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Kochen lieber nach eigenem Rezept – denn dann wissen sie genau, was drin ist: Gütersloher FSuB-Mitglieder, Softwareentwickler Holger Rinne und Schulserver Administrator Bernd Zeitzen. Foto: Jens Dünhölter

Alles andere als Tütensuppe

Der gemeinnützige Verein Freie Software und Bildung, kurz FSuB genannt, wurde vor mehr als 25 Jahren gegründet und zählt derzeit 90 Mitglieder. Freie Software steht unter einer Lizenz, die ausdrücklich erlaubt, die Software zu
untersuchen, zu verändern, beliebig oft zu kopieren, weiter zu verteilen und für jeden Zweck anzuwenden. „Und gerade deshalb ist sie sehr für den Unterricht geeignet“, erklären die Gütersloher Mitglieder, Softwareentwickler
Holger Rinne und Schulserver Administrator Bernd Zeitzen, in einem Gespräch mit GT-INFO Redakteurin Birgit Compin.

Was hat Freie Software mit einer Tütensuppe zu tun? 

Holger Rinne: Angenommen, Sie wollen eine Tomatensuppe zubereiten. Dann gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder Sie kaufen eine Tütensuppe oder Sie bereiten sie nach einem Rezept vor. Bei dem Rezept wissen sie, was darin enthalten ist, bei der Tütensuppe wissen Sie es nie genau – und das ist zum Beispiel vergleichbar mit dem Windows-Betriebssystem. Es gibt zwar eine ausführliche Lizenzbestimmung, was mit einer Inhaltsangabe vergleichbar ist, aber Zusatzstoffe, die unterhalb bestimmter Grenzwerte liegen, müssen nicht angegeben werden. Wie bei der Tütensuppe wissen Sie also nicht, was das tatsächlich anrichten kann. Solange man also bei unfreier Software das Rezept nicht kennt, weiß man auch nicht, was mit den Zutaten, also unseren Daten, wirklich geschieht. 

 

Sie bereiten also ein für alle einsehbares Rezept zu?

Holger Rinne: Genau. Wenn Sie das in Form von Algorithmen zubereitete Rezept als Quellcode sehen können, verwenden Sie eine „Open Source Software“. Doch in unserem Sinne frei wird sie erst dann, wenn jeder sie verändern darf und damit das Rezept nach Belieben verbessern kann. Die Freie Software ist nicht lizenzfrei, sondern unterliegt einer Lizenz, die das Studieren, Verändern und beliebige Kopieren und Anwenden ausdrücklich erlaubt. 

Bernd Zeitzen: Und genau das macht sie interessant für den häuslichen Gebrauch genauso, wie für Betriebe, denn sie kann frei genutzt und kopiert werden, ohne gegen eine Lizenz zu verstoßen. Ganz wichtig wird sie im Schulunterricht, denn Digitales Lernen macht eigentlich nur Sinn mit Freier Software, weil Schüler so besser verstehen können, wie Algorithmen funktionieren. 

 

Warum nutzen wir dann nicht schon längst die Freie Software?

Holger Rinne: Das ist die Frage. Freie Software bedeutet ja, dass man die Kontrolle über seine eigenen Daten hat. Heute gibt es zwar eine Vielzahl an kostenlosen Angeboten, wie Handy-Apps, doch auch sie werden bezahlt, und zwar mit den eigenen Daten. Letztendlich ist es so: Würde der Gesetzgeber den Einsatz von freier Software in der Steuerung von Automotoren zum Grundsatz machen, gäbe es keinen Dieselskandal! 

 

Was sind die Schwerpunkte der Arbeit des Vereins in Gütersloh? 

Bernd Zeitzen: Wir wollen den Gedanken der Freien Software für die Bildung weiter verbreiten, so wie auf pädagogischen Konferenzen und bei internationalen Linux-Tagen. Wir möchten hier vor Ort einen Austausch von Lernsoftware und GNU/Linux Server Systeme für Schulen pflegen. 

Holger Rinne: In Gütersloh arbeiten wir gerade mit der AG Verkehrswende zusammen und erstellen Openstreetmap-Unfallkarten.
Wir sind dabei, ein Messdatennetz für Feinstaub, Feuchtigkeit und Temperatur zur freien Nutzung aufzubauen. Das geschieht in Kooperation mit dem Freifunknetz Gütersloh. Geplant ist auch eine Fortbildung für Musiker im Umgang mit Frescobaldi und Lilypond, einer der besten Notensatz-Software, die es weltweit in vielen Sprachen gibt. Hier wollen wir auch den Kontakt mit der Musikschule und dem Medienzentrum verbessern. 

 

Warum sollte man bei FSuB Mitglied werden? 

Bernd Zeitzen: Wir verbreiten Freude an freier Software und wir lernen voneinander. Software ist nie fertig, denn sie ist ein andauernder Lernprozess. Und da wir selbst die Software verändern und weitergeben dürfen, ermöglichen wir einen spannenden Austausch. Allein das Debian-Projekt stellt mehr als 15.000 Softwarepakete zur freien Verfügung, da reicht bereits heute die Lebenszeit nicht aus, sie alle auszuprobieren. 

Auch unser tägliches Leben wird immer mehr von Software beeinflusst. Sie bestimmt unser berufliches und privates Leben. Software
geht somit alle an. Im FSuB lernen Menschen den Umgang mit der Software, das Verständnis dafür und die Einschätzung ihrer Auswirkungen. Gleichzeitig ermöglicht Freie Software, die Hardware länger zu verwenden, denn man muss nicht wegen einer neuen Windows-Version gleich einen neuen Rechner kaufen. Das spart große Mengen an Ressourcen. So trägt Freie Software indirekt zu Klima- und Umweltschutz bei. 

Holger Rinne: Unsere Treffen sind öffentlich und auch Nichtmitglieder sind willkommen. 

 

Versteht sich Ihr Verein auch als Teil eines digitalen Netzwerkes in Gütersloh? 

Bernd Zeitzen: Wir wirken gerne an der Gestaltung eines Netzwerkes mit und unsere Forderung ist leicht formuliert: „Public Money – Public Code“, das bedeutet, die öffentliche Hand sollte Steuermittel nur für Freie Software ausgeben, wie es auch schon die EU vorschlägt und teilweise beschlossen hat. Nur damit können wir feststellen, was eine App oder ein Programm wirklich macht. Wir behalten die Kontrolle über unsere Daten – und nicht fremde Institutionen oder kommerzielle Konzerne. Wir sind überzeugt, dass freie Software die Grundlage für eine digitale Demokratie darstellt. 

 

Was versprechen Sie sich vom Digitalen Aufbruch in Gütersloh? 

Holger Rinne: Wir erwarten eine transparentere öffentliche Verwaltung, neue Initiativen von Citizen Science, bessere Kommunikation und eine positiv gestimmte Bürgerschaft, die aber auch den Tendenzen zur Überwachung klar Einhalt gebietet. Und wir erwarten, dass die geplante Ehrenamts-App als freie Software entwickelt wird. 

Bernd Zeitzen: Open Data bedeutet für uns, die Freigabe aller Informationen der Stadt unter einer freien Lizenz, sodass diese Daten von interessierten Bürgern genutzt werden können. Das könnten Informationen über Ampelschaltungen, Verkehrszählungen oder die Parkplatznutzung sein. Auch eine leistungsfähige Suchmaschine über Kommunale Dokumente oder Geoinformationsdaten und vieles mehr. Wie vielfältig das Thema für die Städte ist, zeigt auch die Internetseite www.opendata-showroom.org/de.

Holger Rinne: Der digitale Aufbruch sollte ein ernst gemeinter und ernst genommener Kanal in Politik und Verwaltung der Stadt sein. Und Fragen an die Stadt sollten schon gar nicht mit Gebührenpflicht abgeblockt werden. 

 

Bernd Zeitzen: Wir erwarten eine bessere Ausstattung der Bildungseinrichtungen. Hier besteht die Möglichkeit, durch Einsatz von Freier Software mehr Mittel zur Anschaffung von Hardware bereitstellen zu können. Es kann nicht sein, dass die Anschaffung von dringend benötigter Hardware zurückgestellt werden muss, weil Elternvertreter und Schulleitungen die Anschaffung proprietärer Software verlangen und durchsetzen. Dazu gehört aber auch, dass die Stadtverwaltungen beispielhaft vorangehen und den Einsatz freier Software propagieren. 

 

Was wünschen Sie sich von der Stadt und für die Gütersloher? 

Holger Rinne: Es gibt schon heute die Möglichkeit, per Email oder Kontakt-Formular digital mit der Stadt in Kontakt zu treten. Wir erwarten aber auch, im Anschluss über den Stand der Anfragen oder Anregungen informiert zu werden. Dazu gehört eigentlich als Erstes, dass man eine Mail als Eingangsbestätigung erhält. Alle Behördengänge sollten ebenfalls zusätzlich digital möglich sein. Und wir erhoffen uns viel Unterstützung der Stadt für Initiativen aus der Bürgerschaft.

 
 

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