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Die ersten Kartons sind bereits eingetroffen und werden in der Halle gestapelt. Foto: Jens Dünhölter

Schenken im Schuhkarton

Es ist eine besondere Geste, und das seit mittlerweile über 25 Jahren: die Gütersloher Weihnachtspäckchenaktion „Schenken im Schuhkarton“ für „Kinder in Not“. Auch in diesem Jahr organisiert Ulrich Franzke mit vielen Helfern und Unterstützern das Einsammeln und den Transport der Weihnachtsüberraschungen für Kinder in Rumänien und Ungarn. Bevor es in die heiße Phase geht, habe ich den Initiator bei den Vorbereitungen getroffen.

Die Halle liegt unweit von seinem Zuhause entfernt. Gerade bereitet Ulrich Franzke mit seinem Gabelstapler das Lager vor. Bis Anfang Dezember stapelt er hier wieder nahezu 3.500 Kartons, um sie anschließend an die hilfsbedürftigen Kinder zu verteilen. „Doch es waren schon mal 15.000 Kartons, die wir von hier aus auf den Weg gebracht haben“, sagt er, als er von dem Gefährt absteigt, um mir die Fläche zu zeigen. „Damals brachten wir sie nach Bosnien, denn dort herrschte Krieg“, berichtet Franzke von den Anfängen seiner Hilfsaktionen, die vom „Schenken im Schuhkarton“ noch meilenweit entfernt waren. „Alles begann 1991,“ erzählt der heute 74-Jährige, der in einem „früheren Leben“ mal Kraftfahrzeughandwerker war, bevor er Erzieher und Heilpädagoge wurde. 

Es begann mit dem Zerfall Jugoslawiens

Damals leitete er die Kindertageseinrichtung einer Kirchengemeinde in Neubeckum. Die Schwester einer Kollegin aus dem damaligen Jugoslawien kehrte gerade von einer Hilfsaktion aus dem kroatischen Kriegsgebiet zurück. „Was sie dann berichtete, hat mich so angerührt, dass ich auch dorthin wollte, um zu sehen, wie ich helfen kann.“ Und was er dann sah, erschütterte ihn zutiefst. Es war November, kalt und regnerisch; die Frauen lagen mit ihren Kindern unter Planen, mitten im Schlamm. Zurück im beschaulichen Gütersloh begann Franzke Kinderkleidung und Bettwäsche zu sammeln. Seine Anrufe in Kindergärten und Schulen stießen auf enorme Resonanz. Selbst die Kinder halfen mit, indem sie von ihrem Spielzeug etwas abgaben. Doch das war nur der Anfang, denn der Krieg war der erste und weitere sollten dort folgen. „Hunderte von Tonnen an Hilfsgütern kamen in den kommenden Jahren zusammen.“ Und die Nachricht der Aktion sprach sich rum. „Die Firma Lohmann Italienlogistik aus Batenhorst bot an, den Transport mit eigenen LKWs zu übernehmen. Eine Zusammenarbeit, die übrigens bis heute Bestand hat“, so Ulrich Franzke weiter.

 

Weihnachtspäckchen für Kinder im Krieg

Sie hatten bereits 20 Fahrten mit den großen 40-Tonnern hinter sich, doch ein Ende war nicht in Sicht. Der Zerfall Jugoslawiens war nicht mehr aufzuhalten und bald schon wurde auch Bosnien zum Kriegsschauplatz. In Deutschland reichten die Kontakte jetzt bis nach Frankfurt und die Organisatoren sammelten gerade Medikamente mit abgelaufenen Verfallsdaten, die aber noch in Ordnung waren. Mittlerweile kam mit dem Verler Unternehmer Arnold Deppe ein weiterer Unterstützer hinzu, der Franzke ebenfalls bis heute „die Stange“ hält. Er stellte einen 40-Tonner zur Verfügung, um die Hilfsgüter auf den Weg zu bringen. Und es war auch die Zeit der ersten Weihnachtspäckchen für Kinder in Kriegsgebieten. „Doch Weihnachten ist nur einmal im Jahr, die Not vor Ort jedoch erforderte fast täglich Hilfsmaßnahmen“, sagt Franzke. „Neben dem Transport von Lebensmitteln und Kleidung halfen wir jetzt auch beim Wiederaufbau zerstörter Gebäude und Regionen.“ Selbst Spenden, wie Türen und Zargen, wurden bald schon in die betroffenen Gebiete geliefert. 

 

Hilfe von Koschnick, Scharping und Co.

In Bosnien war jetzt auch die Stadt Mostar zum Kriegsschauplatz geworden und der muslimische Teil nur noch schwer zu erreichen. „Kinder, egal welcher Religion, können nichts für die kriegerischen Auseinandersetzungen um sie herum“, meinte Franzke und rief kurzerhand Hans Koschnick an, denn der ehemalige Bürgermeister von Bremen war gerade vor Ort. Er machte kurzen Prozess, setzte sich mit in einen der LKWs und so fuhr der Tross über die Brücken in den moslemischen Teil der Stadt, um die Päckchen zu verteilen. „Wann immer ich ihn später anrief, sagte er immer: ‚Herr Franzke, das bekommen wir schon hin.’ Er war es auch, der Papiere beschaffte und dafür sorgte, dass wir später in Sarajewo einreisen konnten.“ Zur gleichen Zeit war Rudolf Scharping Bundesverteidigungsminister. „Ich bat ihn zu helfen, um die Menschen in Bosnien-Herzigowina mit unseren Hilfspaketen zu erreichen.“ Und das tat er. „Wir fliegen das rüber“, reagierte er schnell. „So flog die deutsche Bundeswehr Pakete ins Kriegsgebiet – und Kleidung, Lebensmittel, Babynahrung, Medizin und sonstige Hilfsgüter kamen genau dort an, wo sie dringend gebraucht wurden.“

 

Jeder tat, was er konnte

Auch Ulrich Franzke war zu der Zeit mindestens einmal im Monat vor Ort, manchmal sogar mit Frau und Kindern. „Wir hatten einen Zehntonner bekommen, den ich selber fahren konnte.“ Doch oft musste die Familie ohne ihn auskommen. Dann unterstützten sie auch die Menschen in der heimischen Region. So wie die Nachbarin, die monatelang für die schulpflichtigen Kinder das Essen zubereitete, während seine Frau ganztags für den Familienunterhalt sorgen musste. „Sie haben alle sehr viel mitgemacht, in dieser Zeit. Dafür kann ich ihnen nicht genug danken“, sagt er rückblickend.

 

Die Not hört einfach nicht auf

Doch all das liegt mehr als 25 Jahre zurück. Und heute? „Die Not“, sagt Franzke, „gibt es in vielen Ländern.“ So fahren die Hilfstransporte immer noch, allerdings in andere Regionen. Ein gewisser Herr Gollnick war Regierungsbeamter in Süddeutschland. Als der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu erschossen wurde, baute Gollnick in dem Land eine Krankenpflegeschule auf. Heute führt seine Frau das Projekt weiter. Knapp 400 Kilometer entfernt hilft Frau Aniko seit Jahren im ungarischen Komló bedürftigen Menschen. In beiden Gebieten ist die Not groß. Und so fahren allein nach Rumänien 15 bis 20 LKWs pro Jahr. Was dorthin gelangt? Neben den üblichen Hilfsprogrammen sind es auch schon mal Spenden, wie alte Krankenhauseinrichtungen, die vor Ort dringend gebraucht werden. Genauso wie die in die Jahre gekommene Einrichtung der Hauptschule Nord, mit der in Rumänien eine komplette Schule ausgestattet wurde.“ 

 

Schenken mitten ins Herz

Heute fährt der 74-Jährige nur noch einmal jährlich in die betroffenen Regionen, doch er kümmert sich täglich von Gütersloh aus um Logistik und Projekte. So wie aktuell um das „Schenken im Schuhkarton“. Eine Aktion, die ihn bis heute erfüllt. Die von Kindern mit der Unterstützung der Eltern gepackten Kartons sind gefüllt mit Süßigkeiten wie Schokolade und Marzipan, Malstiften und weiteren Kleinigkeiten. Und sie treffen mitten ins Herz: „Ich habe erlebt, dass diese Kartons für jedes einzelne Kind wahre Schatzkisten sind und sie sich den Inhalt auf Monate hinaus einteilen.“ Dann nehmen sie ein kleines Stück Schokolade heraus, teilen es in vier gleiche Teile und lassen eins der Stückchen auf der Zunge zergehen. Die anderen werden für später aufbewahrt. „Manche Spender wollen statt Süßigkeiten lieber Obst in die Päckchen geben. Doch das geht leider nicht“, so Ulrich Franzke, „denn das würde ja möglicherweise verschimmelt ankommen.“

 

Orte voller Not und Armut

3000 bis 3500 Päckchen für Kinder in Not. Warum gerade in Ungarn und Rumänien? „Mit dem Ort Komló ging es bergab, als Ungarn der EU beitrat. Dort kümmert sich Frau Aniko um die Ärmsten und Bedürftigen. Sie ist eine kleine Person, die kaum hinter dem Lenkrad ihres Fahrzeugs hervorschauen kann und arbeitet bei der Caritas. So wie ihre 42-jährige Tochter, die einen Kindergarten leitet, den viele der dort ansässigen Sinti- und Roma besuchen. Und genau das sind Bevölkerungsgruppen, die in Ungarn unter Diskriminierungen zu leiden haben. Auch im rumänischen Temisoara gibt es viel Not und Elend. Die Stadt ist ein Umschlagplatz für Prostitution der ehemaligen GUS-Staaten. „Hier hat Frau Gollnick mittlerweile viele Projekte und Hilfsmaßnahmen initiiert“, sagt Franzke. „So wie vor einiger Zeit, als durch das Hochwasser die Lehmhäuser über den Köpfen der Bewohner einbrachen. Ach, es gibt tausende Kinder, denen man in beiden Regionen helfen kann.“ Sein Motto: „Wer Hunger hat, kann nicht arbeiten und Kinder können nicht lernen. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen satt werden und Kinder an der Bildung teilhaben, damit sie später etwas verändern können.“ 

 

Wenn Schatzkisten auf reisen gehen

Direkt nach den Sommerferien erhielten Schulen, Kindergärten, Unternehmen und Einrichtungen den jährlichen Brief von Ulrich Franzke mit der Bitte, an der Weihnachtspaketaktion teilzunehmen. Anfang Dezember werden die Päckchen eingesammelt, in LKWs verladen und auf die Reise geschickt, um Straßen- und Waisenkindern in Timisoara und Roma- und Sinti-Kinder in Komló dieses besondere Geschenk zu machen. Damit jedes Kind sein Päckchen erhalten kann, darf allerdings vor Ort ein Stückchen Bürokratie nicht fehlen: Dort erhalten Eltern für jedes ihrer Kinder einen Ausweis mit Namen und weiteren wichtigen Daten. Was auch immer sie später bekommen, wird hier vermerkt, um eine größtmögliche Verteilung zu gewährleisten. 

Und zu Weihnachten rollen wieder diese ganz besonderen Schatzkisten auf sie zu: „Wenn die Weihnachtspäckchen in den Orten ankommen, spricht sich das rum wie ein Lauffeuer. Dann kommen sie in Strömen und jedes der Kinder erhält sein persönliches Geschenk. Ein Päckchen, das einen weiten Weg zurückgelegt hat und dessen Inhalt sie sich auf der Zunge zergehen lassen werden. „Und dafür brauchen wir jetzt noch jede Menge Platz“, sagt Ulrich Franzke, als ich mich verabschiede und er wieder auf seinen Gabelstapler steigt.


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