutschland bereits sehr gut funktioniert.  
Boigs: Die Schule ist damit nicht mehr so ein abgeschirmtes System. Die Schule als Teil des Stadtteillebens – das ist unsere Vorstellung von Projekten mit Menschen, Initiativen und Betrieben aus der Nachbarschaft.

Warum nennen Sie Ihre Schule eigentlich frei und demokratisch?
Rode: Frei ist sie bezogen auf die Trägerschaft: Jeder, der die Anforderungen an Personal, Gebäude, Finanzierung, Konzept und einigen anderen Dingen erfüllt, kann im Prinzip eine sogenannte Ersatzschule gründen. Von diesen freien Alternativschulen gibt es schon zahlreiche in Deutschland. Demokratisch heißt sie, weil die Schülerinnen und Schüler weitestgehend ihren Lernplan selbst bestimmen können und ein hohes Maß an Mitbestimmung haben, was den Schulalltag angeht. Hiervon gibt es zwar weltweit schon mehr als 500 Schulen, die zum Teil schon länger als dreißig Jahre erfolgreich bestehen, jedoch gibt es davon in Deutschland erst wenige.

Lernt mein Kind an einer solchen Schule genug?
Rode: Bestimmt. Die Grundfertigkeiten werden vermittelt, jedoch auf eine selbstbestimmte Art und Weise. Zensuren aber wird es nicht geben. Wir wollen an unserer Schule einen Lernraum schaffen, wo junge Menschen ohne Angst und Leistungsdruck lernen können. Kinder sind prinzipiell lernbegierig. Es geht darum, ihr Potenzial zu entfalten, ihnen größtmögliche Freiheit zum Lernen zu geben. Sie beteiligen sich an demokratischen Entscheidungsprozessen und lernen sowohl selbstständig als auch sich gemeinsam mit anderen zu organisieren, zu planen und zu handeln. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten sind die Grundlagen für das heute notwendige lebenslange Lernen.

Für diese individuelle Betreuung und Förderung der Schüler brauchen Sie einen wesentlich höheren Lehrerschlüssel. Wie wollen Sie das finanzieren?
Rode: Wir brauchen wohl 100 Prozent mehr beim Lehrpersonal, ja. Das Land NRW unterstützt Schulen in freier Trägerschaft ab dem ersten Schultag mit staatlicher Förderung in Höhe von circa 80 Prozent der anfallenden Kosten für Personal und Gebäude. Den Rest müssen wir in erster Linie über Sponsorengelder selbst aufbringen. Wir hoffen, viele Menschen und auch Unternehmen für unseren Ansatz eines anderen Bildungswegs überzeugen zu können.

Welche Schulabschlüsse bieten Sie an?
Drücker: „Unsere Schule“ startet als Grundschule, die vergibt keine Abschlüsse. Sofern eine weiterführende Schule angeschlossen wird, was geplant ist, können sich die Kinder an „Unsere Schule“ auf den Haupt- und den Realschulabschluss vorbereiten, wenn sie das möchten. Die Prüfungen werden extern abgelegt. Bei entsprechenden Leistungen nach der zehnten Klasse können die Schüler auch auf eine staatliche Oberstufe wechseln und dort das Abitur machen.

Ist Ihre Schule für alle Kinder geeignet?
rode: Selbstverständlich. Wir werden durch unseren Ansatz auch dem Inklusionsgedanken gerecht, denn Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse an eine Lernumgebung. Wir bieten eine echte Wahlmöglichkeit.

Wie geht es jetzt konkret weiter? Wann möchten Sie Ihre freie und demokratische Schule in Gütersloh eröffnen?
Drücker: Am liebsten schon zum Schuljahr 2020/2021. Unser Konzept ist in diesem Sommer fertig. Wenn wir alle Bedingungen, die die Bezirksregierung an uns stellt, erfüllen, also das pädagogische Konzept, die Finanzierung, den Elternwillen und so weiter, dann kann es im nächsten Jahr schon losgehen. Der Kontakt zur Stadt Gütersloh ist sehr freundlich und hilfreich und wir sind überzeugt, dass es viele Menschen in Gütersloh gibt, die sich eine solche Schule wünschen und die uns unterstützen wollen. Es gibt auch schon einen ersten Termin zum Kennenlernen: Am 20. und 22. September werden wir im Bambi-Kino den Film „Schools of Trust“ mit anschließender Diskussion im Rahmen der Filosofia-Filmreihe zeigen. Dazu laden wir jetzt schon herzlich ein!

Wo kann man sich noch über Ihr Schulprojekt informieren?
rode: Wir haben eine sich noch im Aufbau befindende eigene Website www.unsere-schule-owl.de, auf der man sich unseren ersten Infoflyer herunterladen kann. Weitere Informationen zu Alternativschulen gibt es auch über den Bundesverband Freie alternative Schulen. Und in Wülfrath gibt es beispielsweise eine Schule, die schon länger erfolgreich arbeitet und wir möchten, dass auch OWL eine ähnliche Alternative bekommt. Wir freuen uns auf jeden Fall sehr über jeden Kontakt  der uns erreicht! ˜


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