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Das German Lied

Text: Birgit Compin
Fotos: Forum Lied/Andreas Kirschner

Es war schon eine sehr ambitionierte und auch ziemlich verrücke Sache, 175 Lieder in sieben Veranstaltungen aufzuführen. „Das war eine Sauna-Idee“, lacht Professor Peter Kreutz über die Anfänge von Forum Lied, die tatsächlich während des Saunierens Gestalt annahmen. Daraus entstanden ist dieses einmalige Format rund um die Kunstform Lied, dem selbst die Hauptstadt nichts entgegenzusetzen hat. „Ein Freund aus Berlin sagte einmal, dass Gütersloh genau die richtige Infrastruktur für ein solches Projekt habe, um zu wachsen“, erzählt der Professor für Liedgestaltung an der Musikhochschule Detmold und Klavierlehrer der Musikschule für den Kreis Gütersloh. In Berlin, so erklärte ihm der Freund weiter, würde es vermutlich untergehen, zwischen den unzähligen Veranstaltungen und – wenn überhaupt – als Randnotiz veröffentlicht. Nicht so in Gütersloh. Hier konnte es leben und sich entwickeln – 20 Jahre geht das nun schon so. 

„In meiner Brust, da sitzt ein Weh,
Das will die Brust zersprengen;
Und wo ich steh' und wo ich geh',
Will's mich von hinnen drängen.  

Es treibt mich nach der
Liebsten Näh',
Als könnt die Grete heilen;
Doch wenn ich der ins Auge seh',
Muß ich von hinnen eilen.  

Ich steig' hinauf des Berges Höh',
Dort ist man doch alleine;
Und wenn ich still dort oben steh',
Dann steh' ich still und weine.”

– Heinrich Heine, „Der arme Peter”

Doch zurück zu den Anfängen: 1999 wurden für die Jubiläumsfeier „175 Jahre Stadt Gütersloh“, die ein Jahr später stattfinden sollte, Ideen für das Festprogramm gesucht. Die Bürger waren von der Stadtverwaltung eingeladen, sich daran zu beteiligen. Also stellte Kreutz dem damaligen Leiter des Kulturamtes Klaus Klein und dessen Stellvertreter Joachim Mertensmeier seine „Sauna-Idee“ vor. 175 Lieder – die Zahl des Jubiläums war sein Programm. „Begeistert waren sie nicht gerade, und ihre Gesichter sprachen Bände: ‚Wer soll denn da hingehen?’, schienen sie zu fragen“, erzählt Peter Kreutz vergnügt bei unserem Gespräch über sein Projekt, das gerade selbst einen runden Geburtstag feiert, den 20. nämlich. Doch schließlich nahmen die Organisatoren seine Idee auf die Agenda und unterstützten die Umsetzung im Jubiläumsjahr – wie alle anderen auch – mit einem kleinen finanziellen Beitrag.

Ein strammer Ritt
So startete Forum Lied, angedacht als sonntägliche Matinee, im Jahr 2000 mit 175 Liedern, aufgeteilt auf sieben Veranstaltungen. 25 Lieder pro Konzert hatte Peter Kreutz dafür also im Sinn. „Das ist ja auch durchaus machbar, wenn man bedenkt, dass ein Lied zwischen einer und fünf  Minuten lang ist.“ Und doch war es ein strammer Ritt, den er da vorhatte. Zur Idee gehörte ja auch, dass er am Klavier junge Sängerinnen und Sänger der Musikhochschule Detmold begleitet. „Ich bin an der hiesigen Musikschule hauptamtlich tätig und unterrichte an der Hochschule in Detmold eine Klasse für Liedgestaltung. Mit der Idee, den Studierenden hier in Gütersloh ein Forum zu bieten, konnte ich diese beiden Institutionen miteinander verbinden.“ Veranstalter war und ist die Musikschule für den Kreis Gütersloh an der Kirchstraße. Ausrichtungsort sollte damals der dortige Kammermusikraum mit seinen maximal 70 Plätzen sein. Doch wie um Himmelswillen sollte man den vollkriegen? „Zum Spaß hatte ich gesagt: Wer sich für alle sieben Konzerte interessiert, kann ja ein Abonnement erwerben.“ Und auch der damalige Musikschulleiter Michael Corßen stimmte mit ein und erklärte vollmundig: „Wenn sich wirklich jemand meldet, bastele ich eine Abo-Karte.“ Zu beider Erstaunen erhielten sie so viele Anmeldungen, dass die Reihe bereits ausverkauft war, bevor sie offiziell startete. „Und im Prinzip war sie dadurch ruiniert; Wir hatten ja keine Plätze mehr.“ Doch Peter Kreutz wäre nicht Peter Kreutz, hätte er nicht sofort eine weitere zündende Idee gehabt: „Diesem Umstand haben wir das vorgeschaltete Konzert am Samstag um 17 Uhr zu verdanken. Und genau das machen wir jetzt seit 20 Jahren, zwei Konzerte an zwei aufeinander folgenden Tagen.“

Raus aus dem Musealen
Das Projekt lief also sehr gut an. Warum dann diese anfängliche Skepsis? „Das Lied ist eine Kunstform, die mit sehr viel Vorurteilen behaftet ist“, erklärt Peter Kreutz. Sie besetzt nur eine kleine Nische im großen Repertoire klassischer Konzertreihen, und Liebhaber dieser Gattung finden sich eher selten – den einen scheint sie zu gutbürgerlich, die anderen schrecken vor der Sprache der vertonten Gedichte zurück. Um mit diesem angestaubten Image aufzuräumen, hatte Kreutz der Presse für die Vorankündigungen der einzelnen Veranstaltungen immer wieder ein Amuse-Gueule aus Zahlenspielen angeboten. Die Lieder bekamen Nummern, wie 1 bis 25 oder 26 bis 50. Später wurde das „Bergfest“ mit Lied Nummer 88 gefeiert – und die Nummer 175 erklärte er bis zur Aufführung zur Geheimsache. „All das waren kleine Geschichten rund um die Konzerte, um Hemmungen abzubauen und die gleichzeitig zeigten, dass dem Genre Lied nichts Steifes anhaftet“, erklärt Kreutz. Auch die jungen Sänger der Hochschule seien da ein Glücksfall gewesen. „Wir haben also von Anfang an versucht, das Lied aus dem Musealen herauszuholen.“

Gequälte Seele in luftiger Höhe
Um die Nische einmal näher zu beleuchten, macht Professor Kreutz mit mir einen Ausflug auf den Berg: Das Klavierlied, erklärt er, sei die intimste Kunstform und hat seinen Schwerpunkt bei den Romantikern des 19. Jahrhunderts. Franz Schubert, Robert Schumann, Hugo Wolf und Richard Strauss sind die vier Giganten. Hinzu kommen weitere wie Johannes Brahms oder Felix Mendel-
sohn Bartholdy – allesamt Komponisten der Romantik. Sie vertonten Gedichte romantischer Lyriker. So wie die Joseph von Eichendorffs, Heinrich Heines und anderer, deren Verse überquellen von den Qualen einer tieftraurigen Seele. Dieses romantische Ich also, das sich in seinem Leid so gut gefällt. „Es geht ständig auf irgendeinen Berg, um zu weinen – das zog die Komponisten magisch an“, erklärt Peter Kreutz die Symbiose. „Diese Ich-Bezogenheit der romantischen Lyrik macht das Lied bis heute so einmalig. Denn wenn ein Schumann mit einem Heine zum Weinen auf den Berg geht, entsteht etwas Einzigartiges“, beendet Kreutz die Exkursion. „Ach, es gibt unzählige ‚Auf dem Berg weinende Lieder’“, sagt er. Und er zitiert Heinrich Heines „Der arme Peter“: „Ich steig' hinauf des Berges Höh', dort ist man doch alleine. Und wenn ich still dort oben steh', dann steh' ich still und weine."

Ode an das German Lied
Vor den Romantikern gab es Mozart oder Beethoven, bei deren Liedkompositionen die Singstimme im Vordergrund steht und das Instrument nur begleitet, während man seit Schubert vom Klavierlied spricht. Und danach? Da bricht das Lied auf in die Moderne des 21. Jahrhunderts und zeigt sich auch an den Kompositionen eines Benjamin Britten, dem berühmten englischen Komponisten. Im Übrigen ist das Lied eine Kunstform, die auch international einen hohen Stellenwert genießt, denn das „German Lied“ wird in aller Welt von honorigen Dozenten als Kunstlied gelehrt. Sprache, Ausdruck, Leid – es ist enorm, was Sänger aus aller Herren Länder für ihre Interpretationen da lernen, vor allem verstehen müssen. Und dass kann schon mal lustige Anekdoten zutage fördern. So hatte der aus Gütersloh stammende Kieran Carrel, ein deutsch-britischer Tenor, bei einem berühmten englischsprachigen Professor German Lied studiert und wurde einmal angewiesen, seine „falsche“ Aussprache zu korrigieren. „Wie hätte ich diesem berühmten Mann sagen sollen, dass er da falsch liegt“, erzählte er später lachend Peter Kreutz.

Konzerte mit Blick auf die Stadt
Doch genug vom Ausflug! Im Gütersloh der Jahrtausendwende hatte das Forum Lied sein Publikum gefunden und es stand außer Frage, dass Peter Kreutz daraus die Reihe machte, die noch heute besteht. Und der Kammermusikraum gab dem Ganzen seinen privaten, nahezu intimen Rahmen. Vielleicht auch deshalb fand das Programm immer mehr Liebhaber. Bald brauchte das Format mehr Raum. „Nach zehn Jahren zogen wir um auf die Studiobühne des Theaters.“ 125 Besucher finden hier nun Platz. Doch einmal im Jahr kehrt das Forum einen Tag lang zurück in den Kammermusikraum. Dann nämlich, wenn die jährliche Konzertsaison zum Ende des Sommers startet und mit einem öffentlichen Unterricht des Hochschulkurses „Liedinterpretation“ beginnt. Bei zwei anschließenden Konzerten auf der Studiobühne kann die Singklasse dann ihr Können im Konzert testen, bevor sie in der Hochschule in Detmold endgültig benotet wird. Auch das „Festival Forum Lied zwischen den Jahren“ gehört mittlerweile zum jährlichen Fixtermin der Reihe, genau wie vier weitere Konzerte bis in den Mai hinein. Sie alle finden dann in dem gut besuchten Saal der Studio-
bühne statt. „Ich glaube, ich möchte gerne dort bleiben und nicht noch größer werden“, sagt Peter Kreutz. Insbesondere das Panoramafenster hat es ihm angetan: „Wir können bei den Abendveranstaltungen die Jalousie hochfahren, und dann spiegelt sich das Innere im Äußeren. Gemeinsam mit dem Flügel ist das ein umwerfendes Ambiente.“

Schumanns Dichterliebe zum Hundertsten
1.300 Lieder hat Peter Kreutz mit den unterschiedlichsten Sängerinnen und Sängern mittlerweile aufgeführt. „Das ist eigentlich gar nicht so viel“, resümiert er. „Und natürlich haben wir einige wiederholt und werden das auch weiter tun.“ „Die Winterreise“ wurde im Forum Lied bereits dreimal aufgeführt wie auch die „Die schöne Müllerin“. Aber: „Ich werde es in meinem ganzen Leben nicht schaffen, das gesamte Lied-Repertoire zu studieren. So viele gibt es.“

20 Jahre, 1.300 Lieder, 99 Konzerte – zum Abschluss des Jubiläumsjahres von Forum Lied steht das hundertste Konzert auf dem Programm. „Das ist tatsächlich etwas Besonderes, und doch habe ich es geplant ohne darüber nachzudenken.“ Da Kreutz neben seinen aktuellen Studierenden auch immer wieder Ehemalige zu den Konzerten einlädt, hatte bereits vor einiger Zeit sein ehemaliger Klavierschüler Kieran Carrel zugesagt. „Und es ist eine gern erzählte Anekdote, dass dieser höchsttalentierte Sänger einer der schlechtesten Klavierschüler war, die ich jemals hatte“, lacht Peter Kreutz. Er hat mittlerweile eine viel beachtete Karriere hingelegt, studiert gerade an der Royal Academy of Music in London und geht bald an das Opernhaus in Bonn. Doch zuvor wird er am 11. und 12. Mai im 100. Programm des Forum Lied den Liederzyklus „Dichterliebe” von Robert Schumann aufführen. „Das koppeln wir dann mit klassisch Modernem von Benjamin Britten.“ Und zum Schluss habe sich der 23-jährige Tenor noch vier Strauss-Lieder gewünscht. „Es wird also ein sehr schönes, romantisches Programm.“ Und alles andere hätte mich ja auch gewundert. Das 100. Programm wird demnach so schön und romantisch wie eigentlich immer, wenn die Seele den hohen Berg erklimmt und mit feuchten Augen in die weite Ferne blickt, wie immer tief berührt vom herrlich lodernden Leid des eigenen Ich.


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