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Eskimorolle: Ben Sorci, Jugendsprecher GFC. Foto: Jens Dünhölter

Faltbootgilde Gütersloh

Gelernt ist eben gelernt: Mit zwei, drei schnellen Paddelschlägen gleitet Ben Sorci mit seinem Einer-Kajak fast geräuschlos über das Wasser. Urplötzlich stoppt der 16-Jährige fast auf der Stelle, knickt samt Boot und Paddel im 90 Grad-Winkel auf der rechten Seite ins Wasser ein, um nur wenige Augenblicke später nach einer 360 Grad-Unterwasser-Rolle mit einer spektakulären Wasserfontäne auf der anderen Seite wieder an der Oberfläche aufzutauchen. Eine Minute später demonstriert der 16-Jährige den Zuschauern im 1,25 Meter tiefen Schwimmbecken der Michaelis-Schule als zweiten Teil des praktischen Anschauungsunterrichtes noch die Eskimo-Rolle ohne Paddel.
Ben legt die Hände flach auf den vorderen Teil des Kajaks, knickt rechts in der Hüfte ein und kommt wie ein aus einer Sektflasche explodierender Korken auf der linken Seite wieder raus. Bootshauswart Klaus-Christian „Kiki“ Nottbrock von der Gütersloher Faltbootgilde ist begeistert: „So sieht die Eskimorolle aus, wenn man sie kann.“

Unter den Kajak-Fahrern der Gütersloher Faltbootgilde gilt es laut Kiki Nottbrock als ungeschriebenes Gesetz: „Irgendwann landet jeder mal im Bach.“ Das Vorstandsmitglied weiter: „Auf kleinen Flüssen kann man nach dem Lösen der Spritzdecke und Aussteigen vielleicht noch ans Ufer schwimmen. Auf offenen Gewässern, auf Seen oder im Wildwasser mit reißender Strömung ist Schwimmen oft nicht ungefährlich.“ Um für genau diese Eventualfälle gerüstet zu sein, bietet die Faltbootgilde (GFG) ihren Mitgliedern, Anfängern oder Wiedereinsteigern seit mehr als 20 Jahren in den Wintermonaten das sogenannte Eskimotiertraining in lehrsicheren Hallenbädern an. Auch vor der Sommer-Saison 2019 wird zwischen Herbst - und Osterferien unter anleitungerfahrenen Übungsleitern jeden Donnerstag von 18 Uhr bis 20 Uhr die unter Bootssportlern durchaus übliche Hilfe zur Selbsthilfe in der Praxis einstudiert. Kiki Nottbrock: „Für das Ego und den Paddler ist es wichtig, wenn man weiß, dass im Notfall kein Zweiter in den Bach muss, um einen Kollegen zu retten oder das Boot einzufangen.“ Vordergründig gehe es dabei „um die eigene Sicherheit. In engen Schluchten, bei Trainingssprüngen vom Nordbad-Turm oder von Brücken ist man ohne Rolle verloren.“ Dennoch gäbe es in Reihen der regelmäßigen Tourenfahrer „auch Leute, die seit Jahren im Verein sind und die Rolle nicht beherrschen.“

Der Name des Eskomotiertrainings stammt
laut Überlieferung von den indigenen Völkern im nördlichen Polargebiet ab. Klaus-Christian Nottbrock: „Der Legende nach konnten Eskimos nicht Schwimmen. Deshalb haben sie die Unterwasserrolle erfunden.“ Vielleicht sei das Aussteigen im nur wenige Grad kalten Polarwasser auch einfach nur „zu gefährlich gewesen. Bei der Kälte hätte das fatale Folgen haben können:“ Mit derlei Temperaturproblemen müssen sich die freiwilligen Probanden der Faltbootgilde nicht herumschlagen. Anders als in der freien Natur erleichtert das klare, warme Wasser im 17 mal 8 Meter großen Hallenbadbecken das „kontrollierte Lernen in vielen kleinen Schritten enorm“, so Kiki Nottbrock. Mitmachen kann jeder „der in der Lage ist, sein Boot kontrolliert zu steuern.“ Kajak-Einsteigern werde der Notfall-Sicherheitsunterricht „meist erst nach gut einem Jahr empfohlen“. Immer wieder tauchen auch GFG-Mitglieder auf, „die die Rolle seit Jahren auf ihrer Schokoladenseite perfekt beherrschen und irgendwann auch die andere lernen wollen.“

Schon der erste Schritt des Umdrehen des Bootes um 180 Grad ins Wasser samt Aussteigens unter Wasser sei auch ohne angebrachte Spritzdecke in vielen Fällen eine mit „viel Mut und jeder Menge Überwindung verbundene vertrauensbildende Maßnahme“, so der Bootshauswart. Ist die erste Angst überwunden, wird im zweiten Schritt das Auftauchen aus dem gedrehten Kajak samt Lösen der Spritzdecke geübt. Nächste Lerneinheit ist die Orientierung unter Wasser. Statt sich nach der Drehung aus dem Boot zu lösen, verharren die mit Taucherbrille und Nasenklammern ausgestatteten Lernwilligen so lange wie möglich auf den Kopf gedreht unter Wasser. Nach Klopfzeichen dreht einer der vier anwesenden Übungsleiter das „havarierte“ Kajak samt Insassen wieder in die Überwasserposition. Entscheidend bei allen Übungsschritten ist der Hüftschwung. Kiki Nottbrock: „Der ganze Schwung für die Drehungen muss aus der Hüfte kommen".“ Um diesen zu perfektionieren, wird der Kajak-Hüftschwung auf einer schwimmenden Matte, mit Stangen oder an den Händen eines im Wasser stehenden Partners geprobt. Klappt all dies notfalls nachts mit verbundenen Augen, kommt im nächsten Schritt der Bogenschlagrolle das Paddel dazu.

Trotzdem sei das Eskimotiertraining im warmen Hallenbadwasser „eine ganz andere Nummer als später auf freiem Gewässer“, so Kiki Nottbrock. Erstens „ist die Drehung im Wasser mit Vollbekleidung, Neoprenanzug, Helm und Schwimmweste schwieriger als in Badehose oder Badeanzug im Hallenbad.“ Zudem sei das Wasser in vielen Flüssen „kalt, trübe, dunkel. Oftmals ist die Oberfläche nicht erkennbar. Man verliert die Orientierung, gerät in Panik.“ „Im Grunde“, verrät Kiki Nottbrock, „bereiten wir uns im Winter im Hallenbad auf die Fahrten im Sommer auf Freiluftgewässern vor.“ Dennoch ist das Techniktraining mit den spektakulären Effekten beim Auftauchen mitnichten Hexenwerk, sondern eine reine Fleißaufgabe und Übungsfrage. „Der durchschnittliche Paddler“, schätzt Kiki Nottbrock „lernt es in einem Winter.“ Er könne sich auch an begabte Jugendliche erinnern „bei denen fünf, sechs Abende gereicht haben.“ Die Regel sei dies jedoch nicht. Um für die Ausfahrten im Sommer gerüstet zu sein, drehen sich die Kajak-Fahrer der Gütersloher Faltbootgilde darum im Winter wie die Eskimos fleißig im Wasser herum.


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