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Bewegte Schule

„Sporthelfer sind groß und schlau ... – fast wie Lehrer", stellt der 12-jährige Narek mit sehr ernstem Gesichtsausdruck an der Bande des Soccer-Feldes der Geschwister-Scholl-Realschule (GSS) fest. Als „Bewegte Schule“ spielen Sport, körperliche Aktivität sowie eben mannigfache Bewegungsformen an der Realschule am Anger auch in den Pausen des tagtäglichen (Schul-)Alltags elementare Rollen. In der unterrichtsfreien Zeit am Vormittag (10 bis 10.30 Uhr) sowie vor dem Nachmittagsblock (13 bis 13.30 Uhr) werden am Pausensportcontainer auf dem Schulhof Fuß-, Basketballbälle sowie andere Sportgeräte ausgegeben, auf dem Soccerfeld wird gerannt und geschossen, es gibt Basketball, Seilsprung- oder Hula-Hoop-Wettbewerbe. Auch im Gebäude wird beim Tischtennis um jeden Punkt gefightet.

Geplant, organisiert, durchgeführt, überwacht sowie auch geleitet werden sämtliche Pausensportangebote nicht etwa vom Lehrkörper, sondern von dem eigens für diese niederschwellige Übungsleitertätigkeit ausgebildeten, schuleigenen Sporthelfer-Corps. 45 Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 17 Jahren der Klassen 9 und 10 stellen ihre persönliche Freiheit und Freizeit nach einem festen Plan zwei- bis dreimal pro Woche im Rahmen des sozialen Engagements für ihre Mitschüler hinten an. Daneben unterstützen die Freiwilligen auch Lehrer bei Schulsport-AGs und Wettkämpfen wie den „Scholl-Olympics“, sind als Kampfrichter bei Wettkämpfen auf Kreisebene im Einsatz, betreuen Grundschüler bei diversen anderen Sportveranstaltungen. Im Kollegium herrscht über die Bedeutung des Helfersystems deshalb eine sehr eindeutige Meinung. Für Heidi Bettenhausen (55), in Personalunion Sporthelfer-Koordinatorin, Ausbilderin und Betreuerin, ist klar: „Ohne Unterstützung unserer phantastischen Jugendlichen könnten wir das Bewegungs-Angebot in dieser Form nicht aufrecht erhalten”. Als Lohn winkt am Jahresende ein Passus auf dem Zeugnis für „außerordentliches Engagement”. Einige wenige erhalten zusätzlich ein Zertifikat vom Land NRW. Schülersprecherin Jennifer Greczka (16) braucht weder das eine noch das andere. Obwohl sie an diesem Tag bereits um 12.40 Uhr offiziell Schulschluss hat, schiebt sie Seite an Seite mit ihrem Stellvertreter Maximilian Höner (17) wie selbstverständlich Dienst im Pausensportcontainer. Als ein paar jüngere Mädchen Probleme mit den Einsatz des Hula-Hoop-Reifens haben, demonstriert Jennifer an Ort und Stelle den richtigen Hüftschwung. Ihre Motivation dabei ist : „Was Lachen in den Kinderaugen ist mir Lohn genug. Ich brauche dafür keinen Hinweis auf dem Zeugnis. Wenn man seine Mitschüler dazu kriegt, gesund und fit zu bleiben, ist das Ansporn genug.“ Ihr Mitstreiter Maximilian Höner drückt es ähnlich aus: „Generell hat jeder Sporthelfer total viel Lust auf Sport. Außerdem ist es doch cool, auf dem Schulhof in der Pause mit allen Altersklassen gemeinsam was zu spielen”. Der Nachsatz aus dem Mund des 17-Jährigen versetzt vermutlich jeden Pädagogen in Entzücken nebst lauten Jubelschreien. Der stellvertretende Schülersprecher meint es indes ernst, wenn er feststellt: „Bewegung ist für den Körper unglaublich wichtig. Wer einen klaren Kopf hat, kann anschließend auch besser lernen". Weil die Sporthelfer auch innerhalb der Schülerschaft einen enorm hohen Stellenwert genießen – Lehrer werden beim Pausensport nur in absoluten Ausnahmefällen zur Hilfe geholt – „wird man ständig gegrüßt, wenn man in der Schule unterwegs ist“, so Jennifer Greczka über die Selbstbestätigung. Damit die jüngeren Schüler die ehrenamtlichen Helfer als Autoritätspersonen oder im Zweifelsfall als Streitschlichter anerkennen, ist das Amt den 9. und 10. Klässlern vorbehalten. Vorbereitet werden sie darauf mit einer dreitägigen, 44-stündigen theoretischen und praktischen Ausbildung in komprimierter Form am Ende von Klasse 8. Durch natürliche Fluktuation rücken nach dem 10. Schuljahr stets um die 20 neue Sporthelfer nach. Die Nachfrage ist indes weit aus höher. Laut Heidi Bettenhausen ringen Jahr für Jahr „40 bis 50” Mädchen und Jungen um die frei werdenden Plätze. Als Spitzenwert verzeichnete sie in einem Jahr sogar einmal „63“ Bewerber. Dennoch kommt noch lange nicht jeder Interessent für das Ehrenamt in Frage. Wer „Probleme beim Lernen hat oder sich nur mit sich selbst beschäftigt“, habe „überwiegend keine Chance”, so Heidi Bettenhausen.
Als Faustregel für zukünftige Sporthelfer gilt: „Wir brauchen Leute, mit denen wir zusammenarbeiten können, die über soziale Kompetenz verfügen, gute Schulnoten haben, die Verantwortung für andere übernehmen und den teilweise durch die Aufgaben versäumten Unterrichtsstoff eigenständig nacharbeiten”. Das klingt – bis vielleicht auf den letzten Punkt – nach einem Anforderungskatalog für einen späteren Übungsleiter in irgendeinem Sportverein im Kreis. Streng genommen ist es auch genau das. Zur besseren Vernetzung zwischen Schule und Verein wurde das niederschwellige Einstiegsangebot, die Vorbereitung auf den Umgang mit jungen Sportlern vor gut 20 Jahren vom Kreissportbund in Kooperation mit den Schulen initiiert. Nutzen und Profit für die Vereine halten sich durch den systematischen Konflikt zwischen den stetig erweiterten Nachmittagsschulangeboten und abnehmender Freizeit in übersichtlichen Grenzen. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage bekundete nur einer von sieben Befragten „eventuelles späteres Interesse.“ Für Heidi Bettenhausen sind diese Aussagen nichts Neues: „Durch die längeren Unterrichtszeiten sind die Schüler nicht vor dem Nachmittag zuhause. Für Freizeit, Hobbys, Sportvereine bleibt da fast keine Zeit mehr. Trotzdem möchte man an der GSS im Sinne der auch zum Schulauftrag gehörenden Persönlichkeitsentwicklung keinesfalls auf die Ausbildung der nicht im offiziellen Stundenplan stehenden Lehrfächer Verantwortungsbewusstsein, Respekt, Toleranz, Miteinander, Kommunikationsfähigkeit, Engagement für andere, Konfliktlösungen, Hilfsbereitschaft verzichten. Heidi Bettenhausen: „Soziale Kompetenz ist für das spätere Leben wichtiger als ’ne Zwei in Mathe.“

Foto 1:
Soccerplatz, v. l.: Jolina Mattick (14), Elisabeth Marcinkowski (14), Lennard Gartenbröker (15), Alexander Weber (15), Niklas Rüschstroer (15) sorgen als Sporthelfer auf dem Soccerplatz unter anderem dafür, dass jeder mal auf den Platz darf. Foto: Jens Dünhölter

Foto 2:
Maximilian Höner (17, stellvertretender Schülersprecher, links) und Schülersprecherin Jennifer Greczka (16) vor dem Pausensportcontainer. Foto: Jens Dünhölter


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