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Ist untersagt: aktives Laufen. Foto: Jens Dünhölter

Zu Fuß

Moddenbachstadion, Harsewinkel: An einem eisig kalten Montagabend lassen in einem eingeteilten Spielfeld im Strafraum des Kunstrasenplatzes zwölf Herren im Spiel sechs gegen sechs den Ball laufen. Regelmäßig beult die Lederpille die Netze der drei Meter breiten, einen Meter hohen Tore aus. Eingehüllt in eine schützende grüne Wetterjacke sieht sich Trainer Andreas Elgner (57) das Treiben der zwischen 32 und 72 Jahren alten Spieler an. Als es ihm zu bunt wird, ruft er die Truppe in der Spielfeldmitte zusammen: „Leute, es ist schön, dass ihr alle Tore schießen wollt. Aber lasst den Ball laufen und nutzt die ganze Breite des Spielfeldes aus. Das macht ihr
doch sonst auch immer. Wir wollen doch alle unseren Spaß haben.“ Kurz darauf ertönt erneut ein Pfiff aus der Pfeife des Coach: „Freistoß für Bunt. Dieter ist gelaufen.“ – Moment mal. Freistoß, weil ein Spieler gelaufen ist ? Erst in diesem Augenblick wird die Besonderheit des Trainingsabends der Alt-Herren Fußballer von Grün-Weiß Harsewinkel auffällig. In der Tat ist aktives Laufen in der Fußball-Modifikation „Walking Fottball“ (die Schreibweise ist eine Eigenkreation von Grün-Weiß Harsewinkel) ebenso untersagt wie Pässe über Hüfthöhe (1 Meter), jegliches Grätschen sowie die Abwehr des Balles als letzter Mann mit der Hand. Freistöße werden nur indirekt ausgeführt.

Nach der SpVgg. Steinhagen sind die 1978 vor genau 40 Jahren gegründeten Grün-Weißen aus Harsewinkel erst der zweite Verein im gesamten Kreis Gütersloh, in dem die altersgerechte Fußball-Weiterentwicklung bei den regelmäßigen Trainingsabenden (immer Montag, 19.30 Uhr bis 21 Uhr) praktiziert wird. Alles begann im Mai 2017 mit einem Fernsehbericht. „Gehen mit Ball, keine bis wenig muskuläre Verletzungen, keine Blutgrätschen von hinten, fast körperloses Spiel. Das hat mir zu denken gegeben“, kann sich der ehemalige Grün-Weiß Meistertrainer Dieter Flöttmann (72) noch genau an den entscheidenden Impuls erinnern. Mit seiner Idee der Umsetzung bei Grün-Weiß Harsewinkel rannte beziehungsweise ging „Panther“, wie Flöttmann nur allgemein genannt wird, bei dem seit sieben Jahren in vorderster Front stehenden Vereinsvorsitzenden Andreas Elgner offene Türen ein. „Lange überreden musste ich ihn nicht“, kann sich Panther noch bestens an das Entzünden der Walking-Football-Flamme erinnern. Der anfängliche Kreis von sechs, sieben Leuten – fast alle ehemalige, teilweise aus dem Ballruhestand zurückgeholte Fußballer – wuchs durch Verstärkung der Altersgenossen der TSG Harsewinkel schnell auf 14 bis 16 Leute an. Andreas Elgner: „Es sind viele zurückgekommen, die seit Jahren kein reguläres Alt-Herren-Spiel gemacht haben. Viele von denen haben hier die Lust am Kicken wiederentdeckt.“ Bei dieser Anzahl ist es trotz entsprechender Fluktuation bis heute geblieben. „Wir wollen einfach zeigen, dass Fußball auch im Alter Spaß macht und man auch jenseits der 50 noch passabel den Ball laufen lassen kann“, begründet der Vereinsboss die Primärintention. Aufgrund des gelenkschonenden Verzichtes aufs Laufen sowie die fast berührungsfreie Spielweise sei Geh-Fußball „ideal für Spieler mit Knieproblemen, Arthrose, defekter Bandscheibe, bei Rückenscherzen oder für die wachsende Anzahl von Reha-Sportlern, die Lust daran haben, sich mit anderen aktiv an der frischen Luft zu bewegen. Der beste Beweis für diese These sitzt unmittelbar neben ihm. „Selbst mit meinen beiden künstlichen Kniegelenken kann ich noch bestens mithalten“, freut sich Panther Flöttmann als Alterspräsident der im Durchschnitt zwischen 53 und 60 Jahre alten Kicker. Mit sichtbarem Augenzwinkern fügt er als Scherz an: „Ab einem gewissen Alter ist die Bewegung nach vorne einfacher als zurück.“ Dennoch fließt auch beim Walking-Football der Schweiß in Strömen.

Selbstredend räumt das Spielertrainer-Team Elgner/Flöttmann ein, dauere es eine Weile, bis sich Neu- oder Wiedereinsteiger an die grundlegenden Unterschiede gewöhnt hätten. Mit der 1848 von Studenten der Universität Cambridge popularisierten und weit verbreitesten Sportart der Welt habe Walking-Football gemeinsam, „dass es um Abspielen, Räume suchen und Tore schießen geht.“ In einigen Punkten müssten die Aktiven ihre Spielweise radikal ändern. Panther Flöttmann: „Den Ball in den freien Raum zu spielen, bringt nichts. Den kann keiner ergehen.“ Auch den Ball am Gegner vorbeizuschießen, um anschließend mit vollem Tempo hinterher- zugehen, bringe meistens nichts. Dribblings hätten meist ebenso nicht den gewünschten Effekt. Panther Flöttmann: „Mit dem Ball am Fuß um einen Gegenspieler herumzugehen, ist viel schwieriger, als ihn zu umlaufen.“ Stattdessen müsse man die Lederkugel „dem Mitspieler präzise in den Fuß spielen.“ Naturgemäß seien dabei Spieler mit einer guten Technik im Vorteil, so Panther Flöttmann weiter. Da Schnelligkeitsvorteile beim Geh-Fußball entfallen, sei für ein erfolgreiches Spiel das A + O, „sich in den freien Raum zu bewegen.“

Selbstredend spielt auch die Taktik eine wichtige Rolle. „Man darf nicht mit allen Mann nach vorne stürmen, sonst wird man ausgekontert. Selbst wenn die Spieler 50 bis 60 Jahre alt sind, ist es ein schnelles Spiel. Man schafft es meist nicht mehr rechtzeitig zurück“, lautet eine Erfahrung aus der Anfangszeit, in der die Harsewinkler mangels Gegnern ein dreiviertel Jahr nur trainieren konnten. Mittlerweile gibt es mit drei Bielefelder Vereinen sowie den Steinhagenern immerhin regelmäßige Partner für Freundschaftsspiele. Zum erhofften, angestrebten eigenständigen Ligabetrieb mit regelmäßigen Spielen ist es jedoch noch ein langer und weiter Weg.

Aufgrund des demografischen Wandels mit der steigenden Anzahl von immer mehr älteren Fußballern rechnet Andreas Elgner indes über kurz oder lang mit einem Popularitätsanstieg beim Geh-Fußball: „Es wird sich eine Eigendynamik entwickeln. Daran werden wir uns anschließen. Dann muss auch der DFB endlich reagieren.“ Der Nachsatz zielt auf die Ausnahmestellung der in Deutschland noch jungen Sportart ab. Obwohl als Fußballverein unter dem Dach des ansonsten alles und jedes reglementierenden Deutschen Fußball Bundes, hat der DFB bislang kein in ganz Deutschland gültiges Geh-Fußball-Reglement auf den Weg gebracht. Andere Länder sind dort durch ihre längere Beschäftigung mit altersgerechtem Fußball-Sport einen buchstäblich großen Schritt weiter. Als bestes Beispiel nennen die beiden Geh-Fußball-Experten die Sanktionierung des Regelverstoßes „Laufen“. Laut Elgner/Flöttmann haben sich die Teams in Deutschland ohne offizielles Regelwerk unter der Hand auf „Freistoß für den Gegner“ geeinigt. In den bereits existierenden Ligabetrieben in Holland und Großbritannien wird beim ersten Vergehen ebenfalls auf Freistoß entschieden. Beim zweiten Mal folgt die Gelbe Karte, ehe nach der dritten Missachtung das Strafmaß folgerichtig „Spielausschluss“ lautet. Als Grundregel muss wie in der Sportart Gehen immer ein Fuß den Boden berühren. Fairerweise muss auch erwähnt werden, dass die Grenze zwischen schnellem Geh-Trab und langsamen Lauf oft nur marginal und fließend ist.

Wie man erfolgreich die Kugel zirkulieren lässt, haben die Harsewinkler trotz ihrer im Geh-Fußball noch jungen Historie erst vor wenigen Wochen auch gegen namhafte Konkurrenz unter Beweis gestellt. Bei einem „55 Plus“-Turnier in Enger setzten sich die Kicker aus der Mähdrescher-Stadt gegen 15 andere Walking-Football-Spezialisten durch. Dem viel beachteten 3:1-Sieg im Halbfinale gegen die Königsblauen vom FC Schalke 04 folgte als Krönung ein 3:1-Finalerfolg gegen Jesteburg. In der Vorrunde hatten die Harsewinkler mit ihrer primär nach vorne orientierten Spielweise gegen beide Clubs jeweils verloren. „Da hat man gesehen, wie wichtig eine stabile Defensive, Ballkontrolle und Passspiel in den Fuß beim Walking-Football sind. Denen haben wir es richtig gezeigt“, unterstreichen Andreas Elgner und Panther Flöttmann, dass Alter nicht vor Ehrgeiz schützt. Dies gilt auch für die Wettkampfsportart Walking Football. ˜

 

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